PORTRÄT: Karen Köhler (Weitere Empfehlungen)

Nicole Desjardins wird « DEINE HELDEN – MEINE TRÄUME » (Verlag für Kindertheater) von Karen Köhler im Auftrag von EURODRAM ins Französische übersetzen.

Hier je eine Stellungnahme von Übersetzerin und Autorin zum Stück, das Teil einer Trilogie ist.

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Karen Köhler. – Foto: J. Klug

Karen Köhler (Autorin):

„Deine Helden –Meine Träume ist ein Auftragswerk des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Meine Arbeitsaufgabe war es, das Thema Rechtsextremismus zu bearbeiten. Meine Idee war es, daraus eine Miniserie aus drei Stücken zu machen, die jeweils eine Spielzeit nacheinander aufgeführt werden sollten. Wobei der Spielort und die Anzahl der Schauspieler bereits vom Theater vorgegeben waren.

Das erste Stück sollte ein Klassenzimmerstück für eine Person sein, und den Auftakt bilden. Das zweite Stück ein 3-Personen-Stück, das im Theater gezeigt wird, und das dritte wiederum ein Klassenzimmerstück.

Wir wollten das junge Publikum in den Schulen abholen, sie ins Theater bringen und wieder in der Schule enden. Das hat sehr gut funktioniert. Die Trilogie läuft 2016/17 in der 4. Spielzeit am DNT Weimar.

Deine Helden – Meine Träume lebt davon, dass das Klassenzimmer als realer Raum ohne theatralen Überbau funktioniert. Es ist sehr interaktiv und kommt nah an die Schüler*innen ran. Das wäre im Theater schwerer möglich. Man müsste die Zuschauer*innen-Situation so aufbrechen, dass keine Trennung zwischen Spiel- und Zuschauerebene vorhanden wäre.

Jonas, die Hauptfigur, kommt in sein ehemaliges Klassenzimmer zurück, und das Umfeld, das Erinnerungen auslöst, lässt ihn seine Geschichte erzählen.

Im zweiten Teil HELDEN! Oder warum ich einen grünen Umhang trage und gegen die Beschissenheit der Welt ankämpfe sind die Figuren, über die Jonas im ersten Teil der Trilogie spricht, auf der Bühne: Jonas, Jessica und Mo tragen -Jahre später- die alte Geschichte auf der Bühne miteinander aus. Auch hier wird der Bühnenraum als der Raum bespielt, der er ist: eine Bühne.

Im dritten Teil III Helden: Stadt. Land. Traum. steht Jessica dann als Referendarin in der Turnhalle vor ihren Schüler*innen. Und von einer Parole in der Pausenhalle ausgehend dröselt sie das Thema Fremdenfeindlichkeit und die Flüchtlingspolitik Europas auf. Bei dem Versuch, herauszufinden, wer die Parole geschmiert hat, überschreitet sie Grenzen und führt schließlich ein Experiment mit den Schüler*innen durch, bei dem es um Wahrnehmung des Gegenübers geht. Auch dieses Stück ist speziell für die Schule konzipiert und schwer auf den klassischen Bühnenraum übertragbar.

Zusammen funktionieren die drei Teile als eine Miniserie, die sich um den Themenkomplex Helden-Freundschaft-Liebe-Vertrauen-Fremdheit rankt und jeweils den Ort, an dem sie spielen konkret aufgreifen. Jeder Teil funktioniert auch als Solotheater-Erfahrung, man muss die beiden anderen Teile nicht kennen, um inhaltlich folgen zu können.

Die Entstehung des ersten Teils habe ich auf der Seite www.deine-helden-meine-traeume.de dokumentiert. Alle Figuren der Trilogie sind aus Interviews und Antworten auf den Fragebögen entstanden. Ich habe mit über 100 Jugendlichen zusammengearbeitet und das Thema Rechtsextremismus verdeckt recherchiert, um nicht eine vorgefertigte Meinung abzufragen, oder im Vorfeld zu politisieren und dadurch manipulierte Antworten zu erhalten.

Der Erste Teil der Trilogie läuft mittlerweile an mehreren Theatern im deutschsprachigen Raum. Das Theater Konstanz ist das erste Theater nach dem DNT Weimar, das nicht nur den ersten Teil nachspielt, sondern auch den zweiten. Das macht mich sehr froh und zeigt mir, dass Theater auch nachhaltig sein kann. Wir Autor*innen leben davon, dass unsere Stücke nicht nur uraufgeführt werden, sondern auch vom Mut der Theater, die unsere Arbeit zweit-, dritt- und viertaufführen.

Umso dankbarer bin ich EURODRAM für die Möglichkeit, Werke sprachübergreifend in Europa zu verbreiten und in einen Austausch zu geraten. Das trägt einen wichtigen Teil zum europäischen Kulturverständnis bei. Wir dürfen uns in der Kunst nicht auf den nationalen Raum zurückziehen, dafür sind die ökonomischen und sozialen Beziehungen der Welt viel zu komplex geworden. Wir können aber das große Dilemma am Beispiel des Kleinen zeigen.“

 

Nicole Desjardins (Übersetzerin):

„Man könnte fast sagen, dass Deine Helden – Meine Träume ein Boxkampf in Textform ist, aufgeteilt in zehn Runden. Der Darsteller achtet die ganze Zeit auf das Timing, denn länger als eine Stunde soll das Erzählen seiner Geschichte nicht dauern. Er händigt sogar jemand im Publikum sein Telefon aus, mit dem Auftrag, genau auf die Zeit zu achten.

Auch andere Bezüge zum Sport gibt es: Es geht um allgemeine Sportethik, aber auch um konkrete Bewegungsabläufe beim Boxen. Und darum, wie wichtig es ist, beim Boxen seine privaten Gefühle niemals mit in den Ring zu nehmen.

Wir befinden uns allerdings nicht im Ring. Wir befinden uns nicht mal auf einer Bühne. Wir befinden uns in einem normalen Klassenzimmer mit Schultischen und Tafel, und die anvisierte Stunde entspricht in etwa der Dauer einer Schulstunde. Das Stück wird also direkt vor Schülern und Lehrern gezeigt. Der Schauspieler ist bereits im Raum, wenn die Zuschauer kommen. Die Schüler merken da sicher auf : Da sitzt plötzlich ein Fremder in ihrer Klasse.

Die im Stück verwendete Sprache ist Alltagssprache, keine Kunstsprache. Der Ton ist natürlich und zeitgemäß und gibt dem Monolog einen spontanen Gestus.

Der Titel Deine Helden – Meine Träume kann auf mehreren Ebenen gelesen und verstanden werden: Der Junge, um den es in dem Stück geht, Jonas, verliert sehr früh seinen Vater und erfährt erst später, dass der Vater als Jugendlicher geboxt hat. Daraufhin meldet er sich auch zum Boxtraining an. Er sucht und braucht ein Vorbild. Beim Training lernt er dann Mo kennen, dem er nachzueifern versucht, da Mo ein sehr guter Boxer ist. (Ist sein Name vielleicht sogar eine Anspielung auf Mohammed Ali?).

Außerhalb des Rings sehnt sich Jonas danach, seiner Mutter besser helfen zu können, die mit einem gewalttätigen Mann mit Alkoholproblemen verheiratet ist. Er wünscht sich, ein Superheld zu sein, genau wie die Figuren aus seiner Kindheit.

Aber diese Träume verwirklichen sich natürlich nicht…

Stattdessen trifft er auf einen falschen Helden, einen Verführer: Haiko. Jonas lässt sich auf ihn ein, er ist nett, cool, etwas älter und außerdem der Bruder des Mädchens, in das Jonas unglücklich verliebt ist. Jonas folgt Haiko wie dem berühmten Rattenfänger im deutschen Märchen.

Und als sich zu seinem Liebeskummer auch noch rasende Wut auf seinen besten Freund Mo gesellt, der als «Fremder» ohnehin eine gute Zielscheibe für Hass und Spott ist, gerät Jonas schnell in einen Teufelskreislauf. Jonas weiß eigentlich, wohin Nationalismus und Rassismus führen können, aber als er selbst in eine entsprechende Situation gerät, erkennt er die Gefahr nicht sofort.

Inhaltlich schneidet der Text Themen und Ängste an, die in Deutschland (aber nicht nur in Deutschland) immer wieder eine große Rolle spielen. Die Frage nach den Gefahren, die vom Nationalismus ausgehen. Die Angst vor dem Fremden. Die Auslöser in privaten Biografien, die zu einem schleichenden Abrutschen in Gewalt führen können.

Es wird immer Diktatoren wie Hitler geben oder andere gefährliche Verführer. Heute heissen sie vielleicht Daesh oder «Islamischer Staat».

«Meine Träume» bleiben also die Träume eines Jugendlichen, der auf schmerzhaftem Weg und durch einen großen Irrtum etwas ganz Entscheidendes fürs Leben lernt. Und seine Erfahrungen nun mit anderen teilen möchte, um zu verhindern, dass sie in dieselbe Falle gehen.

Ein berührender Text, der besonders für Jugendliche sehr geeignet ist.

Deshalb freue ich mich, dieses Stück ins Französische übersetzen zu dürfen. Aber auch als Regisseurin spricht es mich an, ich hätte Lust, es vielleicht später selbst zu inszenieren. Für einen Schauspieler ist die Rolle von Jonas ein Geschenk.“

 

BIOGRAFISCHES:

Karen Köhler wollte Kosmonautin werden, hat Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert. Nach vielen Jahren im Schauspielberuf, schreibt sie mittlerweile Theaterstücke und Prosa. 

Nicole Desjardins ist Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Übersetzerin (Deutsch-Französisch) und lebt in Paris. http://www.cievuesurjardin.com

 

 

 

 

 

 

 

PORTRÄT: Christiane Kalss (Weitere Empfehlungen)

Zwei Fremde kommen in eine kleine Gemeinde. Wir erfahren nicht, woher sie kommen. Von weit her oder nur aus dem Nachbardorf? Sie werden aufgenommen und unter dem Deckmantel der Nächstenliebe in einer Gemeinde herumgeschoben, die um die Aufrechterhaltung ihres idyllischen Bildes ringt.

Teile dieser Gemeinde sind Heidrun und ihr Sohn. Heidrun macht aus einem alten Bauerhof ein Unternehmen, eine Geburtsklinik mit verschiedenen Angeboten (von der Schaumgeburt bis zur Stallgeburt als Jesuskind sind alle Optionen buchbar), während ihr Sohn immer neue, immer absurder werdende Geschäftsideen hat.

Im Verlauf des Stückes „Die Erfindung der Sklaverei“ dreht sich der Status der Figuren immer wieder. Hinter der Gemeinde steht eine unsichtbare Macht – oder ist es doch die Gemeinde selbst? Ein neoliberales, autoritäres Regime mit einer Blümchenfassade, dem ihre Bewohner ausgeliefert sind.

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Theaterautorin Christiane Kalss

Das Universum von Christiane Kalss scheint eine leichte, humorvolle Welt zu sein. Eine Oberfläche, an der „alles in bester Ordnung“ ist, schön und heimelig, eine Idylle, die permanent um ihre Außenwirkung bemüht ist. Aber diese Leichtigkeit kaschiert nur die Abgründe. Den Abgrund in den Figuren, ihre Unfähigkeit, sich in dieser neoliberalen Welt zurechtzufinden – aber auch den Abgrund des Systems, das die Figuren zunächst unterstützt, um sie im nächsten Moment in den schönsten Tönen zu verraten. Nichts ist sicher. Und dies gilt für die Bewohner der Gemeinde selbst genauso wie für die von außen Kommenden.

Die Regierung in „Der letzte Mensch auf dem Mars“ zum Beispiel, einem anderen Stück von Christiane Kalss, die sich zunächst eine Marsmission auf die Fahne schreibt, um sie kurze Zeit später für ein prestigeträchtigeres Vorhaben aufzugeben, ganz gleich, ob das Opfer fordert. In diesem Fall die weibliche Hauptfigur, die alleine auf dem Mars zurückgelassen wird.

Oder eben die Gemeinde in „Die Erfindung der Sklaverei“, die sexuelle Verfehlungen ihrer Vorsitzenden beschönigt darstellt und sie dadurch aus der Welt schaffen will, während sie parallel dazu die Bürger für ihre eigenen Zwecke (die Aufrechterhaltung der Gemeinde und ihrer Idylle) missbraucht. Und alles immer nur solange, bis sich eine bessere Möglichkeit bietet. Unheimlich daran ist, dass alle sich dieses Vorgehen ohne ein einziges Widerwort gefallen lassen. Damit gelingt Christiane Kalss eine Zustandsbeschreibung unserer Welt und ihrer Mechanismen mit aktuellen politischen Bezügen, die geschickt eingebunden werden, ohne platt daher zu kommen.

Die soziale Situation ist geprägt von Unsicherheit, von einem absurden Verhältnis der Individuen zur Bürokratie und den Institutionen, die sie umgeben. Institutionen, die noch vorgeben, ihnen zu dienen, sie aber im Grunde nur ausbeuten, ja geradezu versklaven. Dies gilt sowohl für das „System Dorf“ selbst als auch für die Fremden, die dort hinkommen. Das hat etwas Kafkaeskes, Monströses, ist aber immer gepaart mit Humor und verpackt in lakonische Dialoge.

Die Anleihen dafür nähme sie direkt aus der Realität, so die Autorin. „Ich klau gute Geschichten“, sagt sie selbst.  Zuerst gab es den Titel. Auch er steht für reale Tendenzen in der Gesellschaft, eine Zunahme von Arbeitsverhältnissen, die man als moderne Versionen von Sklaverei bezeichnen könnte: Arbeiten ohne Bezahlung, Herstellung von bedingungsloser Abhängigkeit und permanenter Verfügbarkeit.

„Die Erfindung der Sklaverei“ war dieses Jahr zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und wird am 19. Oktober 2016 auch in einer szenischen Lesung am Staatstheater Karlsruhe präsentiert. Für März 2017 ist die Uraufführung im Theater Drachengasse in Wien geplant.

Sandra Schüddekopf

 

EURODRAM-MITGLIED AURÉLIE YOULIA ÜBERSETZT DAS STÜCK IM AUFTRAG VON EURODRAM INS FRANZÖSISCHE.

 

BIOGRAFIE DER AUTORIN

CHRISTIANE KALSS, geboren 1984, aufgewachsen in der Obersteiermark, lebt in Wien. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und nahm 2008-2010 am Lehrgang Forum Text von uniT in Graz teil. Sie schreibt Dramatik.

Nominierungen, Preise, Stipendien (Auswahl): 2007 Nominierung für den Retzhofer Dramapreis — 2009 Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena für das Stück “Drinnen” — 2009 Dramatikerstipendium des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur — 2009 Teilnahme an stück/für/stück am Schauspielhaus Wien — 2010 Startstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur — 2010 Einladung zu den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters — 2011 Wiener Dramatikerstipendium — 2014 Nominierung für den Leonhard-Frank-Preis des Mainfranken-Theaters Würzburg — 2015/2016 Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München — 2016 Nominierung für den Autorenpreis „Stück Auf!“ der Stadt Essen —Einladung zum Heidelberger Stückemarkt 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahresversammlung 2016 in Istanbul

Von Henning Bochert

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Die Eurodram-Koordinatoren und einige Komiteemitglieder und Gäste bei der Jahresbilanz. – Foto: Henning Bochert

In diesem Jahr findet die Eurodram-Generalversammlung in Istanbul statt. Die präzise Planung von Hakan Silahsizoglu, Übersetzer, Schauspieler und Koordinator des türkischen Komitees, sorgt schon lange im Vorfeld für umfangreiche Informationen. Dank Hakan ist die Versammlung Teil des Istanbuler Theaterfestivals TIYATRO. Darüber hinaus findet parallel eine der beiden Jahresversammlungen der internationalen Autorenvereinigung THE FENCE statt. Es gibt also viel Programm und noch mehr Gesichter und Sprachen.

Donnerstag

Istanbul, einzigartige Stadt am Bosporus, 15 Millionen Menschen auf den verschiedenen Ufern – oder sind es Küsten? –, den Landzungen. Zuerst ist diese Stadt nur eine U-Bahnfahrt ins Zentrum, wie immer scheinbar endlos, wenn man die Strecke nicht kennt. Kaum im Hotel im Ortsteil Șișli angekommen, geht es auch schon weiter zum ersten Abendprogrammpunkt. Wir dürfen exklusiv eine Generalprobe des Stücks EV’VEL ZAMAN (HOUSE UPON A TIME) von Gülce Ugurlu besuchen, die auch Regie führt. Drei junge Darsteller (M, F, F) spielen zwei Schwestern und einen Architekten. Die Schwestern erben das Haus der Großmutter am Rande Istanbuls, einem Entwicklungsviertel, in dem die Preise rasch steigen. Was tun wir mit dem Haus? Verkaufen? Behalten? Eine Schwester ist strikt gegen den Verkauf, die andere, beeinflusst vom Architekten, der ein Geschäft wittert, möchte den alten Kasten loswerden. Eine Art Kirschgarten auf Istanbulisch, die Inszenierung stark bestimmt vom Bühnenbild aus zahlreichen hellen, kniehohen Holzwinkeln, die sich mit jeder neuen Anordnung in Sitzgelegenheiten, Irrgärten, gefährlich hohe Säulen oder Stapel weggeräumter Möbel verwandeln. Das verleiht dem Abend und seiner dichten Geschichte eine strenge Form, die gut zusammenhält. Gentrifizierung und Verdrängung ist also auch hier in dieser ständig wachsenden Riesenstadt ein Thema. Die Übertitel jagen einander über der Bühne, unmöglich, der obschon guten englischen Übersetzung zu folgen, denn – einer der beiden Kardinalfehler bei Übertiteln – es wurde für die Titel keine Strichfassung erstellt.

Später ein erstes Essen, Kennenlernen der Autor*innen von FENCE und der Übersetzer*innen, Schauspieler*innen, Dramaturg*innen etc. von Eurodram. Einige bekannte, viele neue Gesichter, dazu der Reiz einer Gemengelage aus unbekannten Sprachen, der Beteiligten aus 20 Ländern und sicher 15 Sprachen. Ständig muss irgendwas für irgendwen übersetzt werden, die Köpfe wenden sich, und die Sprache wechselt mitunter mitten im Satz. Der Reiz des Nichtverstehens: aufregend und inspirierend.

Ein letzter, erschöpfter Blick aus dem Hotelzimmer über das nächtliche Istanbul, Möwen krächzen von den Dächern, als ob Katzen erdrosselt würden. Dann der nötige Schlaf.

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Vorstellung der Stückauswahl des Bulgarischen Komitees. – Foto: Henning Bochert

Freitag

Um halb zehn versammeln wir uns im Marmara Hotel unweit des „Wohnhotels“ in zwei nebeneinander gelegenen Räumen, hier FENCE, da Eurodram. Die Vormittagsstunden rauschen vorüber, indem Dominique Dolmieu, der Pariser Generalkoordinator und Mitglied des französischen Komitees, die einzelnen Komitees aufruft und über ihre Arbeit berichten lässt: wie viele Mitglieder habt ihr, welche Aktionen habt ihr geplant oder welche konntet ihr durchführen, was braucht ihr. Fast alle brauchen Geld, um wenigstens Reisekosten nicht selbst zahlen zu müssen. Das deutsche Komitee ist mit fünf Anwesenden am stärksten vertreten, auch vom türkischen Komitee kommen im Laufe dieses und des folgenden Tages Mitglieder dazu. Selbstverständlich sind die Nachbarn Griechenland und Bulgarien vertreten, aber auch die Delegierten der ungarischen, portugiesischen, albanischen und hebräischen Komitees sind angereist. Sehr unterschiedlich fällt die Arbeit der Komitees aus: Stücke auszuwählen, diese Auswahl sichtbar zu machen und die Stücke zu empfehlen. Alles ist gemeinnützig, ehrenamtlich, eine Arbeit Wahnsinniger, von denen nicht gesagt werden kann, dass sie nichts Besseres zu tun hätten, im Gegenteil sind die meisten noch mit hundert anderen Dingen beschäftigt, und gerade deswegen fällt es den Komitees häufig schwer, genügend Zeit zum Lesen der Einsendungen zu finden oder auch nur einen Aufruf dazu bekannt zu machen. Dennoch gelingt es. Sehr wenige Komitees wie das bulgarische und das deutsche und das kosovarische können überhaupt mit Förderungen aufwarten, die aber auch nicht unbedingt für die eigene Arbeit verwendet werden, sondern für die Förderung des Organisationsziels, z. B. zur Finanzierung der Reisen oder für Übersetzungen der Auswahl in andere Sprachen.

Zum Mittag verteilen sich die Teilnehmer der beiden Gruppen neu gemischt auf nahe Restaurants, neugierige Gespräche allerorten: woher seid ihr nochmal, was machst du sonst so?

Der Nachmittag ist der Auswahl der Stücke der Komitees gewidmet. Die Koordinator*innen berichten dem Alphabet der Sprachen nach über die jeweils drei ausgewählten, originalsprachlichen Titel dieses Jahres, referieren kurz die Handlung, etwas über die Autor*innen, die Übersetzer*innen, etwas zur Rezeptionsgeschichte, und angesichts des knappen Zeitplans mahnt Dominique: Two more minutes! Schließlich, als die Luft im fensterlosen Konferenzraum nach Nedas „u“krainischem Komitee nahezu komplett von Sauerstoff befreit ist, stürzen wir befreit auf die Straße.

Schaffen wir es noch, vor der Abendvorstellung etwas zu essen? Wer schaut sich was an? Welcher Gruppe schließe ich mich an? Wir fahren bis zum Taksim und gehen durch die auch jetzt am Abend überaus geschäftige Geschäftsstraße zu einem kleinen Restaurant mit hervorragender Küche. Hauptsächlich Fencer haben sich hier versammelt und müssen ihr Essen rasch hinunterschlingen, um nicht zu spät zur Vorstellung in der garagistanbul um die Ecke zu kommen. Im Stück YAŞLI ÇOCUK (OLD CHILD) erleben vier Figuren ihre Geschichte, und erst zum Ende hin wird dem Zuschauer enthüllt: sie sind Geister, sie sind alle gestorben, aus jemandes Leben gerissen, durch Flucht, durch eine Bombe, vom Boot ins Meer gefallen, in den Kampf gezogen… Leider hat sich die Regie für einen Musikteppich entschieden, und auch wenn die Figuren so wenig und langsam und mit Wiederholungen sprechen, dass Geschwindigkeit der Übertitel kein Problem darstellt, gerät dieser Abend zu einem für den Geschmack der meisten Zuschauer entsetzlich kitschigen, vagen Brei in einem Bühnenbild willkürlich wirkender Surrealität.

Im Anschluss trifft sich, was nicht schon komplett erledigt ist und nur noch schlafen will, in einer coolen Bar um die Ecke gleich neben der İstiklal Avenue, wo noch Straßenkünstler herumsingen, die Eisverkäufer sich gegenseitig in Eiskremakrobatik überbeiten und eine historische Straßenbahn herumbimmelt.

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Vorstellung der Stückauswahl des Hebräischen Komitees. – Foto: Adi Kuneva

Samstag

Am Vormittag bringt Hakans Organisationstalent die Teilnehmer der Fence- und Eurodram-Versammlungen mit der Festivalleitung sowie Theatermachern aus der Türkei zusammen. Eine riesige Vorstellungsrunde der Einzelnen im vollen Raum sowie auch der beiden Organisationen durch Dominique Dolmieu (Eurodram) und Jonathan Meth (Fence). Der Autor und Wissenschaftler Hasan Erkek berichtet sehr knapp über die Geschichte der türkischen Dramatik und des Theaters in diesem Land, auch der Autor Tuncer Cucenoglu meldet sich mehrfach engagiert zu Wort. Auch der kurdische Autor Mirza Metin war anwesend (sein Stück ist Teil der Auswahl des türkischsprachigen Komitees). Die Festivalleiterin Leman Yilmaz berichtet über Geschichte und Struktur des Festivals und seine schwierige Situation, das es lediglich zu 5 % des Budgets aus öffentlichen Mitteln unterstützt wird, während das Budget für jedes Festival neu von Sponsoren und Spendern aus der Wirtschaft oder privat eingeworben werden muss. Nach einem ersten empörten Raunen wird deutlich, dass damit in der aktuellen politischen Situation aber auch eine künstlerische Freiheit gewahrt bleibt. Das Festival hat sich zum Ziel gesetzt, selbst viele hervorzubringen und also Premieren zu zeigen.

Am Nachmittag bespricht Eurodram seine Bemühungen, über das Creative-Europe-Programm der EU eine Förderung für das gesamte Unternehmen zu bekommen. Dafür arbeitet seit Monaten ein Sonderkomitee, bei dem sich insbesondere Clara Schwartzenberg von der Maison de l’Orient et de l’Europe (Dominique Dolmieus Theater in Paris) federführend ins Zeug legt.

Derweil besuchen wir eine Vorstellung des Stücks KÖPEKLERİN İSYAN GÜNÜ („The Rebellion Day of Dogs“ steht im Programm), einer Koproduktion mit dem Festival und dem São Luiz Teatro Municipal, Portugal. Das Stück erzählt die Geschichte zweier junger Kurden, die beide für dasselbe wohlsituierte türkische Paar arbeiten. Er führt die Hunde aus, sie pflegt die Mutter der Kundin. Die Mutter stirbt, und die Pflegehilfe traut sich nicht, die schlechte Nachricht zu überbringen. Derweil verdächtigt der Mann den Hundeausführer, die Tiere schlecht zu behandeln, zu stehlen, bis er eine regelrechte Paranoia entwickelt. Die junge Frau hofft auf die Hilfe des jungen Mannes und lockt ihn in die Wohnung der Toten. Als er sich weigert, stürzt sie sich aus dem Fenster.

Während die Geschichte von Ceren Ercan interessant klingt, ist das Regiedebut von Mark Levitas ungenügend. Die Schauspieler wissen meist nicht, was sie zu tun haben, viele Situationen sind undeutlich erzählt, insbesondere der Schluss mit dem Tod der jungen Frau kann nur vermutet werden. Überhaupt nicht gedient ist der Inszenierung mit dem Bühnenbild (Cem Yılmazer) aus drei ineinandergestellten, u-förmigen  Winkelelementen auf Rädern, von denen man weder weiß, was sie sein noch was sie bedeuten sollen, und die den Schauspielern gelegentlich auch mal auf die Füße fallen. Dazu sorgen die Übertitel, die lediglich für zirka zehn Plätze in einem bestimmten Bereich des Zuschauerraums lesbar sind, mit ihrem kreativen Englisch für zusätzliche Unterhaltung („He has swollen a bone“). Wieder wurde gen Ende des Stücks eine Art repetitiver Musikteppich unterlegt, auch wenn die Musik weniger furchtbar war als am Abend zuvor, so blieb dennoch unklar, was sie genau vermitteln wollte.

Kaum zurück im Hotel, geht es gleich weiter zum Caddebostan Kültür Merkezi auf der anatolischen Seite Istanbuls zur Abendvorstellung von ÜÇ KIZ KARDEŞ (DREI SCHWESTERN von Anton Tschechow) in der Inszenierung von Aleksandar Popovski. Die Zeit ist knapp, denn wir müssen mit einer großen Gruppe in mehreren Taxis zum Bosporus, um rechtzeitig eine Fähre nach Üşküdar zu erwischen. Von dort geht es weiter  in den aufgeräumter wirkenden Osten der Stadt. Der große Kinosaal liegt im obersten Stockwerk eines Einkaufszentrums. Die ersten Übertitel sind türkisch, denn die drei jungen Darstellerinnen auf der Bühne sprechen Englisch. In einem folienbespannten Quader sitzen sie in goldfarbene Wärmedecken gehüllt auf einer Kiste und singen hin und wieder auf Deutsch Nicoles „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen“ von 1982, Karaoke zum Handyklang. Die Inszenierung wirkt aufgeweckt, jung. Die Darstellerinnen strahlen Freude an ihrer Arbeit sogar über die weite Distanz zur Bühne hin aus, die sprachliche Vielfalt wirkt zeitgemäß, natürlich sind wir belustigt, dass die türkischen Schauspielerinnen die Sehnsucht ihrer Figuren nicht nur nach Moskau, sondern auch nach Berlin ausdrücken. Gen Ende des Stücks holen sie die tschechow‘schen Textbücher aus der Kiste, verwandeln ihre Kostüme mit ein paar Handgriffen in eher historische Anmutung und sprechen Auszüge aus dem Originaltext. Plötzlich ist die vierte Wand da, eine interessante ästhetische Wandlung, aber zack! ertönt auch wieder der musikalische Klangteppich. Außerdem hören wir die Stimmen der Männerfiguren, während die nun russischen Frauen auf der Bühne wie entrückt gegen die sich unter Besprühung magisch auflösenden Folienwände sprechen. Am Ende brüllen sie, wieder umgezogen, noch einmal unmissverständlich ins Publikum, dass sie nicht die drei Schwestern seien, sondern lediglich Schauspielerinnen, die diese spielen. Alles in allem und trotz einiger Fragezeichen die am besten gelungene Inszenierung von den wenigen, die wir beim Festival sehen können.

Auf der Rückfahrt nach Șișli fällt noch einmal auf, wie leer die Fähre ist. Inzwischen ist es dunkel, das Boot gleitet vorbei an bunt beleuchteten Moscheen, Hafenanlagen, der Universität, den Brücken über den Bosporus, auf dem Oberdeck regnet es, wie es überhaupt recht kühl ist an diesem vorletzten Tag, und im Innenraum spielt ein junger Mann wunderbar auf der Saz, ein anderer sammelt Geld ein. Üblicherweise sind diese Fährschiffe um diese Jahreszeit besonders tagsüber brechend voll mit Touristen. Aufgrund der Anschläge im Frühjahr sind aber eine Million Touristen der Stadt spürbar ferngeblieben, worunter die Geschäfte entsprechend zu leiden haben. Wir fahren ein Stück mit der U-Bahn und steigen im stärker werdenden Regen durch die historische Bankenstraße bis zum Taksim hoch, wo wir in einem Lokal einige der restlichen Teilnehmer treffen wollen. Oben angekommen sind allerdings die meisten müde und vom Regen durchnässt und kehren lieber ins Hotel zurück.

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Istanbul. – Foto: Henning Bochert

Sonntag

Schon beim Frühstück sagen die ersten Auf Wiedersehen. Andere führt eine Gratis-Stadtführung (sehr zu empfehlen: Free Tour von viaurbis) am Morgen endlich in den historischen Stadtkern. Nach den anstrengenden Konferenztagen und buchstäblich kurz vor dem Abflug kommt man hier endlich an in Istanbul. Und obgleich uns unser sehr interessanter Führer, dessen umfassende Kenntnisse die mediterrane antike Architektur ebenso erschließen wie die moderne Popmusik, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten präsentiert und in historischen Zusammenhang stellt, bleibt keine Zeit, auch nur die Hagia Sophia von innen zu sehen. Teşekkür ederim, Istanbul, wir kommen wieder!

 

Der Originaltext ist erschienen auf http://henningbochert.de

 

Wer noch weiterlesen möchte, findet den Bericht des Koordinators des französischen Komitees (Gilles Boulan) hier in deutscher Übersetzung unseres Komitee-Mitglieds Wolfgang Barth:

http://vieuxloup.de/eurodram-hauptversammlung-in-istanbul-19-22-mai-2016/

 

 

 

 

PORTRÄT: Henriette Dushe

Schaut man sich die Konstellationen in Henriette Dushes Stücken an, sind es immer wieder die Frauenfiguren, die faszinieren und im Vordergrund stehen. Das Drama „In einem dichten Birkenwald, Nebel“ beginnt zunächst mit drei Männern, die aus ihrem Leben fallen, weil sie aus verschiedenen Gründen zusammenbrechen. Da tauchen drei Frauen unterschiedlichen Alters aus dem Nebel auf und erfinden sich eine gemeinsame Geschichte oder stehen als Ärztinnen dem Chor der Burnout-Patienten bei. In „Lupus in Fabula“ trifft man drei Schwestern am Sterbebett des Vaters an, die durch dessen Verschwinden  in unterschiedlicher Weise auf sich selbst zurück geworfen sind.

Auch in „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr  weiten Strecke“ stehen eine Mutter und ihre vier Töchter im Mittelpunkt des Geschehens, der Vater der Familie hat sich in sich selbst zurück gezogen und ist verstummt.

„Die Texte wandern durch die Köpfe in die Münder der anderen und wieder zurück durch den Mund eines Gegenübers in den Kopf einer anderen, nur die Mutter: ist und bleibt immer eine Mutter…“ – so beschreibt Henriette Dushe ihren Bühnentext für fünf Frauen, in dem nur die Mutter personifiziert wird, die vier Töchter teilen sich die Bezeichnungen „Eine, Andere, Einige“.

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Henriette Dushe (Copyright: C. Pitzke)

Das Stück, ausgezeichnet  2014 mit dem Autorenpreis „Stück auf!“ der Stadt Essen und am Theater Essen uraufgeführt in der Inszenierung von Ivna Žic, beschreibt die melancholische Geschichte einer Familie aus der ehemaligen DDR und lebt von seiner Musikalität.

Die  Mutter und ihre vier Töchter sprechen miteinander – aber der Text entwickelt eine Art Eigendynamik im Durcheinander-, Übereinander und Aneinander-vorbei-Reden. Erzählt wird die Erinnerung an die Ausreise der Familie aus der DDR, eine Reise in ein Land, das für den (nicht zu Wort kommenden) Vater  zu einem nie eingelösten Versprechen wurde. Die Figuren haben keine Namen, als hätten sie mit der Heimat auch die Identität verloren.

Sandra Schüddekopf, die die Szenische Lesung am Theater Leipzig beim 4+1 Festival einrichtete, schätzt den Text, weil er es schafft  „über die persönlichen Erinnerungen der Familie an ihre Ausreise hinaus etwas über die gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Obwohl die Erinnerungen durch die Figuren wandern, sind die Figuren in ihren Beziehungen zueinander sehr klar. Der Text umkreist Gewissheit und Ungewissheit im Umgang mit Erinnerungen und spielt, auch in seiner Form, mit der Struktur von Erinnerungen.“

Die Mutter und ihre vier Töchter erinnern sich: an graue Anzügen mit wechselnden Gesichtern, an endlose Listen von Haushaltsgegenständen, das “Scheiß-Gärtchen” des Großvaters, die Waschbecken-Nische für Störenfriede im Klassenzimmer, die Brechanfälle der einen Tochter, den taubengrauen Bahnhof und an die traumatische Zugfahrt ohne Rückfahrschein aus der DDR, an den Vater, der das restliche Geld aus dem Zugfenster wirft, an die alle Sachen durchwühlenden Grenzbeamten und schließlich die Ankunft in einem niedersächsischen Provinzstädtchen.

Das Erinnerungsmaterial wird in Aufzählungen und rhythmischen Wiederholungen immer wieder neu sortiert und wirkt durch die Musikalität der Sprache wie ein sehr genau durchkomponierter gemeinsamer Gesang von der Mutter und ihren Töchtern.

Das Leipziger Festival  4+1, auf dem EURODRAM das Stück präsentierte, war ein Festival zur Nachwuchsdramatik im deutschsprachigen Raum, zu dem sechs Schreibschulen eingeladen waren: UniT Graz , die Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie die Schreibschulen aus Hildesheim, Biel, Berlin und Leipzig.

Henriette Dushe hat selbst am UniT in Graz studiert und mit der Regisseurin der Uraufführung Ivna Žic an „Von der langen Reise…“ ursprünglich gemeinsam gearbeitet. Beide haben sich als Teilnehmerinnen des Forum Text kennengelernt – eine zweijährige künstlerische Begleitung mit Mentoring durch uniT in Graz.

Henriette Dushe stellt in einem Interview mit Magdalena Kotzurek dar, dass sich die UniT Graz nicht als Schule versteht, „die  von vornherein zu wissen meint, was sie vermitteln will. Hier stehen die einzelnen Autoren mit ihren Schwerpunkten in Thema und Form und Sprache im Vordergrund. Darüber hinaus ist die gesamte Ausbildung schon sehr früh vernetzt mit Schauspieler_innen und Regisseur_innen, so dass der interdisziplinäre Austausch über Theatralik die Textentstehung schon früh begleitet, das öffnet den Autor_innen natürlich alle Sinne, für die Bühne zu schreiben.“

Inka Neubert

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Beim 4 + 1 Festival am Schauspiel Leipzig.

HENRIETTE DUSHE stammt aus Halle/Saale. Von 2001 bis 2006 studierte sie in Potsdam KulturArbeit (Diplom im Fachbereich Angewandte Ästhetik). Von 2011 bis 2013 folgte ein Studium des Szenischen Schreibens an der uniT Graz. Von 2002 bis 2011 war sie Dramaturgin und Autorin beim freien Autoren- und Schauspielkollektiv unitedOFFproductions (Braunschweig/Berlin). Henriette Dushe lebt in Berlin.

Stipendien und Preise (Auswahl): 2008 Werkstattstipendium für Literatur der Jürgen-Ponto-Stiftung — 2009 Verleihung des Retzhofer Dramapreis für „MENSCHEN BEI DER ARBEIT“ (UA 2010 am Schauspiel Chemnitz) — 2010 Werkstattstipendium für „SPRACHLOS DIE KATASTROPHEN IM BEREICH DER LIEBE“ am Staatstheater Mainz — 2013 J.M. R. Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena für „IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL“ sowie Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes für „LUPUS IN FABULA“ — 2014 Autorenpreis „Stück auf!“ der Stadt Essen für „VON DER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE“ — 2014 Christian-Dietrich-Grabbe-Preis für „IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL“

Die Stücke von Henriette Dushe werden vertreten vom Henschel Schauspiel Theaterverlag.

 

EURODRAM wird „Von einer langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“ ins Polnische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Dr. Iwona Uberman.

 

 

AKTIVITÄTEN: Lesungen beim 4+1-Festival 2016

Am 2.4. 2016 fand im Rahmen des 4+1-Festivals in Leipzig die erste EURODRAM-Veranstaltung mit der Auswahl 2016 statt, eine Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig.

Mitglieder des Ensembles sowie Anna Schmidt und Anjorka Strechel als Gäste lasen je zwanzigminütige Ausschnitte aus den Texten, eingerichtet wurden die Lesungen von Mitgliedern des EURODRAM-Komitees selbst.

Besonders gefreut hat uns, dass die Autorinnen Henriette Dushe und Christina Kettering und Maxi Obexers Ko-Autor Lars Studer nach Leipzig kommen konnten und im Anschluss an die jeweilige Lesung einige Fragen zu ihrem Stück und ihren Erfahrungen mit Übersetzungen beantworteten.

Darüber hinaus haben wir nochmal die generelle Arbeitsweise von EURODRAM und die Ziele unseres Netzwerks vorgestellt.

Vielen Dank an das Schauspiel Leipzig für die Kooperation und an alle an der Veranstaltung Beteiligten.

Und natürlich auch einen herzlichen Dank an das Publikum für euer Interesse und zahlreiches Erscheinen, trotz der recht frühen Stunde!

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Lesung EURODRAM am Schauspiel Leipzig. (Copyright: R. Arnold)

EURODRAM beim 4+1-Festival

LESUNG 1

Maxi Obexer / Lars Studer: ILLEGALE HELFER.

Einrichtung der Lesung: Katharina Stalder.

Es lasen: Anna Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch, Florian Steffens.

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Katharina Stalder bei der Vorstellung des Stückes. (Copyright: R. Arnold)

LESUNG 2

Henriette Dushe: VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE.

Einrichtung der Lesung: Sandra Schüddekopf.

Es lasen: Anna Schmidt, Bettina Schmidt, Anjorka Strechel, Lara Waldow.

LESUNG 3

Christina Kettering: ANTARKTIS.

Einrichtung der Lesung: Inka Neubert

Es lasen: Bettina Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch.

Moderation: Ulrike Syha

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Im Gespräch mit Ko-Autor Lars Studer („ILLEGALE HELFER“). (Copyright: R. Arnold)

Leider konnte bei der Veranstaltung noch nicht bekanntgegeben werden, in welche Sprachen die jeweiligen Texte übersetzt werden. Wir haben die Zielsprachen intern aber bereits festgelegt und sind mit Übersetzern im Gespräch. Die Bekanntgabe erfolgt voraussichtlich Ende April.

Ulrike Syha

 

 

 

PORTRÄT: Maxi Obexer

“Illegale Helfer“ von Maxi Obexer 

(Mitarbeit: Lars Studer)

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Maxi Obexer, © gezett

 

Der Grad der Präsenz dieses EINEN Themas im medialen Diskurs der letzten Monate ist bemerkenswert – aber auch außergewöhnlich, wie sehr es in die Sphäre des Privaten eindringt. Ob man mit Freunden beisammen sitzt, in der Mittagspause mit Kollegen, oder zuhause am Küchentisch – DAS kommt garantiert zur Sprache: Die derzeitige Migrationsbewegung!

Auf die eine oder andere Weise hat dieses Thema Eingang gefunden in die Gemüter einer gesamten Gesellschaft! Das ist keineswegs eine selbstverständliche Reaktion, dass Alle etwas interessiert. Zum letzten Mal war das vielleicht bei den Anschlägen in New York 2001 der Fall. Und über andere, nicht minder große Flüchtlingsbewegungen, z.B. im Afrika der 2000er Jahre, wurde sich weitaus weniger Gedanken gemacht. Etwas hat sich plötzlich in eklatantem Maße in der öffentlichen Wahrnehmung verändert. Die Macht des Diskurses, auch die politische Gefahr, die von ihm ausgehen kann, ist uns durch Foucault und Barthes bekannt. Unlängst hat Peter Sloterdijk in einem TV-Gespräch darauf hingewiesen, wie beengt, wie eingefahren und selbstreferentiell die eigene Betätigung im Diskurs auch verlaufen kann. In welcher Weise können wir vom Theater uns also an der Betrachtung des Flüchtlingsthemas beteiligen? Was können wir zu dem Diskurs-Puzzle an Meinungen und Haltungen beitragen, ohne vorgefertigte Muster zu bedienen?

Wie kann sich das Theater zu diesem Über-Thema unserer Tage äußern?

Vorliegender Theatertext „Illegale Helfer“ nähert sich aus einer Blickrichtung. Er folgt, der Titel verrät es, dem Narrativ derjenigen, die helfen wollen. Nicht Jeder mag helfen, das sehen wir. Andere haben Angst. Sie kommen hier nicht zur Sprache. Ein anderes Stück mag andere Meinungen, andere Aspekte in den Vordergrund stellen. Maxi Obexers Text kann man dennoch keine einseitige Betrachtung vorwerfen. Die Autorin hat etwas Überzeugendes geschaffen, in dem sie innerhalb einer vermeintlich bekannten Helfer-Position Neues, Unerwartetes beschreibt. Sie zeigt uns einen Ausschnitt paradoxer, brutaler Realität, den unsereins als Otto-Normal-TV-Seher nicht kennt, weil er im medialen Diskurs weitestgehend unbeachtet (bis verschwiegen?) bleibt.

Diese illegalen Helfer setzen sich für Menschen ein, die ihnen zwar fremd sind, die sie aber ganz nah an ihr eigenes Leben heran lassen, weil sie Hilfe benötigen – und sie tun dies unter Inkaufnahme von Rechtsverstößen. Sie setzen die individuelle, moralische Integrität über die des braven Staatsbürgers.

 Um Skeptikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Hier springt keiner auf den Emotionszug auf, weil es gerade angesagt ist. Schon gar nicht diese Autorin, für die das Thema „Festung Europa“ nicht erst jetzt hervorpoppt, sondern die sich dafür schon länger kritisch interessiert. Dies Stück ist auch nicht DAS Stück zur Flüchtlingskrise. Der Text ist eine Momentaufnahme und liefert einen Teilmoment – nicht mehr aber auch nicht weniger! Damit vermeidet er den moralischen Zeigefinger und die Gefahr des vermessenen Anspruchs, das Theater habe den relevanten Zugriff zum Über-Thema stets parat.

 Verändernde Zeiten?

Ob von nun an „nichts mehr so sein wird, wie es war“, wie Einige schon gerne apostrophieren, werden wir in einigen Jahren wissen. Auch ohne die große Zeit der Umwälzung im Allgemeinen erkennen zu wollen – im Kleinen, im Persönlichen hat sich bei einigen Menschen die vergangenen Monate über bereits sehr viel verändert. Gesellschaftliche Prozesse sind keine Frage von Theoremen am Reißbrett. Auch wenn die Makroebene der Politik, wie die Soziologen es nennen, durch Maßnahmen darauf Einfluss nehmen kann. Der Prozessverlauf bedingt sich durch das konkrete Verhalten Einzelner. Mögen die meisten von uns in ihrem Alltag keinen persönlichen Berührungspunkt zu einem der Menschen auf der Flucht haben und sich das eigene Meinungs-, Angst- oder Empathie-verhalten eher aus dem Mediendiskurs speisen. Für viele Andere aber ist die „Flüchtlingskrise“ zu einer Frage ihres persönlichen Alltags geworden.

Das Thema hat sich von der Makro-ebene der Politik auf viele neue Mikro-bereiche in unserer Gesellschaft verlagert, ja, manche erst entstehen lassen. Ob Polizisten, Sozialhelfer, Organisationsteams, Logistiker, Anbieter von „Sicherheitslösungen“ oder „Verpflegungspackages“: Für viele Menschen sind neue Einsatzräume, Aufgaben und Verantwortlichkeiten entstanden, die es bis vor einem halb/dreiviertel Jahr de facto noch nicht gab. Manche Menschen entwickeln neue Geschäftsideen. Andere nehmen die eigene Überzeugung als moralischen Gradmesser für Ihr außerberufliches Engagement.

 Unbekannte Realität

Eine dieser sozialen Gruppen, die es vielleicht noch gar nicht solange gibt in unserer Gesellschaft, stellt uns Maxi Obexer mit ihrem brandaktuellen Stück vor – tatsächlich einem der spannendsten Theatertexte zum Thema. Der Text zeugt und bezeugt eine wohl nicht kleine Gruppe von Individuen, die sich für soziales Handeln entschieden haben. Es ist ein Handeln im Stillen. Gegen den Willen des Staates, der anderswo immer noch darum ringt, ob und wie oder wann man am besten handelt. Und das was wir da lesen, findet wirklich statt und genau in diesem Moment, ohne, dass die Öffentlichkeit viel über das darin liegende Dilemma zwischen Recht und Mitgefühl ahnt.

Ein Theatertext wird immer dann spannend, wenn er Widersprüche aufzeigt, neue Zusammenhänge freilegt, wenn er keine naheliegenden erzählerischen Klischees bedient. Erst recht, wenn er wie hier unter Verwendung von Interviewmaterial ein hohes Maß an Authentizität verspricht. So ist eine erstaunliche Entdeckung beim Lesen, die Figur (= reale Person) des Verwaltungsrichters, der sich zwischen offizieller und moralischer Richtschnur entscheiden muss. Ein überraschendes Statement stammt vom „deutschen Studenten Florian“, der am besonders starken Ende dieses Stückes den Grad seines persönlich investierten Risikos relativiert und darin, so könnte man es verstehen, fast eine Banalität des Helfens entdeckt.

Man kann die Inkognito-Protagonisten des Stückes nicht einfach als Gutmenschen abtun. Es wird deutlich, es sind Menschen wie Du und ich. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Alters und biografischen Zusammenhängen. Sie haben unterschiedliche Beweggründe, jede(r) seine eigene Motivation, sich für die Flüchtlinge einzusetzen. Gerne hätte man noch mehr über diese Menschen selbst erfahren oder sie noch stärker in Widerstreit mit kritischen Gegenstimmen gesetzt. Auch, um als Leser/Theaterzuschauer stärker gezwungen zu werden, die eigene Überzeugung in dieser Sache auf den Prüfstand zu stellen. Die Regie hat hier Gelegenheit, ihr Übriges zu tun. Auch deshalb ist es dieser Text wert, auf die Bühne zu kommen!

Der Verdienst dieses Stückes, dieser investigativen Unternehmung von Maxi Obexer ist es, diesen ungewöhnlichen Helfern eine Stimme und damit eine Existenz zu geben – Und dem Theaterzuschauer eine Denkaufgabe für den Heimweg aus dem Theater. Letztlich auch: Eine politische Frage zu stellen nach den gesetzmäßigen Bahnen innerhalb derer wir handeln sollen, in einer Zeit voller jener neuen Ereignisse, mit der sich unsere europäische Gesellschaft so schockhaft plötzlich konfrontiert sieht. Obexer wirft ein Licht auf einen Teil eines unübersichtlichen Diskurses, über den wir bisher noch nichts erfahren haben. Sie hilft, das Bild vielseitiger zu machen – und umso vielfältiger, desto eher ist es an der Realität dran, die wir so sehr begreifen wollen.

Christian Mayer, Graz

BIOGRAPHISCHES:

MAXI OBEXER wurde in Brixen, Südtirol, Italien geboren.

Sie lebt heute in Berlin und Südtirol und ist Autorin von Theaterstücken, Hörspielen, Erzählungen und Essays.

Ausserdem ist sie Mitbegründerin des Neuen Institut für Dramatisches Schreiben (NIDS). www.nids.eu

2011 erschien ihr erster Roman „Wenn gefährliche Hunde lachen“.

Sie hat zahlreiche Förderungen und Preise erhalten, u.a.der Akademie Schloß Solitude, des Collegium Budapest, des LCB Berlin und der Akademie der Künste Berlin.

Sie hat bereits am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, der UdK Berlin und in den USA unterrichtet und war auch als Dramaturgin tätig.

Ihre Stücke sind über www.schaefersphilippen.de zu beziehen.

Homepage der Autorin: www.m-obexer.de

EURODRAM wird „Illegale Helfer“ ins Bulgarische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Gergana Dimitrova.

Gefördert vom Deutschen Literaturfonds.

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AUSWAHL 2016

Es ist soweit, wir haben offiziell eine neue deutschsprachige Eurodram-Auswahl 2016.

Uns haben 147 Texte erreicht, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Luxemburg und Polen. Und einer kam sogar aus dem fernen China. Die meisten Texte wurden von den Autoren selbst eingereicht, manche aber auch von Übersetzern und Verlagen.

Wir haben in den letzten Monaten viel gelesen und diskutiert – und uns nun auf folgende drei Stücke geeinigt (in alphabetischer Reihenfolge):

– HENRIETTE DUSHE: „VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE“ (Henschel Schauspiel)

– CHRISTINA KETTERING: „ANTARKTIS“ (Drei-Masken-Verlag)

– MAXI OBEXER: „ILLEGALE HELFER“(Schaefersphilippen)

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Wir werden die Texte und die Autorinnen bei unserer ersten Veranstaltung am 2. April 2016, 11.30 Uhr in Lesungen und Gesprächen vorstellen (siehe „Termine“).

Dort werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach auch bekanntgeben, in welche Sprachen wir die Texte übersetzen lassen.

Ausserdem werden wir die Stücke in der nächsten Zeit hier auf unserem Blog porträtieren.

 

Bei so vielen Einsendungen ist uns das Auswählen naturgemäß nicht leichtgefallen. Deswegen möchten wir auch noch auf unsere Zusatzauswahl „Weitere Empfehlungen“ hinweisen.

Diese Texte können von uns leider nicht auch in Lesungen vorgestellt und  übersetzt werden –  wir möchten aber Theatermacher und vor allem Übersetzer unbedingt auch auf diese Stücke aufmerksam machen.

 

Weitere Empfehlungen 2016:

– Martina Clavadetscher: UMSTÄNDLICHE RETTUNG

– Dagrun Hintze: DIE ZÄRTLICHKEIT DER RUSSEN (Jussenhoven & Fischer)

– Christiane Kalss: DIE ERFINDUNG DER SKLAVEREI

– Karen Köhler: DEINE HELDEN – MEINE TRÄUME (Verlag für Kindertheater)

– Fritz Kater: LOVE YOU, DRAGONFLY (Henschel Schauspiel)

 

Bei Interesse an den Texten wenden Sie sich bitte an die angegebenen Verlage bzw. an uns, wir stellen dann einen Kontakt zum Autor her.

 

 

AKTIVITÄTEN: Unsere Arbeit

Wir haben in den letzten Monaten an die 150 Theatertexte in allen Farben und Formen gesichtet.

Von noch unbekannten Autoren bis zu dramatischen Schwergewichten war alles dabei, unterhaltsame Komödien, Tragödien in Versform, Kinder- und Jugendtheater, Dokumentarisches, Experimentelles, thematisch Brandaktuelles und sehr Persönliches.

Nun befinden wir uns auf der Zielgeraden für die Endauswahl.

Bekanntgabe der diesjährigen Ergebnisse aller Eurodram-Komitees ist voraussichtlich am 15. März 2016.

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Die erste Veranstaltung des Deutschsprachigen Komitees von EURODRAM findet am 2. April 2016 um 11.30 Uhr im Rahmen des 4+1-Festivals am Schauspiel Leipzig statt.

Früh – aber es gibt neben Lesungen und Gesprächen auch Kaffee und Croissant im Angebot.

Dort stellen wir die drei Texte der Auswahl 2016 und die Autoren dahinter vor.

Die Lesungen richten ein: Sandra Schüddekopf (A), Inka Neubert (D), Katharina Stalder (F).

Mehr Informationen hier: Website Schauspiel Leipzig

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Schon etwas früher starten unsere Kollegen in Frankreich an der Maison d’Europe et d’Orient in Paris mit ihrem Festival „L’Europe des Théâtres“ – eine europaweite Veranstaltungsreihe, deren Teil auch wir mit unserer Leipziger Lesung sind.

Das Programm in Paris (und die anderen europäischen Kooperationspartner) finden sich hier:

http://www.sildav.org/festivals/leurope-des-theatres

 

 

AKTIVITÄTEN: Präsentation der Auswahl 2015 am Theater Drachengasse / Wien

Am 16. November 2015 haben wir in Wien am Theater Drachengasse eine weiteres Mal die Auswahl 2015 des Deutschsprachigen Komitees präsentiert – unsere Premiere in Österreich.

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Im Theater Drachengasse, Foto: K.Kukelka

Dank einer großartigen Zusammenarbeit mit dem Theater Drachengasse und dank Unterstützung des Bundeskanzleramts und des Polnischen Instituts in Wien war es uns möglich, einige der Autoren und Übersetzer zu der Veranstaltung einzuladen: Małgorzata Sikorska-Miszczuk (Polen) und ihren Übersetzer Andreas Volk, sowie Maria Tryti Vennerød (Norwegen) und ihre Übersetzerin Nelly Winterhalder.

Das Theater Drachengasse (www.drachengasse.at) ist ein kleineres Theater direkt im Zentrum Wiens, das in seinen Spielplänen einen erkennbaren Schwerpunkt auf zeitgenössische Stoffe setzt. Seit Oktober 2014 hat dort Katrin Schurich die Leitung inne, als Regisseurin selbst gut mit der zeitgenössischen Dramatik vertraut. Wir freuen uns sehr, dass wir sie für diese Kooperation gewinnen konnten.

Auf eine kurze Einführung in die allgemeine Arbeit von EURODRAM und seiner Sprachkomitees durch Ulrike Syha (Koordinatorin des Deutschsprachigen Komitees) folgten etwa zwanzigminütige Lesungen der drei Stücke der Auswahl 2015, eingerichtet von Sandra Schüddekopf und Milena Michalek.

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Lesung „Eine nicht umerziehbare Frau“, Foto: K. Kukelka

„EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ von Stefano Massini (Aus dem Italienischen von Sabine Heymann). (Lauke-Verlag)

Es lasen: Barbara Gassner, Thomas Stolzeti, Felix Kreutzer; Einrichtung: Sandra Schüddekopf

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Lesung „Der Koffer“, Foto: U. Syha

„DER KOFFER“ von Małgorzata Sikorska-Miszczuk (Deutsch von Andreas Volk). (Kaiser-Verlag)

Es lasen: Barbara Gassner, Thomas Stolzeti, Alexander Braunshör, Lisa Schrammel; Einrichtung: Sandra Schüddekopf

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Lesung „Die Prüfung“; Foto: K. Kukelka

Für die Lesung des dritten Textes ist es den Kollegen in Wien gelungen, eine Kooperation mit einer Schauspielschule in die Wege zu leiten; die Rollen der Schüler in „Die Prüfung“ wurden von jungen Studierenden der Privatuniversität Konservatorium Wien gelesen – eine große Bereicherung.

„DIE PRÜFUNG“ von Maria Tryti Vennerød (Aus dem Norwegischen von Nelly Winterhalder). (TM-Verlag)

Es lasen: Lisa Schrammel, Alexander Braunshör, Teresa Maria Hager, Sören Kneidl, Felix Kreutzer, Eleni Stampfer, Constanze Winkler; Einrichtung: Milena Michalek

Im Anschluß an die jeweilige Lesung stellten sich die anwesenden Autoren und Übersetzer den Fragen der EURODRAM-Mitglieder Henning Bochert und Christian Mayer und des Publikums und gaben Auskunft über ihre Texte, den Vorgang des Übersetzens, neue Projekte und die zeitgenössische Theaterszene in ihren jeweiligen Ländern. Gespräche, die auch nach Ende der Veranstaltung fortgeführt wurden.

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Die norwegische Autorin und ihre Übersetzerin im Gespräch mit Christian Mayer; Foto: K. Kukelka

Ein Zuschauer sagte am Ende an der Bar, er habe den gesamten Abend wie eine kleine Reise empfunden durch die unterschiedlichen Regionen Europas mit ihren jeweiligen Themen und Fragestellungen. Wenn sich das hergestellt hat, freuen wir uns natürlich ungemein.

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Die polnische Autorin und ihr Übersetzer im Gespräch mit Henning Bochert, Foto: K.Kukelka

Mit dieser Veranstaltung in Wien verabschieden wir uns von der Auswahl 2015, die uns über das Jahr sehr ans Herz gewachsen ist. Wir bedanken uns herzlich bei der Theaterleiterin Katrin Schurich, bei Sandra Schüddekopf und Milena Michalek, den Schauspielern und allen anderen Beteiligten und Unterstützern vor Ort.

Kommende Woche startet die Ausschreibung 2016. Wir freuen uns schon jetzt auf die neuen Texte und die Menschen dahinter.

Über den Start der Ausschreibung informieren wir Sie getrennt auf diesem Blog.

 

 

 

PORTRÄT: Carla Guimarães (Weitere Empfehlungen extra)

Erfreuliche Nachricht.

am 01.10.2024 schrieb uns die Übersetzerin Franziska Muche:

"Carla Guimarães - Stück: Das Mädchen, das Letzte wurde - hat das Carl-Zuckmayer-Stipendium gewonnen (https://www.staatstheater-mainz.com/veranstaltungen/extras-24-25/carl-zuckmayer-stipendium) und wir werden wieder zusammenarbeiten."

Carla Guimarães: „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“.

Aus dem Spanischen von Franziska Muche.

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CARLA GUIMARÃES

Werden die Letzten wirklich die Ersten sein? In der ganz hervorragenden Übersetzung von Franziska Muche des Stückes von Carla Guimarães Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde, erfüllt sich die Prophezeiung (Matthäus 19,30). Allerdings in einer wunderbaren, märchenhaften, utopischen Weise und anders, als es die Protagonistin dachte.

Samia Yussuf Omar, junge Hindernisläuferin aus Somalia, wird bei den Olympischen Spielen in Peking Letzte (Anfang des Stückes). Am Ende des Stückes gewinnt sie (für die Mannschaft der „Unterstadt“) gegen den exklusiv eingeflogenen Mo Farah (Weltstar und englische Sportlegende, ebenfalls ursprünglich Somalier, der für die „Oberstadt“ startet) das 98. jährliche Tiramisu-Wettessen in einem kleinen italienischen Dorf. Sie putzt nicht nur, schneller als Mo Farah, den eigenen Teller Tiramisu weg, sondern auch gleich noch die Reste auf dem des Wettkampfgegners.

Samia hat sämtliche Hindernisse überwunden und ist am Ziel ihrer Träume angekommen: In EUROPA. Gesiegt hat sie gegen den Hunger. Zwischen Somalia und Europa liegt ein Theaterstück, eine lange Reise durch Libyen und im Boot über das SCHWARZE MEER. Dazwischen liegen auch, so ist das oft bei Roadmovies, wesentliche Erkenntnisse und eine Wandlung. Ein Sterben und eine wundersame Rettung und Auferstehung.

Das „SCHWARZE MEER“? „Plötzlich verändern sich die Dinge, und wir wissen nicht recht, warum. Aber wir gewöhnen uns sehr schnell daran, als ob es schon immer so gewesen wäre. […] Ich erinner mich daran, wie die Dinge einmal waren und ich glaube, dass sie auch so sein sollten“, erklärt der alte Fischer seinem Sohn, der das alles nicht mehr weiß. Das Meer vor ihnen war einmal wunderbar blau („wie die Augen deiner Mutter […], wie der Himmel über unseren Köpfen“) und es hieß „Mittelmeer“. Aber dann scheiterten unzählige Flüchtlinge, Männer Frauen und Kinder aus Afrika bei der Überfahrt mit untauglichen Booten ins Gelobte Land und ertranken. Statt blau ist es jetzt schwarz, und es heißt „Schwarzes Meer“.

Vater und Sohn fischen ein möglichst mageres und hungriges Mädchen aus dem Meer, in dessen Blick aber „der Glanz eines Champions“ liegen soll, damit sie beim Tiramisu-Wettbewerb gewinnen kann. Und das ist Samia, letzte Überlebende auf einem Flüchtlingsboot, die mit unsäglichem Durst ein verzweifeltes Gebet gen Himmel geschickt hatte: „Lieber Gott, bitte, ich habe dich noch nie um etwas gebeten… Nur um die Medaille, um den Weltfrieden und darum, dass es in Afrika keinen Hunger gibt… Was ich sagen wollte, du hast mir noch nie eine Bitte erfüllt, aber jetzt brauche ich Regen.“ Das Gebet wird erhört und in einem fürchterlichen Gewittersturm versinkt Samia mit ihrem Schiff.

Tura, Samias Trainer in Somalia (Eshetu Tura, ebenfalls reale somalische Sportlegende) hatte Samia nahegelegt: „Du musst über Somalia hinausschauen“. Auf den Rat ihrer Geschwister stellt sie sich auf die Schultern das Bruders („ich sehe was, was ihr nicht seht“) und erblickt EUROPA: „Geldautomaten“, „Drei Mahlzeiten am Tag“, „Hochgeschwindigkeitszüge, FKK-Strände, Kinder mit Handys, Reality-Shows auf MTV…“, etc. Und die explizite Einschränkung: „Sie nennen es Demokratie/Doch es ist Scharlatanerie/Mädchen mit Anorexie/Spinner mit Vigorexie.“

Die Reise in die (vorläufige) Katastrophe („Titanic“) ist viel schwerer, als die Protagonistin gedacht hatte. Carla Guimarães nutzt alle Mittel der theatralischen und sprachlichen Architektur. Schon beim Hindernislauf in Somalia muss Samia das Militär, die religiösen Fundamentalisten (die Samia die Burka überziehen wollen) und den Hunger austricksen. Die Kapitel aus Maos rotem Buch („Korrekte Behandlung von Widersprüchen unter dem Volk“), die Samia und ihre Geschwister in der Not verspeisen, stillen nur schlecht den Hunger, erweisen sich aber als nützlich im libyschen Minenfeld.

Zeitgleich zum aktuellen Geschehen fungieren als „Chor“ auf der Bühne „Das Radio“ („Wach auf, Somalia, […] wach auf Samia“) und in köstlich aussagestarken Reportagenklischees „Der Radiomoderator“. Tura liftet durch hervorragende Sprichwörter die Vorgänge auf eine höhere Bedeutungsebene („Kein Frosch spricht gern über seine Vergangenheit als Kaulquappe“, „Der Weise sagt nicht, was er weiß. Und der Dumme weiß nicht, was er sagt“). Die Regieanweisungen (allesamt gekonnt einfach im Dienste der theatralischen Umsetzbarkeit) gehen unter die Haut („Man sieht, dass das Meer schwarz ist. Die Arme einiger Männer und Frauen berühren das Boot, als wären sie Wellen“).

Die Piraten, die Samia mit Gaddafis Kopf abwimmelt, aus dem sie bei EBay Geld machen können, singen das „Lied des Piraten“ von José de Espronceda. EUROPA wird im Rap der Geschwister vorgeführt. Grundmelodie des Exodus ist „Don’t worry, be happy“.

Das ist Satire. Das ist großes Theater. Das ist Gleichnis, Utopie und Märchen. Das ist fürchterlich (im Geschehen) und einfach nur wunderbar und schön im satirisch kitschigen Happy End („Meine Damen und Herren, live und exklusiv erleben wir, wie Samia Yusuf Omar Markus Larsson die Zunge in den Hals steckt.“)

Aber darf man das? Darf angesichts der gegenwärtigen Völkerwanderung ein Flüchtlingsdrama im glücklichen Tiramisu-Wettbewerb enden? Ja, es darf. Auch Heine landete in weltpolitisch ernster Lage nicht nur beim Brot, sondern bei den „Zuckererbsen für jedermann“, bei „Rosen und Myrten, Schönheit und Lust“. In Ecos „Name der Rose“ ist nicht die Tragödie, sondern die Komödie die geächtete, gefährliche Gattung. Carla Guimarães befindet sich in guter Gesellschaft. Prodesse et delectare, daran hat sich nichts geändert.

TEXT: WOLFGANG BARTH

BIOGRAPHISCHES

Carla Guimarães wurde am 13. März 1975 in Salvador de Bahía (Brasilien) geboren und lebt seit 2001 in Madrid.

Sie studierte bis 1997 „Soziale Kommunikation“ an der Universidad Católica de Salvador. 2007 Promotion im Bereich „Theory, History and Practice of Theater“ an der Alcalá de Henares Universität.

Arbeitete als Journalistin für die Nachrichtenagentur EFE und die Tageszeitung El País.

Carla Guimarães ist Roman- und Drehbuchautorin und Autorin der Theaterstücke „Chuvisco, el bandolero arisco“ [„Chuvisco, der barsche Bandit“], „Hendaya: cuando Adolfo encontró a Paco“ [„Hendaye: Als Adolfo Paco traf“], „El Gato y la Golondrina“ [„Der Kater und die Schwalbe“], „La increible historia de la chica que llegó la ultima“ [Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde] (Liste der besten Theaterautoren beim Preis Premios Max de Teatro 2014 – ausgewählt für das Festival New Plays from Europe 2014 / Sala Cuarta Pared) und „La confesión de Lola“ [„Lolas Beichte“] (Uraufführung 2014 im Teatro Circo Price, Madrid).

Die DSE von „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“ findet am 29.11.2015 am Theater Baden-Baden statt.

http://theater.baden-baden.de/stuecke/tik/die-unglaubliche-geschichte-des-maedchens-das-letzte-wurde-dse/

FRANZISKA MUCHE
FRANZISKA MUCHE

Franziska Muche, geboren 1976 in Zittau, ist freie Dramaturgin und Übersetzerin, Diplomkulturwirtin (Univ. Passau) und ausgebildete Schauspielerin (Michael-Tschechow-Studio Berlin/ZAV). Seit 2008 übersetzt sie Theaterstücke aus dem Spanischen. Von 2003 bis 2007 war sie Senior Officer bei der Academic Cooperation Association (ACA) in Brüssel. 2007 wechselte sie zum Theater. Sie leitet die monatliche Reihe szenischer Lesungen AMBIGÚ in der Alten Kantine Wedding (Berlin), die zeitgenössische internationale Theaterstücke präsentiert (http://www.ambigu.info/).

Franziska Muche übersetzt Theaterstücke v. a. junger Dramatiker aus dem Spanischen und, im Tandem mit Pilar Sánchez Molina, aus dem Deutschen ins Spanische.

Sie übersetzte u.a. bisher Stücke folgender Autoren: Jose Manuel Mora, Paco Bezerra, Amaranta Leyva, Sergio Blanco, Ángel Hernández, Carla Guimarães; Sibylle Berg, Lutz Hübner und Dirk Laucke.