PORTRÄT: Maxi Obexer

“Illegale Helfer“ von Maxi Obexer 

(Mitarbeit: Lars Studer)

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Maxi Obexer, © gezett

 

Der Grad der Präsenz dieses EINEN Themas im medialen Diskurs der letzten Monate ist bemerkenswert – aber auch außergewöhnlich, wie sehr es in die Sphäre des Privaten eindringt. Ob man mit Freunden beisammen sitzt, in der Mittagspause mit Kollegen, oder zuhause am Küchentisch – DAS kommt garantiert zur Sprache: Die derzeitige Migrationsbewegung!

Auf die eine oder andere Weise hat dieses Thema Eingang gefunden in die Gemüter einer gesamten Gesellschaft! Das ist keineswegs eine selbstverständliche Reaktion, dass Alle etwas interessiert. Zum letzten Mal war das vielleicht bei den Anschlägen in New York 2001 der Fall. Und über andere, nicht minder große Flüchtlingsbewegungen, z.B. im Afrika der 2000er Jahre, wurde sich weitaus weniger Gedanken gemacht. Etwas hat sich plötzlich in eklatantem Maße in der öffentlichen Wahrnehmung verändert. Die Macht des Diskurses, auch die politische Gefahr, die von ihm ausgehen kann, ist uns durch Foucault und Barthes bekannt. Unlängst hat Peter Sloterdijk in einem TV-Gespräch darauf hingewiesen, wie beengt, wie eingefahren und selbstreferentiell die eigene Betätigung im Diskurs auch verlaufen kann. In welcher Weise können wir vom Theater uns also an der Betrachtung des Flüchtlingsthemas beteiligen? Was können wir zu dem Diskurs-Puzzle an Meinungen und Haltungen beitragen, ohne vorgefertigte Muster zu bedienen?

Wie kann sich das Theater zu diesem Über-Thema unserer Tage äußern?

Vorliegender Theatertext „Illegale Helfer“ nähert sich aus einer Blickrichtung. Er folgt, der Titel verrät es, dem Narrativ derjenigen, die helfen wollen. Nicht Jeder mag helfen, das sehen wir. Andere haben Angst. Sie kommen hier nicht zur Sprache. Ein anderes Stück mag andere Meinungen, andere Aspekte in den Vordergrund stellen. Maxi Obexers Text kann man dennoch keine einseitige Betrachtung vorwerfen. Die Autorin hat etwas Überzeugendes geschaffen, in dem sie innerhalb einer vermeintlich bekannten Helfer-Position Neues, Unerwartetes beschreibt. Sie zeigt uns einen Ausschnitt paradoxer, brutaler Realität, den unsereins als Otto-Normal-TV-Seher nicht kennt, weil er im medialen Diskurs weitestgehend unbeachtet (bis verschwiegen?) bleibt.

Diese illegalen Helfer setzen sich für Menschen ein, die ihnen zwar fremd sind, die sie aber ganz nah an ihr eigenes Leben heran lassen, weil sie Hilfe benötigen – und sie tun dies unter Inkaufnahme von Rechtsverstößen. Sie setzen die individuelle, moralische Integrität über die des braven Staatsbürgers.

 Um Skeptikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Hier springt keiner auf den Emotionszug auf, weil es gerade angesagt ist. Schon gar nicht diese Autorin, für die das Thema „Festung Europa“ nicht erst jetzt hervorpoppt, sondern die sich dafür schon länger kritisch interessiert. Dies Stück ist auch nicht DAS Stück zur Flüchtlingskrise. Der Text ist eine Momentaufnahme und liefert einen Teilmoment – nicht mehr aber auch nicht weniger! Damit vermeidet er den moralischen Zeigefinger und die Gefahr des vermessenen Anspruchs, das Theater habe den relevanten Zugriff zum Über-Thema stets parat.

 Verändernde Zeiten?

Ob von nun an „nichts mehr so sein wird, wie es war“, wie Einige schon gerne apostrophieren, werden wir in einigen Jahren wissen. Auch ohne die große Zeit der Umwälzung im Allgemeinen erkennen zu wollen – im Kleinen, im Persönlichen hat sich bei einigen Menschen die vergangenen Monate über bereits sehr viel verändert. Gesellschaftliche Prozesse sind keine Frage von Theoremen am Reißbrett. Auch wenn die Makroebene der Politik, wie die Soziologen es nennen, durch Maßnahmen darauf Einfluss nehmen kann. Der Prozessverlauf bedingt sich durch das konkrete Verhalten Einzelner. Mögen die meisten von uns in ihrem Alltag keinen persönlichen Berührungspunkt zu einem der Menschen auf der Flucht haben und sich das eigene Meinungs-, Angst- oder Empathie-verhalten eher aus dem Mediendiskurs speisen. Für viele Andere aber ist die „Flüchtlingskrise“ zu einer Frage ihres persönlichen Alltags geworden.

Das Thema hat sich von der Makro-ebene der Politik auf viele neue Mikro-bereiche in unserer Gesellschaft verlagert, ja, manche erst entstehen lassen. Ob Polizisten, Sozialhelfer, Organisationsteams, Logistiker, Anbieter von „Sicherheitslösungen“ oder „Verpflegungspackages“: Für viele Menschen sind neue Einsatzräume, Aufgaben und Verantwortlichkeiten entstanden, die es bis vor einem halb/dreiviertel Jahr de facto noch nicht gab. Manche Menschen entwickeln neue Geschäftsideen. Andere nehmen die eigene Überzeugung als moralischen Gradmesser für Ihr außerberufliches Engagement.

 Unbekannte Realität

Eine dieser sozialen Gruppen, die es vielleicht noch gar nicht solange gibt in unserer Gesellschaft, stellt uns Maxi Obexer mit ihrem brandaktuellen Stück vor – tatsächlich einem der spannendsten Theatertexte zum Thema. Der Text zeugt und bezeugt eine wohl nicht kleine Gruppe von Individuen, die sich für soziales Handeln entschieden haben. Es ist ein Handeln im Stillen. Gegen den Willen des Staates, der anderswo immer noch darum ringt, ob und wie oder wann man am besten handelt. Und das was wir da lesen, findet wirklich statt und genau in diesem Moment, ohne, dass die Öffentlichkeit viel über das darin liegende Dilemma zwischen Recht und Mitgefühl ahnt.

Ein Theatertext wird immer dann spannend, wenn er Widersprüche aufzeigt, neue Zusammenhänge freilegt, wenn er keine naheliegenden erzählerischen Klischees bedient. Erst recht, wenn er wie hier unter Verwendung von Interviewmaterial ein hohes Maß an Authentizität verspricht. So ist eine erstaunliche Entdeckung beim Lesen, die Figur (= reale Person) des Verwaltungsrichters, der sich zwischen offizieller und moralischer Richtschnur entscheiden muss. Ein überraschendes Statement stammt vom „deutschen Studenten Florian“, der am besonders starken Ende dieses Stückes den Grad seines persönlich investierten Risikos relativiert und darin, so könnte man es verstehen, fast eine Banalität des Helfens entdeckt.

Man kann die Inkognito-Protagonisten des Stückes nicht einfach als Gutmenschen abtun. Es wird deutlich, es sind Menschen wie Du und ich. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Alters und biografischen Zusammenhängen. Sie haben unterschiedliche Beweggründe, jede(r) seine eigene Motivation, sich für die Flüchtlinge einzusetzen. Gerne hätte man noch mehr über diese Menschen selbst erfahren oder sie noch stärker in Widerstreit mit kritischen Gegenstimmen gesetzt. Auch, um als Leser/Theaterzuschauer stärker gezwungen zu werden, die eigene Überzeugung in dieser Sache auf den Prüfstand zu stellen. Die Regie hat hier Gelegenheit, ihr Übriges zu tun. Auch deshalb ist es dieser Text wert, auf die Bühne zu kommen!

Der Verdienst dieses Stückes, dieser investigativen Unternehmung von Maxi Obexer ist es, diesen ungewöhnlichen Helfern eine Stimme und damit eine Existenz zu geben – Und dem Theaterzuschauer eine Denkaufgabe für den Heimweg aus dem Theater. Letztlich auch: Eine politische Frage zu stellen nach den gesetzmäßigen Bahnen innerhalb derer wir handeln sollen, in einer Zeit voller jener neuen Ereignisse, mit der sich unsere europäische Gesellschaft so schockhaft plötzlich konfrontiert sieht. Obexer wirft ein Licht auf einen Teil eines unübersichtlichen Diskurses, über den wir bisher noch nichts erfahren haben. Sie hilft, das Bild vielseitiger zu machen – und umso vielfältiger, desto eher ist es an der Realität dran, die wir so sehr begreifen wollen.

Christian Mayer, Graz

BIOGRAPHISCHES:

MAXI OBEXER wurde in Brixen, Südtirol, Italien geboren.

Sie lebt heute in Berlin und Südtirol und ist Autorin von Theaterstücken, Hörspielen, Erzählungen und Essays.

Ausserdem ist sie Mitbegründerin des Neuen Institut für Dramatisches Schreiben (NIDS). www.nids.eu

2011 erschien ihr erster Roman „Wenn gefährliche Hunde lachen“.

Sie hat zahlreiche Förderungen und Preise erhalten, u.a.der Akademie Schloß Solitude, des Collegium Budapest, des LCB Berlin und der Akademie der Künste Berlin.

Sie hat bereits am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, der UdK Berlin und in den USA unterrichtet und war auch als Dramaturgin tätig.

Ihre Stücke sind über www.schaefersphilippen.de zu beziehen.

Homepage der Autorin: www.m-obexer.de

EURODRAM wird „Illegale Helfer“ ins Bulgarische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Gergana Dimitrova.

Gefördert vom Deutschen Literaturfonds.

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PORTRÄT: Carla Guimarães (Weitere Empfehlungen extra)

Erfreuliche Nachricht.

am 01.10.2024 schrieb uns die Übersetzerin Franziska Muche:

"Carla Guimarães - Stück: Das Mädchen, das Letzte wurde - hat das Carl-Zuckmayer-Stipendium gewonnen (https://www.staatstheater-mainz.com/veranstaltungen/extras-24-25/carl-zuckmayer-stipendium) und wir werden wieder zusammenarbeiten."

Carla Guimarães: „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“.

Aus dem Spanischen von Franziska Muche.

CARLA GUIMARÃES
CARLA GUIMARÃES

Werden die Letzten wirklich die Ersten sein? In der ganz hervorragenden Übersetzung von Franziska Muche des Stückes von Carla Guimarães Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde, erfüllt sich die Prophezeiung (Matthäus 19,30). Allerdings in einer wunderbaren, märchenhaften, utopischen Weise und anders, als es die Protagonistin dachte.

Samia Yussuf Omar, junge Hindernisläuferin aus Somalia, wird bei den Olympischen Spielen in Peking Letzte (Anfang des Stückes). Am Ende des Stückes gewinnt sie (für die Mannschaft der „Unterstadt“) gegen den exklusiv eingeflogenen Mo Farah (Weltstar und englische Sportlegende, ebenfalls ursprünglich Somalier, der für die „Oberstadt“ startet) das 98. jährliche Tiramisu-Wettessen in einem kleinen italienischen Dorf. Sie putzt nicht nur, schneller als Mo Farah, den eigenen Teller Tiramisu weg, sondern auch gleich noch die Reste auf dem des Wettkampfgegners.

Samia hat sämtliche Hindernisse überwunden und ist am Ziel ihrer Träume angekommen: In EUROPA. Gesiegt hat sie gegen den Hunger. Zwischen Somalia und Europa liegt ein Theaterstück, eine lange Reise durch Libyen und im Boot über das SCHWARZE MEER. Dazwischen liegen auch, so ist das oft bei Roadmovies, wesentliche Erkenntnisse und eine Wandlung. Ein Sterben und eine wundersame Rettung und Auferstehung.

Das „SCHWARZE MEER“? „Plötzlich verändern sich die Dinge, und wir wissen nicht recht, warum. Aber wir gewöhnen uns sehr schnell daran, als ob es schon immer so gewesen wäre. […] Ich erinner mich daran, wie die Dinge einmal waren und ich glaube, dass sie auch so sein sollten“, erklärt der alte Fischer seinem Sohn, der das alles nicht mehr weiß. Das Meer vor ihnen war einmal wunderbar blau („wie die Augen deiner Mutter […], wie der Himmel über unseren Köpfen“) und es hieß „Mittelmeer“. Aber dann scheiterten unzählige Flüchtlinge, Männer Frauen und Kinder aus Afrika bei der Überfahrt mit untauglichen Booten ins Gelobte Land und ertranken. Statt blau ist es jetzt schwarz, und es heißt „Schwarzes Meer“.

Vater und Sohn fischen ein möglichst mageres und hungriges Mädchen aus dem Meer, in dessen Blick aber „der Glanz eines Champions“ liegen soll, damit sie beim Tiramisu-Wettbewerb gewinnen kann. Und das ist Samia, letzte Überlebende auf einem Flüchtlingsboot, die mit unsäglichem Durst ein verzweifeltes Gebet gen Himmel geschickt hatte: „Lieber Gott, bitte, ich habe dich noch nie um etwas gebeten… Nur um die Medaille, um den Weltfrieden und darum, dass es in Afrika keinen Hunger gibt… Was ich sagen wollte, du hast mir noch nie eine Bitte erfüllt, aber jetzt brauche ich Regen.“ Das Gebet wird erhört und in einem fürchterlichen Gewittersturm versinkt Samia mit ihrem Schiff.

Tura, Samias Trainer in Somalia (Eshetu Tura, ebenfalls reale somalische Sportlegende) hatte Samia nahegelegt: „Du musst über Somalia hinausschauen“. Auf den Rat ihrer Geschwister stellt sie sich auf die Schultern das Bruders („ich sehe was, was ihr nicht seht“) und erblickt EUROPA: „Geldautomaten“, „Drei Mahlzeiten am Tag“, „Hochgeschwindigkeitszüge, FKK-Strände, Kinder mit Handys, Reality-Shows auf MTV…“, etc. Und die explizite Einschränkung: „Sie nennen es Demokratie/Doch es ist Scharlatanerie/Mädchen mit Anorexie/Spinner mit Vigorexie.“

Die Reise in die (vorläufige) Katastrophe („Titanic“) ist viel schwerer, als die Protagonistin gedacht hatte. Carla Guimarães nutzt alle Mittel der theatralischen und sprachlichen Architektur. Schon beim Hindernislauf in Somalia muss Samia das Militär, die religiösen Fundamentalisten (die Samia die Burka überziehen wollen) und den Hunger austricksen. Die Kapitel aus Maos rotem Buch („Korrekte Behandlung von Widersprüchen unter dem Volk“), die Samia und ihre Geschwister in der Not verspeisen, stillen nur schlecht den Hunger, erweisen sich aber als nützlich im libyschen Minenfeld.

Zeitgleich zum aktuellen Geschehen fungieren als „Chor“ auf der Bühne „Das Radio“ („Wach auf, Somalia, […] wach auf Samia“) und in köstlich aussagestarken Reportagenklischees „Der Radiomoderator“. Tura liftet durch hervorragende Sprichwörter die Vorgänge auf eine höhere Bedeutungsebene („Kein Frosch spricht gern über seine Vergangenheit als Kaulquappe“, „Der Weise sagt nicht, was er weiß. Und der Dumme weiß nicht, was er sagt“). Die Regieanweisungen (allesamt gekonnt einfach im Dienste der theatralischen Umsetzbarkeit) gehen unter die Haut („Man sieht, dass das Meer schwarz ist. Die Arme einiger Männer und Frauen berühren das Boot, als wären sie Wellen“).

Die Piraten, die Samia mit Gaddafis Kopf abwimmelt, aus dem sie bei EBay Geld machen können, singen das „Lied des Piraten“ von José de Espronceda. EUROPA wird im Rap der Geschwister vorgeführt. Grundmelodie des Exodus ist „Don’t worry, be happy“.

Das ist Satire. Das ist großes Theater. Das ist Gleichnis, Utopie und Märchen. Das ist fürchterlich (im Geschehen) und einfach nur wunderbar und schön im satirisch kitschigen Happy End („Meine Damen und Herren, live und exklusiv erleben wir, wie Samia Yusuf Omar Markus Larsson die Zunge in den Hals steckt.“)

Aber darf man das? Darf angesichts der gegenwärtigen Völkerwanderung ein Flüchtlingsdrama im glücklichen Tiramisu-Wettbewerb enden? Ja, es darf. Auch Heine landete in weltpolitisch ernster Lage nicht nur beim Brot, sondern bei den „Zuckererbsen für jedermann“, bei „Rosen und Myrten, Schönheit und Lust“. In Ecos „Name der Rose“ ist nicht die Tragödie, sondern die Komödie die geächtete, gefährliche Gattung. Carla Guimarães befindet sich in guter Gesellschaft. Prodesse et delectare, daran hat sich nichts geändert.

TEXT: WOLFGANG BARTH

BIOGRAPHISCHES

Carla Guimarães wurde am 13. März 1975 in Salvador de Bahía (Brasilien) geboren und lebt seit 2001 in Madrid.

Sie studierte bis 1997 „Soziale Kommunikation“ an der Universidad Católica de Salvador. 2007 Promotion im Bereich „Theory, History and Practice of Theater“ an der Alcalá de Henares Universität.

Arbeitete als Journalistin für die Nachrichtenagentur EFE und die Tageszeitung El País.

Carla Guimarães ist Roman- und Drehbuchautorin und Autorin der Theaterstücke „Chuvisco, el bandolero arisco“ [„Chuvisco, der barsche Bandit“], „Hendaya: cuando Adolfo encontró a Paco“ [„Hendaye: Als Adolfo Paco traf“], „El Gato y la Golondrina“ [„Der Kater und die Schwalbe“], „La increible historia de la chica que llegó la ultima“ [Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde] (Liste der besten Theaterautoren beim Preis Premios Max de Teatro 2014 – ausgewählt für das Festival New Plays from Europe 2014 / Sala Cuarta Pared) und „La confesión de Lola“ [„Lolas Beichte“] (Uraufführung 2014 im Teatro Circo Price, Madrid).

Die DSE von „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“ findet am 29.11.2015 am Theater Baden-Baden statt.

http://theater.baden-baden.de/stuecke/tik/die-unglaubliche-geschichte-des-maedchens-das-letzte-wurde-dse/

FRANZISKA MUCHE
FRANZISKA MUCHE

Franziska Muche, geboren 1976 in Zittau, ist freie Dramaturgin und Übersetzerin, Diplomkulturwirtin (Univ. Passau) und ausgebildete Schauspielerin (Michael-Tschechow-Studio Berlin/ZAV). Seit 2008 übersetzt sie Theaterstücke aus dem Spanischen. Von 2003 bis 2007 war sie Senior Officer bei der Academic Cooperation Association (ACA) in Brüssel. 2007 wechselte sie zum Theater. Sie leitet die monatliche Reihe szenischer Lesungen AMBIGÚ in der Alten Kantine Wedding (Berlin), die zeitgenössische internationale Theaterstücke präsentiert (http://www.ambigu.info/).

Franziska Muche übersetzt Theaterstücke v. a. junger Dramatiker aus dem Spanischen und, im Tandem mit Pilar Sánchez Molina, aus dem Deutschen ins Spanische.

Sie übersetzte u.a. bisher Stücke folgender Autoren: Jose Manuel Mora, Paco Bezerra, Amaranta Leyva, Sergio Blanco, Ángel Hernández, Carla Guimarães; Sibylle Berg, Lutz Hübner und Dirk Laucke.

 

PORTRÄT: Stijn Devillé (Weitere Empfehlungen)

STIJN DEVILLÉ: HITLER IST TOT (Hitler is dood).

Übersetzt aus dem Niederländischen von Uwe Dethier.

Der Autor Stijn Devillé.
Der Autor Stijn Devillé.

Das Stück HITLER IST TOT von Devillé beschreibt die Situation beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/1946 in Nürnberg. Diese Situation ist für den Autor und historisch vor allem durch das titelgebende Faktum bezeichnet, dass die auratische Ära des „Führers“ nach dessen Selbsttötung vorüber ist. Auch seine beiden wichtigsten Stellvertreter Goebbels und Himmler haben sich „van het leven beroofd“, also ebenfalls das Leben genommen, wie es auf der Internetseite des Autors heißt. Die große Personage des Stücks besteht aus der in Nürnberg inhaftierten verbliebenen Führungsriege der Partei und den Anklägern, Richtern sowie einer Journalistin.

Das Stück zeichnet sich zuerst durch seine gewichtige Thematik aus, die sich komplett auf die Figuren konzentriert. Die Dialoge sind knapp, dynamisch, die Atmosphäre ist dicht. Erwähnt werden sollte noch die Notation. Schon in seinem ersten Stück HABGIER (HEBZUCHT, übersetzt aus dem Flämischen von Uwe Dethier), das eine Familie im Investitionsgeschäft während der Finanzkrise beschreibt, notiert Devillé die Figurennamen in Tabellenform am Seitenanfang und deren Dialoge kaskadenhaft darunter.

Das Stück ist dokumentarisch mindestens insofern, als dass die Figuren teilweise historisch sind. Die Figuren der Ankläger und Presse sind fiktiv. Einerseits ist das schriftliche, dokumentarische Format aktuell wenig en vogue, was diese Arbeit als Ausnahme interessant macht, andererseits ist bisher offenbar und erstaunlicherweise kein Theaterstück über diese spezielle Situation nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen.

Abgesehen von den ohnehin interessanten historischen Personen und ihrem Gebaren im Zusammenhang mit den Prozessen, das schon damals alle Anzeichen einer Theaterinszenierung an den Tag legte, zeigen auch und vor allem die Szenen mit den scheinbar rasch zusammenrekrutierten Ankläger und Richter, wie unsicher ihre Position gegenüber Schwergewichten wie Göring oder Streicher waren. Zwar basierte die Einrichtung des Internationalen Militärgerichtshofes auf Beschlüssen der Vereinten Nationen und stellte eine Fortsetzung und Weiterentwicklung des Völkerrechts dar. Zum ersten Mal aber wurden die Vertreter eines zum Zeitpunkt ihrer Taten souveränen Staates für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen, was dann in den Argumentationen auch Probleme auslöste und die Position der Angeklagten stärkte.

Hitler is Dood - Bart Grietens 10
Szene aus der Uraufführung.

Lieber Stijn Devillé,

welches war der Anlass für dieses historische Stück?

In vielen meiner Stücke stellt sich Fragen der Moral: was ist richtig, was ist falsch? 2002 habe ich ein Stück geschrieben, das sich mit dem Leben meines Onkels beschäftigt. Im zweiten Weltkrieg war er ein Held des Widerstands, war aber später, in den 50er Jahren, an einem antikommunistischen Sonderkommando beteiligt, das den belgischen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei umgebracht hat.

So wurde aus dem Kriegsheld ein ordinärer Killer. Als das in den späten Neunzigern herauskam, war ich schockiert. (Erst 2007, wenige Monate vor seinem Tod, hat mein Onkel die Tötung des Parteiführers zugegeben.) Mir kam es so vor, als gäbe es so etwas wie richtig und falsch gar nicht: es liegen immer dicke Grauzonen dazwischen.

Die Nürnberger Prozesse erschienen wie die Mutter aller Fälle, in denen diese ewige Frage zwischen Richtig und Falsch angegangen wurde. Allen war klar, dass der NS-Staat falsch war, aber hieß das automatisch, dass die Alliierten die ganze Zeit Recht hatten? Und was könnten die Konsequenzen für kommende Generationen sein? Als Kind hatte ich immer das Gefühl, „auf der richtigen Seite“ geboren zu sein. Aber mit welchem Recht konnte ich das behaupten? Im Gegenteil wurde ich durch mein Geburtsjahr 1974 zu einem Teil der Menschheit, der für einen Holocaust verantwortlich war: die Menschheit hatte keine Möglichkeit, diesen Fleck aus ihrer Geschichte zu tilgen. Als wären wir alle von dieser „Erbsünde” berührt. Deswegen sagt Edith Berger in der letzten Szene des Stücks: „Wir haben den Krieg nicht gewonnen. Wir haben ihn verloren.” Diese Sichtweise machte diesen historischen Fall für mich sehr relevant, naheliegend und modern.“

Welche Quellen haben Sie benutzt?

„Im Vorfeld hatte ich ungefähr fünf Jahre lang recherchiert (während ich andere Projekte geschrieben und inszeniert habe) und ein weiteres Jahr Vollzeit. Die Hauptquelle waren die Originalprotokolle der Verhandlungen in Nürnberg: sie umfassen 47 Bücher. Diese Abschriften wurden mit dem Avalon Project der Yale University im Internet öffentlich zugänglich gemacht. Andere wichtige Quellen waren: INTERROGATIONS: THE NAZI ELITE IN ALLIED HANDS, 1945 (2001) (Verhöre: Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945, Ullstein Taschenbuch 2005) von Richard Overy, The Nuremberg interviews: conversations with the defendants and witnesses von Leon Goldensohn & Robert Gellately und das Nuremberg Diary (Nürnberger Tagebuch, dt. von Margaret Carroux, Karin Krauskopf und Lis Leonard, FISCHER Taschenbuch 1977) von Gustave M. Gilbert. Sowohl Goldensohn als auch Gilbert schildern die Prozesse hinter den Kulissen, aber Gilbert ist sehr voreingenommen, während Goldensohn (in der Ausgabe des Historikers Prof. Dr. Gellately) präziser ist. Die Szenen mit Albert Speer sind angelehnt an die Arbeiten von Joachim Fest. Außerdem gab es Arbeiten von Steffen Radlmaier, Bradley F. Smith, Norbert Ehrenfreund, Hannah Arendt, Viktor Klemperer, Ian Kershaw, Geert Mak, Jörg Friedrich, Martha Gellhorn, Gitta Sereny…“

Während die deutschen Angeklagten historisch sind, scheinen die Amerikaner und Engländer im Stück fiktiv zu sein. Wieso?

„Alle vier Figuren (Robert Jackson, Dodd West, Rebecca Goldensohn und Edith Berger) sind entfernt angelehnt an historische Personen. Aber da diese der Öffentlichkeit wenig bekannt waren (Thomas Dodd? Airey Neave?), konnte ich sie anderes gestalten:

Ich wollte unterscheiden zwischen den Angeklagten einerseits, die nur über ihre Vergangenheit nachdenken und streiten konnten (vor ihnen lag nur der Tod), und andererseits den Anklägern, die sich auch mit der Zukunft zu befassen hatten. Um also das Stück für heute relevant zu machen, kam ich darauf, dass es spannend wäre, diese Figuren sehr jung zu machen. Ungefähr in meinem Alter. Historisch war das nicht ganz zutreffend: Robert Jackson z. B. war in Nürnberg über 50, in unserer Fassung wurde er aber von einem Schauspieler Ende Zwanzig gespielt. Wie gehen junge Leute mit diesem Problem um, ein ganzes Leben, die ganze Zukunft noch vor sich zu haben?

Gleichzeitig gewann ich damit mehr künstlerische Freiheit: ich konnte Gewohnheiten und Neigungen beschreiben, die zu der Zeit in Nürnberg herrschten (z. B. freien Sex; oder eine eher verschwenderische und freizügige Atmosphäre hinsichtlich Trinken und Alkohol), ohne genau darauf achten zu müssen, ob dieser oder jener historische Ankläger an solchen freizügigen Abenden in der Hotellobby teilgenommen hätte…

Die Figur von Edith Berger basiert auf mehreren historischen Frauen, die beim Prozess zugegen waren, z. B. Martha Gellhorn, Rebecca West, Elsa Triolet und Hannah Arendt. Rebecca West hatte zum Beispiel im Prozessverlauf eine Affäre mit dem amerikanischen Richter Francis Biddle, daher auch die Liaison zwischen Dodd West und Edith Berger im Stück.“

Szene aus der Uraufführung.
Szene aus der Uraufführung.

Übrigens ist zum Thema der Simultanverdolmetschung bei diesem Ereignis ein interessantes Buch erschienen: „Simultandolmetschen in Erstbewährung: der Nürnberger Prozess 1945“, Schippel/Kalverkämper, Frank & Timme, ISBN 978-3865961617.

DER ÜBERSETZER: Uwe Dethier ist Übersetzer aus dem Englischen, Niederländischen, Flämischen und auch aus dem Berndeutschen. Er hat zahlreiche Stücke von Autoren wie Roel Adam, Ignace Cornelissen, Guy Krneta und Charles Way übersetzt, viele davon für junges Publikum. Die von ihm übersetzten Stücke von Stijn Devillé werden bisher nicht von deutschsprachigen Verlagen vertreten.

DER AUTOR: Der flämische Autor Stijn Devillé verzeichnet auf seiner Website www.stijndeville.be 10 Theaterstücke, von denen die hier erwähnten zwei ins Deutsche übersetzt sind. Er ist außerdem Theatermacher. Nach Braakland/ZheBilding in Leuven, Belgien, ist er seit kurzem Künstlerischer Leiter eines neuen Hauses: Het Nieuwstedelijk.

Szene aus der Uraufführung.
Szene aus der Uraufführung.

Würden Sie uns kurz etwas über diese neue Spielstätte sagen, Herr Stijn?

„Het nieuwstedelijk ist das neue Stadttheater von Leuven, Hasselt & Genk. Es ist hervorgegangen aus einer Zusammenlegung von Braakland (meiner Truppe, die 2010 zum Stadttheater von Leuven gekürt wurde) und de Queeste (dem kleinen Stadttheater von Hasselt). Wir haben uns zum Ziel gesetzt, neue Stücke zu produzieren, die Fragen zu Leben und Gesellschaft im einundzwanzigsten Jahrhundert stellen: was passiert in unseren Städten, in dieser Welt und welche Auswirkungen hat das auf unseren Alltag? Aktuell arbeite ich an einer Trilogie zur Bankenkrise und der daraus folgenden Eurokrise, Hebzucht, Angst & Hoop.“

Hebzucht (HABGIER, ebenfalls von Uwe Dethier übersetzt) hatte 2012 Premiere, ANGST 2014, und HOOP (HOFFNUNG) kommt am 3. Dezember 2015 heraus. Die ganze Trilogie wird im Frühjahr 2016 am Stück gezeigt.

 

TEXT UND INTERVIEW: Henning Bochert

PORTRÄT: Marcel Zang (Weitere Empfehlungen)

MARCEL ZANG: MEIN GENERAL

(Aus dem Französischen von Wolfgang Barth.)

Marcel Zang
Marcel Zang

ZUM STÜCK

Das Stück handelt von Afrika, von den Afrikanern, vom Algerienkrieg, von Immigranten, ehemaligen Frontkämpfern und vom General de Gaulle.

Ausdrucksstark und humorvoll zeichnet der Autor das tragische Schicksal eingewanderter Arbeiter in Frankreich nach, gefangen im widersprüchlichen Netz ihrer eigenen Geschichtsinterpretation, ihrer Lebensbedingungen und ihrer ambivalenten Gefühle gegenüber dem Gastland.

Die Handlung spielt 1972 in Paris, zwei Jahre nach dem Tod des Generals de Gaulle. Die Hauptperson Augustin vergöttert den General. Diese überzogene Bewunderung hat er von seinem Vater übernommen, einem ehemaligen Kameruner Gefreiten der französischen Armee, der in beiden Weltkriegen gekämpft hat. Aber, so sagt Saïd, „mit de Gaulle ist es wie mit den weißen Frauen, ganz genau so. Alles, was er will, ist dein Körper, und nix geben.“ Dieser Sichtweise gegenüber bleibt Augustin blind und er versteht auch nicht den Pragmatismus des Algeriers, der nur nach Frankreich gekommen ist, weil er seine Familie ernähren muss: „Ich bin nicht in Frankreich, ich bin bei meinem Chef! Nicht de Gaulle bezahlt mich, der Chef bezahlt mich.“

Beide haben es mit einem Land zu tun, das gastfreundlich und zugleich ungastlich ist. Während Saïd sich über das Debakel Frankreichs in Algerien freut, vergeht Augustin vor Gefühlen, wenn er in seiner Dachmansarde die Reden des Generals de Gaulle und die Marseillaise anhört. Nichts wird ihn von seiner Liebe abbringen, nicht einmal, was man ihm über seinen Landsmann Menguele erzählt, einen hochdekorierten Kriegsheimkehrer, der seine Wut in Fußtritten und Beschimpfungen seines Hundes auslässt, den er „de Gaulle“ getauft hat.

 

ZUM AUTOR

Marcel Zang wurde 1954 in Kamerun geboren. Er war Schriftsteller, Dichter und Theaterautor.

Zahlreiche Veröffentlichungen in Frankreich und im Ausland in Zeitungen und Zeitschriften.

Sein Stück La Danse du Pharaon (Actes Sud-Papiers, 2004) wurde von der Comédie-Française im Théâtre du Vieux-Calombier im Juli 2005 in szenischer Lesung aufgeführt.

Marcel Zang war 2001 Stipendiat der Fondation Beaumarchais, 2003 und 2007 des CNL (Centre nationale du livre), 2005 Preisträger des Prix SACD de la dramaturgie francophone für sein Stück LExilé (Actes Sud-papiers, 2002) und 2010 Preisträger des Prix SACD Nouveau Talent Théâtre.

Lesung des Stückes Bouge de là (Actes Sud-papiers, 2002) durch die Compagnie des Docks im Théâtre du Rond-point in Paris unter der Leitung von Jacques Descorde.

Sein Stück Mon Général (aufgenommen in die Auswahlliste des Preistträger 2011 des CNT, Centre national du théâtre zur Inszenierungsförderung) wurde 2012 im Art Studio Théâtre in Paris von Kazem Shahryari inszeniert und wird zurzeit verfilmt.

Lesung des in Kürze erscheinenden Stückes Le Programme über totalitäre Demokratien, inspiriert vom Werk Edouard Bonds, beim Festival d’Avignon 2012 durch den Regisseur Christophe Rouxel. Inszenierung und Adaptation als „Comédie musicale“ von „Bouge de là“ (Dezember 2014 bis Februar 2015) durch Kazem Shahryari im Art Studio Théâtre. „Es ist höchste Zeit, dass Regisseure in diese brennend heiße und eisige Sprache eintauchen“, sagt Louise Doutreligne, Mitbegründerin der Écrivains associés du Théâtre (EAT) und Vorsitzende der Sparte Theater bei der SACD (Société des auteurs et compositeurs dramatiques).

„Ein bedeutender Dichter, ein machtvoller Künstler, der etwas zu sagen hat, Aussagen, die vielleicht stören, aber mit Kraft und Talent dargelegt werden“ (Ekia Badou, Jeune Afrique magazine, November 2012).

In manchen Kreisen treffen die Stücke Marcel Zangs auf heftige Ablehnung (siehe hierzu Rubrik „Nachrichten“).

Letzte Veröffentlichung Pure Vierge (Actes Sud-papiers, 2007).

NACHTRAG: Marcel Zang lebte und arbeitete in Nantes. Während der EURODRAM-Jahresversammlung in Istanbul 2016 erreichte uns völlig unerwartet die Nachricht, dass Marcel Zang am 21. Mai 2016 verstorben ist. Ein großer Verlust.

Text: Wolfgang Barth

Wolfgang Barth
Wolfgang Barth

DER ÜBERSETZER WOLFGANG BARTH

Studium Romanistik und Germanistik in Heidelberg, Paris und Bremen. Bis zu seiner Pensionierung im August 2014 arbeitete Wolfgang Barth als Lehrer für Französisch und Deutsch am Kippenberg-Gymnasium in Bremen.

In dieser Eigenschaft zahlreiche Aufgaben und Funktionen, u. a.: Dauerhafte Zusammenarbeit mit dem Institut Français (u.a. DELF/DALF-Prüfungen). Fachberater Französisch im Bundesland Bremen. Leiter der Zentralen Abiturkommission Französisch. Prüfer am staatlichen Prüfungsamt für Übersetzer und Dolmetscher (Französisch). Mitglied in der Deutsch-französischen Expertenkommission für das allgemein bildende Schulwesen. Prüfungsbeauftragter (Bremen) für das Abibac Academie Besançon, Belfort. Ernennung zum „Chevalier dans l’Ordre des Palmes académiques“ für der französischen Kultur geleistete Dienste (März 2011). Veröffentlichungen im Raabe Fachverlag für die Schule.

Übersetzertätigkeit seit 2006:

Marcel Zang, La Danse du Pharaon, ACTES SUD, 2004 ISBN 2-7427-4656-0 mit Erlaubnis des Verlags ACTES SUD, Mme Claire David; unveröffentlichtes Übersetzungsmanuskript © Wolfgang Barth, August 2006

Marcel Zang, Mon Général, unveröffentlichtes Manuskript 2012; Inszenierung durch Kazem Shahryari, 22. Nov. bis 21. Dez. 2012 im Art Studio Théâtre, Paris; unveröffentlichtes Übersetzungsmanuskript © Wolfgang Barth, August 2013

Marcel Zang, Bouge de là, in L’Exilé, suivi de Bouge de Là, ACTES SUD, 2002 ISSN 0298-0592; Adaption und Inszenierung durch Kazem Shahryari, 12. Dezember 2014 im Art Studio Théâtre, Paris, unveröffentlichtes Übersetzungsmanuskript © Wolfgang Barth, Dezember 2014

Schwerpunkte der Übersetzerarbeit werden weiterhin Theater- und Literaturübersetzungen sein.

PORTRÄT: Stefano Massini

STEFANO MASSINI: EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU. 

Aus dem Italienischen von SABINE HEYMANN.

STEFANO MASSINI wurde 1975 in Florenz / Italien geboren. Nach einem Studium der Altphilologie arbeitete er zunächst als Regie-Assistent bei Luca Ronconi am Piccolo Teatro in Mailand. Seit 2000 arbeitet Stefano Massini selbst als Regisseur, seit 2005 erregt er zudem als Dramatiker Aufmerksamkeit. Für seinen Text „L’odore assordante del bianco“ wurde er mit dem Premio Pier Vittorio Tondelli ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Dramatisches Schreiben in Italien. Im Jahr 2007 erhielt er den Premio Nazionale della Critica und 2013 den Premio Speciale Ubu. Massinis Texte werden in ganz Italien und im europäischen Ausland gespielt.

Das 2007 entstandene Stück „EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ beschäftigt sich mit der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, deren Ermordung vor ihrer eigenen Wohnung in Moskau im Jahre 2006 die Öffentlichkeit schockierte. Politkowskaja war eine investigative Reporterin, die sich u.a. mit Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Konflikt beschäftigte.

Massinis Text rekonstruiert weniger den genauen Ablauf ihrer Ermordung oder Details ihrer Biografie, er spiegelt vielmehr in Schlaglichtern die Gräuel und Ambivalenzen des kriegerischen Konflikts und die Rolle des Journalisten in einem solchen Kontext. Monologische, durchaus poetische Sequenzen wechseln sich mit Dialogen zwischen Reportern und Beteiligten und Betroffenen des Krieges ab. Vom Schicksal der russischen Journalistin ausgehend lädt Massini zu einer generellen Auseinandersetzung mit der Pressefreiheit und den Aufgaben des modernen Journalismus ein.

„EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ wurde seit der Entstehung des Textes nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich, Belgien, Luxemburg und Monaco gezeigt. Eine Spielfilmversion überzeugte bei den 66. Filmfestspielen in Venedig. Die deutschsprachige Erstaufführung ist für November 2015 am Oldenburgischen Staatstheater geplant.

EURODRAM zeigt bereits am 31. Mai 2015 einen Ausschnitt aus dem Text bei der EUODRAM-Präsentation am Nationaltheater Mannheim (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert).

STEFANO MASSINI hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe weiterer Stücke geschrieben, von denen nach der Uraufführung am Piccolo Teatro Mailand in letzter Zeit vor allem die „Lehman Trilogy“ großes Aufsehen erregte. Die deutschsprachige Erstaufführung dieses Textes („Lehman Brothers“) ist für Juni 2015 am Staatstheater Dresden geplant (Regie: Stefan Bachmann).

Sabine Heymann
Sabine Heymann

INTERVIEW MIT SABINE HEYMANN, DER ÜBERSETZERIN DES TEXTES

Frau Heymann, Sie haben „Donna non rieducabile“ ins Deutsche übersetzt. Wie sind Sie auf den Text aufmerksam geworden?

SABINE HEYMANN: Schon vor einigen Jahren hat mich mein Freund Christoph Lepschy (Professor für Dramaturgie an der Universität Mozarteum) auf Stefano Massini aufmerksam gemacht. Massini hatte in Salzburg 2011 einen Workshop zum zeitgenössischen italienischen Theater abgehalten und gemeinsam mit den Studierenden seinen Text „Il crollo“ (Der Crash) behandelt, der wohl eine erste Version der späteren „Lehman Trilogy“ war. Seitdem habe ich seine Arbeit aus der Ferne verfolgt und mich gefreut, dass es endlich einmal einem zeitgenössischen italienischen Autor gelang, auf italienischen Bühnen gespielt zu werden und Erfolg zu haben – was immer noch ein sehr schwieriges Unterfangen ist. Im vergangenen September kam dann Per Lauke mit der Anfrage auf mich zu, ob ich „Donna non rieducabile“ für seinen Verlag übersetzen könnte. Von dem Text war ich auf Anhieb fasziniert. Wie Massini das Thema angegangen ist, wie er das Material montiert und bearbeitet hat, das ist einfach großartig. Es ist ein sehr guter, ein spannender politischer Text, ein hochdramatischer Monolog, der einem für vieles die Augen öffnet. Die menschliche Größe und das journalistische Kaliber von Anna Politowskaja, die ich bis dahin nur oberflächlich kannte und von der ich noch nie etwas gelesen hatte, lernte ich über den Umweg der Übersetzung kennen. Beim Übersetzen habe ich vor allem versucht, dieselbe Gratwanderung nachzuvollziehen, die auch Politowskaja in ihrer Arbeit ständig vollzogen hat: zwischen Empathie und kritischer Distanz.

Was ist für Sie das Besondere am Übersetzen dramatischer Texte? Gibt es dabei spezifische Herausforderungen?

SABINE HEYMANN: Jeder Text hat sehr spezifische Anforderungen an die Übersetzung. Jeder Text ist auf seine Weise schwierig. Jedesmal müssen neue, eigene Lösungen gefunden werden. Handwerklich ist das Vorgehen schnell beschrieben: Der erste Durchlauf ist die Rohübersetzung, die sich sehr genau am Original entlanghangelt. Die ist schnell gemacht. Dann gibt es einen Abgleich, der auf Vollständigkeit, Missverständnisse, Fehler achtet. Vom dritten Durchgang an wird das Original mehr oder weniger beiseitegelegt. Dann erst geht es im übersetzten Text an die inhaltliche Stringenz, den Schliff, die Beseitigung von „Stolpersteinen“ … in der letzten Phase lese ich den Text noch einmal laut, dann geht es nur noch um Sprechbarkeit.

Vielleicht können Sie uns abschließend noch kurz etwas über die aktuelle Theaterszene in Italien erzählen. Wie ist es um die Position der zeitgenössischen Dramatik bestellt? Kommen in den Spielplänen auch ausländische Texte in italienischer Übersetzung vor?

SABINE HEYMANN: Wie oben angedeutet, haben es italienische Autor/innen bis heute schwer, sich zu behaupten. Es werden viele Texte geschrieben, aber nur wenige aufgeführt. Das liegt am prekären Theatersystem in Italien. Wenn ein Text einmal gespielt worden ist (meist als Eigenproduktion), ist das meist das Ende vom Lied. Nachgespielt wird so gut wie nie. Es gibt aber immer wieder sehr gute Autor/innen zu entdecken: neben den in Deutschland bereits bekannten und gespielten Davide Carnevali, Fausto Paravidino, Letizia Russo, Edoardo Erba und neben Stefano Massini sind das u.a. Magda Barile, Patrizia Zappa Mulas, Marco Calvano. Um nur einige Namen zu nennen. – Leichter haben es dagegen ausländische (auch zeitgenössische) Texte in italienischer Übersetzung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text und Interview-Fragen: Ulrike Syha

SABINE HEYMANN ist Geschäftsführerin des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Gießener Universität, Theaterkritikerin und Journalistin, Übersetzerin von Theatertexten, Belletristik und Sachbüchern aus dem Italienischen, Französischen und Englischen, Kennerin der Theaterszene in Italien und China. Sie hat bei zahlreichen internationalen Festivals und Projekten als künstlerische Beraterin und Dramaturgin mitgewirkt. Von 1981–1994 arbeitete sie als Kulturkorrespondentin für die Frankfurter Rundschau, den Hessischen Rundfunk, Theater heute, WDR, Deutschlandradio u.a. in Rom. Lehraufträge und Vorträge führten sie an die FU Berlin, die Universitäten Mainz und Frankfurt/Main sowie das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen. Seit 1994 arbeitete sie in der Kunst-und Ausstellungshalle in Bonn als Kuratorin für Rahmenprogramme zu den Ausstellungen. Seit 1996 war sie Persönliche Referentin des Präsidenten der Gießener Universität. Seit der Gründung 2001 ist sie Geschäftsführerin des ZMI.

http://www.zmi.uni-giessen.de/home/profil-sheymann.html

VERLAGSKONTAKT: 

PER H. LAUKE VERLAGe.K.

e-mail: lv(at)laukeverlag.de

http://laukeverlag.de

 

PORTRÄT: Maria Tryti Vennerød

DAS NORWEGISCHE STÜCK „DIE PRÜFUNG“. INTERVIEW MIT MARIA TRYTI VENNERØD, Autorin, UND NELLY WINTERHALDER, Übersetzerin.

Maria Tryti Vennerød
Maria Tryti Vennerød

„DIE PRÜFUNG“ spielt in einem Klassenzimmer. Ein Schüler ist der Schule verwiesen worden, und in einer Schule in der Nachbarschaft findet möglicherweise gerade ein Amoklauf statt, möglicherweise verübt von diesem Schüler. Im Klassenzimmer selbst hingegen wird gerade die jährliche nationale Abschlußprüfung durchgeführt, die Anspannung zwischen den anwesenden Schülern und Lehrern ist groß. Maria, kannst du uns etwas über die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte dieses Textes in Norwegen erzählen?

Maria Tryti Vennerød: Der Text wurde für DUS 2011 („Den Unge Scenen“, zu deutsch etwa: Die Junge Bühne) geschrieben, ein Jugendtheaterfestival, für das mehrere Autoren je einen Theatertext schreiben, ähnlich wie „Connections“ in Großbritannien. Verschiedene Jugendtheatergruppen im ganzen Land konnten zwischen den sechs neugeschriebenen Texten wählen. Vierzehn Gruppen haben sich entschieden, jeweils ihre Version von ”Die Prüfung” zu zeigen. Ich wollte ein Thema finden, das für Erwachsene genauso Gültigkeit besitzt wie für Jugendliche. ”Die Prüfung” handelt von einer Gesellschaft, die durch Furcht in Auflösung gerät. Das Motiv ist eine Schulklasse in der Mittelstufe, die aus Angst vor einem Schulmassaker auseinanderbricht.

Der Text handelt davon, wie extreme Haltungen entstehen können und wie wir uns zu Abweichlern oder zu denen ”die wir nicht mögen oder verstehen” verhalten, wie wir sie abweisen. Der Text thematisiert auch das Aufbegehren gegen das kulturradikale Erbe der 68er-Generation, wo Antiautorität weitgehend alleinherrschend und selbst wiederum autoritär geworden ist. Vielleicht ist das besonders verbreitet in Skandinavien – dass junge Menschen eine Wut gegen die allgegenwärtige Freundlichkeit der Elterngeneration verspüren – nichts erzeugt große Konsequenzen und darum kann alles normlos und gleichgültig werden. Wenn nichts eine Rolle spielt, kann man sich auch selbst wertlos fühlen. Die Gefahr eines liberalen und antiautoritären Systems liegt darin, dass die Menschen anfangen, nach festen und überautoritären Haltepunkten zu suchen, aus einer Sehnsucht heraus, dass Dinge etwas bedeuten sollen. Auf diese Weise kann es zu idealen Bedingungen für Extremismus kommen. Darüber wollte ich schreiben, in einem Text, der auch für Jugendliche geeignet sein und viele Rollen haben sollte.

„DIE PRÜFUNG“ kommt mit wenigen Worten aus, der Text hat fast etwas Minimalistisches an sich. Dadurch bekommen ganz konkrete Vorgänge manchmal eine nahezu „mystische“ Dimension. Das hat mich persönlich beim Lesen des Textes sehr fasziniert. Man hat immer das Gefühl, unter dem Gesagten liegt noch etwas anderes, eine weitere Ebene, eine andere Geschichte, etwas, das es zu entdecken lohnt. Maria, ist dieser Schreibstil typisch für dich als Autorin oder hat er sich vielleicht aus dem Stoff heraus entwickelt? Oder siehst du dich da in einer norwegischen oder skandinavischen Tradition?

Maria Tryti Vennerød: Knappheit, kombiniert mit Zweideutigkeit ist wohl typisch für meine Theatertexte. Ich bewege mich außerdem gerne an der Schnittstelle zwischen dem Minimalistischem und dem Üppigen, ja Schwülstigen, Burlesken. Ich mag, wenn Texte von gepfefferten, minimalistischen Dialogen zu plötzlichen Ausbrüchen wechseln, mit einer gerne sehr farbenfrohen Sprache. Der Rhythmus und die Musik in der Sprache sind mir wichtig, weil der Rhythmus sich aus der Situation hier und jetzt ergibt und damit für den Untertext wichtig wird. Präzision kombiniert mit Zweideutigkeit, Poesie kombiniert mit dem Burlesken, und am liebsten Geschichten, die aus einer antifaschistischen Grundhaltung heraus erzählt werden – das sind wohl meine Ideale, und die Form trägt selbstverständlich dazu bei, den Grundton in jedem Stück zu erzeugen.

Es stimmt, viele norwegische Theaterautoren schreiben minimalistisch. Die beiden bekanntesten, Jon Fosse und Arne Lygre, schreiben knapper und kühler als ich es selbst tue. Auf die Frage nach meinen Vorbildern habe ich einmal geantwortet, dass das Jon Fosse, Harold Pinter und William Shakespeare sind – und das stimmt, in dem Sinne, dass alle drei Qualitäten besitzen, die mich auf verschiedene Weise inspirieren. Harold Pinter hat für mich dennoch am meisten bedeutet – aber das allerwichtigste ist ja, hinzuhören und seiner eigenen Stimme zu folgen.

Nelly, du hast „Die Prüfung“ ins Deutsche übersetzt und dabei eine sehr flüssige, plastische Sprache gefunden. Ich denke, man merkt, dass du selbst auch Autorin bist. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Maria gekommen? Was hat dich an dem Text begeistert?

Nelly Winterhalder: Maria hat die Premiere meines ersten norwegischen Theatertextes gesehen und mich gleich am nächsten Tag gefragt, ob ich ihre Texte ins Deutsche übersetzen würde. Ich war zunächst überrascht, ich hatte ja vorher nur meine eigenen Texte übersetzt, aber spätestens nachdem ich „Die Prüfung“ gelesen hatte, gab es eigentlich keinen Zweifel mehr. Wir arbeiten als Autorinnen recht ähnlich, mit großem Bewusstsein für Rhythmus und Sprache, für Zweideutigkeit, und in einer Knappheit, die auch Raum für spielerische Ausbrüche lässt. Kein Wort ist dem Zufall überlassen, jeder Rhythmus trägt dazu bei, den Untertext zu transportieren. Es ist eine große Verantwortung, dieses feine Gefüge zu übersetzen, und war für mich eine tolle Herausforderung.

Vielleicht könnt ihr uns abschließend noch kurz etwas über die zeitgenössische, norwegische Dramatik erzählen. Gibt es im Moment eine lebhafte Szene in Norwegen? Werden auch viele Stücke, die aus anderen Sprachen übersetzt wurden, gespielt? Und wenn ja, aus welchem Sprachraum kommen diese Stücke vor allem?

Maria Tryti Vennerød: Im Laufe der letzten 15 Jahre gab es viel Engagement und die norwegische Gegenwartsdramatik ist aufgeblüht. Es gibt mehr Theatertexte, die Texte haben sich geöffnet und von dem psychologisch-realistischen Erbe Ibsens entfernt. Arne Lygre und andere etablierte Dramatiker, wie ich selbst, schreiben Texte, die man dramatisch nennen kann, in denen sich die Handlung zwischen Figuren in einem Raum abspielt, während sich der Text gleichzeitig deutlich reflexiv zu sich selbst als Theatertext verhält. Andere Autoren haben sich in noch größerem Grad dem postdramatischen Theater verschrieben, sie schreiben für ein Theater ohne Figuren, in dem Illusionen gebrochen und sichtbar gemacht werden – oder es gibt gar überhaupt keine Illusion mehr. Daneben gibt es viele Theaterschaffende, die eigentlich Schauspieler oder Regisseure sind, die ihre eigenen Texte schreiben, oder die ihr Material durch Interviews oder auf andere Art sammeln. Ausländische Texte werden ständig gespielt, vor allem aus Europa. Es wird vor allem aus dem Englischen, dem Deutschen und den anderen skandinavischen Sprachen übersetzt. ”Zwanzigtausend Seiten” von Lukas Bärfuss wurde letztes Jahr auf Oslos grösster Bühne gespielt. Gerade kann man in Oslo u.a. Texte von Mark Haddon (englisch), Rikke Wölck (dänisch), Ivan Virypaev (russisch), David Hare (englisch) und Lars Norén (schwedisch) sehen.

Nelly Winterhalder: Ich lebe seit 9 Jahren in Norwegen, und in dieser Zeit hat sich tatsächlich viel bewegt, vor allem sehen wir eine größere Vielfalt an Texten, wie Maria schon sagte. Durch die Etablierung des ersten Studiengangs für Szenisches Schreiben in Norwegen 2013, durch die Eröffnung des Dramatikkens Hus/Norwegian Center For New Playwriting, durch die Arbeit vieler Dramaturgen, Regisseure und Theater ist der Fokus auf die norwegische Gegenwartsdramatik stärker geworden. Ich wünsche mir dennoch, dass wir noch mehr zeitgenössische Dramatik auch auf den großen Bühnen sehen, eine offenere, fachliche Debatte, mehr Mut zum Risiko von allen Seiten. Aber – wir sind auf einem guten Weg.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir freuen uns auf die Lesung am Nationaltheater Mannheim am 31. Mai 2015, wo wir euch und den Text noch eingehender vorstellen werden (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert). 

Die Fragen stellte ULRIKE SYHA.

Übersetzung der Antworten: NELLY WINTERHALDER.

Nelly Winterhalder
Nelly Winterhalder

WEITERE INFORMATIONEN ZU WERK UND BIOGRAPHIE:

Maria Tryti Vennerød

Maria Tryti Vennerød, geboren 1978, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Theaterautorinnen Norwegens. Seit ihrem Debüt 2002 wurden ihre Stücke immer wieder an größeren Theatern des Landes gespielt. Ihre Texte wurden zudem in zehn Sprachen übersetzt und in Inszenierungen und szenischen Lesungen auch im Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich (Paris, „La Colline“), Ungarn (Budapest, „Nationaltheater“) und New York („Theatre for the new city“). Sie hat am F.I.N.D Festival der Schaubühne Berlin teilgenommen und eine Reihe von Preisen erhalten, unter anderem den „Ibsen Award“ und den Preis beim Wettbewerb zum „Centennial of the End of the Norwegian-Swedish Union“. Außerdem war sie für den „Hedda Award“ nominiert. Zurzeit arbeitet sie an einem Auftragstext für eine achtstündige Theaterperformance des „Det Norske Teatret“, Oslo, für das auch Lukas Bärfuss und Oleg Begajev einen Schreibauftrag erhalten haben.

http://www.mariatryti.com/framsyningar

http://nordiska.dk/en/?s=Maria+Tryti+Vennerød&t=a&a_type=&a_name=&w_min=-1&w_max=999&m_min=-1&m_max=999

Nelly Winterhalder

Nelly  Winterhalder,  geboren  1979  in  Löffingen  (Baden-­‐Württemberg),  ist  Dramatikerin,   Schauspielerin  und  Übersetzerin.  Sie  studierte  italienische  Literaturwissenschaft,   Germanistik  und  Theaterwissenschaft  in  München  und  Genova  (Abschluß:  Magister   Artium).  Ihre  Schauspielausbildung  erhielt  sie  bei  Artemis  Theater  in  München.  Seit  2006  lebt  sie  in  Oslo  und  arbeitet  mit  Projekten  v.a.  in  Norwegen  und  Deutschland.  Zur  Zeit  ist  sie  Masterstudentin  im  Szenischen  Schreiben  an  der  Kunsthøgskolen  in  Oslo.   Schauspielerin  und  Regisseurin  u.a.  am  Grusomhetens  Teater  Oslo,  Dansens  Hus  Oslo  und   am  E-­‐Werk  Freiburg.  Übersetzung  einer  Reihe  von  Theaterstücken  aus  dem  Norwegischen   ins  Deutsche.  Ihre  eigenen  Stücke  wurden  bislang  in  Norwegen,  der  Schweiz,  Italien  und   Nicaragua  aufgeführt.

Verlagskontakt: Nordiska ApS International Performing Rights Agency

www.nordiska.dk

PORTRÄT: Małgorzata Sikorska-Miszczuk

DER KOFFER (WALIZKA)

von Małgorzata Sikorska-Miszczuk

Der Koffer wurde für das zweite Programm des Polnischen Rundfunks (Dwojka) geschrieben.

Auf dem Theater war bisher eine polnische Inszenierung von Jan Klata zu sehen. Die deutschsprachige Erstaufführung der Übersetzung von Andreas Volk steht noch aus.

Małgorzata Sikorska-Miszczuk
Małgorzata Sikorska-Miszczuk

Das Stück erzählt die Geschichte des Franzosen Fransoua, der im Museum für Vernichtung einen Koffer mit dem Namen seines Vaters Pantofelnik und damit das Geheimnis seiner Herkunft entdeckt. Ein Erzähler führt uns in eine surreale und wendungsreiche Geschichte ein: Fransoua fühlt sich vage unwohl und wird von seiner Frau ins Museum geschickt. Eine Anrufbeantworterstimme wird zur zweiten Erzählerfigur Jaklin. Eine Museumsführerin im Museum für Vernichtung will kündigen, weil sie das unveränderliche Elend der Exponate nicht länger erträgt.

Nachdem Fransoua über einen Koffer im Museum seinem wahren Namen und seiner Identität auf die Spur gekommen ist, nimmt er in einer überraschenden Kadenz am Ende der Geschichte Kontakt mit diesem Koffer auf und vermag mit seinem von den Nazis vergasten Vater zu sprechen.

Dem Stück gelingt es, auf scheinbar geradezu unpolitische Weise die Verbrechen der NS-Zeit außen vor zu lassen und ausschließlich deren persönliche Auswirkung in der Gegenwart zu betrachten. Daher kommt die so schlafwandlerisch leichte Vorlage am Ende doch zu einer Katharsis mit großer emotionaler Tiefe. Indem sie die zweite Generation der Holocaust-Opfer zum Thema macht und die Hauptfigur wie auch das Publikum praktisch unbewusst an die tiefe Ursache ihrer Leiden heranführt, schafft Sikorska-Miszczuk einen wie zufälligen Bogen in den großen Zusammenhang. Nicht ganz ohne Einfluss bei der Wirkung ist sicher auch der für das Theater sehr fantasievolle Einsatz von im Radio schon ungewöhnlichen Wendungen, indem sich eine Erzählerfigur in die Stimme des Anrufbeantworters verliebt und kurzerhand durch die Leitung zu ihr kommt, so dass sie beide gemeinsam weiter durch das Stück führen. Die Autorin hat sich für das Stück von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen.

Den Aspekt des Hörspiels haben Teile des Komitees kritisch betrachtet und als mögliches Hindernis für die Bühne, während die gewählten Mittel und Wendungen insgesamt als ungemein inspirierender Gewinn für eine Inszenierung gewertet wurden. Besonders wurde der imaginative Humor sowie eine tiefe Weisheit und Zärtlichkeit des Stücks vom Komitee geschätzt und hat dem Stück schließlich in die Endauswahl verholfen.

Die Autorin

Małgorzata Sikorska-Miszczuk, *1964, arbeitet nach ihrem Studium an der Universität Warschau und der Film- und Theaterakademie Łódź als Dramatikerin und schreibt zu dem regelmäßig Drehbücher.

Ihre Stücke – wie „Tod des Eichhörnchenmenschen“ (Kaiser Verlag Wien), „Catherine De Medici“, „Der Bürgermeister“, „Eiserner Vorhang“ oder „Bruno Schulz: Der Messias“ – wurden vielfach international ausgezeichnet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und von renommierten Regisseuren zur Uraufführung gebracht.

In Warschau betreibt sie eine private Schule für Dramatiker_innen.

Beim Malta-Festival 2015 in Poznań ist die Vorpremiere der Oper DER ZAUBERBERG nach Thomas Manns Roman (Musik: Paweł Mykietyn, Regie: Andrzej Chyra) zu sehen, zu der sie das Libretto schreibt. Sie wird vertreten von der Agencja Dramatu

http://www.agencjadramatu.pl/

Weitere Theaterstücke (Auswahl): „Człowiek z Polski w czekoladzie“; „Zaginiona Czechosłowacja“; „Żelazna kurtyna“; „Psychoterapia dla psów i kobiet“; „Spalenizna/Rozkład“; „Śmierć człowieka wiewiórki“ (Tod des Eichhörnchenmenschen); „Burmistrz“ (Der Bürgermeister); „Mesjasz“ (Bruno Schulz: Der Messias)

Andreas Volk
Andreas Volk

Andreas Volk, *1971, ist Übersetzer zeitgenössischer polnischer Literatur, u. a. von mehr als zwanzig Theaterstücken. Er war Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Literatur polska2000 in Krakau, Stipendiat der Villa Decius, sowie 2009-2011 Koordinator des Projekts „Translation Studies“ am Collegium Polonicum in Slubice. Er ist Redakteur der in Krakau erscheinenden deutsch-polnisch-ukrainischen Literaturzeitschrift „radar“ und Mitbegründer des deutsch-polnischen Übersetzungsjahrbuchs „OderÜbersetzen“. 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks ausgezeichnet. Auf der Internetseite des Goethe-Instituts findet sich ein Interview.

http://www.goethe.de/ins/pl/lp/kul/dup/uwe/ueb/de6849474.htm .

Übersetzungen / Theaterstücke (Auswahl): Artur Pałyga, DER LETZTE VATER SEINER ART, (Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, Wiesbaden, Juni 2010); Małgorzata Sikorska-Miszczuk, DAS ENDE DER WELT, (Theater Magdeburg, Premiere 16.4.2010); Krzysztof Warlikowski (A)POLLONIA (Wiener Festwochen, Juni 2009; Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Juni 2010); Magda Fertacz, TRASH STORY (Maxim Gorki Theater, Berlin, Szenische Lesung, März 2009)

Übersetzungen von Prosa und Lyrik in den Zeitschriften „die horen“, „Lichtungen“, „OderÜbersetzen“ und „radar“ (u. a. Mariusz Sieniewicz, Inga Iwasiów, Eustachy Rylski, Włodzimierz Kowalewski, Krzysztof Varga, Konrad Wojtyła, Marta Syrwid)

TEXT: HENNING BOCHERT

NACHTRAG: „Der Koffer“ wird übrigens gerade vom polnischen Fernsehtheater (Studio Teatralne Dwójki) umgesetzt. Hier ein Videotrailer:

https://www.facebook.com/video.php?v=882975205101797

EURODRAM zeigt am 31. Mai 2015 am Nationaltheater Mannheim einen Ausschnitt aus „Der Koffer“ (Einrichtung der Lesung: Sandra Schüddekopf).