AKTIVITÄTEN: Lesung am 31.Mai am Nationaltheater Mannheim

Wir freuen uns, dass unsere erste EURODRAM-Veranstaltung im deutschsprachigen Raum einen so regen Zuspruch gefunden hat.

Lesung
Lesung „DIE PRÜFUNG“.
© H. Bochert

Wir danken dem Nationaltheater Mannheim für die Kooperation, besonders natürlich den lesenden Schauspielern, Inka Neubert und Sandra Schüddekopf für die Einrichtung der Texte, der Autorin Maria Tryti Vennerød und der Übersetzerin Sabine Heymann für die Gespräche, den angereisten Komiteemitgliedern und Zuschauern für ihr Kommen und die lebhafte Diskussion, sowie den beteiligten Verlagen und Agenturen (Per H. Lauke Verlag, Nordiska Agentur, Agencja Dramatu) für ihr Entgegenkommen und Theater Heute für die unterstützende Werbung.

Wir freuen uns schon auf die nächste EURODRAM-Veranstaltung im Herbst in Wien am Theater Drachengasse.

Ragna Pitoll liest
Ragna Pitoll liest „EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“
© H. Bochert

Lesung 1:

Stefano Massini: Eine nicht umerziehbare Frau. (Aus dem Italienischen von Sabine Heymann.)

Mit: Ragna Pitoll.

Einrichtung: Inka Neubert

Lesung 2:

Maria Tryti Vennerød: Die Prüfung. (Aus dem Norwegischen von Nelly Winterhalder.)

Mit: Michaela Klamminger, Reinhard Mahlberg, Matthias Thömmes, Ragna Pitoll, Sven Prietz.

Einrichtung: Inka Neubert

Lesung 3:

Malgorzata Sikorska-Miszczuk: Der Koffer. (Aus dem Polnischen von Andreas Volk.)

Mit: Michaela Klamminger, Boris Koneczny, Jacques Malan, Ragna Pitoll.

Einrichtung: Sandra Schüddekopf

Moderation:

Henning Bochert, Stefanie Gottfried, Ulrike Syha

Lesung
Lesung „DER KOFFER“.
© H. Bochert

Und das sagt die Presse:

http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/regionale-kultur/umerziehen-unerwunscht-1.2271336

Zuschauer bei der Abschlußdiskussion. © H. Bochert
Zuschauer bei der Abschlußdiskussion.
© H. Bochert
Stefanie Gottfried im Gespräch mit Sabine Heymann. © W. Barth
Stefanie Gottfried im Gespräch mit Sabine Heymann.
© W. Barth
Abschlußdiskussion. © W. Barth
Abschlußdiskussion.
© W. Barth

PORTRÄT: Maria Tryti Vennerød

DAS NORWEGISCHE STÜCK „DIE PRÜFUNG“. INTERVIEW MIT MARIA TRYTI VENNERØD, Autorin, UND NELLY WINTERHALDER, Übersetzerin.

Maria Tryti Vennerød
Maria Tryti Vennerød

„DIE PRÜFUNG“ spielt in einem Klassenzimmer. Ein Schüler ist der Schule verwiesen worden, und in einer Schule in der Nachbarschaft findet möglicherweise gerade ein Amoklauf statt, möglicherweise verübt von diesem Schüler. Im Klassenzimmer selbst hingegen wird gerade die jährliche nationale Abschlußprüfung durchgeführt, die Anspannung zwischen den anwesenden Schülern und Lehrern ist groß. Maria, kannst du uns etwas über die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte dieses Textes in Norwegen erzählen?

Maria Tryti Vennerød: Der Text wurde für DUS 2011 („Den Unge Scenen“, zu deutsch etwa: Die Junge Bühne) geschrieben, ein Jugendtheaterfestival, für das mehrere Autoren je einen Theatertext schreiben, ähnlich wie „Connections“ in Großbritannien. Verschiedene Jugendtheatergruppen im ganzen Land konnten zwischen den sechs neugeschriebenen Texten wählen. Vierzehn Gruppen haben sich entschieden, jeweils ihre Version von ”Die Prüfung” zu zeigen. Ich wollte ein Thema finden, das für Erwachsene genauso Gültigkeit besitzt wie für Jugendliche. ”Die Prüfung” handelt von einer Gesellschaft, die durch Furcht in Auflösung gerät. Das Motiv ist eine Schulklasse in der Mittelstufe, die aus Angst vor einem Schulmassaker auseinanderbricht.

Der Text handelt davon, wie extreme Haltungen entstehen können und wie wir uns zu Abweichlern oder zu denen ”die wir nicht mögen oder verstehen” verhalten, wie wir sie abweisen. Der Text thematisiert auch das Aufbegehren gegen das kulturradikale Erbe der 68er-Generation, wo Antiautorität weitgehend alleinherrschend und selbst wiederum autoritär geworden ist. Vielleicht ist das besonders verbreitet in Skandinavien – dass junge Menschen eine Wut gegen die allgegenwärtige Freundlichkeit der Elterngeneration verspüren – nichts erzeugt große Konsequenzen und darum kann alles normlos und gleichgültig werden. Wenn nichts eine Rolle spielt, kann man sich auch selbst wertlos fühlen. Die Gefahr eines liberalen und antiautoritären Systems liegt darin, dass die Menschen anfangen, nach festen und überautoritären Haltepunkten zu suchen, aus einer Sehnsucht heraus, dass Dinge etwas bedeuten sollen. Auf diese Weise kann es zu idealen Bedingungen für Extremismus kommen. Darüber wollte ich schreiben, in einem Text, der auch für Jugendliche geeignet sein und viele Rollen haben sollte.

„DIE PRÜFUNG“ kommt mit wenigen Worten aus, der Text hat fast etwas Minimalistisches an sich. Dadurch bekommen ganz konkrete Vorgänge manchmal eine nahezu „mystische“ Dimension. Das hat mich persönlich beim Lesen des Textes sehr fasziniert. Man hat immer das Gefühl, unter dem Gesagten liegt noch etwas anderes, eine weitere Ebene, eine andere Geschichte, etwas, das es zu entdecken lohnt. Maria, ist dieser Schreibstil typisch für dich als Autorin oder hat er sich vielleicht aus dem Stoff heraus entwickelt? Oder siehst du dich da in einer norwegischen oder skandinavischen Tradition?

Maria Tryti Vennerød: Knappheit, kombiniert mit Zweideutigkeit ist wohl typisch für meine Theatertexte. Ich bewege mich außerdem gerne an der Schnittstelle zwischen dem Minimalistischem und dem Üppigen, ja Schwülstigen, Burlesken. Ich mag, wenn Texte von gepfefferten, minimalistischen Dialogen zu plötzlichen Ausbrüchen wechseln, mit einer gerne sehr farbenfrohen Sprache. Der Rhythmus und die Musik in der Sprache sind mir wichtig, weil der Rhythmus sich aus der Situation hier und jetzt ergibt und damit für den Untertext wichtig wird. Präzision kombiniert mit Zweideutigkeit, Poesie kombiniert mit dem Burlesken, und am liebsten Geschichten, die aus einer antifaschistischen Grundhaltung heraus erzählt werden – das sind wohl meine Ideale, und die Form trägt selbstverständlich dazu bei, den Grundton in jedem Stück zu erzeugen.

Es stimmt, viele norwegische Theaterautoren schreiben minimalistisch. Die beiden bekanntesten, Jon Fosse und Arne Lygre, schreiben knapper und kühler als ich es selbst tue. Auf die Frage nach meinen Vorbildern habe ich einmal geantwortet, dass das Jon Fosse, Harold Pinter und William Shakespeare sind – und das stimmt, in dem Sinne, dass alle drei Qualitäten besitzen, die mich auf verschiedene Weise inspirieren. Harold Pinter hat für mich dennoch am meisten bedeutet – aber das allerwichtigste ist ja, hinzuhören und seiner eigenen Stimme zu folgen.

Nelly, du hast „Die Prüfung“ ins Deutsche übersetzt und dabei eine sehr flüssige, plastische Sprache gefunden. Ich denke, man merkt, dass du selbst auch Autorin bist. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Maria gekommen? Was hat dich an dem Text begeistert?

Nelly Winterhalder: Maria hat die Premiere meines ersten norwegischen Theatertextes gesehen und mich gleich am nächsten Tag gefragt, ob ich ihre Texte ins Deutsche übersetzen würde. Ich war zunächst überrascht, ich hatte ja vorher nur meine eigenen Texte übersetzt, aber spätestens nachdem ich „Die Prüfung“ gelesen hatte, gab es eigentlich keinen Zweifel mehr. Wir arbeiten als Autorinnen recht ähnlich, mit großem Bewusstsein für Rhythmus und Sprache, für Zweideutigkeit, und in einer Knappheit, die auch Raum für spielerische Ausbrüche lässt. Kein Wort ist dem Zufall überlassen, jeder Rhythmus trägt dazu bei, den Untertext zu transportieren. Es ist eine große Verantwortung, dieses feine Gefüge zu übersetzen, und war für mich eine tolle Herausforderung.

Vielleicht könnt ihr uns abschließend noch kurz etwas über die zeitgenössische, norwegische Dramatik erzählen. Gibt es im Moment eine lebhafte Szene in Norwegen? Werden auch viele Stücke, die aus anderen Sprachen übersetzt wurden, gespielt? Und wenn ja, aus welchem Sprachraum kommen diese Stücke vor allem?

Maria Tryti Vennerød: Im Laufe der letzten 15 Jahre gab es viel Engagement und die norwegische Gegenwartsdramatik ist aufgeblüht. Es gibt mehr Theatertexte, die Texte haben sich geöffnet und von dem psychologisch-realistischen Erbe Ibsens entfernt. Arne Lygre und andere etablierte Dramatiker, wie ich selbst, schreiben Texte, die man dramatisch nennen kann, in denen sich die Handlung zwischen Figuren in einem Raum abspielt, während sich der Text gleichzeitig deutlich reflexiv zu sich selbst als Theatertext verhält. Andere Autoren haben sich in noch größerem Grad dem postdramatischen Theater verschrieben, sie schreiben für ein Theater ohne Figuren, in dem Illusionen gebrochen und sichtbar gemacht werden – oder es gibt gar überhaupt keine Illusion mehr. Daneben gibt es viele Theaterschaffende, die eigentlich Schauspieler oder Regisseure sind, die ihre eigenen Texte schreiben, oder die ihr Material durch Interviews oder auf andere Art sammeln. Ausländische Texte werden ständig gespielt, vor allem aus Europa. Es wird vor allem aus dem Englischen, dem Deutschen und den anderen skandinavischen Sprachen übersetzt. ”Zwanzigtausend Seiten” von Lukas Bärfuss wurde letztes Jahr auf Oslos grösster Bühne gespielt. Gerade kann man in Oslo u.a. Texte von Mark Haddon (englisch), Rikke Wölck (dänisch), Ivan Virypaev (russisch), David Hare (englisch) und Lars Norén (schwedisch) sehen.

Nelly Winterhalder: Ich lebe seit 9 Jahren in Norwegen, und in dieser Zeit hat sich tatsächlich viel bewegt, vor allem sehen wir eine größere Vielfalt an Texten, wie Maria schon sagte. Durch die Etablierung des ersten Studiengangs für Szenisches Schreiben in Norwegen 2013, durch die Eröffnung des Dramatikkens Hus/Norwegian Center For New Playwriting, durch die Arbeit vieler Dramaturgen, Regisseure und Theater ist der Fokus auf die norwegische Gegenwartsdramatik stärker geworden. Ich wünsche mir dennoch, dass wir noch mehr zeitgenössische Dramatik auch auf den großen Bühnen sehen, eine offenere, fachliche Debatte, mehr Mut zum Risiko von allen Seiten. Aber – wir sind auf einem guten Weg.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir freuen uns auf die Lesung am Nationaltheater Mannheim am 31. Mai 2015, wo wir euch und den Text noch eingehender vorstellen werden (Einrichtung der Lesung: Inka Neubert). 

Die Fragen stellte ULRIKE SYHA.

Übersetzung der Antworten: NELLY WINTERHALDER.

Nelly Winterhalder
Nelly Winterhalder

WEITERE INFORMATIONEN ZU WERK UND BIOGRAPHIE:

Maria Tryti Vennerød

Maria Tryti Vennerød, geboren 1978, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Theaterautorinnen Norwegens. Seit ihrem Debüt 2002 wurden ihre Stücke immer wieder an größeren Theatern des Landes gespielt. Ihre Texte wurden zudem in zehn Sprachen übersetzt und in Inszenierungen und szenischen Lesungen auch im Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich (Paris, „La Colline“), Ungarn (Budapest, „Nationaltheater“) und New York („Theatre for the new city“). Sie hat am F.I.N.D Festival der Schaubühne Berlin teilgenommen und eine Reihe von Preisen erhalten, unter anderem den „Ibsen Award“ und den Preis beim Wettbewerb zum „Centennial of the End of the Norwegian-Swedish Union“. Außerdem war sie für den „Hedda Award“ nominiert. Zurzeit arbeitet sie an einem Auftragstext für eine achtstündige Theaterperformance des „Det Norske Teatret“, Oslo, für das auch Lukas Bärfuss und Oleg Begajev einen Schreibauftrag erhalten haben.

http://www.mariatryti.com/framsyningar

http://nordiska.dk/en/?s=Maria+Tryti+Vennerød&t=a&a_type=&a_name=&w_min=-1&w_max=999&m_min=-1&m_max=999

Nelly Winterhalder

Nelly  Winterhalder,  geboren  1979  in  Löffingen  (Baden-­‐Württemberg),  ist  Dramatikerin,   Schauspielerin  und  Übersetzerin.  Sie  studierte  italienische  Literaturwissenschaft,   Germanistik  und  Theaterwissenschaft  in  München  und  Genova  (Abschluß:  Magister   Artium).  Ihre  Schauspielausbildung  erhielt  sie  bei  Artemis  Theater  in  München.  Seit  2006  lebt  sie  in  Oslo  und  arbeitet  mit  Projekten  v.a.  in  Norwegen  und  Deutschland.  Zur  Zeit  ist  sie  Masterstudentin  im  Szenischen  Schreiben  an  der  Kunsthøgskolen  in  Oslo.   Schauspielerin  und  Regisseurin  u.a.  am  Grusomhetens  Teater  Oslo,  Dansens  Hus  Oslo  und   am  E-­‐Werk  Freiburg.  Übersetzung  einer  Reihe  von  Theaterstücken  aus  dem  Norwegischen   ins  Deutsche.  Ihre  eigenen  Stücke  wurden  bislang  in  Norwegen,  der  Schweiz,  Italien  und   Nicaragua  aufgeführt.

Verlagskontakt: Nordiska ApS International Performing Rights Agency

www.nordiska.dk

ÜBER DIE AUSWAHL 2015

Endlich ist es so weit, die Ergebnisse von EURODRAM stehen fest.

Wir freuen uns, Ihnen heute die Auswahl des deutschsprachigen Komitees vorstellen zu können.

Informationen zu den Ergebnissen der anderen Sprachkomitees finden Sie unter http://www.sildav.org/component/content/article/452 .

A U S W A H L  2 0 1 5

D E U T S C H S P R A C H I G E S  K O M I T E E               

(in alphabethischer Reihenfolge)

– Stefano Massini: EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU. („Donna non rieducabile“, aus dem Italienischen von Sabine Heymann). (Lauke-Verlag)

Małgorzata Sikorska-Miszczuk: DER KOFFER. („Walizka“, aus dem Polnischen von Andreas Volk).

 – Maria Tryti Vennerød: DIE PRÜFUNG. („Nasjonal prøve“, aus dem Norwegischen von Nelly Winterhalder).

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Die drei ausgewählten Texte werden wir im Laufe der nächsten Wochen hier in unserem Blog  sowie bei unseren Veranstaltungen am Nationaltheater Mannheim (31. Mai 2015, 19 Uhr) und im Theater Drachengasse / Wien (Termin wird noch bekannt gegeben) noch eingehender vorstellen.

http://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=2199

Da wir über 70 Einsendungen erhalten haben (noch mehr, wenn man die einberechnet, die den Kriterien leider geographisch oder aufgrund einer bereits vorliegenden Veröffentlichung nicht entsprochen haben) und die Diskussion im Komitee bis zum Schluß sehr lebhaft war, haben wir uns entschlossen, auch noch eine Liste mit weiterführenden Empfehlungen bekanntzugeben. Auf diese Texte werden wir zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer eingehen.

WEITERFÜHRENDE EMPFEHLUNGEN

 – Richard Bean: UNTER DECK. („Under the Whaleback“, aus dem Englischen von Alex C. Mangold / Regina Hellmich). (Aufführungsrechte: Ahn & Simrock Bühnen- und Musikverlag, Hamburg)

– Davide Carnevali: ARABISCHE FRAU, DAS MEER BETRACHTEND. (Aus dem Italienischen von Sabine Heymann). (Rowohlt-Verlag)

– Stijn Devillé: HITLER IST TOT. („Hitler is dood“, aus dem Niederländischen von Uwe Dethier.)

– Minos Efstathiadis: DAS MAHL. („Το γεύμα“, aus dem Griechischen von Kathrin Liegmann).

– Greg Freeman: DOGSTAR. (Aus dem Englischen von Gerda Poschmann-Reichenau). (Lauke-Verlag).

– Jean-Pierre Siméon: STABAT MATER FURIOSA. (Aus dem Französischen von Daniel Gerzenberg.)

– Marcel Zang: MEIN GENERAL. („Mon général“, aus dem Französischen von Wolfgang Barth).

Sollten Sie Interesse haben, einen der genannten Texte zu lesen, wenden Sie sich bitte an die angegebenen Verlage bzw. an uns, wir stellen dann gerne einen Kontakt zum Autor oder Übersetzer her.