Interview mit Maria Wojtyszko über ihr Stück Fremdsprache

© Foto: Jakub Krofta
Das Interview führte Wolfgang Barth, Übersetzung Deutsch/Polnisch Andreas Volk

Liebe Maria,

Ein Motto für FREMDSPRACHE ist ein Zitat von J. M. Pliszewska: „Die Wirklichkeit hat im Übrigen nie jemanden interessiert …“ In Reaktion auf den Rezensenten von „PHANTASMEN DES POLITISCHEN“ sagt ICH: „Keine Ahnung, wer Pliszewska ist.“ Können Sie uns weiterhelfen?

Ich bin froh, dass Sie danach fragen. Meistens bleiben meine Textspielereien unbemerkt. Pliszewska gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. Das Stück handelt davon, wie wir uns im Postfaktischen verlieren, ich habe mich deshalb bemüht, Realität und Fiktion so gründlich wie möglich zu durchmischen. Ich wollte zeigen, dass die Situation, in der wir nicht mehr in der Lage sind, zwischen Fakten und Narrationen zu unterscheiden, verführerisch, zugleich aber auch verhängnisvoll ist. Wir sind von Fake News umgeben, in ständiger Angst, dass wir, selbst wenn es eine Wahrheit gibt, keine Mittel finden, zu ihr vorzudringen. Es ist wie in einer toxischen Beziehung, in der keine festen Regeln gelten. Etwas, was noch vor ein paar Jahren eine Verschwörungstheorie zu sein schien, ist heute eine Tatsache, während sich Fakten von gestern als unsinnig herausstellen, und so weiter. Ich glaube, die Menschheit hat in ihrer Geschichte noch nie eine derartige emotionale Destabilisierung erlebt. Unsere Wirklichkeit ist wie ein Kabinett mit verzerrenden Spiegeln; das Zitieren nicht existierender Personen ist meine Art, dieser Absurdität Ausdruck zu verleihen.

Der Drehbuch-Workshop „Turning Point“ spielt eine Rolle bei der Strukturierung Ihres Stückes und ermöglicht viele Aussagen. Haben Sie selbst einmal an einem Workshop von Philip LaZebnik teilgenommen oder Ähnliches erlebt?

Philip LaZebnik ist eine echte Person. Er war mein Drehbuchbetreuer bei einem der vielen Workshops, an denen ich teilgenommen habe. In meinem Stück symbolisiert er eine Welt, in der es klare Regeln gibt, wie man vorzugehen hat. Er ist die Figur des guten Vaters. Ich habe Philip in einer für mich sehr schwierigen Zeit kennen gelernt, und es beruhigte mich damals ungemein, über die Struktur meines Drehbuchs zu sprechen. Ich mag Kochrezepte, Beipackzettel, Bedienungsanleitungen und Schreibmethoden. Sie wiegen mich in dem irrigen Glauben, dass die Welt nicht chaotisch ist. Und Philip LaZebnik ist zudem einer meiner Lieblingsmenschen auf der Welt. Ich glaube, er verdient es, in Stücken vorzukommen, denn er ist nett, witzig und empathisch, und er hat mir damals mit dem Drehbuch wirklich geholfen.

Gibt es Tereszczyńska und den rosa Fiat Cinquecento?

Frau Tereszczyńska existiert wirklich, aber sie ist jemand anderes als im Stück. Sie hat es sich mit mir verscherzt, weil sie meinen Sohn schlecht behandelt hat, und da ich nicht besonders gut darin bin, mich im normalen Leben gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, habe ich meinen Frust im Stück an ihr abgelassen. Manchmal braucht man beim Schreiben einen Vornamen oder einen Nachnamen für eine unsympathische Figur, und ich glaube, jede Schriftstellerin/jeder Schriftsteller hat einen Fundus an Namen, aus dem sie/er sich bedient.

In der Personenliste des Stückes stehen 19 Rollen, es gibt 36 Szenen, die Bühne muss als räumlich und zeitlich offener Ort aufgefasst werden. Für die Regie ist dies sicher eine Herausforderung. Gibt es hierzu schon Erfahrungen? Haben Sie selbst Vorstellungen oder Vorschläge?

Jeder meiner Texte enthält eine starke räumliche Vision, da ich in der Regel für eine bestimmte Bühne schreibe. Im Normalfall kenne ich die Besetzung, bevor ich mich an den Computer setze, und später betrachte ich es als meine Pflicht, an den Proben teilzunehmen. Mein Schreiben ist organisch mit einem konkreten Theater verbunden. FREMDSPRACHE habe ich für das Prager Theater X10 geschrieben, für eine Bühne, die früher ein Kinosaal in einem Kulturhaus gewesen ist. Im Grunde ein Ort der Off-Kultur, an dem es keine Garderoben oder andere Annehmlichkeiten gibt, die an großen Theatern eine Selbstverständlichkeit sind. Wir haben sofort die Entscheidung getroffen, dass die Schauspieler sich auf der Bühne umziehen werden. Regie führte Jakub Krofta, mit dem ich oft zusammenarbeite. Unser gemeinsamer Weg besteht darin, dass wir auf alles Unnötige verzichten, weil wir fest davon überzeugt sind, dass die Kraft des Theaters in seiner Einfachheit liegt. Es genügt, dass jemand auf eine leere Bühne hinaustritt und sagt „Ich bin ein Gorilla“, und schon ist er dieser Gorilla, mehr braucht es nicht. FREMDSPRACHE haben wir in Prag mit sechs Schauspielern aufgeführt, die sämtliche Rollen gespielt haben. Das geht.

Jacek Wakar und Thomas Irmer verweisen in der Einführung zu Polen ist ein Mythos [Polska jest mitem] auf die Bedeutung des Stückes Die Kartothek von Tadeusz Różewicz für FREMDSPRACHE. Würden Sie dem zustimmen?

Fast jedes polnische zeitgenössische Stück wird mit Różewiczs Kartothek verglichen. Oft machen wir uns unter Kollegen und Kolleginnen darüber lustig. Aber es stimmt natürlich, dass der Erfolg der Kartothek Texten, die keine klassische Dramenstruktur aufweisen, die nicht auf einer spannenden Handlung, sondern auf Introspektion gründen, den Weg geebnet hat. Obwohl ich, wenn ich selbst meine Inspirationsquellen benennen sollte, weniger auf Różewicz und vielmehr auf verschiedene Arten von Stand-up-Comedy oder auch auf das Improvisationstheater verweisen würde.

Sie greifen in Ihrem Stück auf Henrik Ibsen zurück, zum Beispiel beim Vergleich des Menschen mit einer Zwiebel. Welche Bedeutung hat für Sie Peer Gynt in Bezug auf FREMDSPRACHE?

Peer Gynt ist ein wunderschöner Text, eben gerade, weil er vieles im Unklaren lässt und von einer schriftstellerischen Verantwortungslosigkeit zeugt, die zur Folge hat, dass viele Erzählstränge einfach abbrechen, nicht recht zusammenpassen. Doch innerhalb des Dramas gibt es dieses verzweifelte Rufen, diesen Wunsch, verstanden werden zu wollen, diese Suche nach einem Kontakt zu den Mitmenschen. Peer ist damit beschäftigt, weitere Schichten seiner selbst zu entdecken, wie beim Schälen einer Zwiebel, und gelangt letztendlich zu dem Schluss, dass sich auch unter allen weiteren Schalen nichts verbirgt. Ich denke da anders. Im Innern gibt es immer den oder die anderen Menschen. Wir sind keine Monaden. Wir existieren nur in einem Netz von Beziehungen, unsere Identität besteht aus einem Beziehungsgeflecht. Ich war Dramaturgin bei einer Peer-Gynt-Inszenierung am Słowacki-Theater in Krakau. Die Schlussszene dieser Aufführung sah genauso aus, wie ich sie im Stück beschrieben habe. Der Schauspieler, der die Hauptrolle gespielt hat, stand auf der riesigen, leeren Bühne und rief: „Ist da jemand?“, und langsam verlosch das Licht. Alles, was ich am Theater mache, lässt sich mit diesem einen Bild beschreiben. Ich stehe da und rufe zu den Leuten auf der anderen Seite der Rampe, bevor das Licht ausgeht.

Ihre Protagonistin ICH sagt: „Das ist schließlich kein Thema für das zeitgenössische Theater, dass jemand eine Trennung durchlebt. Ein Theaterstück sollte von Politik handeln.“ Warum spielt dieses Thema dennoch eine wesentliche Rolle? Welchen Platz weisen Sie FREMDSPRACHE in der aktuellen polnischen Theaterlandschaft zu? Wie wirkt sich die aktuelle politische Situation auf das Theater aus?

FREMDSPRACHE wurde noch nicht in Polen aufgeführt, was mich nicht einmal überrascht. Es ist ein schwieriges Stück, man weiß nicht, was in ihm „wirklich“ und was nur „scheinbar“ existiert. Mache ich mich über politisches Engagement lustig? Appelliere ich tatsächlich an die Gefühle von Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński? Außerdem hatten Themen wie gebrochene Herzen bis vor kurzem im Theater keine Konjunktur und tauchten nur im kommerziellen Boulevardtheater auf. Im Mainstream-Theater zählten nur die Großen Narrationen: Politik, Kirche, eventuell Feminismus und Reprivatisierung. Aber seit einigen Jahren lässt sich eine Rückbesinnung auf intimere Themen beobachten, es gibt Schauspiele über den Verlust des Kindes, über die Mutter des Regisseurs, die Krebserkrankung der Regisseurin. Die aktuelle polnische Politik begann als eine Performance, alles in den Schatten zu stellen, was man im Theater machen kann. Man kann sie nicht einmal parodieren, weil sie eine Parodie ihrer selbst ist. Das Ergebnis ist, dass die Theatermacher darauf verzichten, diese Absurdität auf die Bühne zu bringen – unser Alltag ist bereits voll davon. Und was das Organisatorische des Theatermachens betrifft kann man nur von Glück sagen, dass die Mehrheit der Theater den kommunalen Selbstverwaltungen untersteht, und diese sind noch nicht vollständig unter der Kontrolle der Regierungspartei, wenngleich sich auch das langsam ändert.

Ich danke Ihnen für das Interview.

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Porträts  Text über "Maria Wojtysko,Fremdsprache"(Wolfgang Barth)

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