Dank der Förderung durch den Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) über das Programm Neustart Kultur konnten wir den Übersetzer*innen der Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram Christine Bais, Ciprian Mariniscu, Andreas Volk und Frank Weigand Übersetzerstipendien für weitere Übersetzungen von Stücken aus der Ursprungssprache der Auswahlstücke vermitteln. Es liegt vor:
Andreas Volk, Übersetzung aus dem Polnischen: Ishbel Szatrawska, Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod [Totentanz. Czarna noc, czarna śmierć]
Die Autorin (Text: Andreas Volk, von der Autorin autorisiertes Biogramm)
Ishbel Szatrawska, geboren 1981 in Olsztyn, lebt in Krakau. Dramatikerin, Theaterwissenschaftlerin. Absolventin der Theaterwissenschaft der Jagiellonen-Universität in Krakau (UJ), ferner studierte sie Filmwissenschaft und Amerikanistik an der UJ und an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Im Dezember 2019 debütierte sie mit dem Drama Objects in Mirror Are Closer Than They Appear in der E-Anthologie „Nasz głos“, die vom Stary Teatr in Krakau herausgegeben wurde. Weitere Dramen veröffentlichte sie in der Monatszeitschrift „Dialog“: Jagd [Polowanie] (Nr. 4/2020), Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod [Totentanz. Czarna noc, czarna śmierć] (Nr. 2/2021).
2020 erhielt sie das Künstlerstipendium der Stadt Krakau, in dessen Rahmen das Drama Katerina fehlt [Kateriny brak] entstand.
Preisträgerin des Stipendienwettbewerbs DRAMATOPISANIE (2. Ausgabe; 2021), das vom Zbigniew-Raszewski-Theaterinstitut organisiert wurde. Im Rahmen des Stipendienprogramms entstand das Drama Freischaffender Scharfschütze [Wolny strzelec] über den Krieg im Irak und den Sturz Saddam Husseins 2003.
2021 schrieb sie das Stück Leben und Tod des Hersh Libkin aus Sacramento, Kalifornien [Żywot i śmierć pana Hersha Libkina z Sacramento w stanie Kalifornia]. Das Drama erschien im April 2022 im Verlag Cyranka in Buchform und wurde 2022 von Eurodram – European network for drama in translation in die „Polnische Auswahl“ aufgenommen.
Das Drama Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod erreichte das Finale des renommierten Dramatikerpreises der Stadt Gdynia und fand sich auf der Shortlist des Berliner Stückemarktes.
Autorin und Übersetzer stellen die folgenden Textauszüge vor:
Dank der Förderung durch den Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) über das Programm Neustart Kultur konnten wir den Übersetzer*innen der Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram Christine Bais, Ciprian Mariniscu, Andreas Volk und Frank Weigand Übersetzerstipendien für weitere Übersetzungen von Stücken aus der Ursprungssprache der Auswahlstücke vermitteln. Es liegt vor:
Christine Bais, Übersetzung aus dem Niederländischen: Abke Haring, PLATIN/ UNISONO [PLATINA / UNISONO]
Bei Interesse am Gesamttext bitte Mail an Christine Bais: c.bais [a] xs4all.nl
Die Autorin Abke Haring
Abke Haring (De Bilt, 1978) ist Schauspielerin, Regisseurin und Theaterautorin. Sie studierte Schauspiel am Herman Teirlinck Institut in Antwerpen und war von 2004 bis 2018 engagiert am Toneelhuis Antwerpen, wo sie auch zahlreiche eigene Stücke schrieb und spielte, darunter Unisono und Platin. Platin wurde als eine der besten Aufführungen der Saison zum niederländisch-belgischen Theaterfestival 2018 eingeladen. Haring übernimmt regelmäßig Rollen in Film und Fernsehen und war und ist als Schauspielerin auch in zahlreichen Theaterproduktionen anderer Regisseur:innen und Autor:innen zu sehen. Für ihre Rolle des Hamlet in Hamlet vs. Hamlet bei Toneelgroep Amsterdam/ITA wurde sie 2014 mit dem Theo d’Or ausgezeichnet, dem wichtigsten Schauspielpreis der Niederlande für eine weibliche Hauptrolle. Sie lebt in Amsterdam.
Christine Bais (Düsseldorf, 1972) studierte von 1992 bis 1998 Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Literaturwissenschaft und Linguistik an der Freien Universität Berlin. Neben ihrem Studium arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Amsterdam, seit 2009 ist sie freiberufliche Übersetzerin.
Kontakt: c.bais [a] xs4all.nl
Info über die beiden Stücke
PLATIN / UNISONO
Stille ist ein Klang. – Abke Haring
Die Texte UNISONO (2015) und PLATIN (2018) von Abke Haring sind unabhängig voneinander entstanden, können aber auch als Diptychon gelesen werden. Sie beschreiben zwei der intensivsten menschlichen Erfahrungen, die schwer in Worte zu fassen sind – finaler Abschied und Einsamkeit. Abke Harings Texte sind minimalistisch. Hinter den kargen Zeilen verbirgt sich eine Tiefe, die schmerzhaft ist, aber diese Tiefe ist auch der Raum, in dem man die Verbindung zum Anderen herstellen kann.
Abke Haring erzeugt in ihren Stücken mit wenigen Worten eine hohe Konzentration und Intensität. Scheinbare Oberflächlichkeit wechselt sich ab mit plötzlichen, existenziellen Hilferufen, ihre Figuren manövrieren zwischen Beherrschung und Kontrollverlust, zwischen Einsicht und Zweifel, zwischen Tatendrang und Ohnmacht. Dabei zieht Haring viele Register. Ihre Sprache ist abstrahiert, lyrisch, facettenreich und geprägt von einer starken Musikalität.
In PLATIN sehen wir zwei Menschen, die voneinander Abschied nehmen müssen, da einer der beiden bald stirbt. Das Stück besteht aus Variationen verzweifelter Versuche, sich auf die je eigene Weise mitzuteilen, sich zu verbinden, ein wertvolles Gespräch zu führen, bevor es zu spät ist – oder diesem Gespräch auszuweichen. Wie gehen wir mit dem Unaussprechlichen um, und wie mit dem Ungesagten? Muss man immer alles in Worte fassen? Wie können wir uns mitteilen und verbinden, wie den Anderen verstehen? Und wie gehen wir damit um, wenn der Tod uns trennt?
Der Monolog UNISONO ist eine Choreografie von Gedanken und minimalen Handlungen in einem intimen, stillen Raum. Der unablässige Gedanken- und Wörterstrom scheint zunächst sprunghaft, ist aber auch ordnend und kontemplativ, mit wiederkehrenden Elementen. Profanes wechselt sich ab mit großen Gefühlen und Einsichten, Reflektionen mit Spielereien und Assoziationen. Wie viele Gespräche finden in unseren Köpfen statt? Wann endet dieser Strom von Wörtern und Gedanken? Wann vereinen sich alle Stimmen? Wann kommt die Stille? Wo finden wir Halt und Frieden?
Am 20.05.2022 wurde Andreas Volk, Übersetzer aus dem Polnischen ins Deutsche und Mitglied des deutschsprachigen Komitees Eurodram, und Elżbieta Kalinowska, Übersetzerin aus dem Deutschen ins Polnische, in der Evangelischen Stadtkirche Darmstadt der Karl-Dedecius-Preis für deutsche und polnische Übersetzerinnen und Übersetzer verliehen.
Die Preisträgerin Elżbieta Kalinowskaund der PreisträgerAndreas Volk
Kurzbiografien der Übersetzerin und des Übersetzers:
Elżbieta Kalinowska ist Übersetzerin, Redakteurin und Kulturmanagerin. Sie war stellv. Direktorin des Polnischen Buchinstituts, seit 2016 arbeitet sie als Herausgeberin für Non-Fiction in der Verlagsgruppe Foksal. Seit mehr als 20 Jahren übersetzt sie deutschsprachige Literatur für führende polnische Verlage wie Czarne, W.A.B oder Wydawnictwo Literackie. Auf ihrer Publikationsliste stehen mehr als 20 Gegenwartsromane, aber auch mehrere Sachbücher und Reportagen. Kalinowska interessiert sich für moderne Strömungen in der deutschsprachigen Literatur, vornehmlich übersetzt sie Autoren und Autorinnen mit Migrationshintergrund, etwa Zsuzsa Bánk, Terézia Mora. Olga Grjasnowa, Sherko Fatah und Feridun Zaimoglu. Darüber hinaus übersetzte sie Werke von Elfriede Jelinek, Judith Kuckart. Felicitas Hoppe und Norbert Gstrein.
Andreas Volk hat sich durchzahlreiche Übersetzungen zeitgenössischer polnischer Dramen etwa von Malgorzata Sikorska-Miszczuk. Krysztof Warlikowski und Tadeusz Slobodzianek einen Namen gemacht und wird von polnischen Autorinnen und Autoren wie auch von Regisseurinnen und Regisseuren in Deutschland gleichermaßen geschätzt. Als Übersetzer geistes-und kulturwissenschaftlicher Monografien und Aufsätze trägt er kontinuierlich zum wissenschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Polen bei (Werke von Maria Janion, Erwin Axer, Kystian Lupa). Er ist Mitbegründer des deutsch-polnischen Jahrbuchs „OderÜberstzen", war als Redakteur der deutsch-polnisch-ukrainischen L1teraturzeitschrift „Radar" tätig und arbeitet als Kulturmittler für lnstitutionen wie das Goethe-Institut.
(Auszug aus dem Programmheft)
Der erste Kontakt des deutschsprachigen Komitees EURODRAM mit Małgorzata Sikorska-Miszczuk und Andreas Volk fand 2014 statt. Das Stück „DER KOFFER“ („Walizka“, aus dem Polnischen von Andreas Volk, Kaiser-Verlag) war eines der Stücke der Auswahl 2015.
Text der Laudatio (Małgorzata Sikorska-Miszczuk) für Andreas Volk (Übersetzung: Bernhard Hartmann)
Die polnische Dramatik der ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts ist das Resultat einer beispiellosen geistigen Bewegung und weltanschaulichen Revolte in der polnischen Kunst. Die 1989 begonnene Systemtransformation veränderte das soziale Gefüge in Polen und zwang die Polen zu einer grundlegenden Neuprogrammierung ihres Weltbilds. Die 1990er Jahre brachten in der Dramatik keine bedeutenden Früchte hervor. Ich erinnere mich an diese Jahre als eine Zeit geistiger Orientierungslosigkeit und Unselbstständigkeit, als eine Zeit des Chaos. Die Dramen spielten sich im Leben ab, nicht auf der Bühne. Erst der Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnete meiner Generation die Chance, mit eigenen Worten zu sprechen. Andreas Volk war ein Teil dieser mächtigen Welle der Ideen und der Erneuerung.
Mein erstes Stück und der Anfang meiner Bekanntschaft mit Andreas war „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“. 2008 waren wir mit diesem Stück beim Festival „New Plays From Europe“ in Wiesbaden zu Gast, wo die besten europäischen Inszenierungen präsentiert wurden. „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ erzählt die Geschichte der Intellektuellen und RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Es ist für mich höchst symptomatisch, dass ich auf meiner Mission der Abrechnung mit der Welt auf die Figur einer deutschen Intellektuellen zurückgriff, die das „Schreiben“ aufgab und sich für ein gewaltsames Handeln entschied. Das Dilemma, das hinter dieser Entscheidung stand, begleitet mich bis heute.
„Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ war der Beginn einer jahrelangen Freundschaft mit Andreas. Darum fällt es mir schwer, eine .wissenschaftliche“, „objektive“ Laudatio auf Andreas Volk zu halten, denn ich bin ihm gegenüber nicht objektiv. Ich weiß nur, dass ich meinen Weg im polnischen Theater mit der Geschichte Ulrike Meinhofs begann, weil ich diese deutsche Geschichte als meine eigene betrachtete. Andreas hat eine ähnliche Entscheidung getroffen: Er betrachtet die polnische Geschichte als Teil seiner eigenen Erfahrungswelt. So wie ich Ulrike Meinhof als Teil von mir betrachtete, betrachtet Andreas Polen, die polnische Sprache und die Helden der polnischen Geschichte als einen Teil von sich.
Dieser erste, fundamentale Schritt definierte uns als Gemeinschaft. Die Jahre der Freundschaft, Gespräche, Erzählungen und die Arbeit an neuen Übersetzungen – über all dem stand, auf einer Metaebene, die Frage: Was ist diese Gemeinschaft zwischen uns, was ist der geistige Raum Polens und Deutschlands? Entscheiden wir uns für Gewalt, Dominanz und Verachtung oder für Verständigung, Gleichheit und Gemeinschaft?
Andreas übersetzte Dramatik, die auf höchsten Touren und höchstem Niveau für – ich scheue mich nicht, es zu sagen – Frieden, Versöhnung und wachsendes Bewusstsein „arbeitete“. Er übersetzte Krystiana Lupa, Tadeusz Sfobodzianek, Pawel Demirski, Magda Fertacz, Artur Palyga, Zyta Rudzka, Maria Górnicka, Przemek Pilarski. Er tat das auf eine Weise, an der man den begabten und nach Perfektion strebenden Übersetzer erkennt. Er stellte Fragen, hakte nach, präzisierte. Ich vertraute ihm voll und ganz.
Dabei wurde Andreas Volk mit einer übersetzerischen Herausforderung konfrontiert, mit der er in seinem Leben sicher nicht gerechnet hätte: der Übersetzung zeitgenössischer polnischer Opernlibrettos. Weil ich nicht wenige zeitgenössische polnische Opernlibrettos geschrieben habe, die alle von Andreas übersetzt wurden, kann ich zu diesem Thema einiges sagen. Sicher hat Andreas – ebenso wie ich – nicht erwartet, dass ich mich eines Tages mit einem Libretto nach Thomas Manns „Zauberberg“ an ihn wenden würde. Diese wunderbare, 2015 von Pawel Mykietyn komponierte Oper wurde in Deutschland bisher nicht aufgeführt, obwohl sie in Polen als Oper des 21. Jahrhunderts und Ereignis des Jahres gefeiert wurde. Ich finde das sehr schade, denn musikalisch und literarisch ist es ein Werk, das man der Welt zeigen kann.
Ein zeitgenössisches Opernlibretto ist – zumindest im Fall der besten Texte – zeitgenössische Poesie. Und genau darin bestand Andreas‘ Aufgabe: Er musste ein Poem schaffen, eigenständiger Schöpfer von Poesie und Rhythmus. Denn Andreas übersetzte den Text des Librettos nicht zur Übertitelung. Pawel Mykietyns Oper wird auf Deutsch gesungen und Andreas Volk hat sich mit seiner Übersetzung unsterblich in die Partitur des „Zauberbergs“ eingeschrieben. Aus seinen Worten entstand eine Opernerzählung von Liebe und Krieg, Liebe und Hass, vom Aufstieg des Individuums auf eine höhere Bewusstseinsebene, vom Tod und vom Scheitern der Menschheit, von Krieg und innerer Verwüstung.
Als Autorenverband ZaiKS haben wir Andreas Volk 2013 für seine Begabung und sein enormes Engagement bei der Vermittlung polnischer Dramatik an deutsche Leser und Theater unseren Übersetzerpreis verliehen. Dass Andreas heute mit dem Karl-Dedecius Preis ausgezeichnet wird, bewegt mich sehr und ich sage großen Dank dafür. Mehr können wir nicht für ihn tun, obwohl er mehr verdient. Es möge ein guter Anfang sein.
David Kozma, coordinator of Finnish EURODRAM committee (eurodramfi@theatrecollective.com) sent us the following call.
OPEN CALL FOR NEW DRAMA
R.E.A.D. #8 Reading EuropeAn Drama Festival Helsinki
R.E.A.D. Reading EuropeAn Drama Festival spreads out in downtown Helsinki in the autumn 2022. In its eight year the festival presents new drama from around the Globe, and brings together international theater artists living and working in Finland.
R.E.A.D. is formed as an arena that offers an opportunity to experience plays which have never seen on stage before in Finland. Previous festival programs can be found from www.theatrecollective.com.
We are looking for new plays ( not older than 2018 ) to be translated into Finnish to be performed as a reading drama. We accept only texts translated into English for the selection board.
Ort und Zeitpunkt der Abfassung: Düsseldorf, Juni 2021
Suhrkamp Verlag AG BERLIN
Inhalt
Hundert Jahre Familiengeschichte zwischen Deutschland und der Türkei.
Der Autor lässt vier Generationen und ihre Anekdoten, Tiraden, Träume, Rachefantasien aufeinanderprallen, darin verstrickt die Erzählerfigur selbst, Alter Ego. Das Erinnern findet seine formale Struktur in achronologisch springenden Jahreszahlen, die blitzlichtartig Familienszenen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verhandeln.
Dabei wiederholt sich die generationenübergreifende Erfahrung, auf von außen zugeschriebene Bilder festgelegt zu werden. Akın Emanuel Şipal sprengt diese Zuschreibungen sprachlich und gedanklich auf und lotet die Grenzen von Fiktion und Autobiografie dialogisch neu aus.
Autor
Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren, studierte Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Für sein erstes Theaterstück, Vor Wien, gewann er den bundesweiten Wettbewerb »In Zukunft« 2012, für Santa Monica erhielt er den Förderpreis Literatur der Kulturbehörde Ham burg. Şipal ist als Drehbuchautor an diversen Kurz- und Langfilmen beteiligt, die auf Festivals wie Festival des Films du Monde de Montreal (Prix du Jury für The Bicycle), Shanghai International Film Festival oder Cairo International Film Festival zu sehen sind. In der Spielzeit 2016/17 war Şipal Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Von 2017 bis 2019 war er Hausautor am Theater Bremen.
Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung
Erschienen in der Reihe Suhrkamp Theater im Herbstprogramm, am 26.09.2021
Lesungen, Buchveröffentlichung
UA: Theater Bremen, 17.06.2021, Regie: Frank Abt
English version [translation: Blažena Radas]
Title of the Piece: Mother Father Country
Author: Akın Emanuel Şipal
Location and date of the Date of writing: Düsseldorf, June 2021
Suhrkamp Verlag AG Berlin
Brief Summary of Content:
One hundred years Family History between Germany and Turkey. The author lets four generations and their anecdotes, tirades, dreams, revenge fantasies collide with each other, in them entangled the narrator himself, Alter ego. Remembering finds its formal structure in achronologically jumping dates that negotiate family scenes in flashes against the background of social upheavals of the past, the present, and the future.
In the process, the cross-generational experience of being fixed to images ascribed from the outside is repeated. Akın Emanuel Şipal explodes these attributions linguistically and intellectually and dialogically reexamines the boundaries of fiction and autobiography.
Short introduction of the author and the previous work:
Akın Emanuel Şipal, born 1991 in Essen, studied Film at the University for Fine Arts Hamburg. For his first play, Before Vienna, he won the nationwide competition „In Future“ 2012, for Santa Monica he received the Promotional Award Literature of the Cultural Authority Hamburg.
Şipal is involved in various short and feature films as a screenwriter, which are shown on festivals such as Festival of the film du Monde de Montreal (Prix du Jury for The Bicycle), Shanghai International Film Festival or Cairo International Film Festival. In the season 2016/17, Şipal was in-house writer at the National Theater Mannheim. From 2017 until 2019 he was a house writer at the Theater Bremen.
Publisher: Suhrkamp Publisher AG Berlin
Place and Date of publication: Published in the series Suhrkamp Theater at fall program, 26.09.2021
Performances:
World premiere: Theater Bremen, 17.06.2021, Director: Frank Abbot
Sascha, ein suspendierter Soldat, ist vorgeladen vor einer Untersuchungskommission zu einer Dienstpflichtverletzung auszusagen, der er sich während seines Afghanistan-Einsatzes schuldig gemacht hat.
Autorin
Rike Reiniger, aufgewachsen in Bochum, inszenierte in der freien Szene Berlins und war Mitbegründerin des interkulturellen Theater-Ensembles Kumpanya. Nach dessen Auflösung ging sie ins Engagement an die Landesbühnen Sachsen, das Deutsch Sorbische Volkstheater Bautzen und das Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lebt als Regisseurin und Autorin in Vorpommern und Berlin. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.
Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung
UA 25.10.18 Theater der Altmark Stendal
Lesungen, Buchveröffentlichung
Lesungen im Rahmen der Tschechisch/Deutschen Kulturtage; als Buch erschienen im KLAK Verlag Berlin 2018
Förderungen
Auftragswerk gefördert von Demokratie leben
Übersetzung
Tschechisch; Übersetzung: Lucie Ceralova, 2019 (gefördert vom Goethe Institut Prag)
English version [translation: Blažena Radas]
Title of the piece: Cracks in the words
Place and time of writing: Berlin 2018
Brief Summary of Content: Sascha, a suspended soldier, is summoned to testify before an investigative commission about a service-connected violation he was guilty of during his deployment to Afghanistan.
Brief introduction of the author and previous work: Rike Reiniger, who grew up in Bochum, staged in the independent scene in Berlin and was co-founder of the intercultural theater ensemble Kumpanya. After its dissolution, she went on to work at the Landesbühnen Sachsens, the Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen and the Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lives as a director and author in Vorpommern and Berlin. Her works have received numerous awards and have been translated into several languages.
Publisher: Theaterstückverlag München
Place and date of publication: World premiere 25.10.18 Theater der Altmark Stendal
Readings, book releases: Readings in the framework of the Czech German Culture Days, published as a book by KLAK Verlag Berlin 2018.
Sponsorships: Commissioned work funded by Demokratie leben
Translated into the following languages: Czech; Translation: Lucie Ceralova, 2019 sponsored by Goethe Institute Prague
Autor*in: Raphaela Bardutzky. Übersetzungen ins Polnische von Aleksandra Lukosek. (Zur Erläuterung: Es gibt eine polnisch sprechende Figur im Stück. Einzelne Sätze – etwa 5% des Stücktexts – wurden von A. Lukosek hierfür übersetzt.)
Ort und Zeitpunkt der Abfassung: München, Herbst/Winter 2020/21
Kiepenheuer Bühnenvertrieb Berlin-Dahlem
1 Dame, 2 Herren
Inhalt
Fritz ist ein Urbayer und Fischer in dritter Generation. Inzwischen beutelt ihn Krankheit, so sehr, dass er täglich fremde Hilfe braucht. Sohn Franz, ein Friseurladenbesitzer, den es beizeiten aus der Provinz nach München gezogen hat, plädiert für ein Pflegeheim in der Stadt. Aber Fritz will Haus und Fluss nicht verlassen, ums Verrecken nicht. Jetzt soll es also eine Live-in Pflegekraft aus Polen richten. Ob die überhaupt deutsch kann? Die junge Piotra hat sich nach der Ausbildung eigentlich in die weite Welt geträumt. Nun kompensiert sie ihre Einsamkeit in der niederbayrischen Einöde mit Spotify und Chats mit Borys, dem polnischen Busfahrer. Bis dahin betreut sie ihren Patienten, täglich rund um die Uhr – außer montags, da ist Franz-Tag und Piotra hat frei. Immerhin kann sie bei Fritz mit leckeren Fischgerichten punkten und bemüht sich redlich um Kommunikation mit dem Alten.
Die Autorin hat Empathie für ihre Figuren und spielt dabei theaterwirksam mit Sprache, Rollenmustern und Gegensätzen. Es wird hochdeutsch, bayerisch und polnisch geredet, gern in Sprichwörtern und Zungenbrechern. Und auch das soziale Umfeld kommt mit zu Wort, wenn hier Stadt und Land, Alter und Jugend, Wünsche und Realität voller Komik und Ernst aufeinandertreffen.
Autorin
Raphaela Bardutzky studierte Schauspieldramaturgie, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der LMU München. Anschließend arbeitete sie als Script-Consultant und Lektorin im Art-House Filmbereich. Gemeinsam mit Theresa Seraphin gründete sie 2016 das „Netzwerk der Münchner Theatertexter*innen“. Ihr Stück „Wüstling“ wurde 2017 mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet. Ihr Drama „Fischer Fritz“ erhielt 2021 Nominierungen für den Heidelberger Stückemarkt sowie den „Förderpreis für Neue Dramatik“ an den Münchner Kammerspielen, wo es mit dem Publikumspreis prämiert wurde. Es zählt außerdem zu den Gewinnerstücken der Autor:innentheatertage 2022. Seit 2019 gehört Raphaela Bardutzky zum Kurator:innen-Team der LIX Lesereihe im Münchner Theater HochX. Zudem engagiert sie sich mit dem Verein der Unabhängigen Lesereihen für sinnvolle Strukturen und faire Bezahlung in der freien Literaturszene. Sie gibt Workshops und unterrichtete von 2018 bis 2021 „Schreiben für Film und Theater“ am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Raphaela Bardutzky lebt in München.
Übersetzerin der polnischen Textteile
Aleksandra Lukosek übersetzt Allgemeintexte, literarische Texte und Familienkorrespondenz aus dem Deutschen ins Polnische. Sie ist zudem Fotografin, Performerin und Filmmacherin und lebt in Leipzig.
Lesungen, Uraufführung, Aufführungen
Lesung eines Ausschnitts am 1. Mai 21 Heidelberger Stückemarkt // szenische Lesung eines Ausschnitts am 26. Juni 21 beim Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele // UA: 18. Juni 2022 im Rahmen der ATT am Deutschen Theater Berlin durch das Schauspiel Leipzig (Lesungen vor der UA nur in Absprache mit den Autor*innentheatertagen, dem DT Berlin und dem Schauspiel Leipzig möglich).
Preise und Auszeichnungen
Publikumspreis beim Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele 2021, Gewinnerstück bei den Autor:innentheatertagen 2022.
English version [translation: Blažena Radas]
Title of the piece: Fischer Fritz
Author: Raphaela Bardutzky; Translations into Polish by Aleksandra Lukosek. (By way of explanation: there is a Polish-speaking character in the play. Individual sentences – about 5% of the text of the play – were translated by A. Lukosek).
Place and time of writing: Munich, fall/winter 2020/21
Kiepenheuer Bühnenvertrieb Berlin-Dahlem
Short summary of contents
1 lady, 2 gentlemen
Fritz is an original Bavarian and a third-generation fisherman. Now, he is suffering from illness, so much that he needs outside help every day. His son Franz, a barbershop owner who has moved from the provinces to Munich some time ago, pleads for a nursing home in the city.
But Fritz doesn’t want to leave the house and the river, not for anything. So now a live-in caregiver from Poland is supposed to fix it.. But does she even know German? The young Piotra has actually dreamed of going out into the big wide world after her training. Now she compensates for her loneliness in the Lower Bavarian wasteland with Spotify and chats with Borys, the Polish bus driver.
Until then, she looks after her patient, around the clock every day – except Mondays, when it is Franz’s day and Piotra has the day off. At least she can score points with Fritz for her delicious fish dishes and tries hard to communicate with the old man.
The author has empathy for her characters and plays with language to theatrical effect, role patterns and contrasts. High German, Bavarian and Polish are spoken, often in proverbs and tongue twisters. And the social environment also has its say, when city and country, age and youth, desires and reality meet full of comedy and seriousness.
Short introduction of the author
Raphaela Bardutzky studied dramaturgy, philosophy and literature at the Bavarian Theater Academy August Everding and the LMU Munich. Afterwards she worked as a script consultant and editor in the art house film sector. Together with Theresa Seraphin, she founded the „Netzwerk der Münchner Theatertexter*innen“ in 2016. In 2017, her play „Wüstling“ was awarded the Münchner Literature Scholarship in 2017. Her drama „Fischer Fritz“ received nominations for the 2021 Heidelberg Stückemarkt and the „Förderpreis für Neue Dramatik“ at the Münchner Kammerspiele, where it was awarded the audience prize. „Fischer Fritz“ was one of the winning plays at the Autor:innentheatertage 2022. Since 2019, Raphaela Bardutzky has been part of the curatorial team of the LIX reading series at Munich’s Theater HochX. Furthermore, she is committed to the Independent Reading Series Association for sensible structures and fair payment in the independent literary scene. She gives workshops and taught from 2018 to 2021 „Writing for Film and Theater“ at the Institute for Theater Studies at LMU Munich. Raphaela Bardutzky lives in Munich.
Aleksandra Lukosek translates general texts, literary texts and family correspondence from German into Polish. She is also photographer, performer and filmmaker and lives in Leipzig.
Publisher: Kiepenheuer Bühnenvertrieb (supervised by Anke See, see@kiepenheuer-medien.de)
Readings, premieres, performances:
Reading of an excerpt on 1 May 21 Heidelberger Stückemarkt // staged reading of an excerpt on 26 June 21 at the Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele // premiere: June 18, 2022 as part of the ATT at the Deutsches Theater Berlin by Schauspiel Leipzig (readings prior to the premiere only by arrangement with the Autor*innentheatertage, DT Berlin and Schauspiel Leipzig possible)
Funding: none
Prizes and awards:
Audience Award at the Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele 2021, winning play at the Autor:innentheatertage 2022
Das Theater ermöglicht einen besonderen Blick auf Wirklichkeiten. Neda Nejdana, Kiew, Persönlichkeit des ukrainischen Theaters und Koordinatorin des Ukrainischsprachigen Komitees EURODRAM hat sich in einem Hilferuf an uns gewandt. Als Beitrag zum Verständnis des Krieges in der Ukraine stellt sie drei ihrer Texte in englischer Sprache zur Lektüre bereit. Heute, 23.04.2022, erreicht uns zusätzlich eine deutsche Übersetzung des Stückes MAIDAN INFERNO von Neda Nejdana. Sie können alle Texte von dieser Seite herunterladen:
Bei Interesse an Veröffentlichung oder Inszenierung wenden Sie sich bitte direkt an Neda Nejdana Неда Неждана <nedanejdana@yahoo.com> oder an das deutschsprachige Komitee Eurodram vieuxloup@t-online.de
Leider liegen uns über MAIDAN INFERNO hinausnoch keine deutschsprachigen Übersetzungen vor. Der Verlag L’Espace d’un instant (Dominique Dolmieu, Eurodramgründer und langjähriger Vorsitzender, Mitglied des französischsprachigen Komitees und des Verwaltungsausschusses EURODRAM) hat aber viele Stücke und Texte unkrainischer Autor*innen und Texte aus dem Eurodram-Sprachraum mit thematischem Bezug in französischer Sprache herausgebracht:
De Tchernobyl à la Crimée. Panorama des écritures théâtrales contemporaines d’Ukraine, sous la direction de Dominique Dolmieu et Neda Nejdana (contient notamment Arzy de Rinat Bektashev, seule œuvre littéraire traduite du tatar de Crimée en français)
Maïdan Inferno , de Neda Nejdana, traduit de l’ukrainien par Estelle Delavennat, Christophe Feutrier et Tatiana Sirotchouk, préface de Michel Corvin
Hymne de la jeunesse démocratique, de Serhiy Jadan, traduit de l’ukrainien par Iryna Dmytrychyn
Au début et à la fin des temps, de Pavlo Arie, traduit de l’ukrainien par Aleksi Nortyl et Iulia Nosar, préface de Bruno Boussagol
Mauvaises routes, de Natalka Vorojbyt, traduit de l’ukrainien par Iryna Dmytrychyn (parution imminente)
Une moisson en hiver. Panorama des écritures théâtrales contemporaines de Biélorussie, sous la direction de Larissa Guillemet et Virginie Symaniec
La Récolte, de Pavel Priajko, traduit du russe (Biélorussie) par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec
Les Gens d’ici, de Ianka Koupala, traduit du biélorussien par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec, préface de Marie-Christine Autant Mathieu
Génération jeans, de Nikolaï Khalezine et collectif (Théâtre libre de Minsk), traduit du russe, du biélorussien et de la trasianka (Biélorussie) par collectif, préface de Jean-Pierre Thibaudat
Une heure et dix-huit minutes, de Eléna Gremina et Mikhaïl Ougarov (Teatr.doc de Moscou), traduit du russe par Gilles Morel et Tania Moguilevskaia, préface de Cécile Vaissié
Les Voisins, de Sergueï Guindilis, traduit du russe (Russie et Biélorussie) par Boris Czerny, préface de Benoît Vitkine
La Montagne des langues. Anthologie des écritures théâtrales du Caucase, sous la direction de Dominique Dolmieu et Virginie Symaniec, préface de Bernard Outtier
Le Sang et la cendre, de Mouradine Olmez, traduit du russe (Kabardino-Balkarie) par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec, préface de Antoine Alexiev
Les Loups, de Moussa Akhmadov, traduit du tchétchène par Aboubakar Abayev et Camille Sirota, préface de Mylène Sauloy
Remontée, de Gagik Ghazareh, traduit de l’arménien par Anaïd Donabédian, Kegham Nigoghossian et Shaga Yuzbashyan, préface de Edward Balassanian
FUCK YOU, Eu.ro.Pa !, de Nicoleta Esinencu, traduit du roumain (Moldavie) par Mirella Patureau, préface de Véronika Boutinova
Le Président vient te voir ce soir, de Lasha Boughadzé, traduit du géorgien par Clara Schwartzenberg et collectif
Bei Interesse wenden Sie sich bitte direkt an Dominique Dolmieu agence@parlatges.org oder an das deutschsprachige Komitee Eurodram vieuxloup@t-online.de
Uns ist bewusst, dass der Hinweis auf diese Texte nur ein sehr kleiner Beitrag zur Solidarität mit der Ukraine ist. Aus unserer Sicht stellen Sie in ihrer Ausrichtung aber alle einen Apell zur sofortigen Beendigung des Krieges dar. Vielleicht können sich Übersetzungen ins Deutsche, Veröffentlichungen und Inszenierungen ergeben. Das Theater kann mit seinen Mitteln die Menschen in der Ukraine und die Demokratie in ihrem Kampf gegen die Vernichtung und auf dem Weg zu Frieden und Feiheit unterstützen.
Das Stück von Nico Boon, TRITT AUF GEHT AB [Komt op/Gaat af], Belgien 2020 war in der Übersetzung von Christine Bais eines der Stücke der Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram. Es kann jetzt in vollständigem Textumfang heruntergeladen werden. Bei Verwendungsinteresse bitte Mail an Christine Bais: c.bais [a] xs4all.nl
Ein kleiner Textauszug:
ANFANG
Am 17. Dezember 2002 wache ich mitten in der Nacht auf.
Der Dozent, der mir am Tag zuvor auf der Schauspielschule meine erste Beurteilung gab, sitzt auf der anderen Seite des Zimmers.
Er raucht eine Barclays Filterzigarette. Schaut mich an durch seine Brillengläser, in denen sich die rot leuchtenden Ziffern meines Radioweckers spiegeln.
Ich weiß, dass ich halluziniere.
Der Dozent steht auf, klopft die Asche seiner Zigarette ab, auf eins der Bücher, die offen auf dem Fußboden liegen, tritt an mein Bett und beugt sich über mich.
Hinter den rot leuchtenden Brillengläsern sehe ich die Falten um seine strengen, durchdringenden, meist ironisch blickenden Augen.
Träge führt er seinen Zeigefinger in Richtung meiner Stirn. Hält einige Millimeter vor meiner Haut inne. Murmelt, kaum verständlich: „Ist da eigentlich jemand, in diesem Kopf?“ Tippt dann mit dem Zeigefinger auf meine Stirn, im regelmäßigen Rhythmus eines mehrfachen SOS-Morsezeichens.
Bis ich – der eigentlich schon schläft – im Schlaf wieder in Schlaf falle.
Der Geruch seines Davidoff-Deodorants wabert dann noch eine Weile durchs Zimmer.
Am nächsten Tag, dem 18. Dezember 2002, zufällig mein Geburtstag, nehme ich nicht meinen gewohnten Weg ins Stadtzentrum, sondern entschließe mich, einen langen Umweg zu machen.
Warum, weiß ich nicht genau. Vielleicht, weil mir ein langer Umweg eine schöne Metapher für mein Leben scheint.
Am Vossenplatz werde ich müde und setze mich auf eine Bank.
Ein Mann, den ich aus dem Café kenne, läuft vorbei. Ich winke.
Ich scrolle, weil mir das eine Funktion zu verleihen scheint, durch die Nachrichten auf meinem Handy.
Dann schaue ich nach links.
Zwischen meiner Bank und dem Mülleimer ein Stückchen weiter, sehe ich etwas liegen. Etwas Rechteckiges.
Ein Päckchen, so scheint es.
Ich gehe hin. Wickle ohne groß nachzudenken die gelbe Papiertüte ab, schlage das Buch, das darin war, auf.
Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche (Original leicht verändert): Wolfgang Barth
Gilles Boulan, ehemals Koordinator des französischsprachigen Komitees Eurodram, schreibt regelmäßig seit vielen Jahren literarische Berichte zu den Jahreshauptversammlungen, in denen er seine persönlichen Eindrücke festhält.
Nach einer ereignisreichen Reise, die beinahe ihr Ende auf einem Bahnsteig in Mantes-la-Jolie genommen hätte, stehen wir nun in Madrid. Die durchaus anekdotische und nicht so wichtige Eisenbahn-Episode symbolisiert gewissermaßen in zweifelhafter Ironie den Weg, der zurückgelegt werden musste, um zu diesem Treffen in Madrid zu kommen. Seit der letzten Hauptversammlung in Montreuil sind zwei Jahre vergangen, zwei Jahre voller Einschränkungen und des erzwungenen Stillstandes, in denen unsere Widerstandskraft und die durch Verschiebungen und Unwägbarkeiten angeschlagene Begeisterung auf eine harte Probe gestellt wurden. Aber jetzt sind wir endlich da. Allen Schwierigkeiten und Pandemieauflagen zum Trotz nahm unsere Entschlossenheit keinen ernsthaften Schaden, und so sind inklusive der spanischen Freunde gut 15 Teilnehmer angereist.
Von manchen alten Gewohnheiten verabschiede ich mich, und so hatte ich nicht von vornherein vor, diese Aufzeichnungen zu verfassen. Dass sie nun vorliegen, ist dem Erfolg unseres Treffens zuzuschreiben und dem Vergnügen, das es uns bereitete. Aber wie soll man von diesen drei Tagen in Madrid erzählen ohne in ein unpersönliches Protokoll abzugleiten? Am besten lasse ich mich vom Fluss der Bilder und ungeordnet, willkürlich sich einstellender Erinnerungen tragen. Improvisation ohne Sicherheitsnetz ist angesagt, man wird schon sehen, was daraus wird.
Viviane und ich waren noch nie in Madrid, und unsere ersten Eindrücke von der Stadt gewinnen wir bei Nacht. Beim Verlassen der Metrostation Colon empfängt uns ein großer, beleuchteter Platz. Ein Stück weiter steht eine große Froschskulptur auf dem Bürgersteig gegenüber einem Kasino und einem Wachsfigurenkabinett. Das hochbeinige Kunstwerk und die Touristenattraktionen stehen in diametralem Gegensatz zur urbanen Landschaft, aber dennoch ist unser erstes Bild das einer majestätischen Metropole mit hohen, klassischen Fassaden und regelmäßig ausgerichteten Fenstern, prächtigen Gebäuden mit ehrgeiziger Architektur, Brunnenskulpturen in der Mitte der Straßenrondelle und baumbestandenen Promenaden, in deren Vegetation eingebettet Lokale ihre Terrassen öffnen. Zur Vervollständigung des nächtlichen Gemäldes hat sich der Vollmond über die Dächer geschoben und hüllt zärtlich die majestätische Umgebung in sein fahles Licht.
Ein Palast ist das Hostal Prim nicht, in dem wir unser Gepäck abstellen, aber es bietet in gepflegter Sauberkeit einen bescheidenen Komfort. Sein größter Trumpf ist die Lage mitten im Herzen der Altstadt, nicht weit vom Prado, dem weitläufigen Retiro-Park und vor allem vom Sitz der SGAE-Stiftung, dem spanischen Gegenstück zu unserer französischen SACD. Das Besondere des Hotels besteht darin, dass es sich im zweiten Stock eines relativ unauffälligen Gebäudes befindet, an dessen Eingangspforte man ohne Weiteres vorbeigehen kann, ohne sie zu bemerken. Man muss schon nach oben schauen, wenn man das Hotelschild sehen und die Bauarbeiten vergessen möchte, die den Bürgersteig verengen. Wir lassen die beiden Türen im Erdgeschoss hinter uns und steigen die Treppe zur zweiten Etage hoch. Den Gitterkastenaufzug haben wir mutig ignoriert, wir vertrauen ihm nicht so recht. Durch die Flurtür geht es in die Rezeption. Während wir die üblichen Formalitäten erledigen, teilt uns der Herr am Empfang mit: „Mister Wolfgang is arrived but outside with Lady Johanna.“ Obwohl das sicherlich keine wirkliche Überraschung ist, berührt uns diese Information doch wie ein Willkommensgruß.
Der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald, sagt man. Nach schneller Einrichtung im Zimmer verlassen auch wir das Hotel wieder auf der Suche nach einem Restaurant auf dem Paseo de Recoletos. Wir geben uns keine große Mühe, entscheiden uns für ein chinesisches Restaurant, das Mandarin, und versinken dort in tiefen Sesseln, die wie Käfige aussehen. Ein noch reizvolleres Detail: Der Speisesaal befindet sich im Zwischengeschoss über einer Spielhalle mit Spielautomaten, Roulettetischen und anderen Glücksspielgeräten. Von unserem Tisch aus können wir die seltsamen Bilderkombinationen auf den Bildschirmen vor den nervösen und gespannt aufmerksamen Spielern sehen. Mit gebotener asiatischer Höflichkeit schafft es die Kellnerin, unsere Bestellung auf der Grundlage einer etwas undurchsichtigen Speisekarte auf Chinesisch und Spanisch entgegenzunehmen.
Auf dem Rückweg ruft uns Wolfgang an, und gleich darauf treffen wir ihn in Begleitung von Johanna und Nicole auf der Straße vor dem Hotel. Welche Freude, uns wiederzusehen und uns gegenseitig die Einzelheiten unserer jeweiligen Menüs zu berichten. Der Abend endet mit einer vergleichenden Zimmerbesichtigung, unsere besondere Aufmerksamkeit gilt den Duschvorhängen.
Wir hatten uns zum Frühstück, das im Hotel nicht angeboten wird, verabredet und finden uns in einer sehr modernen Bäckerei wieder, die gleichzeitig Café ist und deren Backstube man hinter einer Glastrennwand vollständig einsehen kann. Der Geruch von warmem Brot, das Zischen der Kaffeemaschinen im Dialog mit dem Kneten des Brotteiges in den Bottichen und die etwas lärmende Musik bilden den Hintergrund unserer zwangsläufig noch lauteren Gespräche. Dominique, der am Vortag etwas später angekommen war, gesellt sich zu uns, und bald ist es Zeit, zur SGAE-Stiftung zu gehen, wo unsere GA in einem kleinen, hellen und funktionalen Raum staffindet. Dort treffen wir David mit Victor und mehreren Mitgliedern des spanischen Komitees schon bei der Arbeit an. Er kämpft mit den letzten Tücken der Zoomverbindung. Neben den Frühstücksgästen sind anwesend Darko vom BCMS-Komitee, Laetitia vom italienischen, mit leichter Verspätung Mirza mit Partnerin Hicran (kurdisches Komitee) und Gergana und Ilyana, auf direktem Weg hierher gekommen nach der Landung ihres Flugzeuges aus dem fernen Bulgarien.
Der erste Teil des Vormittags gilt den Begrüßungsreden und der traditionellen Tischrunde, bei der sich jede/r in einer der drei verfügbaren Sprachen (kosmopolitisches Englisch, Kastilisch und Französisch) vorstellt. Es folgen eine kurze Darstellung der Geschichte Eurodrams anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Netzwerks durch Dominique und ein Treffen mit David Perolta, dem Leiter der Joven Compania, einer Vereinigung für junge Schauspieler in einem sehr engagierten Projekt für Berufsausbildung, kulturelle Aktion und Förderung eines Repertoires für junge Erwachsene. Bei dieser Organisation sind wir am Abend zur Vorstellung der Stücke der Auswahl des spanischen Komitees eingeladen, worauf ich später zurückkomme.
Am Ende der Tagesordnung steht nach kurzer Kaffeepause die Vorstellung der Jahresberichte der einzelnen Komitees live durch die anwesenden Koordinator*innen, per Videokonferenz oder in Dominiques Zusammenfassung.
In betriebsamer, entspannter Stimmung und sehr sympathischem Sprachenmix vergeht der Vormittat schnell und es ist schon fünfzehn Uhr. Wir begeben uns zum Mittagessen in eine nahe gelegene Gaststätte. Die dynamische Conchita hat uns einen Tisch reserviert. Das Café Gijon ist ein berühmtes, historisches Lokal am Paseo de Recoletos, Stammkneipe vieler Madrider Schriftsteller. Die Einrichtung passt, und die Küche ist in etwa so rustikal wie die schweren Möbel aus unbehandeltem Holz. Die Atmosphäre entspricht sehr unseren Ansprüchen an Authentizität. Die Speiskarte ist auf Spanisch, aber Edouard übersetzt sie ins Französische. Diese Übersetzung muss aber noch einmal übersetzt werden, jetzt ins Englische. Der Kellner verliert in dieser mehr oder weniger disziplinierten Vielsprachigkeit ein wenig die Orientierung. Aber am Ende hat jeder seinen Teller, seine Cerveza, sein Glas Wein oder sein Mineralwasser. Gute und schlechte Überraschungen für die einen oder anderen, aber nicht bei der Rechnung, die ausgesprochen günstig ausfällt.
Die Kaffees sind getrunken, die Rechnung bezahlt, schon ist es Zeit, zur U-Bahn-Station zu gehen und zur Calle Antonio Lopez zu fahren, wo die angekündigte Lesung stattfindet. Aber diese Rechnung haben wir ohne den Wirt gemacht, denn wir müssen an der Metrostation Opera umsteigen, was eine Teilung unserer Gruppe in Treppensteiger nach oben und Rolltreppenfahrer abwärts zur Folge hat. Die Episode wird erst wieder am Aufführungsort durch den freundlichen Protest Nicoles bereinigt: „Wir haben auf euch gewartet!“
Die Spielstätte der Joven Compania befindet sich in einem volkstümlicheren Viertel, ganz anders als das Stadtzentrum. Früher war dies wohl eine recht große Fabrik mit hohen Decken, jetzt befinden sich darin die Räume eines alternativen Theaters. Am Ende des sackgassenähnlichen Eingangskorridors lesen einige junge Leute fleißig noch einmal ihren Text, das Publikum plaudert gemütlich, dann geht es in den mit einfachen schwarzen Stoffbahnen abgehängten und mit ein paar Stuhlreihen möblierten Veranstaltungsraum. Da wir kein Spanisch sprechen, sehen wir der Lesung mit gemischten Gefühlen entgegen. Grundlos, wie sich zeigt, denn die Darbietung überzeugt absolut. Eine Synopsis auf Englisch gleicht die mangelnden Sprachkenntnisse aus. Gut dreißig junge Schauspieler, schwarz gekleidete junge Frauen und Männer. bieten uns eine sehr lebendige chorische Lesung von Auszügen aus den drei Texten der spanischsprachigen Auswahl. Es herrscht Maskenpflicht, und so konzentriert sich der gesamte Gesichtsausdruck in den Blicken ohne überschwängliche Kommentare, was dem Spiel Dichte und der dramatischen Aussage Gewicht verleiht. Das konnten wir trotz der Sprachbarriere sehr gut verstehen. Nach dieser bemerkenswerten, von Victor inszenierten Lesung verweilen wir noch ein bisschen im Eingangskorridor und tauschen uns mit mehreren Mitgliedern des Ensembles aus, die wir dann wieder in einem Bistro in der Nähe treffen, wo das Bier dreimal billiger ist als im Zentrum der Königsstadt.
Die Tage sind lang in Madrid und enden in der Regel mit einer letzten Cerveza und Tapas. Die Kneipeninhaber warten geduldig, bis sie das Licht löschen können.
Von manchen alten Gewohnheiten verabschiede ich mich, wie gesagt, aber neue kommen schnell hinzu. So erfüllen nach einer ziemlich kurzen Nacht beim Frühstück in der modernen Bäckerei wieder am selben Tisch wie am Vortag unsere Gespräche den Raum.
Bei der SGAE hat sich nicht viel geändert, aber zwei neue Gäste sitzen am Tisch der Aula: Nikolina vom BCMS-Komitee und David vom ungarischen. Der Morgen beginnt mit der Vorstellung der Ediciones Antigona, eines auf die Übersetzung ausländischer Theaterstücke ins Spanische spezialisierten Verlages, in schnellem und klangvollem Redefluss durch die Geschäftsführerin Conchita. Wir tauschen uns sehr intensiv über die Schwierigkeiten aus, Fördermittel für diesen Verlagssektor zu bekommen. Dann folgt Paola per Zoom aus London. Sie leitet dort das Cervantes Theatre, das zeitgenössische spanische Stücke in Originalsprache oder auf Englisch zur Aufführung bringt.
Nach einer kurzen Kaffeepause findet die eigentlich Hauptversammlung (GA) statt, deren durch Videokonferenzbeiträge unerwartet veränderte Tagesordnung sich in leidenschaftlichen Diskussionen und deren Übersetzung zur Erbauung aller entwickelt und zu einer Reihe von meist einstimmigen Beschlüssen führt. Ein spätes Mittagessen in einer Art Kantine unterbricht unseren Arbeitstag, der sich mit der Vorstellung der Auswahlstücke der Komitees fortsetzt.
Als wir den Versammlungsraum verlassen, um auf der Plaza de Chueca ein oder mehrere Gläser zu trinken, ist es bereits Nacht. An der Theke feiern wir gemeinsam den Abschluss der Madrider GA. Nach Meinung aller war sie ein demokratischer Erfolg für Eurodram und für die Teilnehmer ein wohltuend geselliges Ereignis.
Sonntagmorgen. Auf dem Paseo de Recoletos findet ein Langlauf statt, der logischerweise den Autoverkehr unterbricht. Auf dem von Fahrbahn und Gegenfahrbahn gesäumten Mittelstreifen treiben Angestellte der Stadtreinigung mit dem Laubgebläse Laub vor sich her.
Gleich daneben sind die Terrassen der Bistros vor der Öffnung noch menschenleer. Einige wenige Zuschauer warten auf die Läufer. Morgenbild von Madrid in Herbstfarben und ohne Autolärm.
Wenn man Gewohnheiten verfestigen will, vergisst man sie am besten manchmal. Das Sonntagsfrühstück findet daher nicht in unserer üblichen Bäckerei statt, sondern im Büro der Ediciones Antigona, wohin Conchita alle Teilnehmer*innen eingeladen hat. Ein kräftiger Espresso, Gebäck und Süßigkeiten inmitten der beeindruckenden Anzahl an Publikationen. Das Motto des Hauses kann man auf Tragetaschen lesen: El teatro tiene que se leer. Und wirklich, hier gibt es einiges zu lesen, zumindest für die der spanischen Sprache Mächtigen.
Unter den Gästen von Conchita ist auch Cristina. Als französische Schauspielerin ist sie nach Madrid gezogen, wo sie von ihren Übersetzungen und einem Lehrauftrag an der Universität lebt. David hat sie gebeten, zwei Stunden lang einen Übersetzungsworkshop zu leiten. Sie schlägt vor, den Workshop als Diskussion über Methoden des Übersetzens zu gestalten. Diesmal gibt es keine Übersetzung ins Englische, sondern einen sehr freien Austausch auf Französisch oder manchmal auf Spanisch für Conchita.
Viviane und ich verzichten nach diesem Treffen auf die Teilnahme an einer letzten englischsprachigen Zoom-Konferenz und nutzten die Gelegenheit, uns ein wenig in der Stadt bis hin zum Real Jardín Botánico umzusehen. Verirren kann man sich nicht: Auf breiten Alleen geht es geradeaus. Zuerst die Plaza de Cibeles mit seinem von Löwen gezogenen Wagen der Göttin Kybele und dem beeindruckenden Palacio de Comunicaciones. Dann gehen wir durch die baumbestandene Allee des Paseo del Prado zur Plaza de Castilla mit dem Neptunbrunnen, wo der Gott des Meeres dem Hotel Ritz den Rücken zukehrt. Vor dem Prado schnattern grüne Wellensittiche in den Bäumen. Einige Künstler fertigen mit Aquarell oder Bleistift Reproduktionen berühmter im Museum ausgestellter Werke an. Die Statue von Velasquez schaut ihnen mit Wohlwollen und schweigend zu.
Vor dem Eingang des Botanischen Gartens, den wir von außen durch die Gitter bewundern, bildet sich eine Schlange und wir machen uns auf den Weg zum Parque del Retiro. Madrider Sonntagsstimmung. Einheimische Familien mischen sich mit Touristen in den Alleen, auf den Terrassen der Chalets oder in den Booten des Estanque Grande , eines künstlichen Sees, an dem ein Denkmal für Alfonso XII steht, eine Reiterstatue über einem Säulengang. Hier und da geben Straßenmusiker Konzerte, und vor dem Palacio de Cristal erklingen Jazz-Standards als Antwort auf den Walzer von Schostakowitsch. Seltsamerweise passt das gut zusammen und es entstehen keine Missklänge.
In einem Garten am Rande, dessen Namen ich mir nicht notiert habe, stolzieren Pfauenhennen und -hähne herum und lassen sich mit ihrem Nachwuchs fotografieren, während ein zaghafter Sonnenstrahl durch die Wolken bricht.
Wir weilen immer noch im Retiro, als Wolfgang uns anruft und fragt, ob wir uns der Gruppe in einem Restaurant an der Puerta del Sol anschließen möchten, wo er uns abholen würde. Es klappt auf die Minute, und das Wiedersehen vor der Metrostation auf einem sehr belebten Platz, auf dem wir uns ohne Smartphones leicht hätten verpassen können, ist ein Leichtes.
Ein etwas kleiner, runder Tisch auf der Laufstrecke der Bedienung, Hocker, getrocknete Schinken über dem Tresen, die Taverna La Tia Cebolla setzt auf touristisch rustikal in diesem Madrider Viertel, in dem die Restaurants florieren und die Terrassen nur an der Farbe der Stühle zu unterscheiden sind.
Die Speisekarte ist international und mit mehr oder weniger ansprechenden Fotos illustriert, die Mengen sind üppig und die Gerichte wenn auch nicht subtil, so doch gut sättigend. Aber das Vergnügen liegt im Zusammensein beim letzten gemeinsamen Madrider Essen, zumindest was Laetitia, David und seinen Freund Christophe betrifft.
Ein kleiner Spaziergang nach dem Essen muss sein, und Johanna, Nicole, Wolfgang und wir lassen uns ohne Kompass durch die malerischen Gassen der Madrider Altstadt bis zur Plaza Major treiben, wo schon die Weihnachtsmarktbuden Einzug gehalten haben und so den Gesamteindruck des Platzes und den Anblick der wunderschön bemalten Fassaden beeinträchtigen.
Kurze Erholung im Hotel. Wir treffen uns zum Abendessen im trotz seiner Enge fast privat wirkenden Hinterzimmer eines etwas anspruchsvolleren Restaurants, in dem die Preise umgekehrt proportional zur Tellergröße sind. Die Speisekarte ist zwar auf Französisch, aber einige von uns stellen Lücken im eigenen Vokabular fest und fragen sich, was wohl genau eine „Tigermilch“ ist, die in unserer Fantasie eindringliche Bilder hervorruft. Wenn es keine vernünftigen Portionen gibt, sättigt uns eben albernes Gelächter, und zwar ganz ohne Gefahr für einen ausgeglichenen Finanzhaushalt. Mirza und Hicran haben, enttäuscht vom Kleinwuchs ihres Steak Tartare, den Tisch schon verlassen und versuchen ihr Glück anderswo.
Heute Abend wollen Dominique und Wolfgang nicht lange bleiben: Sie müssen früh aufstehen, um Zug und Flugzeug zu erreichen. Nicole muss nur die Straße überqueren und ist schon bei ihrer Vermieterin. Trotz unserer schweren Beine und der Müdigkeit dreier Tage haben wir uns noch einen letzten kleinen Nachtspaziergang vorgenommen, und in Begleitung von Johanna gehen wir noch einmal zum Real Jardín Botánico, wo raffinierte Illuminationen in flammenden Farben eine bizarre Landschaft in die Vegetation schneiden.
Im Terminal 1 des Flughafens Bajaras blicken große Glasfenster auf das Rollfeld und eine Hochebenenlandschaft. In Madrid regnet es jetzt und wir warten auf unser Flugzeug.