Am 2.4. 2016 fand im Rahmen des 4+1-Festivals in Leipzig die erste EURODRAM-Veranstaltung mit der Auswahl 2016 statt, eine Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig.
Mitglieder des Ensembles sowie Anna Schmidt und Anjorka Strechel als Gäste lasen je zwanzigminütige Ausschnitte aus den Texten, eingerichtet wurden die Lesungen von Mitgliedern des EURODRAM-Komitees selbst.
Besonders gefreut hat uns, dass die Autorinnen Henriette Dushe und Christina Kettering und Maxi Obexers Ko-Autor Lars Studer nach Leipzig kommen konnten und im Anschluss an die jeweilige Lesung einige Fragen zu ihrem Stück und ihren Erfahrungen mit Übersetzungen beantworteten.
Darüber hinaus haben wir nochmal die generelle Arbeitsweise von EURODRAM und die Ziele unseres Netzwerks vorgestellt.
Vielen Dank an das Schauspiel Leipzig für die Kooperation und an alle an der Veranstaltung Beteiligten.
Und natürlich auch einen herzlichen Dank an das Publikum für euer Interesse und zahlreiches Erscheinen, trotz der recht frühen Stunde!
Lesung EURODRAM am Schauspiel Leipzig. (Copyright: R. Arnold)
EURODRAM beim 4+1-Festival
LESUNG 1
Maxi Obexer / Lars Studer: ILLEGALE HELFER.
Einrichtung der Lesung: Katharina Stalder.
Es lasen: Anna Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch, Florian Steffens.
Katharina Stalder bei der Vorstellung des Stückes. (Copyright: R. Arnold)
LESUNG 2
Henriette Dushe: VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE.
Einrichtung der Lesung: Sandra Schüddekopf.
Es lasen: Anna Schmidt, Bettina Schmidt, Anjorka Strechel, Lara Waldow.
LESUNG 3
Christina Kettering: ANTARKTIS.
Einrichtung der Lesung: Inka Neubert
Es lasen: Bettina Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch.
Moderation: Ulrike Syha
Im Gespräch mit Ko-Autor Lars Studer („ILLEGALE HELFER“). (Copyright: R. Arnold)
Leider konnte bei der Veranstaltung noch nicht bekanntgegeben werden, in welche Sprachen die jeweiligen Texte übersetzt werden. Wir haben die Zielsprachen intern aber bereits festgelegt und sind mit Übersetzern im Gespräch. Die Bekanntgabe erfolgt voraussichtlich Ende April.
Christina Kettering, 1980 geboren, studierte von 2000 bis 2005 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Anschließend organisierte sie Lesungen und Veranstaltungen in Köln, war als Dramaturgin an verschiedenen freien Theatern tätig und organisierte und entwickelte Performances im öffentlichen Raum in Berlin-Kreuzberg. 2004 war sie Gast beim Forum junger Autor_innen Europas der Biennale «Neue Stücke aus Europa» in Wiesbaden und Frankfurt/Main. 2006 hat sie am Workshop für Nachwuchsdramatiker_innen des Berliner Stückemarktes teilgenommen.
Sie lebt seit 2008 in Berlin und arbeitet dort seit 2010 als freie Dramaturgin am Kindertheater akrena. Seit 2012 arbeitet sie auch als Workshopleiterin für Mitspielgelegenheit e.V.
Ihr Stück ANTARKTIS, 2014 am Kaltstart-Festival in Hamburg in einer szenischen Lesung vorgestellt, wurde 2015 in der Regie von Friederike Barthel im Hamburger Sprechwerk uraufgeführt. Andere Stücke von Christina Kettering sind Der Gast (2004), Josefines Besuch (2006), Lost in the Supermarket (2010) und das Kindertheaterstück Los Lilli, hex! (2007), die Rechte liegen beim Drei Masken Verlag.
1989 hat der Antarktisforscher Werner, der in der DDR-Forschungsstation «Georg Forster» arbeitet, Nadja, ebenfalls Antarktisforscherin aber aus der BRD, 13.000 km von der Berliner Mauer entfernt über Funk kennen- und liebengelernt; sie treffen sich erst später in Deutschland. 1991 ist das Baby – Ina – da, und die Station «Georg Forster» wird nach und nach zugunsten der westdeutschen Station abgebaut.
Werner klammert sich an die Vergangenheit, bleibt lieber, als einer der Letzten, noch im Eis, als zu Nadja in die westdeutsche Provinz zu ziehen – was ihm Nadja vorwirft, die nicht glücklich damit ist, alleine mit dem Baby zuhause zu bleiben und zugunsten Werners auf ihre Arbeit zu verzichten.
Aber die Situation ändert sich, später ist es Werner, der mit dem Kind zuhause bleibt, wegen psychischer Probleme ausgemustert, «aussortiert», wie er sagt, während Nadjas Karriere wieder Aufschwung nimmt.
Heute: Der Mittsechziger Werner ist allein. Nadja ist tot, Werners Verstand und sein Körper werden von Alzheimer angenagt. Ina, die Tochter von Nadja und Werner, jetzt eine 23-jährige Studentin, pflegt ihren erkrankten Vater, ist aber überfordert mit dieser Aufgabe.
Auf der Suche nach Information im Internet stösst sie auf das Online-Programm «Daytrack», dessen Mitglieder sämtliche Dokumente, Fotos oder Papiere, aber auch ihre täglichen Aktivitäten, vom Schlafrhythmus über eingenommene Kalorien bis hin zur Frequenz, mit der sie Sex haben, einspeichern. Das Ziel ist es, ihren Tagesablauf zu optimieren, ihr Leben in völliger Transparenz mit dem Rest der «Community», aber auch post-mortem mit ihren Nachfahren zu teilen. Ina sieht darin eine Möglichkeit, gegen das «Whiteout», das ihren Vater – und vielleicht später sie selbst? – bedroht, anzukämpfen. Deshalb nimmt sie ihre Gespräche mit ihm auf und kommentiert in Online-Tagebucheinträgen seinen fortschreitenden Verfall.
Auf Daytrack lernt sie auch den 35-jährigen Jens kennen. Die Beziehung, die sich zwischen den beiden anbahnt, ist aber zum Scheitern verurteilt, Jens ist kaum mehr fähig, ausserhalb des Internets zu leben, er kommentiert und archiviert jedes kleinste seiner Erlebnisse direkt, anstatt es tatsächlich zu leben.
Die Spielorte können einerseits geographisch zugeordnet werden – Werners Wohnung zum Beispiel – aber es gibt auch Orte wie «Das Internet» und «Die Erinnerung ». Orte, die schlussendlich ebenso real sind wie die physischen Orte. Wenn nicht noch mehr, und das nicht nur in Werners Kopf.
Gegenwart und Vergangenheit, reale Orte und Erinnerungsfetzen, Lebende und Tote, reelle und virtuelle Menschen fliessen ineinander. Zum Beispiel, wenn Werner in voller Antarktisausrüstung in seiner Wohnung herumirrt und sich aufmacht, im Weiss eines Schneesturms, bei -48°C, Messungen zu machen. Und Nadja – oder ihr Geist oder eine Fata Morgana (die nur Werner sieht und nicht Ina, als ob sich zwei Parallelwelten gleichzeitig auf der Bühne befänden) – für immer jung (zwischen 30 und 40) in Werners Erinnerung, mit ihm spricht. Das erscheint dann auch uns als dem Publikum fast realer als der im Internet gefangene Jens (obwohl er von einem Schauspieler auf der Bühne verkörpert wird) oder der Chor der Stimmen der Daytrack-Community…
Ein Blick in den Text…
« Schau mal, das ist mein Smartphone, damit nehme ich das hier auf, unser Gespräch, damit ich später nicht alles aus dem Gedächtnis – macht dir doch nichts aus? Ist wichtig, damit ich nicht mal das gleiche Problem habe, wie – (Pause) »
Ein Stück, das mit viel Vorstellungskraft und – in wahrsten Sinne des Wortes – Weitsicht (Welt-)Geschichte und (Familien- und Generationen-)Geschichten miteinander verbindet – und manchmal ungewohnte Schwerpunkte setzt: Den Mauerfall erleben Nadja und Werner von weitem, von einer Forschungsstation in der Antarktis aus, das allmähliche Verschwinden Werners im ewigen Eis des Vergessens kriegt seine Tochter hautnah mit.
Die ersten Szenen lassen kurz befürchten, dass wir uns im x-ten Stück über Big Brother und andere Gefahren des Internets befinden, aber dann wird dieses Thema sehr intelligent eingebunden, insbesondere mit der Parallele des Funks in der Vergangenheit und dem Internet heute. Nadja und Werner kommunizieren zunächst per Funk und lernen sich erst in Deutschland persönlich kennen – genauso wie sich 25 Jahre später Ina und Jens über das Internet kennenlernen… Und in beiden Generationen ist die Begegnung von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Das Stück ist sehr gut konstruiert, die Zeitsprünge, Flashbacks und Parallelhandlungen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit fliessen sehr natürlich ineinander über. Ausserdem hat Kettering ihren Text auch sprachlich und rhythmisch interessant durchkomponiert, mit thematischen, sonoren und verbalen Leitmotiven, die wie musikalische Elemente den Text durchziehen.
Das Hauptthema, das dem Stück zugrunde liegt, ist die Erinnerung und wie die verschiedenen Figuren mit ihr umgehen. Kettering untersucht die gleichen Motive (Vergessen; Whiteout; reale und virtuelle Welt; Kommunikation; Utopie) unter den jeweils anderen Voraussetzungen 1989 und 2003. Die beiden Generationen gehen unterschiedlich mit ihren Erinnerungen um, auch sonst hat sich vieles verändert, das Internet ist allgegenwärtig geworden – aber mit jemand eine Beziehung einzugehen und die Partnerin oder den Partner als das, was sie oder er ist hinzunehmen, ist nach wie vor schwer.
Kettering sagt selbst über ihren Text, dass sie ein Stück über die Unsterblichkeit als Utopie schreiben wollte.
Sollen wir es hinnehmen, dass Erinnerungen nach und nach verschwinden? Ist es möglich, ein Menschenleben aufzuzeichnen und sämtliche Erinnerungen lückenlos abzuspeichern? Ist völlige Transparenz erreichbar – und vor allem wünschenswert? Ein berührender Theatertext, der an die Bühne interessante Aufgaben stellt.
Katharina Stalder
EURODRAM wird „Antarktis“ ins Französische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Katharina Stalder, die Autorin des obenstehenden Artikels.
Der Grad der Präsenz dieses EINEN Themas im medialen Diskurs der letzten Monate ist bemerkenswert – aber auch außergewöhnlich, wie sehr es in die Sphäre des Privaten eindringt. Ob man mit Freunden beisammen sitzt, in der Mittagspause mit Kollegen, oder zuhause am Küchentisch – DAS kommt garantiert zur Sprache: Die derzeitige Migrationsbewegung!
Auf die eine oder andere Weise hat dieses Thema Eingang gefunden in die Gemüter einer gesamten Gesellschaft! Das ist keineswegs eine selbstverständliche Reaktion, dass Alle etwas interessiert. Zum letzten Mal war das vielleicht bei den Anschlägen in New York 2001 der Fall. Und über andere, nicht minder große Flüchtlingsbewegungen, z.B. im Afrika der 2000er Jahre, wurde sich weitaus weniger Gedanken gemacht. Etwas hat sich plötzlich in eklatantem Maße in der öffentlichen Wahrnehmung verändert. Die Macht des Diskurses, auch die politische Gefahr, die von ihm ausgehen kann, ist uns durch Foucault und Barthes bekannt. Unlängst hat Peter Sloterdijk in einem TV-Gespräch darauf hingewiesen, wie beengt, wie eingefahren und selbstreferentiell die eigene Betätigung im Diskurs auch verlaufen kann. In welcher Weise können wir vom Theater uns also an der Betrachtung des Flüchtlingsthemas beteiligen? Was können wir zu dem Diskurs-Puzzle an Meinungen und Haltungen beitragen, ohne vorgefertigte Muster zu bedienen?
Wie kann sich das Theater zu diesem Über-Thema unserer Tage äußern?
Vorliegender Theatertext „Illegale Helfer“ nähert sich aus einer Blickrichtung. Er folgt, der Titel verrät es, dem Narrativ derjenigen, die helfen wollen. Nicht Jeder mag helfen, das sehen wir. Andere haben Angst. Sie kommen hier nicht zur Sprache. Ein anderes Stück mag andere Meinungen, andere Aspekte in den Vordergrund stellen. Maxi Obexers Text kann man dennoch keine einseitige Betrachtung vorwerfen. Die Autorin hat etwas Überzeugendes geschaffen, in dem sie innerhalb einer vermeintlich bekannten Helfer-Position Neues, Unerwartetes beschreibt. Sie zeigt uns einen Ausschnitt paradoxer, brutaler Realität, den unsereins als Otto-Normal-TV-Seher nicht kennt, weil er im medialen Diskurs weitestgehend unbeachtet (bis verschwiegen?) bleibt.
Diese illegalen Helfer setzen sich für Menschen ein, die ihnen zwar fremd sind, die sie aber ganz nah an ihr eigenes Leben heran lassen, weil sie Hilfe benötigen – und sie tun dies unter Inkaufnahme von Rechtsverstößen. Sie setzen die individuelle, moralische Integrität über die des braven Staatsbürgers.
Um Skeptikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Hier springt keiner auf den Emotionszug auf, weil es gerade angesagt ist. Schon gar nicht diese Autorin, für die das Thema „Festung Europa“ nicht erst jetzt hervorpoppt, sondern die sich dafür schon länger kritisch interessiert. Dies Stück ist auch nicht DASStück zur Flüchtlingskrise. Der Text ist eine Momentaufnahme und liefert einen Teilmoment – nicht mehr aber auch nicht weniger! Damit vermeidet er den moralischen Zeigefinger und die Gefahr des vermessenen Anspruchs, das Theater habe den relevanten Zugriff zum Über-Thema stets parat.
Verändernde Zeiten?
Ob von nun an „nichts mehr so sein wird, wie es war“, wie Einige schon gerne apostrophieren, werden wir in einigen Jahren wissen. Auch ohne die große Zeit der Umwälzung im Allgemeinen erkennen zu wollen – im Kleinen, im Persönlichen hat sich bei einigen Menschen die vergangenen Monate über bereits sehr viel verändert. Gesellschaftliche Prozesse sind keine Frage von Theoremen am Reißbrett. Auch wenn die Makroebene der Politik, wie die Soziologen es nennen, durch Maßnahmen darauf Einfluss nehmen kann. Der Prozessverlauf bedingt sich durch das konkrete Verhalten Einzelner. Mögen die meisten von uns in ihrem Alltag keinen persönlichen Berührungspunkt zu einem der Menschen auf der Flucht haben und sich das eigene Meinungs-, Angst- oder Empathie-verhalten eher aus dem Mediendiskurs speisen. Für viele Andere aber ist die „Flüchtlingskrise“ zu einer Frage ihres persönlichen Alltags geworden.
Das Thema hat sich von der Makro-ebene der Politik auf viele neue Mikro-bereiche in unserer Gesellschaft verlagert, ja, manche erst entstehen lassen. Ob Polizisten, Sozialhelfer, Organisationsteams, Logistiker, Anbieter von „Sicherheitslösungen“ oder „Verpflegungspackages“: Für viele Menschen sind neue Einsatzräume, Aufgaben und Verantwortlichkeiten entstanden, die es bis vor einem halb/dreiviertel Jahr de facto noch nicht gab. Manche Menschen entwickeln neue Geschäftsideen. Andere nehmen die eigene Überzeugung als moralischen Gradmesser für Ihr außerberufliches Engagement.
Unbekannte Realität
Eine dieser sozialen Gruppen, die es vielleicht noch gar nicht solange gibt in unserer Gesellschaft, stellt uns Maxi Obexer mit ihrem brandaktuellen Stück vor – tatsächlich einem der spannendsten Theatertexte zum Thema. Der Text zeugt und bezeugt eine wohl nicht kleine Gruppe von Individuen, die sich für soziales Handeln entschieden haben. Es ist ein Handeln im Stillen. Gegen den Willen des Staates, der anderswo immer noch darum ringt, ob und wie oder wann man am besten handelt. Und das was wir da lesen, findet wirklich statt und genau in diesem Moment, ohne, dass die Öffentlichkeit viel über das darin liegende Dilemma zwischen Recht und Mitgefühl ahnt.
Ein Theatertext wird immer dann spannend, wenn er Widersprüche aufzeigt, neue Zusammenhänge freilegt, wenn er keine naheliegenden erzählerischen Klischees bedient. Erst recht, wenn er wie hier unter Verwendung von Interviewmaterial ein hohes Maß an Authentizität verspricht. So ist eine erstaunliche Entdeckung beim Lesen, die Figur (= reale Person) des Verwaltungsrichters, der sich zwischen offizieller und moralischer Richtschnur entscheiden muss. Ein überraschendes Statement stammt vom „deutschen Studenten Florian“, der am besonders starken Ende dieses Stückes den Grad seines persönlich investierten Risikos relativiert und darin, so könnte man es verstehen, fast eine Banalität des Helfens entdeckt.
Man kann die Inkognito-Protagonisten des Stückes nicht einfach als Gutmenschen abtun. Es wird deutlich, es sind Menschen wie Du und ich. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Alters und biografischen Zusammenhängen. Sie haben unterschiedliche Beweggründe, jede(r) seine eigene Motivation, sich für die Flüchtlinge einzusetzen. Gerne hätte man noch mehr über diese Menschen selbst erfahren oder sie noch stärker in Widerstreit mit kritischen Gegenstimmen gesetzt. Auch, um als Leser/Theaterzuschauer stärker gezwungen zu werden, die eigene Überzeugung in dieser Sache auf den Prüfstand zu stellen. Die Regie hat hier Gelegenheit, ihr Übriges zu tun. Auch deshalb ist es dieser Text wert, auf die Bühne zu kommen!
Der Verdienst dieses Stückes, dieser investigativen Unternehmung von Maxi Obexer ist es, diesen ungewöhnlichen Helfern eine Stimme und damit eine Existenz zu geben – Und dem Theaterzuschauer eine Denkaufgabe für den Heimweg aus dem Theater. Letztlich auch: Eine politische Frage zu stellen nach den gesetzmäßigen Bahnen innerhalb derer wir handeln sollen, in einer Zeit voller jener neuen Ereignisse, mit der sich unsere europäische Gesellschaft so schockhaft plötzlich konfrontiert sieht. Obexer wirft ein Licht auf einen Teil eines unübersichtlichen Diskurses, über den wir bisher noch nichts erfahren haben. Sie hilft, das Bild vielseitiger zu machen – und umso vielfältiger, desto eher ist es an der Realität dran, die wir so sehr begreifen wollen.
Christian Mayer, Graz
BIOGRAPHISCHES:
MAXI OBEXER wurde in Brixen, Südtirol, Italien geboren.
Sie lebt heute in Berlin und Südtirol und ist Autorin von Theaterstücken, Hörspielen, Erzählungen und Essays.
Ausserdem ist sie Mitbegründerin des Neuen Institut für Dramatisches Schreiben (NIDS). www.nids.eu
2011 erschien ihr erster Roman „Wenn gefährliche Hunde lachen“.
Sie hat zahlreiche Förderungen und Preise erhalten, u.a.der Akademie Schloß Solitude, des Collegium Budapest, des LCB Berlin und der Akademie der Künste Berlin.
Sie hat bereits am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, der UdK Berlin und in den USA unterrichtet und war auch als Dramaturgin tätig.
Es ist soweit, wir haben offiziell eine neue deutschsprachige Eurodram-Auswahl 2016.
Uns haben 147 Texte erreicht, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Luxemburg und Polen. Und einer kam sogar aus dem fernen China. Die meisten Texte wurden von den Autoren selbst eingereicht, manche aber auch von Übersetzern und Verlagen.
Wir haben in den letzten Monaten viel gelesen und diskutiert – und uns nun auf folgende drei Stücke geeinigt (in alphabetischer Reihenfolge):
– HENRIETTE DUSHE: „VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE“(Henschel Schauspiel)
– CHRISTINA KETTERING: „ANTARKTIS“(Drei-Masken-Verlag)
Wir werden die Texte und die Autorinnen bei unserer ersten Veranstaltung am 2. April 2016, 11.30 Uhr in Lesungen und Gesprächen vorstellen (siehe „Termine“).
Dort werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach auch bekanntgeben, in welche Sprachen wir die Texte übersetzen lassen.
Ausserdem werden wir die Stücke in der nächsten Zeit hier auf unserem Blog porträtieren.
Bei so vielen Einsendungen ist uns das Auswählen naturgemäß nicht leichtgefallen. Deswegen möchten wir auch noch auf unsere Zusatzauswahl „Weitere Empfehlungen“ hinweisen.
Diese Texte können von uns leider nicht auch in Lesungen vorgestellt und übersetzt werden – wir möchten aber Theatermacher und vor allem Übersetzer unbedingt auch auf diese Stücke aufmerksam machen.
Weitere Empfehlungen 2016:
– Martina Clavadetscher: UMSTÄNDLICHE RETTUNG
– Dagrun Hintze: DIE ZÄRTLICHKEIT DER RUSSEN (Jussenhoven & Fischer)
Wir haben in den letzten Monaten an die 150 Theatertexte in allen Farben und Formen gesichtet.
Von noch unbekannten Autoren bis zu dramatischen Schwergewichten war alles dabei, unterhaltsame Komödien, Tragödien in Versform, Kinder- und Jugendtheater, Dokumentarisches, Experimentelles, thematisch Brandaktuelles und sehr Persönliches.
Nun befinden wir uns auf der Zielgeraden für die Endauswahl.
Bekanntgabe der diesjährigen Ergebnisse aller Eurodram-Komitees ist voraussichtlich am 15. März 2016.
Die erste Veranstaltung des Deutschsprachigen Komitees von EURODRAM findet am 2. April 2016 um 11.30 Uhr im Rahmen des 4+1-Festivals am Schauspiel Leipzig statt.
Früh – aber es gibt neben Lesungen und Gesprächen auch Kaffee und Croissant im Angebot.
Dort stellen wir die drei Texte der Auswahl 2016 und die Autoren dahinter vor.
Schon etwas früher starten unsere Kollegen in Frankreich an der Maison d’Europe et d’Orient in Paris mit ihrem Festival „L’Europe des Théâtres“ – eine europaweite Veranstaltungsreihe, deren Teil auch wir mit unserer Leipziger Lesung sind.
Das Programm in Paris (und die anderen europäischen Kooperationspartner) finden sich hier:
Am 16. November 2015 haben wir in Wien am Theater Drachengasse eine weiteres Mal die Auswahl 2015 des Deutschsprachigen Komitees präsentiert – unsere Premiere in Österreich.
Im Theater Drachengasse, Foto: K.Kukelka
Dank einer großartigen Zusammenarbeit mit dem Theater Drachengasse und dank Unterstützung des Bundeskanzleramts und des Polnischen Instituts in Wien war es uns möglich, einige der Autoren und Übersetzer zu der Veranstaltung einzuladen: Małgorzata Sikorska-Miszczuk (Polen) und ihren Übersetzer Andreas Volk, sowie Maria Tryti Vennerød (Norwegen) und ihre Übersetzerin Nelly Winterhalder.
Das Theater Drachengasse (www.drachengasse.at) ist ein kleineres Theater direkt im Zentrum Wiens, das in seinen Spielplänen einen erkennbaren Schwerpunkt auf zeitgenössische Stoffe setzt. Seit Oktober 2014 hat dort Katrin Schurich die Leitung inne, als Regisseurin selbst gut mit der zeitgenössischen Dramatik vertraut. Wir freuen uns sehr, dass wir sie für diese Kooperation gewinnen konnten.
Auf eine kurze Einführung in die allgemeine Arbeit von EURODRAM und seiner Sprachkomitees durch Ulrike Syha (Koordinatorin des Deutschsprachigen Komitees) folgten etwa zwanzigminütige Lesungen der drei Stücke der Auswahl 2015, eingerichtet von Sandra Schüddekopf und Milena Michalek.
Lesung „Eine nicht umerziehbare Frau“, Foto: K. Kukelka
„EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU“ von Stefano Massini (Aus dem Italienischen von Sabine Heymann). (Lauke-Verlag)
Es lasen: Barbara Gassner, Thomas Stolzeti, Felix Kreutzer; Einrichtung: Sandra Schüddekopf
Lesung „Der Koffer“, Foto: U. Syha
„DER KOFFER“ von Małgorzata Sikorska-Miszczuk (Deutsch von Andreas Volk). (Kaiser-Verlag)
Es lasen: Barbara Gassner, Thomas Stolzeti, Alexander Braunshör, Lisa Schrammel; Einrichtung: Sandra Schüddekopf
Lesung „Die Prüfung“; Foto: K. Kukelka
Für die Lesung des dritten Textes ist es den Kollegen in Wien gelungen, eine Kooperation mit einer Schauspielschule in die Wege zu leiten; die Rollen der Schüler in „Die Prüfung“ wurden von jungen Studierenden der Privatuniversität Konservatorium Wien gelesen – eine große Bereicherung.
„DIE PRÜFUNG“ von Maria Tryti Vennerød (Aus dem Norwegischen von Nelly Winterhalder). (TM-Verlag)
Es lasen: Lisa Schrammel, Alexander Braunshör, Teresa Maria Hager, Sören Kneidl, Felix Kreutzer, Eleni Stampfer, Constanze Winkler; Einrichtung: Milena Michalek
Im Anschluß an die jeweilige Lesung stellten sich die anwesenden Autoren und Übersetzer den Fragen der EURODRAM-Mitglieder Henning Bochert und Christian Mayer und des Publikums und gaben Auskunft über ihre Texte, den Vorgang des Übersetzens, neue Projekte und die zeitgenössische Theaterszene in ihren jeweiligen Ländern. Gespräche, die auch nach Ende der Veranstaltung fortgeführt wurden.
Die norwegische Autorin und ihre Übersetzerin im Gespräch mit Christian Mayer; Foto: K. Kukelka
Ein Zuschauer sagte am Ende an der Bar, er habe den gesamten Abend wie eine kleine Reise empfunden durch die unterschiedlichen Regionen Europas mit ihren jeweiligen Themen und Fragestellungen. Wenn sich das hergestellt hat, freuen wir uns natürlich ungemein.
Die polnische Autorin und ihr Übersetzer im Gespräch mit Henning Bochert, Foto: K.Kukelka
Mit dieser Veranstaltung in Wien verabschieden wir uns von der Auswahl 2015, die uns über das Jahr sehr ans Herz gewachsen ist. Wir bedanken uns herzlich bei der Theaterleiterin Katrin Schurich, bei Sandra Schüddekopf und Milena Michalek, den Schauspielern und allen anderen Beteiligten und Unterstützern vor Ort.
Kommende Woche startet die Ausschreibung 2016. Wir freuen uns schon jetzt auf die neuen Texte und die Menschen dahinter.
Über den Start der Ausschreibung informieren wir Sie getrennt auf diesem Blog.
Carla Guimarães: „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“.
Aus dem Spanischen von Franziska Muche.
CARLA GUIMARÃES
Werden die Letzten wirklich die Ersten sein? In der ganz hervorragenden Übersetzung von Franziska Muche des Stückes von Carla Guimarães Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde, erfüllt sich die Prophezeiung (Matthäus 19,30). Allerdings in einer wunderbaren, märchenhaften, utopischen Weise und anders, als es die Protagonistin dachte.
Samia Yussuf Omar, junge Hindernisläuferin aus Somalia, wird bei den Olympischen Spielen in Peking Letzte (Anfang des Stückes). Am Ende des Stückes gewinnt sie (für die Mannschaft der „Unterstadt“) gegen den exklusiv eingeflogenen Mo Farah (Weltstar und englische Sportlegende, ebenfalls ursprünglich Somalier, der für die „Oberstadt“ startet) das 98. jährliche Tiramisu-Wettessen in einem kleinen italienischen Dorf. Sie putzt nicht nur, schneller als Mo Farah, den eigenen Teller Tiramisu weg, sondern auch gleich noch die Reste auf dem des Wettkampfgegners.
Samia hat sämtliche Hindernisse überwunden und ist am Ziel ihrer Träume angekommen: In EUROPA. Gesiegt hat sie gegen den Hunger. Zwischen Somalia und Europa liegt ein Theaterstück, eine lange Reise durch Libyen und im Boot über das SCHWARZE MEER. Dazwischen liegen auch, so ist das oft bei Roadmovies, wesentliche Erkenntnisse und eine Wandlung. Ein Sterben und eine wundersame Rettung und Auferstehung.
Das „SCHWARZE MEER“? „Plötzlich verändern sich die Dinge, und wir wissen nicht recht, warum. Aber wir gewöhnen uns sehr schnell daran, als ob es schon immer so gewesen wäre. […] Ich erinner mich daran, wie die Dinge einmal waren und ich glaube, dass sie auch so sein sollten“, erklärt der alte Fischer seinem Sohn, der das alles nicht mehr weiß. Das Meer vor ihnen war einmal wunderbar blau („wie die Augen deiner Mutter […], wie der Himmel über unseren Köpfen“) und es hieß „Mittelmeer“. Aber dann scheiterten unzählige Flüchtlinge, Männer Frauen und Kinder aus Afrika bei der Überfahrt mit untauglichen Booten ins Gelobte Land und ertranken. Statt blau ist es jetzt schwarz, und es heißt „Schwarzes Meer“.
Vater und Sohn fischen ein möglichst mageres und hungriges Mädchen aus dem Meer, in dessen Blick aber „der Glanz eines Champions“ liegen soll, damit sie beim Tiramisu-Wettbewerb gewinnen kann. Und das ist Samia, letzte Überlebende auf einem Flüchtlingsboot, die mit unsäglichem Durst ein verzweifeltes Gebet gen Himmel geschickt hatte: „Lieber Gott, bitte, ich habe dich noch nie um etwas gebeten… Nur um die Medaille, um den Weltfrieden und darum, dass es in Afrika keinen Hunger gibt… Was ich sagen wollte, du hast mir noch nie eine Bitte erfüllt, aber jetzt brauche ich Regen.“ Das Gebet wird erhört und in einem fürchterlichen Gewittersturm versinkt Samia mit ihrem Schiff.
Tura, Samias Trainer in Somalia (Eshetu Tura, ebenfalls reale somalische Sportlegende) hatte Samia nahegelegt: „Du musst über Somalia hinausschauen“. Auf den Rat ihrer Geschwister stellt sie sich auf die Schultern das Bruders („ich sehe was, was ihr nicht seht“) und erblickt EUROPA: „Geldautomaten“, „Drei Mahlzeiten am Tag“, „Hochgeschwindigkeitszüge, FKK-Strände, Kinder mit Handys, Reality-Shows auf MTV…“, etc. Und die explizite Einschränkung: „Sie nennen es Demokratie/Doch es ist Scharlatanerie/Mädchen mit Anorexie/Spinner mit Vigorexie.“
Die Reise in die (vorläufige) Katastrophe („Titanic“) ist viel schwerer, als die Protagonistin gedacht hatte. Carla Guimarães nutzt alle Mittel der theatralischen und sprachlichen Architektur. Schon beim Hindernislauf in Somalia muss Samia das Militär, die religiösen Fundamentalisten (die Samia die Burka überziehen wollen) und den Hunger austricksen. Die Kapitel aus Maos rotem Buch („Korrekte Behandlung von Widersprüchen unter dem Volk“), die Samia und ihre Geschwister in der Not verspeisen, stillen nur schlecht den Hunger, erweisen sich aber als nützlich im libyschen Minenfeld.
Zeitgleich zum aktuellen Geschehen fungieren als „Chor“ auf der Bühne „Das Radio“ („Wach auf, Somalia, […] wach auf Samia“) und in köstlich aussagestarken Reportagenklischees „Der Radiomoderator“. Tura liftet durch hervorragende Sprichwörter die Vorgänge auf eine höhere Bedeutungsebene („Kein Frosch spricht gern über seine Vergangenheit als Kaulquappe“, „Der Weise sagt nicht, was er weiß. Und der Dumme weiß nicht, was er sagt“). Die Regieanweisungen (allesamt gekonnt einfach im Dienste der theatralischen Umsetzbarkeit) gehen unter die Haut („Man sieht, dass das Meer schwarz ist. Die Arme einiger Männer und Frauen berühren das Boot, als wären sie Wellen“).
Die Piraten, die Samia mit Gaddafis Kopf abwimmelt, aus dem sie bei EBay Geld machen können, singen das „Lied des Piraten“ von José de Espronceda. EUROPA wird im Rap der Geschwister vorgeführt. Grundmelodie des Exodus ist „Don’t worry, be happy“.
Das ist Satire. Das ist großes Theater. Das ist Gleichnis, Utopie und Märchen. Das ist fürchterlich (im Geschehen) und einfach nur wunderbar und schön im satirisch kitschigen Happy End („Meine Damen und Herren, live und exklusiv erleben wir, wie Samia Yusuf Omar Markus Larsson die Zunge in den Hals steckt.“)
Aber darf man das? Darf angesichts der gegenwärtigen Völkerwanderung ein Flüchtlingsdrama im glücklichen Tiramisu-Wettbewerb enden? Ja, es darf. Auch Heine landete in weltpolitisch ernster Lage nicht nur beim Brot, sondern bei den „Zuckererbsen für jedermann“, bei „Rosen und Myrten, Schönheit und Lust“. In Ecos „Name der Rose“ ist nicht die Tragödie, sondern die Komödie die geächtete, gefährliche Gattung. Carla Guimarães befindet sich in guter Gesellschaft. Prodesse et delectare, daran hat sich nichts geändert.
TEXT: WOLFGANG BARTH
BIOGRAPHISCHES
Carla Guimarães wurde am 13. März 1975 in Salvador de Bahía (Brasilien) geboren und lebt seit 2001 in Madrid.
Sie studierte bis 1997 „Soziale Kommunikation“ an der Universidad Católica de Salvador. 2007 Promotion im Bereich „Theory, History and Practice of Theater“ an der Alcalá de Henares Universität.
Arbeitete als Journalistin für die Nachrichtenagentur EFE und die Tageszeitung El País.
Carla Guimarães ist Roman- und Drehbuchautorin und Autorin der Theaterstücke „Chuvisco, el bandolero arisco“ [„Chuvisco, der barsche Bandit“], „Hendaya: cuando Adolfo encontró a Paco“ [„Hendaye: Als Adolfo Paco traf“], „El Gato y la Golondrina“ [„Der Kater und die Schwalbe“], „La increible historia de la chica que llegó la ultima“ [Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde] (Liste der besten Theaterautoren beim Preis Premios Max de Teatro 2014 – ausgewählt für das Festival New Plays from Europe 2014 / Sala Cuarta Pared) und „La confesión de Lola“ [„Lolas Beichte“] (Uraufführung 2014 im Teatro Circo Price, Madrid).
Die DSE von „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das Letzte wurde“ findet am 29.11.2015 am Theater Baden-Baden statt.
Franziska Muche, geboren 1976 in Zittau, ist freie Dramaturgin und Übersetzerin, Diplomkulturwirtin (Univ. Passau) und ausgebildete Schauspielerin (Michael-Tschechow-Studio Berlin/ZAV). Seit 2008 übersetzt sie Theaterstücke aus dem Spanischen. Von 2003 bis 2007 war sie Senior Officer bei der Academic Cooperation Association (ACA) in Brüssel. 2007 wechselte sie zum Theater. Sie leitet die monatliche Reihe szenischer Lesungen AMBIGÚ in der Alten Kantine Wedding (Berlin), die zeitgenössische internationale Theaterstücke präsentiert (http://www.ambigu.info/).
Franziska Muche übersetzt Theaterstücke v. a. junger Dramatiker aus dem Spanischen und, im Tandem mit Pilar Sánchez Molina, aus dem Deutschen ins Spanische.
Sie übersetzte u.a. bisher Stücke folgender Autoren: Jose Manuel Mora, Paco Bezerra, Amaranta Leyva, Sergio Blanco, Ángel Hernández, Carla Guimarães; Sibylle Berg, Lutz Hübner und Dirk Laucke.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Uwe Dethier.
Der Autor Stijn Devillé.
Das Stück HITLER IST TOT von Devillé beschreibt die Situation beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/1946 in Nürnberg. Diese Situation ist für den Autor und historisch vor allem durch das titelgebende Faktum bezeichnet, dass die auratische Ära des „Führers“ nach dessen Selbsttötung vorüber ist. Auch seine beiden wichtigsten Stellvertreter Goebbels und Himmler haben sich „van het leven beroofd“, also ebenfalls das Leben genommen, wie es auf der Internetseite des Autors heißt. Die große Personage des Stücks besteht aus der in Nürnberg inhaftierten verbliebenen Führungsriege der Partei und den Anklägern, Richtern sowie einer Journalistin.
Das Stück zeichnet sich zuerst durch seine gewichtige Thematik aus, die sich komplett auf die Figuren konzentriert. Die Dialoge sind knapp, dynamisch, die Atmosphäre ist dicht. Erwähnt werden sollte noch die Notation. Schon in seinem ersten Stück HABGIER (HEBZUCHT, übersetzt aus dem Flämischen von Uwe Dethier), das eine Familie im Investitionsgeschäft während der Finanzkrise beschreibt, notiert Devillé die Figurennamen in Tabellenform am Seitenanfang und deren Dialoge kaskadenhaft darunter.
Das Stück ist dokumentarisch mindestens insofern, als dass die Figuren teilweise historisch sind. Die Figuren der Ankläger und Presse sind fiktiv. Einerseits ist das schriftliche, dokumentarische Format aktuell wenig en vogue, was diese Arbeit als Ausnahme interessant macht, andererseits ist bisher offenbar und erstaunlicherweise kein Theaterstück über diese spezielle Situation nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen.
Abgesehen von den ohnehin interessanten historischen Personen und ihrem Gebaren im Zusammenhang mit den Prozessen, das schon damals alle Anzeichen einer Theaterinszenierung an den Tag legte, zeigen auch und vor allem die Szenen mit den scheinbar rasch zusammenrekrutierten Ankläger und Richter, wie unsicher ihre Position gegenüber Schwergewichten wie Göring oder Streicher waren. Zwar basierte die Einrichtung des Internationalen Militärgerichtshofes auf Beschlüssen der Vereinten Nationen und stellte eine Fortsetzung und Weiterentwicklung des Völkerrechts dar. Zum ersten Mal aber wurden die Vertreter eines zum Zeitpunkt ihrer Taten souveränen Staates für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen, was dann in den Argumentationen auch Probleme auslöste und die Position der Angeklagten stärkte.
Szene aus der Uraufführung.
Lieber Stijn Devillé,
welches war der Anlass für dieses historische Stück?
„In vielen meiner Stücke stellt sich Fragen der Moral: was ist richtig, was ist falsch? 2002 habe ich ein Stück geschrieben, das sich mit dem Leben meines Onkels beschäftigt. Im zweiten Weltkrieg war er ein Held des Widerstands, war aber später, in den 50er Jahren, an einem antikommunistischen Sonderkommando beteiligt, das den belgischen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei umgebracht hat.
So wurde aus dem Kriegsheld ein ordinärer Killer. Als das in den späten Neunzigern herauskam, war ich schockiert. (Erst 2007, wenige Monate vor seinem Tod, hat mein Onkel die Tötung des Parteiführers zugegeben.) Mir kam es so vor, als gäbe es so etwas wie richtig und falsch gar nicht: es liegen immer dicke Grauzonen dazwischen.
Die Nürnberger Prozesse erschienen wie die Mutter aller Fälle, in denen diese ewige Frage zwischen Richtig und Falsch angegangen wurde. Allen war klar, dass der NS-Staat falsch war, aber hieß das automatisch, dass die Alliierten die ganze Zeit Recht hatten? Und was könnten die Konsequenzen für kommende Generationen sein? Als Kind hatte ich immer das Gefühl, „auf der richtigen Seite“ geboren zu sein. Aber mit welchem Recht konnte ich das behaupten? Im Gegenteil wurde ich durch mein Geburtsjahr 1974 zu einem Teil der Menschheit, der für einen Holocaust verantwortlich war: die Menschheit hatte keine Möglichkeit, diesen Fleck aus ihrer Geschichte zu tilgen. Als wären wir alle von dieser „Erbsünde” berührt. Deswegen sagt Edith Berger in der letzten Szene des Stücks: „Wir haben den Krieg nicht gewonnen. Wir haben ihn verloren.” Diese Sichtweise machte diesen historischen Fall für mich sehr relevant, naheliegend und modern.“
Welche Quellen haben Sie benutzt?
„Im Vorfeld hatte ich ungefähr fünf Jahre lang recherchiert (während ich andere Projekte geschrieben und inszeniert habe) und ein weiteres Jahr Vollzeit. Die Hauptquelle waren die Originalprotokolle der Verhandlungen in Nürnberg: sie umfassen 47 Bücher. Diese Abschriften wurden mit dem Avalon Project der Yale University im Internet öffentlich zugänglich gemacht. Andere wichtige Quellen waren: INTERROGATIONS: THE NAZI ELITE IN ALLIED HANDS, 1945 (2001) (Verhöre: Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945, Ullstein Taschenbuch 2005) von Richard Overy, The Nuremberg interviews: conversations with the defendants and witnesses von Leon Goldensohn & Robert Gellately und das Nuremberg Diary (Nürnberger Tagebuch, dt. von Margaret Carroux, Karin Krauskopf und Lis Leonard, FISCHER Taschenbuch 1977) von Gustave M. Gilbert. Sowohl Goldensohn als auch Gilbert schildern die Prozesse hinter den Kulissen, aber Gilbert ist sehr voreingenommen, während Goldensohn (in der Ausgabe des Historikers Prof. Dr. Gellately) präziser ist. Die Szenen mit Albert Speer sind angelehnt an die Arbeiten von Joachim Fest. Außerdem gab es Arbeiten von Steffen Radlmaier, Bradley F. Smith, Norbert Ehrenfreund, Hannah Arendt, Viktor Klemperer, Ian Kershaw, Geert Mak, Jörg Friedrich, Martha Gellhorn, Gitta Sereny…“
Während die deutschen Angeklagten historisch sind, scheinen die Amerikaner und Engländer im Stück fiktiv zu sein. Wieso?
„Alle vier Figuren (Robert Jackson, Dodd West, Rebecca Goldensohn und Edith Berger) sind entfernt angelehnt an historische Personen. Aber da diese der Öffentlichkeit wenig bekannt waren (Thomas Dodd? Airey Neave?), konnte ich sie anderes gestalten:
Ich wollte unterscheiden zwischen den Angeklagten einerseits, die nur über ihre Vergangenheit nachdenken und streiten konnten (vor ihnen lag nur der Tod), und andererseits den Anklägern, die sich auch mit der Zukunft zu befassen hatten. Um also das Stück für heute relevant zu machen, kam ich darauf, dass es spannend wäre, diese Figuren sehr jung zu machen. Ungefähr in meinem Alter. Historisch war das nicht ganz zutreffend: Robert Jackson z. B. war in Nürnberg über 50, in unserer Fassung wurde er aber von einem Schauspieler Ende Zwanzig gespielt. Wie gehen junge Leute mit diesem Problem um, ein ganzes Leben, die ganze Zukunft noch vor sich zu haben?
Gleichzeitig gewann ich damit mehr künstlerische Freiheit: ich konnte Gewohnheiten und Neigungen beschreiben, die zu der Zeit in Nürnberg herrschten (z. B. freien Sex; oder eine eher verschwenderische und freizügige Atmosphäre hinsichtlich Trinken und Alkohol), ohne genau darauf achten zu müssen, ob dieser oder jener historische Ankläger an solchen freizügigen Abenden in der Hotellobby teilgenommen hätte…
Die Figur von Edith Berger basiert auf mehreren historischen Frauen, die beim Prozess zugegen waren, z. B. Martha Gellhorn, Rebecca West, Elsa Triolet und Hannah Arendt. Rebecca West hatte zum Beispiel im Prozessverlauf eine Affäre mit dem amerikanischen Richter Francis Biddle, daher auch die Liaison zwischen Dodd West und Edith Berger im Stück.“
Szene aus der Uraufführung.
Übrigens ist zum Thema der Simultanverdolmetschung bei diesem Ereignis ein interessantes Buch erschienen: „Simultandolmetschen in Erstbewährung: der Nürnberger Prozess 1945“, Schippel/Kalverkämper, Frank & Timme, ISBN 978-3865961617.
DER ÜBERSETZER: Uwe Dethier ist Übersetzer aus dem Englischen, Niederländischen, Flämischen und auch aus dem Berndeutschen. Er hat zahlreiche Stücke von Autoren wie Roel Adam, Ignace Cornelissen, Guy Krneta und Charles Way übersetzt, viele davon für junges Publikum. Die von ihm übersetzten Stücke von Stijn Devillé werden bisher nicht von deutschsprachigen Verlagen vertreten.
DER AUTOR: Der flämische Autor Stijn Devillé verzeichnet auf seiner Website www.stijndeville.be 10 Theaterstücke, von denen die hier erwähnten zwei ins Deutsche übersetzt sind. Er ist außerdem Theatermacher. Nach Braakland/ZheBilding in Leuven, Belgien, ist er seit kurzem Künstlerischer Leiter eines neuen Hauses: Het Nieuwstedelijk.
Szene aus der Uraufführung.
Würden Sie uns kurz etwas über diese neue Spielstätte sagen, Herr Stijn?
„Het nieuwstedelijk ist das neue Stadttheater von Leuven, Hasselt & Genk. Es ist hervorgegangen aus einer Zusammenlegung von Braakland (meiner Truppe, die 2010 zum Stadttheater von Leuven gekürt wurde) und de Queeste (dem kleinen Stadttheater von Hasselt). Wir haben uns zum Ziel gesetzt, neue Stücke zu produzieren, die Fragen zu Leben und Gesellschaft im einundzwanzigsten Jahrhundert stellen: was passiert in unseren Städten, in dieser Welt und welche Auswirkungen hat das auf unseren Alltag? Aktuell arbeite ich an einer Trilogie zur Bankenkrise und der daraus folgenden Eurokrise, Hebzucht, Angst & Hoop.“
Hebzucht (HABGIER, ebenfalls von Uwe Dethier übersetzt) hatte 2012 Premiere, ANGST 2014, und HOOP (HOFFNUNG) kommt am 3. Dezember 2015 heraus. Die ganze Trilogie wird im Frühjahr 2016 am Stück gezeigt.
Wir danken dem Nationaltheater Mannheim für die Kooperation, besonders natürlich den lesenden Schauspielern, Inka Neubert und Sandra Schüddekopf für die Einrichtung der Texte, der Autorin Maria Tryti Vennerød und der Übersetzerin Sabine Heymann für die Gespräche, den angereisten Komiteemitgliedern und Zuschauern für ihr Kommen und die lebhafte Diskussion, sowie den beteiligten Verlagen und Agenturen (Per H. Lauke Verlag, Nordiska Agentur, Agencja Dramatu) für ihr Entgegenkommen und Theater Heute für die unterstützende Werbung.
Wir freuen uns schon auf die nächste EURODRAM-Veranstaltung im Herbst in Wien am Theater Drachengasse.
Das Stück handelt von Afrika, von den Afrikanern, vom Algerienkrieg, von Immigranten, ehemaligen Frontkämpfern und vom General de Gaulle.
Ausdrucksstark und humorvoll zeichnet der Autor das tragische Schicksal eingewanderter Arbeiter in Frankreich nach, gefangen im widersprüchlichen Netz ihrer eigenen Geschichtsinterpretation, ihrer Lebensbedingungen und ihrer ambivalenten Gefühle gegenüber dem Gastland.
Die Handlung spielt 1972 in Paris, zwei Jahre nach dem Tod des Generals de Gaulle. Die Hauptperson Augustin vergöttert den General. Diese überzogene Bewunderung hat er von seinem Vater übernommen, einem ehemaligen Kameruner Gefreiten der französischen Armee, der in beiden Weltkriegen gekämpft hat. Aber, so sagt Saïd, „mit de Gaulle ist es wie mit den weißen Frauen, ganz genau so. Alles, was er will, ist dein Körper, und nix geben.“ Dieser Sichtweise gegenüber bleibt Augustin blind und er versteht auch nicht den Pragmatismus des Algeriers, der nur nach Frankreich gekommen ist, weil er seine Familie ernähren muss: „Ich bin nicht in Frankreich, ich bin bei meinem Chef! Nicht de Gaulle bezahlt mich, der Chef bezahlt mich.“
Beide haben es mit einem Land zu tun, das gastfreundlich und zugleich ungastlich ist. Während Saïd sich über das Debakel Frankreichs in Algerien freut, vergeht Augustin vor Gefühlen, wenn er in seiner Dachmansarde die Reden des Generals de Gaulle und die Marseillaise anhört. Nichts wird ihn von seiner Liebe abbringen, nicht einmal, was man ihm über seinen Landsmann Menguele erzählt, einen hochdekorierten Kriegsheimkehrer, der seine Wut in Fußtritten und Beschimpfungen seines Hundes auslässt, den er „de Gaulle“ getauft hat.
ZUM AUTOR
Marcel Zang wurde 1954 in Kamerun geboren. Er war Schriftsteller, Dichter und Theaterautor.
Zahlreiche Veröffentlichungen in Frankreich und im Ausland in Zeitungen und Zeitschriften.
Sein Stück La Danse du Pharaon (Actes Sud-Papiers, 2004) wurde von der Comédie-Française im Théâtre du Vieux-Calombier im Juli 2005 in szenischer Lesung aufgeführt.
Marcel Zang war 2001 Stipendiat der Fondation Beaumarchais, 2003 und 2007 des CNL (Centre nationale du livre), 2005 Preisträger des Prix SACD de la dramaturgie francophone für sein Stück LExilé (Actes Sud-papiers, 2002) und 2010 Preisträger des Prix SACD Nouveau Talent Théâtre.
Lesung des Stückes Bouge de là (Actes Sud-papiers, 2002) durch die Compagnie des Docks im Théâtre du Rond-point in Paris unter der Leitung von Jacques Descorde.
Sein Stück Mon Général (aufgenommen in die Auswahlliste des Preistträger 2011 des CNT, Centre national du théâtre zur Inszenierungsförderung) wurde 2012 im Art Studio Théâtre in Paris von Kazem Shahryari inszeniert und wird zurzeit verfilmt.
Lesung des in Kürze erscheinenden Stückes Le Programme über totalitäre Demokratien, inspiriert vom Werk Edouard Bonds, beim Festival d’Avignon 2012 durch den Regisseur Christophe Rouxel. Inszenierung und Adaptation als „Comédie musicale“ von „Bouge de là“ (Dezember 2014 bis Februar 2015) durch Kazem Shahryari im Art Studio Théâtre. „Es ist höchste Zeit, dass Regisseure in diese brennend heiße und eisige Sprache eintauchen“, sagt Louise Doutreligne, Mitbegründerin der Écrivains associés du Théâtre (EAT) und Vorsitzende der Sparte Theater bei der SACD (Société des auteurs et compositeurs dramatiques).
„Ein bedeutender Dichter, ein machtvoller Künstler, der etwas zu sagen hat, Aussagen, die vielleicht stören, aber mit Kraft und Talent dargelegt werden“ (Ekia Badou, Jeune Afrique magazine, November 2012).
In manchen Kreisen treffen die Stücke Marcel Zangs auf heftige Ablehnung (siehe hierzu Rubrik „Nachrichten“).
Letzte Veröffentlichung Pure Vierge (Actes Sud-papiers, 2007).
NACHTRAG: Marcel Zang lebte und arbeitete in Nantes. Während der EURODRAM-Jahresversammlung in Istanbul 2016 erreichte uns völlig unerwartet die Nachricht, dass Marcel Zang am 21. Mai 2016 verstorben ist. Ein großer Verlust.
Text: Wolfgang Barth
Wolfgang Barth
DER ÜBERSETZER WOLFGANG BARTH
Studium Romanistik und Germanistik in Heidelberg, Paris und Bremen. Bis zu seiner Pensionierung im August 2014 arbeitete Wolfgang Barth als Lehrer für Französisch und Deutsch am Kippenberg-Gymnasium in Bremen.
In dieser Eigenschaft zahlreiche Aufgaben und Funktionen, u. a.: Dauerhafte Zusammenarbeit mit dem Institut Français (u.a. DELF/DALF-Prüfungen). Fachberater Französisch im Bundesland Bremen. Leiter der Zentralen Abiturkommission Französisch. Prüfer am staatlichen Prüfungsamt für Übersetzer und Dolmetscher (Französisch). Mitglied in der Deutsch-französischen Expertenkommission für das allgemein bildende Schulwesen. Prüfungsbeauftragter (Bremen) für das Abibac Academie Besançon, Belfort. Ernennung zum „Chevalier dans l’Ordre des Palmes académiques“ für der französischen Kultur geleistete Dienste (März 2011). Veröffentlichungen im Raabe Fachverlag für die Schule.