Nico Boon über sein Stück „Tritt auf/Geht ab“ (Komt op/Gaat af)

Foto © Alexia Leysen
Nico Boon, Antwerpen, Autor des Stückes "Tritt auf/Geht ab" (Komt op/Gaat af), aus dem Niederländischen übersetzt von Christine Bais, Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram, schreibt über sein Stück (Text übersetzt von Christine Bais):

In Tritt auf/Geht ab nehme ich die Lebensläufe einer Reihe historischer und zeitgenössischer Personen zum Ausgangspunkt für eine Untersuchung von Bildformung und der Rolle des Zufalls.  

Verschiedene Lebensgeschichten werden verknüpft: die der amerikanischen Fotografin Margaret Bourke-White, des argentinischen Freiheitskämpfers Che Guevara, eines Amsterdamer Buchhändlers, meiner Großmutter, meines Vaters und meiner Mutter, meines Nachbarn sowie meine eigene.

Alle Geschichten sind thematisch miteinander verbunden. Es geht immer um Fotografie, um Vergänglichkeit, um Krankheit und Medizin, um (mangelnde) Kontrolle und um die Rolle des Zufalls. Vor allem aber geht es auch darum, wie man ein Leben nacherzählt, um das „framen“ einer Geschichte, um das Lenken des Blicks, das Weglassen dessen, was nicht ins Bild passt, und um das subtile Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Fiktion.

Die Erzählweise ist hierbei divers und abwechslungsreich: teils emotional, teils distanziert und fast journalistisch, teils humoristisch, teils in Gestalt einer Liste. Diese Formenvielfalt ist mir wichtig, da dieser offene, mäandernde Erzählstil viel Raum für die Fantasie des Publikums lässt.

Ich bin davon überzeugt, dass die Reichweite von Tritt auf/Geht ab nicht auf den niederländischen Sprachraum beschränkt ist. Einerseits, weil der Text einige internationale Lebensgeschichten enthält, die sich in Antwerpen, München, New York, Südkorea, Lateinamerika, Brüssel und Amsterdam abspielen, was dem Text internationales Fluidum verleiht, und andererseits – und das ist noch entscheidender – weil die Themen universell sind und daher auch ein anderssprachiges Publikum erreichen können.

So nimmt Tritt auf/Geht ab die Rolle des Zufalls in einem Menschenleben unter die Lupe. Haben wir den Verlauf unseres Lebens eigentlich unter Kontrolle? Wir leben in einer Zeit, in der der Fokus auf das Individuum gerichtet ist, auf Autonomie, persönlichen Erfolg und Eigenständigkeit. Aber wenn uns diese seltsamen Corona-Zeiten eines lehren, dann wohl, dass diese Illusion der Autonomie nur teilweise standhält. Andere, unkontrollierbare und unvorhersehbare Kräfte haben einen viel größeren Einfluss auf unser Leben, als wir denken.

Unsere Leben sind dabei durch unzählige Verbindungen mit dem Leben anderer und mit dem der Welt verknüpft. Diese Thematik macht Tritt auf/Geht ab zu einem Text, der gerade in den kommenden Jahren sehr relevant sein könnte. 

Darüber hinaus geht es in Tritt auf/Geht ab auch um Fotografie und Bildformung. Dieser Konflikt zwischen Wahrheit und Bild, der als subtile Dramaturgie zwischen den Zeilen schlummert, ist ein Thema, das im heutigen gesellschaftlichen Diskurs von großer Bedeutung ist. Wir leben in Zeiten postfaktischer Politik und einer breiten, digitalen Streuung von Bildern: das richtige „Framing“ scheint für viele ausschlaggebend, von Lobbyisten über Politiker bis hin zu Influencern und Werbeagenturen.

In Tritt auf/Geht ab beschreibe ich das Leben der verschiedenen Protagonisten anhand von Fotos, die einen entscheidenden Moment in ihrem Leben fixieren. Ich versuche, die Geschichte hinter den Bildern zu erzählen, probiere herauszufinden, was ein Foto nicht erfassen kann, was aus dem Bild wegretuschiert oder gephotoshoppt wurde.

Damit geht es in Tritt auf/Geht ab auch um die subtile Manipulation, die dem Erzählen einer Geschichte innewohnt. Bei jeder Geschichte muss ein Erzähler Entscheidungen treffen: Was lasse ich weg? Worauf gehe ich ein? Was verschweige ich, um den Effekt zu vergrößern?

Kann Tritt auf/Geht ab nur von mir selbst gespielt werden? Nein, sicher nicht. Die Übersetzung wurde aus der Überzeugung heraus angefertigt, dass dieser Text sich hervorragend eignet für neue Inszenierungen, die ihm eine ganz eigene künstlerische Richtung geben dürfen und können. Auch wenn einige Anekdoten meiner eigenen Erinnerung entsprossen sind, ist der Erzähler doch auch nur eine der Figuren. Seine Erinnerungen an die Schauspielschule, an die Krankheit seiner Eltern, an den Nachbarn und  an die Vergangenheit seiner Großmutter können sehr gut auch von einem anderen Schauspieler oder einer Schauspielerin gespielt werden. Ich habe Tritt auf/Geht ab als Monolog inszeniert, aber es könnte auch durchaus interessant sein, das Stück mit verschiedenen Erzähler*innen zu spielen.

Wie zu Beginn des Stückes angegeben, besteht es aus mehreren Teilen, die in beliebiger Reihenfolge aufgeführt werden können. Verschiedene Anordnungen können jeweils unterschiedliche Aufführungen ergeben, die andere inhaltliche Akzente setzen oder andere gestalterische Konsequenzen haben.   

“All we have is our history, and it does not belong to us.” (José Ortega y Gasset)

Nico Boon (*Antwerpen, 1978) ist ein flämischer Dramatiker und Theatermacher. 2006 schloss er sein Regiestudium am RITCS (Royal Institute for Theatre, Cinema and Sound) in Brüssel mit einem Master ab. In den letzten Jahren war er in verschiedenen Theatergenres tätig. Er schrieb und inszenierte große Produktionen mit vielen Schauspieler*innen und entwarf kleine, radikale Location-Projekte. Darüber hinaus unterrichtet er an der LUCA School of Arts in Löwen. Sein Theatertext Tritt auf/Geht ab war 2019 nominiert für den Taalunie Toneelschrijfprijs, den wichtigsten Theatertextpreis des niederländischen Sprachraums, und wurde von Christine Bais ins Deutsche und von Paul Evans ins Englische übersetzt.
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