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Rike Reiniger, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Rike Reiniger am 25.05.2024 um 13 Uhr beim Drama¬tikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutsch¬spra-chigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Rike Reiniger, Wolfgang Barth
Wolfgang Barth: Liebe Rike, danke, dass ich dieses Gespräch mit dir führen darf.
Rike Reiniger: Sehr gerne.
WB: Wir sind ja alte Bekannte, du und EURODRAM schon länger und jetzt auch ich über EURODRAM seit der Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees mit deinem Stück RISSE IN DEN WÖRTERN. Heute soll es um dein Stück der Auswahl 2024 gehen, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms.
Wie bist du mit Lotte Reiniger verwandt?
RR: Gar nicht, sondern ich habe meinen Nachnamen zur Hochzeit bekommen von meinem Mann. Sein Großvater war ein entfernter Cousin von Lotte.
WB: Was war für dich das Hauptinteresse an diesem Stück? Warum hast du es geschrieben?
RR: Lotte ist eine faszinierende Persönlichkeit, die ich überhaupt nicht zu greifen bekommen habe vorher. Sie verfolgt einfach ihre Kunst so ganz extrem eigensinnig und ohne beeinflusst zu werden von Dingen wie Ruhm oder dem, was gerade angesagt ist. Das fand ich spannend. Diesen Fokus. Sie sagt: Mich interessiert Trickfilm und mich interessiert nicht nur Trickfilm allgemein, sondern mich interessiert Trickfilm mit Silhouetten. Das hat Lotte durchgezogen über 60 Jahre, das finde ich faszinierend, darauf wollte ich den Blick richten.
WB: Das Stück könnte man ansehen als ein eher historisch orientiertes Theaterfeature. Wie siehst du es? Liegt der Wert in der unglaublichen Menge von Informationen über sehr zahlreiche Personen der Zeitgeschichte? Oder gibt es, damit verknüpft, in der Hauptsache eine universelle Aussage?
RR: Ja, auf jeden Fall, sonst wäre das, glaube ich, uninteressant. Also ich hoffe, dass das Stück interessant ist. Die vielen Personen dienen in gewissem Sinne als „Abstandgeber“. Wenn da, zum Beispiel, Brecht vorkommt und andererseits Lotte, dann wird sehr deutlich, was die beiden unterscheidet, dass Lotte eben einfach ihr Ding durchzieht und das auch sehr alleine, dass sie kaum auf öffentliche Aufmerksamkeit bedacht ist. Und wenn ich Brecht dazu montiere, dann sagt es was über die Person. Durch den Unterschied.
Und so verhält es sich mit den anderen Figuren auch, sie haben alle unterschiedliche künstlerische Entwürfe.
WB: Die „Autorin“ im Stück selbst will nicht, dass die Bekanntschaft Lottes mit Brecht Teil des Stückes wird. Du als Autorin hast ja die „Autorin“ des Stückes geschaffen. Warum wolltet ihr nicht, dass Brecht da reinkommt und wieso ist er dann schließlich doch drin?
RR: Mir ist aufgefallen, dass oft, wenn über Lotte gesprochen wird, zur Sprache kommt, dass sie eine Freundin von Brecht war. Das finde ich sehr ungerecht, denn das macht nur einen winzigen Teil ihrer Identität aus. Sie war sehr, sehr vieles andere. Vor allen Dingen war sie eine selbstbewusste, eigenständige Künstlerin.
Ich musste also Brecht erwähnen um zu kritisieren, dass er im Zusammenhang mit Lotte ständig erwähnt wird. Die berühmte Person Brecht wird praktisch zum Bewertungsmaßstab für die etwas weniger berühmte Person, auf die mehr Licht fällt, weil sie mit einem berühmten Mann befreundet war. Das kritisiere ich.
WB: Und das Theater gibt dir dazu gute Tricks an die Hand. Du hast drei Personen geschaffen, die „Autorin“, das „Zitat“ und den „Fakt“. Eine Person, die „Autorin“, verbietet explizit, Brecht zu erwähnen, und begründet dies auch in deinem Sinne, und die beiden anderen, „Zitat“ und „Fakt“ machen es dann einfach trotzdem.
RR: Ähnlich ging es mir mit dem Mäzen, Ludwig Hagen, einem berühmten Bankier, der gleichzeitig noch viel mehr war und der es Lotte ermöglicht hat, ihren Film zu drehen. Er war reich, sah gut aus und war Familienvater. Wenn aber von ihm die Rede ist, wird immer seine Identität als jüdischer Bankier hervorgehoben. Auch hier würde ich ein Fragezeichen setzen.
WB: Das hast du im Text ja auch getan.
RR: Ja. Ich erwähne das und stelle gleichzeitig in Frage, ob es erwähnt werden muss.
WB: Liebe Rike, du bist ja quasi ein Beispiel dafür, was in der Folge geschehen kann, wenn man bei EURODRAM Stücke einreicht. Könntest du das kurz beschreiben, auch mit Blick auf Ereignisse zwischen den Auswahlen?
RR: Ja. Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit EURODRAM 2014/15 durch die Übersetzung meines Stückes „Zigeuner Boxer“ durch Gülen İpek Abalı ins Türkische, die beim türkischsprachigen Komitee eingereicht und dort in die Auswahl 2015 gewählt wurde. Das Stück wurde dann in der Türkei mehrfach inszeniert.
Das zweite Mal war, als das Stück „Risse in den Wörtern“, das schon eine Uraufführung erlebt hatte, in die Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees gewählt und am Theaterhaus G7 in Mannheim vorgestellt wurde. In der Folge gab es dann in Mannheim eine Neuinszenierung. Das Stück wurde durch Nicole Desjardins ins Französische übersetzt und dann beim französischsprachigen Komitee eingereicht.
Bei der Vorstellung in Mannheim sprach mich Raffaela Bardutzky an, die mit „Fischer Fritz“ ebenfalls in die Auswahl gekommen war, und fragte mich, ob ich beim Programm „Tour des textes“ mitmachen wollte. Dies war dann tatsächlich der Anstoß, das Stück über Lotte Reiniger zu schreiben. Dabei hat mich übrigens auch die ungarische Petöfi Stiftung mit einem Stipendium in Pécs unterstützt. „24 frames/sec“ kam dann in die EURODRAM Auswahl 2024 und wurde jetzt hier in Graz vorgestellt. Das finde ich großartig.
WB: Ja, und seit unserem Gespräch gestern verfolgen wir ja die Idee, dass es vielleicht ins Tschechische übersetzt wird – immerhin stammt Lotte Reinigers Familie aus Marienbad und sie bekam dort als Kind wichtige künstlerische Anregungen.
Möchtest du zum Abschluss des Gesprächs noch etwas hinzufügen?
RR: Ich bin absoluter Fan eines solchen länderübergreifenden Netzwerkes besonders deshalb, weil es mir gefällt, mit all diesen verrückten Sprachen umzugehen. Gestern erzähltest du, dass es bei EURODRAM unter anderen ein isländisches, ein georgisches und ein estnisches Komitee gibt. Oft frustriert mich das Globish English im internationalen Kontext. Deshalb finde ich es toll, wenn Stücke in ihren Originalsprachen eingereicht werden und dann vielleicht die Reise durch die anderen Netzwerksprachen antreten.
WB: Vielen Dank für dieses Gespräch.
