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Caren Jess, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Caren Jess am 25.05.2024 um 12:30 Uhr beim DramatikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Caren Jess, Wolfgang Barth
Wolfgang Barth: Liebe Caren, ich freue mich, dass ich dir Fragen stellen darf und wir ein Gespräch führen können.
Caren Jeß: Ich freue mich auch sehr.
WB: Sag einmal, was bringt dich dazu, Theaterstücke zu schreiben? Dafür muss es doch eine Lust geben. Oder bekommst du Aufträge und arbeitest sie ab? Was ist dein Antrieb? Wo kommt deine Kraft her?
CJ: Ich arbeite nicht einfach Auftragswerke ab. An dramatischer Sprache interessiert mich einmal, dass sie laut ist. Dass ich Text schreibe, der einen Körper bekommt und der gesprochen und gespielt wird, der also nicht in Köpfen und still bleibt. Weiter fasziniert mich an Dramatik und Theater, dass wir Texte schreiben, die immer noch mal eine weitere künstlerische Übersetzung erfahren, also so, wie sie da stehen, so wie sie geschrieben wurden, noch nicht fertig sind.
Theaterarbeit ist keine Einzeltäterschaft.
WB: Du kennst diesen Satz: „Ohne die Realität funktioniert die Fiktion nicht.“ Er ist in „Die Katze Eleonore“ einer der Szenentitel. Wenn nun in AVE JOOST Marcus, Bastl und Joost sich in der alten Molkerei zum Schießen treffen, dann erlebt man sehr ungewöhnliche Typen, so als wäre man dabei. Woher weißt du, wie solche Typen sind und wie sie miteinander reden?
CJ: Da sind jetzt, glaube ich, verschiedene Antworten nützlich. Zuerst einmal: Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen und alle sind Bauarbeiter. Alle haben jeweils andere Lebensalltage, die sich wirklich sehr von meinem unterscheiden. Das schätze ich sehr, weil meine Familie mich immer wieder aus dieser einen Blase herausreißt, in der ich mich befinde, und ich merke, dass Bildungshintergründe oder soziale Bedingungen andere Leben prägen. Das finde ich bereichernd.
Joost, Markus und Bastl sind nicht die größten Sympathieträger. Nicht unbedingt. Vielleicht besonders Markus und Bastl nicht. Aber ich begegne auch diesen Figuren mit einer gewissen liebevollen Neugierde.
WB: Wenn ich da noch einmal nachhake: Was interessiert dich mehr? Woran hast du mehr Freude oder was ist dir wichtiger: Details der Dialoge und der Beschreibungen in ihrer sprachlichen Ausgestaltung, zum Beispiel bei den Vergleichen oder Metaphern? Oder legst du mehr Wert auf die Aussage, die sich aus der Gesamtkonstruktion ergibt? Gibt es die überhaupt oder liegt der Wert in den Einzelszenen und dem, was dort jeweils geschieht?
CJ: Beides. Ich habe großen Spaß daran, Dialoge zu schreiben oder auch Monologe oder figurenlose performative Texte mit dem Gedanken daran, wie diese Sprache mündlich gut funktionieren kann. Und ich höre gerne zu. Schreiben sättigt sich für mich, indem ich Leuten zuhöre und darauf achte, wie sich Idiome und Codes unterscheiden, zwischen denen wir switchen, wenn wir miteinander reden. Das interessiert mich sehr.
in Ave Joost gibt es aber tatsächlich auch eine Gesamtkonstruktion. Der Ort spielt eine wesentliche Rolle, dieser „Lost Place“ und gleichzeitig „Safe Space“, der fast schon eine Art Nichtort ist, damit aber auch die größte Einladung zur Fantasie. Gleichzeitig ein großer Schutzraum für Einsamkeit. Für mich sind Joost und Malin Figuren, die sich einerseits überhaupt nicht ähnlich sind, sich aber andererseits in diesem verbindenden Gefühl von Einsamkeit begegnen.
Dieses Moment der Verlassenheit ist für mich ein großes Stichwort bei Ave Joost, ein wesentliches Motiv.
WB: Welches ist deine Lieblingsszene?
CJ: Ad Hoc, ohne darüber nachzudenken, würde ich sagen: die Flechtszene, die Szene, in der Malin Joost einen Zopf flicht. Das ist für mich deswegen spannend, weil es einerseits ungeheuer zärtlich ist, was da passiert, dass Marlin sich einfach durchsetzt und diesem zotteligen alten Verlierertypen die Haare flicht. Und andererseits liegt darin auch etwas Heikles, weil Joost Anfang 40 ist, Malin 14, und die beiden begegnen sich körperlich da sehr nah. Und dann flicht Malin auch noch – es ist zwar nicht ihr Text, aber für mich kommt er ein bisschen aus ihrem Herzen oder aus ihrem Gepräge – dann flicht sie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in die Haare von Joost hinein und fragt gleichzeitig nach Trost. Es geht nicht nur um die Figur Malin, sondern um diesen Akt des Haareflechtens. „Trost“ ist für mich das große Komplementärstück zur „Verlassenheit“, das zweite wichtige Stichwort.
WB: Für mich ist die Flechtszene die zweite Lieblingsszene. Die erste ist die, in der Joost in die Erzählung von Amalie und Amalia einsteigt, in der die beiden plötzlich gemeinsam die Geschichte weiterentwickeln. Amelie gräbt sich mit dem goldenen Löffel aus ihrer Kindheit durch die Erde, weil sie durch einen Tunnel aus der Molkerei in die bessere Welt fliehen und Amalia wiederfinden will, die schon dort ist, und sie weiß nicht, wohin mit der ganzen weggeschaufelten Erde. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als diese Erde zu essen, und daraus entsteht etwas Neues. Das hat mich unglaublich beeindruckt.
Es stellte sich sofort die Assoziation ein: „Staub soll er fressen, und mit Lust, wie meine Mume, die berühmte Schlange“. Das ist Faust, Prolog im Himmel, und das verweist auf die Bibel. Der Mensch muss graben und graben, und dann muss er das alles auch noch schlucken. Malin mag „Goethe-Deutsch“. Hast du das bewusst so angelegt?
CJ: Überhaupt nicht. Finde ich aber total toll, dass du das festgestellt hast, weil für mich das Religiöse in Ave Joost eine große Rolle spielt. Nicht weil wir da gläubige Figuren im Sinne des Christentums hätten. Es gibt aber christliche Motive, die in mein Stück montiert sind und dort wilde Blüten treiben, nicht unbedingt im Sinne der Bibel. Malin eignet sich zum Beispiel dieses Glaube-Liebe-Hoffnung-Ding sehr an.
WB: Das scheint mir das Interessante beim Schreiben: Es geschehen Dinge und es zeigen sich plötzlich Bezüge, die einen umhauen. Die Fiktion erklärt die Realität.
CJ: Diese Szene bedeutet mir auch viel. Für mich war das eines der Überraschungsmomente beim Schreiben. Ich liebe das sehr, wenn sich Schreiben so ein bisschen meiner Intentionslinie entzieht, also Schreiben so ein bisschen sein eigenes Ding macht und ich das eigentlich gar nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe, wer was sagt und denkt und mitteilt. Für mich ist das Joosts Emanzipationsszene. Plötzlich hat dieser Mann total geile Ideen darüber, was da alles in der Erde im Körper der Zwillingsschwester gedeiht und wie sie sich dadurch befreit.
Das war für mich auch absolut berührend. Gleichzeitig liegt auch etwas Tragisches darin, denn es dräut schon ein bisschen der Abgesang auf die Beziehung der beiden, das Ende der gemeinsamen Fantasie.
WB: Das ist ein Stichpunkt. Ich wollte noch ergänzen, dass es auch etwas aussagt, an welcher Stelle Joost am Ende Amelie aus dem Tunnel in die Freiheit auftauchen lässt, nämlich an dem Baum, an dem er sich eigentlich mit Benzin übergießen und verbrennen wollte. Aber dann ist ja plötzlich ganz abrupt Schluss, die Polizei räumt das ganze Ding ab. Man hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Du sagst jetzt, die Beziehung zwischen Malin und Joost ist zu Ende?
CJ: Nein, das sage ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich will das auch nicht wissen. Also das ist für mich ein ganz bewusst gesetzter, offener Schluss. Zum einen hat das etwas mit dem Thema „Vorurteile“ zu tun. Wenn man auf diese vier Figuren schaut, was interpretiert man da so hinein? Was denkt man über sie? Wen hält man für schuldig oder wen findet man verdächtig? Wo sind die eigenen Werturteile schneller als das, was wir tatsächlich da erleben und mitbekommen?
Zum anderen ist für mich der Schluss, der Schuss, der am Ende fällt, überhaupt nicht aufzulösen. Ich könnte nicht sagen und will eben, wie gesagt, auch nicht sagen, wer da erschossen wird. Wird überhaupt jemand erschossen? Vielleicht trifft dieser Schuss etwas ganz anderes? Für mich ging es darum, noch einmal darauf abzuheben, dass sich die, sagen wir mal „Dorfgemeinschaft“ um diese Molkerei herum, sowieso das Maul zerreißen wird. Darüber, was da passiert sein mag, dass das doch nicht in Ordnung ist, wenn da so ein Joost mit so einer Malin…
Und, und, und… All diese Meinungen erzählen am Ende wieder einzelne, eigene Geschichten. Das ist für mich eine nicht enden wollende Fortsetzung von Fiktion oder Fiktionalisierung, von Tatsächlichkeiten. Und ja, das liegt für mich ein bisschen in diesem Schluss.
WB: Zum Schluss noch eine ganz andere Frage. Nicole Desjardins und ich werden Ave Joost ins Französische übersetzen. Hast du einen Tipp, wie wir mit den schwäbischen Einschüben umgehen sollen?
CJ: Ich würde da eine Art Äquivalent suchen. Also vielleicht etwas landschaftlich oder dialektales Französisches. Muss aber auch nicht sein. Für mich ist auch nicht wichtig im Deutschen, dass das Schwäbisch ist. In der Nürnberger Inszenierung war es zum Beispiel Oberpfälzisch. Mir ging es nur darum, dass Marcus und Bastl noch mal ihren eigenen, quasi familiären Code haben, in dem sie sich austauschen und gegen Joost abgrenzen können. Das muss nicht typischerweise schwäbisch sein.
WB: Vielen Dank für das Gespräch, auch insbesondere für den letzten Tipp. Ich hab da schon eine Idee. Kann ich dir gleich noch erzählen. Dankeschön.
CJ: Ja, danke auch.
