Alle Fotos dieser Seite, wenn nicht anders erwähnt, © Wolfgang Barth, 25.05.2024, Graz
„Wer sich bei einsam an Gleisen stehenden Trainspottern fragt, was das wohl für Menschen sein mögen, findet in Malin eine mögliche Antwort, nur dass sie keine Züge filmt, sondern Ruinen. Verfall zieht Malin magisch an. Und vom Verfall aus träumt sie sich ins Neue, schwelgt im Universum ihrer Fantasie. Denn da lässt es sich aushalten. Und wer weiß, vielleicht ist es ja möglich, eines Tages Teil dieser Fantasie zu werden […]“
Caren Jeß, AVE JOOST, Portraits / Malin
Bei der Vorstellung der Stücke der Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM am 25.05.2024 beim DramatikerInnenfestival in Graz wurden wir Teil dieser Fantasie. Als Ort gibt es keinen besseren als die Rösselmühle:
Auch Clemens Nestroy nimmt in der offiziellen Beschreibung des „Walks“ Bezug auf den „Lost Place“:
14:00 – 15:20 | Rösselmühle
DRAMA WALK 2 | Auflösung
mit Texten von Florian Maier, Caren Jeß, Fayer Koch, Rike Reiniger, Mathias Müller
In diesem Walk geht es um Auflösung der sozialen und ökologischen Umwelten und um Auflösung der eigenen Identität. Es geht um die Frage, der damit verbundenen Beschädigungen, der damit verbundenen Ängste und Leiden, aber vielleicht auch um die Frage, ob es noch möglich ist damit konstruktiv umzugehen. Stattfinden wird der Walk in einem Gelände, das zu Recht als Lost Place bezeichnet werden kann: einer ehemalige Getreidemühle, die seit vielen Jahren verfällt und nun von jungen Künstler:innen wieder zum Leben erweckt wird. Der Ort spiegelt wider, was in den Texten behandelt wird: Die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit, eine ehemalige Ordnung, die längst vergangen scheint, Verstörung und Zerstörung, die willkürlich herbeigeführt wurde. Dennoch finden sich hier und dort Spuren von Verwandlung und von großer Schönheit.
(c) Clemens Nestroy
Vorstellung der Auswahl

Caren Jess, Autorin (Mitte), Rike Reiniger, Autorin, Wolfgang Barth, EURODRAM, Graz, 25.05.2024; Fayer Koch konnte nicht anwesend sein. Foto © unbekannte(r) Besucher(in)

Tagesprogramm der "Walks", © DramatikerInnenfestival Graz.
die stücke
Rike Reiniger, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms
Theaterstückverlag im Drei Masken Verlag, München 2023
„FAKT: Josephine Baker tanzt nackt im Nelson-Theater am Kurfürstendamm. Walter Rathenau wird ermordet. Oskar Schlemmer inszeniert das Triadische Ballett. In Woltersdorf dreht Joe May Das indische Grabmal. Die Inflation eskaliert. Lotte Reinigers Scheintoter Chinese wird in einem Nachtprogramm des Berliner Kinos Alhambra uraufgeführt. Es handelt sich um den ersten Trickfilm mit einem queeren Kuss als Happy End.“
Rike Reiniger, 24 FRAMES/SEC, Abschnitt „Viel los in Berlin“.
Einrichtung: Ira Süssenbach
mit: Vera Hagemann und Julia Novohradsky
Kostüm: Yulia Makarenko


In den Dialogen und im darstellenden Bezug aufeinander konnten in kurzer Zeit Vera Hagemann (Lotte Reiniger) und Julia Novohradsky (Sekretärin) wichtige Aspekte des Stückes zeigen.

In einem Gespräch nimmt Rike Reiniger Stellung zu ihrer Arbeit und dem Stück und zu ihren Erfahrungen mit EURODRAM.
Caren Jeß, Ave Joost
S. Fischer Theater und Medien, Frankfurt am Main 2023
UA 14.03.2024, Staatstheater Nürnberg
„Einige Fliesen waren gesprungen. Früher muss es ein glatter, steriler Boden gewesen sein, schmucklos funktionell, von spröden Fugen strukturiert. Als die Molkerei noch in Betrieb war, wurde hier Milch zu Käse verarbeitet, zu Butter und Quark. Das konnte man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Lattich und anderes Kraut wuchsen durch die Bruchstücke der Fliesen, wodurch sich kleine Häufchen aus Schutt, Erde und Gewächs gebildet hatten. Eine kleine Landschaft, die nicht mehr von dem erzählte, was hier mal war. Eine neue Geschichte würde sich in diesen Raum schreiben.“
Caren Jeß, AVE JOOST, Szene 0
Einrichtung: Sandra Schüddekopf
mit: Ylva Maj Rohsmann und Felix Rank
Kostüm: Yulia Makarenko

In einem Gespräch nimmt Caren Jeß Stellung zu ihrer Arbeit und zum Stück AVE JOOST.
Fayer Koch, Anorexia Feelgood Songs
Rowohlt Theaterverlag, Leipzig / Hamburg 2021
UA 18.09.2021 Theater Magdeburg
„EINE GRUPPE TEENAGER AM STRAND. […] SIE LÄCHELN, SIE SEHEN ZUFRIEDEN AUS. OBWOHL SIE LÄCHELN UND ZUFRIEDEN AUSSEHEN WEISS MAN SOFORT, ES GEHT IHNEN NICHT GUT. MAN WEISS: ES SIND DIE TRAURIGSTEN TEENAGER DER WELT. ETWAS AN IHREM BLICK VERRÄT SIE, ODER VIELLEICHT IST ES AUCH IHRE ART SICH ZU BEWEGEN, DER EIFER, MIT DEM SIE VERSUCHEN, IM TANZEN SO WENIG KONTAKT WIE MÖGLICH MIT DEM BODEN ZU HABEN. UND WENN JETZT DAS BILD EIN WENIG ZUR SEITE SCHWENKT, SIEHT MAN, DASS UM DIE JUGENDLICHEN EINE GRUPPE ERWACHSENER STEHT, DIE FRAGEN STELLEN: WIE IST DAS PASSIERT? WANN WIRD ES AUFHÖREN? WIE FÜHLT ES SICH AN, DIE TRAURIGSTEN TEENAGER DER WELT ZU SEIN? WIR WISSEN ES NICHT, SAGEN DIE TEENAGER. HOFFENTLICH NIE, SAGEN DIE TEENAGER. TOLL, SAGEN DIE TEENAGER. ES FÜHLT SICH TOLL AN. ABSOLUT SPITZE. […]“
Fayer Koch, Anorexia Feelgood Songs, Abschnitt „Der Werbefilm für Magersucht“
Einrichtung: Bianca Thomas
Mit: Lenya Grampß, Nils Hausotte, Bianca Thomas

Die völlig unterschiedlichen Sichtweisen von Betroffenen und Umgebung wurde in der Inszenierung deutlich durch den Abstand zwischen Lenya Grampß (verschiedene Rollen) und Nils Hausotte (Du) einerseits und dem Publikum andererseits. Die Darstellenden spielten in deutlicher Höhe über den Zuschauer*innen, die zu ihnen aufsehen mussten.
Fayer Koch konnte bei der Vorstellung der Auswahl 2024 nicht anwesend sein. In einem späteren Gespräch mit Lorena Pircher, EURODRAM, nimmt er Stellung zu seiner Arbeit und dem Stück.
Das Publikumsgespräch
Das Publikum:

Ludwig Bader (Autor), Anna Schlote (Dramaturgin), Anton Fischer (Autor)
Das Podium:

Caren Jess (Autorin), Rike Reiniger (Autorin), Wolfgang Barth (EURODRAM).
Das vorteilhafte 1:1 Zahlenverhältnis zwischen Podium und Publikum fällt auf. So konnte sich ein besonders intensives und durchweg lustiges Gespräch zum Thema „Die Stücke, der Ort, die Fiktion, die Realität und wir“ ergeben. Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns alle, und dieses Mal mit Fayer Koch, im Theaterhaus G7 in Mannheim beim Festival STÜCK FÜR STÜCK vom 15. bis 17. November 2024 zur zweiten Lesung der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees wiedersehen.
nicht im Elfenbeinturm
Es war nicht zu übersehen, dass das DramatikerInnenfestival in Graz nicht im luftleeren Raum stattfand:


Denn der „Lost Place“, an dem das alles stattfand, befindet sich in Österreich:

Dank
Das deutschsprachige Komitee EURODRAM bedankt sich herzlich beim DramatikerInnenfestival 2024 und Edith Draxl für die großzügige Einladung. Unser besonderer Dank gilt den Darsteller*innen, Regisseur*innen und allen an der Vorstellung der Stücke und der Organisation Beteiligten.

Gestaltung dieser Seite:
Wolfgang Barth, deutschsprachiges Komitee EURODRAM, Graz, Rösselmühle, 25.05.2024; https://eurodram.de/;
https://vieuxloup.de/

















