Wir danken dem Nationaltheater Mannheim für die Kooperation, besonders natürlich den lesenden Schauspielern, Inka Neubert und Sandra Schüddekopf für die Einrichtung der Texte, der Autorin Maria Tryti Vennerød und der Übersetzerin Sabine Heymann für die Gespräche, den angereisten Komiteemitgliedern und Zuschauern für ihr Kommen und die lebhafte Diskussion, sowie den beteiligten Verlagen und Agenturen (Per H. Lauke Verlag, Nordiska Agentur, Agencja Dramatu) für ihr Entgegenkommen und Theater Heute für die unterstützende Werbung.
Wir freuen uns schon auf die nächste EURODRAM-Veranstaltung im Herbst in Wien am Theater Drachengasse.
STEFANO MASSINI wurde 1975 in Florenz / Italien geboren. Nach einem Studium der Altphilologie arbeitete er zunächst als Regie-Assistent bei Luca Ronconi am Piccolo Teatro in Mailand. Seit 2000 arbeitet Stefano Massini selbst als Regisseur, seit 2005 erregt er zudem als Dramatiker Aufmerksamkeit. Für seinen Text „L’odore assordante del bianco“ wurde er mit dem Premio Pier Vittorio Tondelli ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Dramatisches Schreiben in Italien. Im Jahr 2007 erhielt er den Premio Nazionale della Critica und 2013 den Premio Speciale Ubu. Massinis Texte werden in ganz Italien und im europäischen Ausland gespielt.
Das 2007 entstandene Stück „EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ beschäftigt sich mit der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, deren Ermordung vor ihrer eigenen Wohnung in Moskau im Jahre 2006 die Öffentlichkeit schockierte. Politkowskaja war eine investigative Reporterin, die sich u.a. mit Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Konflikt beschäftigte.
Massinis Text rekonstruiert weniger den genauen Ablauf ihrer Ermordung oder Details ihrer Biografie, er spiegelt vielmehr in Schlaglichtern die Gräuel und Ambivalenzen des kriegerischen Konflikts und die Rolle des Journalisten in einem solchen Kontext. Monologische, durchaus poetische Sequenzen wechseln sich mit Dialogen zwischen Reportern und Beteiligten und Betroffenen des Krieges ab. Vom Schicksal der russischen Journalistin ausgehend lädt Massini zu einer generellen Auseinandersetzung mit der Pressefreiheit und den Aufgaben des modernen Journalismus ein.
„EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ wurde seit der Entstehung des Textes nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich, Belgien, Luxemburg und Monaco gezeigt. Eine Spielfilmversion überzeugte bei den 66. Filmfestspielen in Venedig. Die deutschsprachige Erstaufführung ist für November 2015 am Oldenburgischen Staatstheater geplant.
EURODRAM zeigt bereits am 31. Mai 2015 einen Ausschnitt aus dem Text bei der EUODRAM-Präsentation am Nationaltheater Mannheim (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert).
STEFANO MASSINI hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe weiterer Stücke geschrieben, von denen nach der Uraufführung am Piccolo Teatro Mailand in letzter Zeit vor allem die „Lehman Trilogy“ großes Aufsehen erregte. Die deutschsprachige Erstaufführung dieses Textes („Lehman Brothers“) ist für Juni 2015 am Staatstheater Dresden geplant (Regie: Stefan Bachmann).
Sabine Heymann
INTERVIEW MIT SABINE HEYMANN, DER ÜBERSETZERIN DES TEXTES
Frau Heymann, Sie haben „Donna non rieducabile“ ins Deutsche übersetzt. Wie sind Sie auf den Text aufmerksam geworden?
SABINE HEYMANN: Schon vor einigen Jahren hat mich mein Freund Christoph Lepschy (Professor für Dramaturgie an der Universität Mozarteum) auf Stefano Massini aufmerksam gemacht. Massini hatte in Salzburg 2011 einen Workshop zum zeitgenössischen italienischen Theater abgehalten und gemeinsam mit den Studierenden seinen Text „Il crollo“ (Der Crash) behandelt, der wohl eine erste Version der späteren „Lehman Trilogy“ war. Seitdem habe ich seine Arbeit aus der Ferne verfolgt und mich gefreut, dass es endlich einmal einem zeitgenössischen italienischen Autor gelang, auf italienischen Bühnen gespielt zu werden und Erfolg zu haben – was immer noch ein sehr schwieriges Unterfangen ist. Im vergangenen September kam dann Per Lauke mit der Anfrage auf mich zu, ob ich „Donna non rieducabile“ für seinen Verlag übersetzen könnte. Von dem Text war ich auf Anhieb fasziniert. Wie Massini das Thema angegangen ist, wie er das Material montiert und bearbeitet hat, das ist einfach großartig. Es ist ein sehr guter, ein spannender politischer Text, ein hochdramatischer Monolog, der einem für vieles die Augen öffnet. Die menschliche Größe und das journalistische Kaliber von Anna Politowskaja, die ich bis dahin nur oberflächlich kannte und von der ich noch nie etwas gelesen hatte, lernte ich über den Umweg der Übersetzung kennen. Beim Übersetzen habe ich vor allem versucht, dieselbe Gratwanderung nachzuvollziehen, die auch Politowskaja in ihrer Arbeit ständig vollzogen hat: zwischen Empathie und kritischer Distanz.
Was ist für Sie das Besondere am Übersetzen dramatischer Texte? Gibt es dabei spezifische Herausforderungen?
SABINE HEYMANN: Jeder Text hat sehr spezifische Anforderungen an die Übersetzung. Jeder Text ist auf seine Weise schwierig. Jedesmal müssen neue, eigene Lösungen gefunden werden. Handwerklich ist das Vorgehen schnell beschrieben: Der erste Durchlauf ist die Rohübersetzung, die sich sehr genau am Original entlanghangelt. Die ist schnell gemacht. Dann gibt es einen Abgleich, der auf Vollständigkeit, Missverständnisse, Fehler achtet. Vom dritten Durchgang an wird das Original mehr oder weniger beiseitegelegt. Dann erst geht es im übersetzten Text an die inhaltliche Stringenz, den Schliff, die Beseitigung von „Stolpersteinen“ … in der letzten Phase lese ich den Text noch einmal laut, dann geht es nur noch um Sprechbarkeit.
Vielleicht können Sie uns abschließend noch kurz etwas über die aktuelle Theaterszene in Italien erzählen. Wie ist es um die Position der zeitgenössischen Dramatik bestellt? Kommen in den Spielplänen auch ausländische Texte in italienischer Übersetzung vor?
SABINE HEYMANN: Wie oben angedeutet, haben es italienische Autor/innen bis heute schwer, sich zu behaupten. Es werden viele Texte geschrieben, aber nur wenige aufgeführt. Das liegt am prekären Theatersystem in Italien. Wenn ein Text einmal gespielt worden ist (meist als Eigenproduktion), ist das meist das Ende vom Lied. Nachgespielt wird so gut wie nie. Es gibt aber immer wieder sehr gute Autor/innen zu entdecken: neben den in Deutschland bereits bekannten und gespielten Davide Carnevali, Fausto Paravidino, Letizia Russo, Edoardo Erba und neben Stefano Massini sind das u.a. Magda Barile, Patrizia Zappa Mulas, Marco Calvano. Um nur einige Namen zu nennen. – Leichter haben es dagegen ausländische (auch zeitgenössische) Texte in italienischer Übersetzung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Text und Interview-Fragen: Ulrike Syha
SABINE HEYMANN ist Geschäftsführerin des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Gießener Universität, Theaterkritikerin und Journalistin, Übersetzerin von Theatertexten, Belletristik und Sachbüchern aus dem Italienischen, Französischen und Englischen, Kennerin der Theaterszene in Italien und China. Sie hat bei zahlreichen internationalen Festivals und Projekten als künstlerische Beraterin und Dramaturgin mitgewirkt. Von 1981–1994 arbeitete sie als Kulturkorrespondentin für die Frankfurter Rundschau, den Hessischen Rundfunk, Theater heute, WDR, Deutschlandradio u.a. in Rom. Lehraufträge und Vorträge führten sie an die FU Berlin, die Universitäten Mainz und Frankfurt/Main sowie das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen. Seit 1994 arbeitete sie in der Kunst-und Ausstellungshalle in Bonn als Kuratorin für Rahmenprogramme zu den Ausstellungen. Seit 1996 war sie Persönliche Referentin des Präsidenten der Gießener Universität. Seit der Gründung 2001 ist sie Geschäftsführerin des ZMI.
DAS NORWEGISCHE STÜCK „DIE PRÜFUNG“.INTERVIEW MIT MARIA TRYTI VENNERØD, Autorin, UND NELLY WINTERHALDER, Übersetzerin.
Maria Tryti Vennerød
„DIE PRÜFUNG“ spielt in einem Klassenzimmer.Ein Schüler ist der Schule verwiesen worden, und in einer Schule in der Nachbarschaft findet möglicherweise gerade ein Amoklauf statt, möglicherweise verübt von diesem Schüler. Im Klassenzimmer selbst hingegen wird gerade die jährliche nationale Abschlußprüfung durchgeführt, die Anspannung zwischen den anwesenden Schülern und Lehrern ist groß.Maria, kannst du uns etwas über die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte dieses Textes in Norwegen erzählen?
Maria Tryti Vennerød: Der Text wurde für DUS 2011 („Den Unge Scenen“, zu deutsch etwa: Die Junge Bühne) geschrieben, ein Jugendtheaterfestival, für das mehrere Autoren je einen Theatertext schreiben, ähnlich wie „Connections“ in Großbritannien. Verschiedene Jugendtheatergruppen im ganzen Land konnten zwischen den sechs neugeschriebenen Texten wählen. Vierzehn Gruppen haben sich entschieden, jeweils ihre Version von ”Die Prüfung” zu zeigen. Ich wollte ein Thema finden, das für Erwachsene genauso Gültigkeit besitzt wie für Jugendliche. ”Die Prüfung” handelt von einer Gesellschaft, die durch Furcht in Auflösung gerät. Das Motiv ist eine Schulklasse in der Mittelstufe, die aus Angst vor einem Schulmassaker auseinanderbricht.
Der Text handelt davon, wie extreme Haltungen entstehen können und wie wir uns zu Abweichlern oder zu denen ”die wir nicht mögen oder verstehen” verhalten, wie wir sie abweisen. Der Text thematisiert auch das Aufbegehren gegen das kulturradikale Erbe der 68er-Generation, wo Antiautorität weitgehend alleinherrschend und selbst wiederum autoritär geworden ist. Vielleicht ist das besonders verbreitet in Skandinavien – dass junge Menschen eine Wut gegen die allgegenwärtige Freundlichkeit der Elterngeneration verspüren – nichts erzeugt große Konsequenzen und darum kann alles normlos und gleichgültig werden. Wenn nichts eine Rolle spielt, kann man sich auch selbst wertlos fühlen. Die Gefahr eines liberalen und antiautoritären Systems liegt darin, dass die Menschen anfangen, nach festen und überautoritären Haltepunkten zu suchen, aus einer Sehnsucht heraus, dass Dinge etwas bedeuten sollen. Auf diese Weise kann es zu idealen Bedingungen für Extremismus kommen. Darüber wollte ich schreiben, in einem Text, der auch für Jugendliche geeignet sein und viele Rollen haben sollte.
„DIE PRÜFUNG“ kommt mit wenigen Worten aus, der Text hat fast etwas Minimalistisches an sich. Dadurch bekommen ganz konkrete Vorgänge manchmal eine nahezu „mystische“ Dimension. Das hat mich persönlich beim Lesen des Textes sehr fasziniert. Man hat immer das Gefühl, unter dem Gesagten liegt noch etwas anderes, eine weitere Ebene, eine andere Geschichte, etwas, das es zu entdecken lohnt.Maria, ist dieser Schreibstil typisch für dich als Autorin oder hat er sich vielleicht aus dem Stoff heraus entwickelt? Oder siehst du dich da in einer norwegischen oder skandinavischen Tradition?
Maria Tryti Vennerød: Knappheit, kombiniert mit Zweideutigkeit ist wohl typisch für meine Theatertexte. Ich bewege mich außerdem gerne an der Schnittstelle zwischen dem Minimalistischem und dem Üppigen, ja Schwülstigen, Burlesken. Ich mag, wenn Texte von gepfefferten, minimalistischen Dialogen zu plötzlichen Ausbrüchen wechseln, mit einer gerne sehr farbenfrohen Sprache. Der Rhythmus und die Musik in der Sprache sind mir wichtig, weil der Rhythmus sich aus der Situation hier und jetzt ergibt und damit für den Untertext wichtig wird. Präzision kombiniert mit Zweideutigkeit, Poesie kombiniert mit dem Burlesken, und am liebsten Geschichten, die aus einer antifaschistischen Grundhaltung heraus erzählt werden – das sind wohl meine Ideale, und die Form trägt selbstverständlich dazu bei, den Grundton in jedem Stück zu erzeugen.
Es stimmt, viele norwegische Theaterautoren schreiben minimalistisch. Die beiden bekanntesten, Jon Fosse und Arne Lygre, schreiben knapper und kühler als ich es selbst tue. Auf die Frage nach meinen Vorbildern habe ich einmal geantwortet, dass das Jon Fosse, Harold Pinter und William Shakespeare sind – und das stimmt, in dem Sinne, dass alle drei Qualitäten besitzen, die mich auf verschiedene Weise inspirieren. Harold Pinter hat für mich dennoch am meisten bedeutet – aber das allerwichtigste ist ja, hinzuhören und seiner eigenen Stimme zu folgen.
Nelly, du hast „Die Prüfung“ ins Deutsche übersetzt und dabei eine sehr flüssige, plastische Sprache gefunden. Ich denke, man merkt, dass du selbst auch Autorin bist. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Maria gekommen? Was hat dich an dem Text begeistert?
Nelly Winterhalder: Maria hat die Premiere meines ersten norwegischen Theatertextes gesehen und mich gleich am nächsten Tag gefragt, ob ich ihre Texte ins Deutsche übersetzen würde. Ich war zunächst überrascht, ich hatte ja vorher nur meine eigenen Texte übersetzt, aber spätestens nachdem ich „Die Prüfung“ gelesen hatte, gab es eigentlich keinen Zweifel mehr. Wir arbeiten als Autorinnen recht ähnlich, mit großem Bewusstsein für Rhythmus und Sprache, für Zweideutigkeit, und in einer Knappheit, die auch Raum für spielerische Ausbrüche lässt. Kein Wort ist dem Zufall überlassen, jeder Rhythmus trägt dazu bei, den Untertext zu transportieren. Es ist eine große Verantwortung, dieses feine Gefüge zu übersetzen, und war für mich eine tolle Herausforderung.
Vielleicht könnt ihr uns abschließend noch kurz etwas über die zeitgenössische, norwegische Dramatik erzählen. Gibt es im Moment eine lebhafte Szene in Norwegen? Werden auch viele Stücke, die aus anderen Sprachen übersetzt wurden, gespielt? Und wenn ja, aus welchem Sprachraum kommen diese Stücke vor allem?
Maria Tryti Vennerød: Im Laufe der letzten 15 Jahre gab es viel Engagement und die norwegische Gegenwartsdramatik ist aufgeblüht. Es gibt mehr Theatertexte, die Texte haben sich geöffnet und von dem psychologisch-realistischen Erbe Ibsens entfernt. Arne Lygre und andere etablierte Dramatiker, wie ich selbst, schreiben Texte, die man dramatisch nennen kann, in denen sich die Handlung zwischen Figuren in einem Raum abspielt, während sich der Text gleichzeitig deutlich reflexiv zu sich selbst als Theatertext verhält. Andere Autoren haben sich in noch größerem Grad dem postdramatischen Theater verschrieben, sie schreiben für ein Theater ohne Figuren, in dem Illusionen gebrochen und sichtbar gemacht werden – oder es gibt gar überhaupt keine Illusion mehr. Daneben gibt es viele Theaterschaffende, die eigentlich Schauspieler oder Regisseure sind, die ihre eigenen Texte schreiben, oder die ihr Material durch Interviews oder auf andere Art sammeln. Ausländische Texte werden ständig gespielt, vor allem aus Europa. Es wird vor allem aus dem Englischen, dem Deutschen und den anderen skandinavischen Sprachen übersetzt. ”Zwanzigtausend Seiten” von Lukas Bärfuss wurde letztes Jahr auf Oslos grösster Bühne gespielt. Gerade kann man in Oslo u.a. Texte von Mark Haddon (englisch), Rikke Wölck (dänisch), Ivan Virypaev (russisch), David Hare (englisch) und Lars Norén (schwedisch) sehen.
Nelly Winterhalder: Ich lebe seit 9 Jahren in Norwegen, und in dieser Zeit hat sich tatsächlich viel bewegt, vor allem sehen wir eine größere Vielfalt an Texten, wie Maria schon sagte. Durch die Etablierung des ersten Studiengangs für Szenisches Schreiben in Norwegen 2013, durch die Eröffnung des Dramatikkens Hus/Norwegian Center For New Playwriting, durch die Arbeit vieler Dramaturgen, Regisseure und Theater ist der Fokus auf die norwegische Gegenwartsdramatik stärker geworden. Ich wünsche mir dennoch, dass wir noch mehr zeitgenössische Dramatik auch auf den großen Bühnen sehen, eine offenere, fachliche Debatte, mehr Mut zum Risiko von allen Seiten. Aber – wir sind auf einem guten Weg.
Vielen Dank für das Gespräch!Wir freuen uns auf die Lesung am Nationaltheater Mannheim am 31. Mai 2015, wo wir euch und den Text noch eingehender vorstellen werden (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert).
Die Fragen stellte ULRIKE SYHA.
Übersetzung der Antworten: NELLY WINTERHALDER.
Nelly Winterhalder
WEITERE INFORMATIONEN ZU WERK UND BIOGRAPHIE:
Maria Tryti Vennerød
Maria Tryti Vennerød, geboren 1978, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Theaterautorinnen Norwegens. Seit ihrem Debüt 2002 wurden ihre Stücke immer wieder an größeren Theatern des Landes gespielt. Ihre Texte wurden zudem in zehn Sprachen übersetzt und in Inszenierungen und szenischen Lesungen auch im Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich (Paris, „La Colline“), Ungarn (Budapest, „Nationaltheater“) und New York („Theatre for the new city“). Sie hat am F.I.N.D Festival der Schaubühne Berlin teilgenommen und eine Reihe von Preisen erhalten, unter anderem den „Ibsen Award“ und den Preis beim Wettbewerb zum „Centennial of the End of the Norwegian-Swedish Union“. Außerdem war sie für den „Hedda Award“ nominiert. Zurzeit arbeitet sie an einem Auftragstext für eine achtstündige Theaterperformance des „Det Norske Teatret“, Oslo, für das auch Lukas Bärfuss und Oleg Begajev einen Schreibauftrag erhalten haben.
Nelly Winterhalder, geboren 1979 in Löffingen (Baden-‐Württemberg), ist Dramatikerin, Schauspielerin und Übersetzerin. Sie studierte italienische Literaturwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaft in München und Genova (Abschluß: Magister Artium). Ihre Schauspielausbildung erhielt sie bei Artemis Theater in München. Seit 2006 lebt sie in Oslo und arbeitet mit Projekten v.a. in Norwegen und Deutschland. Zur Zeit ist sie Masterstudentin im Szenischen Schreiben an der Kunsthøgskolen in Oslo. Schauspielerin und Regisseurin u.a. am Grusomhetens Teater Oslo, Dansens Hus Oslo und am E-‐Werk Freiburg. Übersetzung einer Reihe von Theaterstücken aus dem Norwegischen ins Deutsche. Ihre eigenen Stücke wurden bislang in Norwegen, der Schweiz, Italien und Nicaragua aufgeführt.
Verlagskontakt: Nordiska ApS International Performing Rights Agency
Der Koffer wurde für das zweite Programm des Polnischen Rundfunks (Dwojka) geschrieben.
Auf dem Theater war bisher eine polnische Inszenierung von Jan Klata zu sehen. Die deutschsprachige Erstaufführung der Übersetzung von Andreas Volk steht noch aus.
Małgorzata Sikorska-Miszczuk
Das Stück erzählt die Geschichte des Franzosen Fransoua, der im Museum für Vernichtung einen Koffer mit dem Namen seines Vaters Pantofelnik und damit das Geheimnis seiner Herkunft entdeckt. Ein Erzähler führt uns in eine surreale und wendungsreiche Geschichte ein: Fransoua fühlt sich vage unwohl und wird von seiner Frau ins Museum geschickt. Eine Anrufbeantworterstimme wird zur zweiten Erzählerfigur Jaklin. Eine Museumsführerin im Museum für Vernichtung will kündigen, weil sie das unveränderliche Elend der Exponate nicht länger erträgt.
Nachdem Fransoua über einen Koffer im Museum seinem wahren Namen und seiner Identität auf die Spur gekommen ist, nimmt er in einer überraschenden Kadenz am Ende der Geschichte Kontakt mit diesem Koffer auf und vermag mit seinem von den Nazis vergasten Vater zu sprechen.
Dem Stück gelingt es, auf scheinbar geradezu unpolitische Weise die Verbrechen der NS-Zeit außen vor zu lassen und ausschließlich deren persönliche Auswirkung in der Gegenwart zu betrachten. Daher kommt die so schlafwandlerisch leichte Vorlage am Ende doch zu einer Katharsis mit großer emotionaler Tiefe. Indem sie die zweite Generation der Holocaust-Opfer zum Thema macht und die Hauptfigur wie auch das Publikum praktisch unbewusst an die tiefe Ursache ihrer Leiden heranführt, schafft Sikorska-Miszczuk einen wie zufälligen Bogen in den großen Zusammenhang. Nicht ganz ohne Einfluss bei der Wirkung ist sicher auch der für das Theater sehr fantasievolle Einsatz von im Radio schon ungewöhnlichen Wendungen, indem sich eine Erzählerfigur in die Stimme des Anrufbeantworters verliebt und kurzerhand durch die Leitung zu ihr kommt, so dass sie beide gemeinsam weiter durch das Stück führen. Die Autorin hat sich für das Stück von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen.
Den Aspekt des Hörspiels haben Teile des Komitees kritisch betrachtet und als mögliches Hindernis für die Bühne, während die gewählten Mittel und Wendungen insgesamt als ungemein inspirierender Gewinn für eine Inszenierung gewertet wurden. Besonders wurde der imaginative Humor sowie eine tiefe Weisheit und Zärtlichkeit des Stücks vom Komitee geschätzt und hat dem Stück schließlich in die Endauswahl verholfen.
DieAutorin
Małgorzata Sikorska-Miszczuk, *1964, arbeitet nach ihrem Studium an der Universität Warschau und der Film- und Theaterakademie Łódź als Dramatikerin und schreibt zu dem regelmäßig Drehbücher.
Ihre Stücke – wie „Tod des Eichhörnchenmenschen“ (Kaiser Verlag Wien), „Catherine De Medici“, „Der Bürgermeister“, „Eiserner Vorhang“ oder „Bruno Schulz: Der Messias“ – wurden vielfach international ausgezeichnet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und von renommierten Regisseuren zur Uraufführung gebracht.
In Warschau betreibt sie eine private Schule für Dramatiker_innen.
Beim Malta-Festival 2015 in Poznań ist die Vorpremiere der Oper DER ZAUBERBERG nach Thomas Manns Roman (Musik: Paweł Mykietyn, Regie: Andrzej Chyra) zu sehen, zu der sie das Libretto schreibt. Sie wird vertreten von der Agencja Dramatu
Weitere Theaterstücke (Auswahl): „Człowiek z Polski w czekoladzie“; „Zaginiona Czechosłowacja“; „Żelazna kurtyna“; „Psychoterapia dla psów i kobiet“; „Spalenizna/Rozkład“; „Śmierć człowieka wiewiórki“ (Tod des Eichhörnchenmenschen); „Burmistrz“ (Der Bürgermeister); „Mesjasz“ (Bruno Schulz: Der Messias)
Andreas Volk
Andreas Volk, *1971, ist Übersetzer zeitgenössischer polnischer Literatur, u. a. von mehr als zwanzig Theaterstücken. Er war Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Literatur polska2000 in Krakau, Stipendiat der Villa Decius, sowie 2009-2011 Koordinator des Projekts „Translation Studies“ am Collegium Polonicum in Slubice. Er ist Redakteur der in Krakau erscheinenden deutsch-polnisch-ukrainischen Literaturzeitschrift „radar“ und Mitbegründer des deutsch-polnischen Übersetzungsjahrbuchs „OderÜbersetzen“. 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks ausgezeichnet. Auf der Internetseite des Goethe-Instituts findet sich ein Interview.
Übersetzungen / Theaterstücke (Auswahl): Artur Pałyga, DER LETZTE VATER SEINER ART, (Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, Wiesbaden, Juni 2010); Małgorzata Sikorska-Miszczuk, DAS ENDE DER WELT, (Theater Magdeburg, Premiere 16.4.2010); Krzysztof Warlikowski (A)POLLONIA (Wiener Festwochen, Juni 2009; Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Juni 2010); Magda Fertacz, TRASH STORY (Maxim Gorki Theater, Berlin, Szenische Lesung, März 2009)
Übersetzungen von Prosa und Lyrik in den Zeitschriften „die horen“, „Lichtungen“, „OderÜbersetzen“ und „radar“ (u. a. Mariusz Sieniewicz, Inga Iwasiów, Eustachy Rylski, Włodzimierz Kowalewski, Krzysztof Varga, Konrad Wojtyła, Marta Syrwid)
TEXT: HENNING BOCHERT
NACHTRAG: „Der Koffer“ wird übrigens gerade vom polnischen Fernsehtheater (Studio Teatralne Dwójki) umgesetzt. Hier ein Videotrailer: