Interview Laur Kaunissaare, Russisches Theater in Estland, mit Wolfgang Barth über GÖTTERSPIEL von Marius Ivaškevičius

Laur Kaunissaare Source: Kairit Leibold/ERR

Anlässlich der Premiere des Stückes GÖTTERSPIEL [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods] am 30. Mai in der Regie von Elmo Nüganen in Tallin führte Laur Kaunissaare, Chefdramaturg des Russischen Theaters in Estland, ein Interview mit Wolfgang Barth (EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e. V.) über eines der Auswahlstücke 2025 des deutschsprachigen Komitees:

Marius Ivaškevičius, Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods], Vilnius 2022; Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher, Wien 2024

 Laur Kaunissaare: Wie und aus wie viel Stücken wurde „Götterspiel“ europaweit ausgewählt?

Wolfgang Barth: In diesem Jahr (Einreichung von übersetzten Theaterstücken in die Komitees der jeweiligen Zielsprachen des Gesamtnetzwerkes EURODRAM https://eurodram.org/ ) wurden 373 Texte in 16 Sprachenkomitees eingereicht. Die jeweils drei Auswahlstücke stammten aus insgesamt 21 Ursprungssprachen: https://eurodram.org/2025-selections/ .

Das von von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher aus dem Russischen ins Deutsche übersetzte Stück von Marius Ivaškevičius, Götterspiel, wurde entsprechend ins Deutschsprachige Komitee EURODRAM eingereicht. Es wurde unter 30 eingesandten Stücken aus 14 Ursprungssprachen (Albanisch, Bulgarisch, Dänisch, Englisch, Flämisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Kroatisch, Ladinisch, Russisch, Schweizerdeutsch [Bern], Tschechisch und Ukrainisch) in die AUSWAHL 2025 gewählt (https://eurodram.de/ ).

Von den derzeit 25 Mitgliedern des Komitees waren 17 aktiv an der Jury beteiligt und erstellten eine Shortlist. Dazu wird jedes Stück von mindestens drei Mitgliedern gelesen. Die Stücke der Shortlist müssen von allen an der Auswahlentscheidung beteiligten Mitgliedern gelesen werden. An dieser Entscheidung nach einem Punktesystem und nach eingehender Diskussion waren in diesem Jahr 14 Mitlieder beteiligt.

Die Stärke des Auswahlkomitees beruht auf der Vielzahl der Qualifikationen der in unterschiedlichen Theaterbereichen tätigen Mitglieder (https://eurodram.de/about/), die in der Auswahl zum Tragen kommen. Dabei bleibt jedes Mitglied unangefochten autonom. Die folgenden Antworten stellen also die persönliche Meinung des Interviewpartners dar, der das Auswahlverfahren koordiniert hat.

 LK: Was zählt für Sie als eine besondere Qualität dieses Stückes?

WB: Bei der Bewertung hatte ich mir notiert: „Alleine schon wegen des dokumentarischen Wertes ein Muss. Überzeugend durch die Sprache und durch die von den Frauen verkörperte Thematik“ / „Der Dokumentar-Hauptteil in Mariupol ist eingebettet in eine fiktive Theaterinszenierung (Casting; Zuteilung der Rolle Annas zu mehreren Schauspielerinnen; Kommentare, Spannungsfeld „Stimme“ und Schauspielerinnen)“ / „Thematik: Rolle der Frau im Theater und in der Gesellschaft, besonders im Krieg: Ausbeutung, Vergewaltigung, Abhängigkeit“ / „Die Mariupol- [und Flucht-]szenen sind in ihrem Grad der Realitätswiedergabe sehr bewegend, grausam und kaum auszuhalten.“

Die besondere Qualität des Stückes geht aber darüber hinaus: Es bringt die Szenenbereiche Theater und Krieg bezüglich der Gewalts- und Missbrauchsverhältnisse auf einen gemeinsamen Nenner. Theater: „Das ist Macht! Perfide Macht.“, S.6. Krieg: „Ich kenne nur einen, wenn er denn existiert, der so agiert – der mit der einen Hand tötet, mit der anderen Leben schenkt. Aber hier geht es um Macht. Grenzenlose Macht.“, S. 81. Die Rollenverteilung ist klar und zeigt sich auf der Opferseite im grausamen Schicksal Mantas, im Alptraum Annas aus ihrer Kindheit, der dann in Mariupol Wirklichkeit wird, oder im „Penissee-Traum“ der Schauspielerin Sa oder im „Putin-Traum“ der Schauspielerin Na einerseits, andererseits auf der Täterseite z. B. im perfiden Lügenspiel des Kommandanten mit Anna auf einem „höheren“ Level als dem des physischen Missbrauchs: „[…] du [hast] zwei Personen … Eine versteckst du im Keller, die andere rennt im Kugelhagel hin und her und sucht sie.“ Die Opfer sind in der Regel weiblich: „Diese ganze Gewalt … die Gewalt gegenüber Frauen im Krieg. Und nicht nur im Krieg – im Krieg nimmt sie nur ganz andere Dimensionen an.“, S. 83.

Eine weitere Qualität liegt im Aufbau und der Grundidee der Strukturierung: Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob wir uns bei der Theaterprobe oder im Kriegsbericht befinden, und so stellt sich automatisch die Frage nach der Rolle und den Wirkungsmöglichkeiten des Theaters angesichts der Gewalt: „Wenn einer in der Hölle beschließt, Theater zu spielen, warum kann das Theater ihn dann nicht entlarven?“, S. 79.

 LK: Das Stück erzählt über den Krieg in der Ukraine, über die Möglichkeit zur Liebe in Zeiten des Krieges. Wie leben in einer sehr audiovisual geprägten Zeit. Gibt es besondere Herausforderungen oder Nuancen beim dramaturgischen Darstellen von Gewalt und Krieg im Theater?

WB: Die besonderen Herausforderungen werden im Stück z. B. von der „Stimme“ direkt benannt: „Eine Nacherzählung […] funktioniert in diesem Krieg nicht. Die Leute machen Selfies und sterben im Livestream. Das ist ein Krieg, in dem die Flugbahn jeder einzelnen Kugel von allen Seiten gefilmt wird.“, S. 16. Das daraus folgende Postulat an das Theater: „[Du bist] mittendrin und spürst diesen Horror am eigenen Arsch … und zwar so, dass wir deine Pisse riechen. Und den nassen Fleck auf deinem friedlichen Hintern sehen.“

Wie weit soll dieses Postulat gehen? Obwohl ich keine Vorliebe für das „In-Yer-Face Theatre“ habe, muss ich zugeben: Nichts ist mir so sehr im Gedächtnis geblieben wie die fürchterlichen Szenen in Natalka Vorozhbyts ukrainischem Film Bad Road oder die drastische Beschreibung des Ertrinkens im Stück L’Homme qui flotte dans ma tête der französischen Autorin Veronika Boutinova oder die schonungslos realistische Beschreibung der Misshandlungen und Verletzungen der Opfer sexueller Gewalt im Stück „J’avais un vagin en forme de cœur“ derselben Autorin.

 Ich mache mir ihren Satz zu eigen: „Wenn man davon nicht spricht, wenn man nicht hinsieht, werden die Opfer noch einsamer und noch mehr sich selbst überlassen sein.“

Nuancen und Haltung sind aber notwendig. Hannah Ahrendt sagt: „Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.“ Es ist eine besondere Qualität des Stückes, im „Putin-Traum“ ebenso von diesem „Pilz“ zu sprechen, dann aber, als der Diktator sich plötzlich zum betroffenen Kind verwandelt, zu resümieren: „Ich glaube, wenn wir alle unsere Menschlichkeit verlieren, dann … Dann wird das Böse siegen. Und auch wenn ich weiß, dass die Ungerechtigkeit und Brutalität momentan einfach astronomische Ausmaße annehmen, kann ich mir das nicht erlauben.“, S. 91. Marius Ivaškevičius trifft sich hier mit Maya Arad Yasur, deren Stück „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“ (Leseliste für die Auswahl 2025) diesen Aspekt nicht außer Acht lässt.

 LK: Elon Musk sagte neulich, Empathie sei überbewertet. Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, die Erschöpftheit, Müdigkeit empfinden vom Mitgefühl, auch Kriegsmüdigkeit. Was kann Theater in diesem Zusammenhang, was andere Kunstarten nicht können?

WB: Der Aussage Elon Musks steht ein Satz Hannah Ahrendts gegenüber: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in Barbarei verfällt.“ In dieser Auseinandersetzung haben Theater und audiovisuelle Medien, wenn sie gut sind, die besondere Fähigkeit, im unmittelbaren Erleben eine Nähe zum Gezeigten herzustellen, die Voraussetzung für das Verstehen und Empathie sind. Es werden über die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten bedeutungsvolle Aussagezusammenhänge unmittelbar erschlossen, die wirkungsvoller als abstrakte Erläuterungen sind und Lügen als solche direkt erkennbar machen. Wenn Musks gefährliches Handeln internationale Ausmaße annimmt, muss das Theater in gleicher Weise dagegen wirken: Die Übersetzerinnen Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher haben dazu durch ihre Übersetzung von „Götterspiel“ ins Deutsche einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Laur Kaunissaare, Tallin
Wolfgang Barth, Bremen
01.04.2025

 

Info Marius Ivaškevičius, Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriesverbrechens; übersetzt von Ruth Altenhofer, Johanna Marx, Claudia Zecher

Foto © Laura Vanceviciene
Auswahl 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Selection 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Marius Ivaškevičius, Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods], Vilnius 2022; Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher, Wien 2024

Der/die Autor*in / The author

Marius Ivaškevičius, geboren am 26. März 1973. Schriftsteller, Dramatiker und Filmregisseur. Seine Stücke wurden in Litauen, Russland, Italien, Frankreich, Polen, Finnland, Lettland, Estland, Tschechien, Rumänien und Neuseeland aufgeführt und von folgenden Regisseuren inszeniert: Kirill Serebrennikov, Oskaras Korshunovas, Rimas Tuminas, Mindaugas Karbauskis, Arpad Shilling, Aleksandar Popovski u.a.

Marius Ivaškevičius, born March 26, 1973, is a writer, playwright and film director. His plays have been performed in Lithuania, Russia, Italy, France, Poland, Finland, Latvia, Estonia, the Czech Republic, Romania and New Zealand and have been directed by Kirill Serebrennikov, Oskaras Korshunovas, Rimas Tuminas, Mindaugas Karbauskis, Arpad Shilling, Aleksandar Popovski and others.

Das Stück / The play

„Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens“ ist der Versuch über Krieg und Gewalt aus der Sicht von Frauen zu erzählen. Die Handlung des Stückes beschreibt die Reise des litauischen Filmregisseurs Mantas Kvedaravicius und seiner Frau Anna im März 2022 nach Mariupol, wo Mantas verhaftet und ermordet wird. Nach einer langen und dramatischen Suche findet Anna Mantas‘ Leichnam und
bringt ihn zurück nach Litauen, mit im Gepäck hat sie das gesamte in der Ukraine gedrehte Filmmaterial. Der Dokumentarfilm „Mariupolis 2″ von Mantas K vedaravicius wurde posthum bei den Filmfestspielen in Cannes zum ersten Mal gezeigt.

„Götterspiel – Theatrical Investigation of a War Crime“ is an attempt to tell a story about war and violence from the perspective of women. The plot of the play describes the journey of Lithuanian film director Mantas Kvedaravicius and his wife Anna to Mariupol in March 2022, where Mantas is arrested and murdered. After a long and dramatic search, Anna finds Mantas‘ body and brings him back to Lithuania, taking all the film footage shot in Ukraine with her. The documentary film „Mariupolis 2“ by Mantas K vedaravicius was shown posthumously for the first time at the Cannes Film Festival.

Förderungen, Preise / Grants, awards

Vier seiner Stück erhielten den Best Lithuanian Play award (2002, 2004, 2011, 2015), eines den russischen Theaterpreis Goldene Maske (2017).

Four of his plays were awarded the Best Lithuanian Play Prize (2002, 2004, 2011, 2015), one of them the Russian theater prize Golden Mask (2017).

Die Übersetzerinnen / The translators

Ruth Altenhofer Foto © Christian Sperr; Johanna Marx Foto © Claudia Zecher; Claudia Zecher Foto © Johanna Marx

Ruth Altenhofer: Geboren 1979, in Wien Slawistik studiert, 2005 bis 2010 bei Caritas und Rotem Kreuz angestellt, Zwillinge bekommen, freiberufliche Übersetzerin seit 2015. übersetzt für Diogenes Sasha Filipenko und seit 2016 laufend journalistische Texte für Dekoder und anderes.

Born in 1979, studied Slavic studies in Vienna, employed by Caritas and the Red Cross from 2005 to 2010, had twins, freelance translator since 2015, translates Sasha Filipenko for Diogenes and has been translating journalistic texts for Dekoder and others since 2016.


Johanna Marx: Geboren 1979, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin, übersetzt u.a. Andrej Kurkow für den Diogenes Verlag (gemeinsam mit Claudia Zecher). Seit 2011 Länderreferentin bei ACCORD/Österreichisches Rotes Kreuz, seit 2022 Recherchekoordinatorin ebd.

Born in 1979, studied at the Centre for Translation Studies at the University of Vienna (Russian, Spanish). Freelance translator and interpreter since 2010, translates Andrej Kurkow and others for Diogenes Verlag (together with Claudia Zecher). Since 2011 country liaison officer at ACCORD/Austrian Red Cross, since 2022 research coordinator ibid.

Claudia Zecher: Studium am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung, Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 1996 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin, arbeitet seit 1997 bei der IG Übersetzerinnen Übersetzer, seit 1998 Lektorin am Zentrum für Translationswissenschaft. übersetzt u.a. Andrej Kurkow für den Diogenes Verlag (gemeinsam mit Johanna Marx).

Studied at the Institute for Translator and Interpreter Training, University of Vienna (Russian, Spanish). Freelance translator and interpreter since 1996, has worked for IG Übersetzerinnen Übersetzer since 1997, lecturer at the Centre for Translation Studies since 1998. Translates Andrei Kurkov, among others, for Diogenes Verlag (together with Johanna Marx).

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Vorstellung der AUSWAHL 2024, Festival STÜCK FÜR STÜCK, Theaterhaus G7, Mannheim, 15. bis 17.11.2024

Fayer Koch, Rike Reiniger, Autor*innen zweier Stücke der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees in Mannheim, Foyer Theaterhaus G7 am 15.11.2024. Leider konnte Caren Jess (Stück der Auswahl 2024) nicht anweisend sein. Foto © Elisa Berdica

In einem Projekt von Theaterhaus G7 und EURODRAM wurden die Stücke der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees in szenischen Lesungen vorgestellt:

  • Rike Reiniger, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms Theaterstückverlag im Drei Masken Verlag, München 2023
  • Caren Jeß, Ave Joost S. Fischer Theater und Medien, Frankfurt am Main 2023
  • Fayer Koch, Anorexia Feelgood SongsRowohlt Theaterverlag, Leipzig / Hamburg 2021

Das Theaterhaus G7 hatte darüber hinaus folgende Stücke zur Szenischen Lesung eingerichtet:

  • Wir sind schön, für hässliche Leute [Un genre d’épopée] -Ein Stück von Dany Boudreault – Aus dem Französischen von Wolfram Höll
  • Flächenbrand [Wildfire Road] – Ein Stück von Eve Leigh – Aus dem Englischen von Henning Bochert
  • Gesicht aus Glas [Lice od stakla] – Ein Stück von Marija Karaklajić – Aus dem Serbischen von der Autorin

Alle Details zu den eingerichteten Stücken und den anschließenden Diskussionen können Sie dem Programm entnehmen (nach Wunsch vergrößern):

Das Festival war ein großes Erlebnis. Die folgenden Fotos können nur einen Eindruck vermitteln.

Wir sind schön, für hässliche Leute (Dany Boudreault/Wolfram Höll)
Bernadette Schlottbohm und Max Wex   Foto © Elisa Berdica

Who is who?

Bernadette Schlottbohm, Max Wex   Foto © Elisa Berdica
Udo Eidinger, Stadttheater Fürth, Moderation; Inka Neubert, Theaterhaus G7, Einrichtung; Wolfram Höll, Übersetzer, Dolmetscher; Dany Boudreault, Autor   Foto © Elisa Berdica
Anorexia Feelgood Songs (Fayer Koch)
Ann-Kathrin Kuppel, Nikolas Weber, Moritz Hahn, Irina Maier, Markus Schultz    Foto © Miriam Stanke

Ein Highlight der Einrichtung waren die von Fayer Koch gedichteten Songs, die die Schauspieler*innen in Perfektion vorführten.

Fayer Koch, Autor; Annabelle Leschke, Moderation, Nationaltheater Mannheim; Vivian Schöchlin, Einrichtung  Foto © Miriam Stanke 
flächenbrand (Eve leigh / henning bochert)
Moritz Hahn, Ann-Kathrin Kuppel, Irina Maier, Monuara Okunick, Nicolas Weber   Foto © Miriam Stanke
Eve Leigh, Autorin; Marcus Krone, Einrichtung   Foto © Miriam Stanke
Henning Bochert, Übersetzer, Dolmetscher beim Gespräch; Eve Leigh, Autorin, Marcus Krone, Einrichtung; Jana Gmelin, Moderation, Theater & Orchester Heidelberg   Foto © Miriam Stanke
Autor*innen im Gespräch (Eve Leigh und Fayer Koch)  Foto © Miriam Stanke
gesicht aus glas (marija KaraklajiČ)
Fiona Metscher, Denis Bode   Foto © Miriam Stanke
Denis Bode, Fiona Metscher   Foto © Miriam Stanke

Der geniale Trick mit dem transparenten Spiegel stellte ideal das Verhältnis der großartig gespielten Protagonist*innen heraus.

Theresa Leopold, Moderation, Deutsches Theater Göttingen; Marija Karaklajić, Autorin; Philippe Mainz, Einrichtung   Foto © Miriam Stanke

Am Ende der Diskussion begab sich der Vater von Philippe Mainz auf die Bühne, umarmte seinen Sohn und bedankte sich für die hervorragende Einrichtung.

24 frames/sec (rike reiniger)
Helena Fuladdjusch, Vivian Schöchlin, Markus Schulz   Foto © Miriam Stanke
Trickfilm von Lotte Reiniger; Markus Schulz, Helena Fuladdjusch, Vivian Schöchlin   Foto © Miriam Stanke

Lotte Reiniger ist die bekannteste unbekannte Künstlerin der Filmgeschichte und Regisseurin des ersten erhaltenen abendfüllenden Trickfilms: Die Abenteuer des Prinzen Achmed, uraufgeführt am 2.5.1926 in der Volksbühne Berlin.

Aurélie Youlia, Einrichtung; Rike Reiniger, Autorin, Charlotte Bomy, EURODRAM und Drama Panorama e.V., Moderation   Foto © Miriam Stanke
ave joost (caren jeß)
v.l.n.r. Sina Paris (Malin), Oliver Dawid (Joost), Vincenzo Tatti (Bastl), Das Objekt, Matthias Hecht(Marcus)   Foto © Miriam Stanke
Matthias Hecht, Vincenzo Tatti, Oliver Dawid   Foto © Miriam Stanke  
Vincenzo Tatti, Sina Peris, Oliver Dawid, Matthias Hecht   Foto © Miriam Stanke

Das fantasievolle Energiepaket Malin und der (zunächst) lethargische Looser Joost finden unter ablehnendem Spießerblick zueinander und schaffen eine neue Welt. Am Ende bleiben die Siebenschläfer und das durchlöcherte Objekt. In der Diskussion wurden viele Missverständnisse geklärt.

Philipp Bode, Moderation, Theaterhaus G7; Wolfgang Barth, EURODRAM; Daniel Kuschewski, Einrichtung   Foto © Miriam Stanke

Abschluss des Theaterfestivals. Hervorragende Darstellungen. Intensive Diskussionen zu den Dimensionen der Stücke. Weitere Auskünfte beim Deutschsprachigen Komitee EURODRAM und dem Theaterhaus G7.

Wir bedanken uns herzlich beim Theaterhaus G7 und dessen Förderern Kulturamt der Stadt Mannheim, LBBW-Stiftung, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Rike Reiniger arbeitet an einem biografischen Roman über Lotte Reiniger

Screenshot WDR-Film
Mit ihrem Stück "24 frames/sec - Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms" kam Rike Reiniger in die Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM.
Jetzt arbeitet die Autorin an einem biografischen Roman über Lotte Reiniger.
Sehen Sie hierzu einen kurzen Film des Senders SWR Kultur.
Rike Reiniger im Gespräch mit Evamarie Blattner, Stadtmuseum Tübingen, 1:16 im WDR-Film

DSE am Theaterhaus G7: María Velasco, „Ich will die Menschen ausroden von der Erde“, deutsch von Franziska Muche.

Am 19. September 2024 fand die deutsche Erstaufführung von Marias Velascos Stück "Ich will die Menschen ausroden von der Erde", übersetzt von Franziska Muche, Auswahlstück 2023, im Theaterhaus G7 in Mannheim in der Regie von Pascal Wieandt statt. 
Foto © Alexander Ehhalt:  Bernadette Schlottbohm, Johanna Withalm und Irina Maier.
Auf der Homepage des Theaters finden Sie eine Zusammenfassung: https://theaterhausg7.de/produktionen/ausroden/ 

Die Aufführung hat gute Kritiken bekommen:

Bei Interesse an diesem Stück wenden Sie sich bitte an die Übersetzerin: <franziska.muche@drama-panorama.com>

Zum Beitrag "Neue Übersetzung von Franziska Muche: Maria Velasco, Erstes Blut"

Call of the INTERNATIONAL DIREKTOR AND DRAMATURGY LAB / SAMMELPUNKT / FOCAL POINT / TOCHKA SBORKI

Maria Kroupnik, coordinator of the Russian-language committee Eurodram, asks us to draw your attention to the following call for submissions of plays by authors from Belarus, Germany, Latvia, Lithuania, Poland, Russia, Ukraine, and Estonia, even if they live in exile. Deadline for submissions: 10 October 2023.

We are happy to comply with this request:

“ Director and Dramaturgy Lab „Focal Point“ in Berlin
Playwriting Competition: Submit Your Plays by October 10, 2024
Here are the key requirements:

We welcome plays written by authors from Belarus, Germany, Latvia, Lithuania, Poland, Russia, Ukraine, and Estonia, as well as by authors from these countries who have been living in exile between 2022 and 2024.

The plays should reflect, in an artistic form, the events and changes of recent years. Possible themes include the human condition during wartime, relationships between people, transformations in the consciousness of Europeans, refugees, or emigrants, or other topics related to the political and historical events of 2022–2024.

Plays may be written in the author’s native language, but if you have a translation in English or German, please submit that as well.

Please send your play (in PDF format) along with the application form (available for download on our website, link in bio) to project@urban-theater.com by 11:59 PM on October 10.

For more info see: https://urban-theater.com/sammelpunkt

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Fayer Koch im Gespräch mit Lorena Pircher über literarische Arbeit, Inspiration und das Werk “Anorexia Feelgood Songs”

Fotos: Autor*in Fayer Koch, © privat; Lorena Pircher, EURODRAM, © privat
Fayer Koch konnte bei der Vorstellung der Stücke der Auswahl 2024 beim DramatikerInnenfestival in Graz am 25.05.2024 nicht anwesend sein. Das Gespräch führte Lorena Pircher [Vorstellung siehe unten] nachträglich.
Vorstellung der Auswahl 2024 beim DrmatikerInnenfestival in Graz.

Lorena Pircher: Liebe*r Fayer, vielen Dank, dass wir dieses Interview mit dir führen dürfen! Herzliche Gratulation nochmals, dein Stück Anorexia Feelgood Songs ist neben Rike Reinigers 24 frames/sec und Caren Jeß´ Ave Joost vom deutschsprachigen Komitee EURODRAM mit der Auswahl 2024 prämiert und im Rahmen des Dramatiker:innenfestivals in Graz in Ausschnitten inszeniert und gelesen worden. Das Stück feierte aber schon vorher große Erfolge und ist im Rowohlt Theaterverlag erschienen.

Weshalb hast du dich entschieden, dieses Stück zu schreiben? Möchtest du über den Schreibprozess zu diesem Werk erzählen?

Fayer Koch: Als Teeanger*in war ich selbst magersüchtig. Ich bin als queere Person in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Menschen wie ich nicht vorkamen, und hab mich mit Männlichkeitserwartungen immer unwohl gefühlt. Gleichzeitig gab es für mich kein Entkommen – ich war noch zu jung, um von zuhause auszuziehen, kannte niemanden außerhalb meiner Heimatstadt und hatte dieses typische Teenager-Gefühl, dass niemand auf der Welt so sei wie ich. Mein Essverhalten war ein Versuch, in dieser Situation Handlungsmacht zu spüren, etwas – irgendetwas – zu kontrollieren.

Meine Magersucht endete mit Anfang zwanzig, aber als eine Art von Trauma trage ich die Erfahrungen natürlich bis heute in mir. Ich wollte von Anfang an über meine Erfahrungen schreiben, wusste aber intuitiv, dass ich Abstand brauchen würde, um die Krankheit als literarisches Material denken zu können. Ich musste das Thema also fast zehn Jahre ruhen lassen, bevor ich das Gefühl hatte, mit dem Sprechen beginnen zu können.

Im Schreiben habe ich dann versucht, die Frage nach dem Warum so gut es geht auszublenden. Es ist die erste Frage, die in jedem Gespräch über Magersucht fällt, und die Antwort ist langweilig und (zumindest in meinem Fall) größtenteils erwartbar. Stattdessen konzentrierte ich mich auf  den Umgang mit der Krankheit. Es ging mir also um die hilflosen Versuche des Umfelds, der Magersucht zu begegnen, und die hilflosen Versuche der Betroffenen, in der Erkrankung ihre Würde zu bewahren.

Lorena:  Anorexia Feelgood Songs ist ein beeindruckendes Werk, das vor dem Hintergrund von Sommerferien und jugendlicher Unbeschwertheit immer noch tabuisierte Themen benennt und episodenhaft das Leben eines Jungen porträtiert. Möchtest du etwas über die wichtigen gesellschaftskritischen Aspekte sagen, die dein Theaterstück aufzeigt? Welche Themen werden darin behandelt und verhandelt?

Fayer: Meine eigene Magersucht hing viel mit dem Wunsch zusammen, ein Mann zu sein, es aber einfach nicht richtig zu schaffen. Heute habe ich ein Vokabular und eine Community, um mich von diesen Erwartungen lösen zu können, aber damals drang alles ganz ungefiltert auf mich ein. Der Protagonist in Anorexia Feelgood Songs fühlt sich ganz und gar in den Erwartungen verloren. Seine harmoniebetonten Eltern sind unfähig, wirklich empathisch mit ihm zu sein, und auch den Freund*innen fehlen die Worte, um ehrlich über Ängste und Wünsche zu sprechen. So müssen alle Figuren in diesem Stück ihre Gedanken und Gefühle immer bloß umkreisen, jeder ehrliche Moment wird schnell wieder zugedeckt von der Illusion einer „heilen Welt“. In der Diskussion dessen, was ein richtiger Umgang mit der Krankheit sein könnte, wirft das Stück dann konkrete ethische Fragen auf: Wie kann sich ein Umfeld richtig verhalten? Bis zu welchem Punkt dürfen wir über unseren Körper selbst bestimmen, wenn unsere Entscheidungen selbstzerstörerisch sind?

Lorena: Faszinierend und äußerst gelungen habe ich neben der Dekonstruktion von stereotypen Männlichkeitsbildern und der Auseinandersetzung mit dem Körperlichen in deinem Stück auch den Einsatz eines musikalischen Rhythmus gefunden, den Einsatz der “Songs”, die im Titel benannt werden. Welche Rolle nimmt die Musik beim Schreiben deiner Texte ein, welche Rolle innerhalb deiner Texte?

Fayer: Während des Schreibens höre ich eigentlich konstant Musik. Schreiben ist eine ermüdende Tätigkeit für mich, ohne Musik habe ich das Gefühl, noch schneller in die Trägheit des blassen Computerbildschirms abzugleiten. Vielleicht sind deshalb meine Texte oft sehr rhythmisch. Speziell an Anorexia Feelgood Songs war für mich, dass ich mich im Prozess explizit Musik zugewandt habe. Ich hatte die Hoffnung, dass das leichte und unverbindliche Feeling von Pop Hits eine Erleichterung in der bedrückenden Thematik bieten könnte. Magersucht ist ja ein unglaublich deprimierendes Thema, wo es eigentlich kaum Erleichterung drin gibt. Deshalb war mir von Anfang an klar: Wenn ich über das Thema schreiben will, muss es gebrochen werden. Also gibt es jetzt Palmen, Sonne und eben auch die titelgebenden Feelgood Songs. Sie bilden eine Art unbeschwertes Hintergrundrauschen, ein kurzes Verschnaufen zwischen den Tränen – schöne Momente, die die Krankheit kontrastieren und sie dadurch noch klarer sichtbar werden lassen.

Lorena: Von welchen Emotionen, welchen Beziehungsgeflechten werden die Hauptfiguren in Anorexia Feelgood Songs geleitet? Welche Bedeutung haben Freundschaft und Solidarität?

Fayer: In Anorexia Feelgood Songs ist niemand böse. Alle haben die besten Absichten. Der Protagonist sagt es an einer Stelle selbst: Es gibt hier keine Missbrauchsstory. Keine Depression in der Familie. Kein Sportinternat. Das Umfeld ist fürsorglich und liebevoll. Doch gerade der reflektierte, betont gewaltfreie Umgang droht die Hauptfigur zu ersticken – die Normativität wirkt auch deshalb so stark, weil sie nicht benannt wird, weil oberflächlich alle sein können, wie sie wollen. Alles ist geglättet, die Rebellion hat keine Angriffsfläche und muss sich deshalb nach innen wenden.

Die Freund*innen des Protagonisten (die „Jungs“, wie er sie nennt) machen Mutproben, liegen am Kanal und trinken Alkohol. Sie sind durchaus solidarisch und rücksichtsvoll, aber eben auch gefangen in ihrer etwas unbeholfenen Art des Nicht- oder Nicht-wirklich-Kommunizierens.

Lorena: Ich habe gelesen, dass du auch erfolgreich Kurzprosa und Lyrik schreibst. Inwiefern würdest du sagen, dass das lyrische Schreiben dich in deiner dramatischen Arbeit beeinflusst? Oder sind das Schreiben von Poesie bzw. dramatischen Texten zwei völlig unterschiedliche kreative Ansätze für dich?

Fayer: Für mich ist das Schreiben von Lyrik und von Prosa ähnlich. Beides sind sehr verdichtete Formen. Ich denke ständig: Wie kann ich das, was ich sagen will, noch kompakter erzählen? Kann ich noch später in der Story einsteigen? Was kann übersprungen werden, was führt weg vom eigentlichen Kern?

Sowohl in Lyrik als auch in der Dramatik bekommt die Sprache selbst einen hohen Stellenwert. Ich feile manchmal ewig an einzelnen Formulierungen, sitze stundenlang vor dem offenen Dokument und habe letztlich nur einige Wörter in einem Satz umgestellt. Ich glaube, es ist ein lyrisches Arbeiten, ein Umgang mit Sprache wie mit einer schönen, aber auch delikaten Pflanze.

Drittens: Ich bin mit dem Internet aufgewachsen. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist nicht riesig. Ich verliere schnell das Interesse. Ich lese selten Romane. Vielleicht schreibe ich auch deshalb so gerne Theaterstücke: Ich bin relativ schnell wieder damit fertig.

Lorena: Wie würdest du sagen, findest du Inspiration für deine Stücke? In der Beobachtung der Gesellschaft, einer Analyse unserer Gegenwart, beim Lesen, in anderen Kunstformen, in dir selbst?

Fayer: Unterschiedlich. Anfang diesen Jahres habe ich ein Auftragswerk für das Theater der jungen Welt in Leipzig geschrieben. Dort wurde mir das Thema („Dinosaurier“) sowie die Zielgruppe („ab 6 Jahre“) vorgegeben. Ich habe dann überlegt, welche Themen und Fragestellungen mich rund um diese Vorgaben interessieren und habe einen Plot entwickelt, der vom Aussterben, dem Erinnern und transgenerationalem Trauma handelt.

Nun schreibe ich an einem Stück über rechte Männerwelten im Internet. Auf dieses Thema bin ich über Podcasts und Artikeln in Zeitungen gestoßen, habe mich dann in Internetforen registriert und mit der Recherche begonnen.

Generell ist das Finden von Themen für mich kein großes Problem, ich habe meistens mehr Ideen als Zeit. Die wirkliche Aufgabe besteht dann darin, unter verschiedenen Themen zu priorisieren und auszuwählen. Dabei helfen mir meine Freund*innen.

Lorena: Darf ich dich fragen, woran du derzeit arbeitest, was dein neuestes Projekt ist und welche Hauptthemen es umfasst?

Fayer: Gerade arbeite ich parallel an zwei Projekten: Das oben erwähnte Stück über Männer im Internet und außerdem eine Operette zum Thema „Friedliche Revolution“ und Wendezeit, die 2025 in Leipzig aufgeführt werden wird.

Lorena: Ich bedanke mich ganz herzlich für deine Antworten und deine Zeit, liebe*r Fayer!

Lorena Pircher

Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich und machte nach Abschluss eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Sie lebt und arbeitet in Wien, schreibt Lyrik und Kurzprosa und übersetzt aus dem Italienischen und Französischen ins Deutsche.

Lorena Pircher ist Mitglied im deutschsprachigen Komitee EURODRAM.

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EREIGNISSE / Termine

	

Neue Übersetzung von Franziska Muche: Maria Velasco, Erstes Blut

Foto Maria Velasco und Franziska Muche © privat, November 2022
Dank der Förderung durch den Deutschen Literaturfonds konnten wir die Übersetzerinnen der Auswahl 2023, Stefanie Gerhold, Franziska Muche und Barbara Buri bitten, eine weitere Übersetzung aus der Sprache ihres Stückes der Auswahl ins Deutsche anzufertigen.
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Franziska Muche hat übersetzt:

María Velasco, Primera Sangre [Erstes Blut]

Erfreuliche Nachricht.

Mitteilung der Übersetzerin am 01.10.2024:

"María Velasco hat letzte Woche den Premio Nacional de Literatura Dramática gewonnen - für Erstes Blut. Nun bin ich um so froher und dankbarer, dass ich es dank Eurer Unterstützung schon übersetzen konnte.

https://www.cultura.gob.es/actualidad/2024/09/240926-maria-velasco-literatura-dramatica.html

https://americareadsspanish.org/ars-news/24018-maria-velasco-national-prize-for-dramatic-literature-of-spain-2024.html "


Früherer Preis: XXXI Premio SGAE de Teatro Jardiel Poncela 2022

Entstehung/ Publikation: 2021/2023. Verlag: La Uña Rota. Uraufführung am 26.04.2024 im Centro Dramático Nacional in der Regie von Maria Velasco in einer Kooperation mit dem Teatro Nacional de Catalunya, wo es im November 2024 noch einmal gezeigt wird. Weitere Aufführungen finden 2024/25 in Valencia und Sevilla statt – und hoffentlich bald auch international.

Website der UA: https://dramatico.mcu.es/en/evento/primera-sangre/

Zum Überblick hat Franziska Muche den Text der Webseite der Uraufführung übersetzt:

"Das Theater hatte schon immer eine Beziehung zu den Toten und zur Figur des Wiedergängers: Zurückgekehrte werden auf der Bühne wiedergeboren und erzählen post mortem ihre Geschichte. In Erstes Blut geht es um ein in den 1990er Jahren entführtes und ermordetes Mädchen – der Fall wurde zu den Akten gelegt, der Mörder nie gefunden.

Im Stück ist Laura nicht mehr da und doch die ganze Zeit anwesend (die Toten respektieren die Totenruhe nicht). Laura interagiert mit ihren gleichaltrigen Nachbarn ihres Alters, mit dem Kommissar, der für den Fall zuständig war, und einer Erzieherin: Erziehen wir in einem Klima der Angst? Schützt Angst vor Gefahr oder verhindert sie das Leben? Ist Rape Culture eine Art offene Geheimgesellschaft, wie die Anthropologin und Aktivistin Rita Laura Segato sagt? Welche Missbrauchsstrukturen haben wir verinnerlicht?

Erstes Blut kommt als Autofiktion, Thriller und Gespenstergeschichte daher und zwingt uns, über den Missbrauch in der Kindheit nachzudenken, der im Körper vieler Frauen fortlebt. Poetisch und eindringlich lädt Erstes Blut uns dazu ein, uns zu erinnern; viele zu sein.


Anmerkung der Autorin und Regisseurin María Velasco

Laura wurde 30 Jahre nach ihrem Tod wieder in mir lebendig: Als ein Freundin aus meiner Heimatstadt mir erzählte, dass sie mit einem Mädchen schwanger sei, begann ich mit der Arbeit an diesem Text. Aber Lauras Foto – das Plakat mit dem großen Aufdruck „GESUCHT“ – habe ich immer vor Augen ge. Ich war damals genauso alt wie sie, das vermisste (und später ermordete) Mädchen, und lernte gerade, Bekanntes von Unbekanntem und Angst von Leichtsinn zu unterscheiden, so wie man lernt, Grün und Rot auseinanderzuhalten. Während meiner gesamten Pubertät schwankte ich zwischen diesen beiden Extremen hin und her, bis ich mir Hölderlins Satz zu eigen machte: "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch".

Es stimmt nicht, dass Mädchen so erzogen werden wie Jungen: nachts darf man nicht überall auf die Straße gehen, Fremden sollte man nicht trauen, auch wenn sie freundlich sind ... „Nichts in der Welt konnte doch mit roten Schuhen verglichen werden!", heißt es in der Geschichte, in der die roten Schuhe die Anti-Heldin unermüdlich durch Wald und Feld tanzen lassen. Zum Glück haben wir in unserer Jugend – obwohl wir Angst hatten, oder vielleicht, um ihr etwas entgegenzusetzen – auch rote Schuhe getragen.

Erstes Blut ist ein Totentanz, eine Art verspätete Trauer um die in den 1990er Jahren ermordeten Mädchen – und um die Mädchen, die rausgegangen sind und sich dafür entschuldigt haben, weil sie das Gefühl hatten, dass der öffentliche Raum ihnen nicht gehört. Text, Musik und Tanz gehören hier zusammen, in einem Akt der Hauntologie (Heimsuchungslehre) und Nekromantie (Weissagung der Zukunft durch Totenbeschwörung).

María Velasco"
Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus dem Stück: Anfang bis S. 8 und Seiten 22-26. Wenn Sie den gesamten Text lesen wollen, wenden Sie sich bitte an Franziska Muche <franziska.muche@drama-panorama.com>.
Zum Beitrag DSE am Theaterhaus G7: María Velasco, „Ich will die Menschen ausroden von der Erde“

Caren Jess im Gespräch über ihre Arbeit und das Stück AVE JOOST

Zurück zu Vorstellung der Auswahl 2024.
Caren Jess, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Caren Jess am 25.05.2024 um 12:30 Uhr beim DramatikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Caren Jess, Wolfgang Barth

Wolfgang Barth: Liebe Caren, ich freue mich, dass ich dir Fragen stellen darf und wir ein Gespräch führen können.

Caren Jeß: Ich freue mich auch sehr.

WB: Sag einmal, was bringt dich dazu, Theaterstücke zu schreiben? Dafür muss es doch eine Lust geben. Oder bekommst du Aufträge und arbeitest sie ab? Was ist dein Antrieb? Wo kommt deine Kraft her?

CJ: Ich arbeite nicht einfach Auftragswerke ab. An dramatischer Sprache interessiert mich einmal, dass sie laut ist. Dass ich Text schreibe, der einen Körper bekommt und der gesprochen und gespielt wird, der also nicht in Köpfen und still bleibt. Weiter fasziniert mich an Dramatik und Theater, dass wir Texte schreiben, die immer noch mal eine weitere künstlerische Übersetzung erfahren, also so, wie sie da stehen, so wie sie geschrieben wurden, noch nicht fertig sind.

Theaterarbeit ist keine Einzeltäterschaft.

WB: Du kennst diesen Satz: „Ohne die Realität funktioniert die Fiktion nicht.“ Er ist in „Die Katze Eleonore“ einer der Szenentitel. Wenn nun in AVE JOOST Marcus, Bastl und Joost sich in der alten Molkerei zum Schießen treffen, dann erlebt man sehr ungewöhnliche Typen, so als wäre man dabei. Woher weißt du, wie solche Typen sind und wie sie miteinander reden?

CJ: Da sind jetzt, glaube ich, verschiedene Antworten nützlich. Zuerst einmal: Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen und alle sind Bauarbeiter. Alle haben jeweils andere Lebensalltage, die sich wirklich sehr von meinem unterscheiden. Das schätze ich sehr, weil meine Familie mich immer wieder aus dieser einen Blase herausreißt, in der ich mich befinde, und ich merke, dass Bildungshintergründe oder soziale Bedingungen andere Leben prägen. Das finde ich bereichernd.

Joost, Markus und Bastl sind nicht die größten Sympathieträger. Nicht unbedingt. Vielleicht besonders Markus und Bastl nicht. Aber ich begegne auch diesen Figuren mit einer gewissen liebevollen Neugierde.

WB: Wenn ich da noch einmal nachhake: Was interessiert dich mehr? Woran hast du mehr Freude oder was ist dir wichtiger: Details der Dialoge und der Beschreibungen in ihrer sprachlichen Ausgestaltung, zum Beispiel bei den Vergleichen oder Metaphern? Oder legst du mehr Wert auf die Aussage, die sich aus der Gesamtkonstruktion ergibt? Gibt es die überhaupt oder liegt der Wert in den Einzelszenen und dem, was dort jeweils geschieht?

CJ: Beides. Ich habe großen Spaß daran, Dialoge zu schreiben oder auch Monologe oder figurenlose performative Texte mit dem Gedanken daran, wie diese Sprache mündlich gut funktionieren kann. Und ich höre gerne zu. Schreiben sättigt sich für mich, indem ich Leuten zuhöre und darauf achte, wie sich Idiome und Codes unterscheiden, zwischen denen wir switchen, wenn wir miteinander reden. Das interessiert mich sehr.

in Ave Joost gibt es aber tatsächlich auch eine Gesamtkonstruktion. Der Ort spielt eine wesentliche Rolle, dieser „Lost Place“ und gleichzeitig „Safe Space“, der fast schon eine Art Nichtort ist, damit aber auch die größte Einladung zur Fantasie. Gleichzeitig ein großer Schutzraum für Einsamkeit. Für mich sind Joost und Malin Figuren, die sich einerseits überhaupt nicht ähnlich sind, sich aber andererseits in diesem verbindenden Gefühl von Einsamkeit begegnen.

Dieses Moment der Verlassenheit ist für mich ein großes Stichwort bei Ave Joost, ein wesentliches Motiv.

WB: Welches ist deine Lieblingsszene?

CJ: Ad Hoc, ohne darüber nachzudenken, würde ich sagen: die Flechtszene, die Szene, in der Malin Joost einen Zopf flicht. Das ist für mich deswegen spannend, weil es einerseits ungeheuer zärtlich ist, was da passiert, dass Marlin sich einfach durchsetzt und diesem zotteligen alten Verlierertypen die Haare flicht. Und andererseits liegt darin auch etwas Heikles, weil Joost Anfang 40 ist, Malin 14, und die beiden begegnen sich körperlich da sehr nah. Und dann flicht Malin auch noch – es ist zwar nicht ihr Text, aber für mich kommt er ein bisschen aus ihrem Herzen oder aus ihrem Gepräge – dann flicht sie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in die Haare von Joost hinein und fragt gleichzeitig nach Trost. Es geht nicht nur um die Figur Malin, sondern um diesen Akt des Haareflechtens. „Trost“ ist für mich das große Komplementärstück zur „Verlassenheit“, das zweite wichtige Stichwort.

WB: Für mich ist die Flechtszene die zweite Lieblingsszene. Die erste ist die, in der Joost in die Erzählung von Amalie und Amalia einsteigt, in der die beiden plötzlich gemeinsam die Geschichte weiterentwickeln. Amelie gräbt sich mit dem goldenen Löffel aus ihrer Kindheit durch die Erde, weil sie durch einen Tunnel aus der Molkerei in die bessere Welt fliehen und Amalia wiederfinden will, die schon dort ist, und sie weiß nicht, wohin mit der ganzen weggeschaufelten Erde. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als diese Erde zu essen, und daraus entsteht etwas Neues. Das hat mich unglaublich beeindruckt.

Es stellte sich sofort die Assoziation ein: „Staub soll er fressen, und mit Lust, wie meine Mume, die berühmte Schlange“. Das ist Faust, Prolog im Himmel, und das verweist auf die Bibel. Der Mensch muss graben und graben, und dann muss er das alles auch noch schlucken. Malin mag „Goethe-Deutsch“. Hast du das bewusst so angelegt?

CJ: Überhaupt nicht. Finde ich aber total toll, dass du das festgestellt hast, weil für mich das Religiöse in Ave Joost eine große Rolle spielt. Nicht weil wir da gläubige Figuren im Sinne des Christentums hätten. Es gibt aber christliche Motive, die in mein Stück montiert sind und dort wilde Blüten treiben, nicht unbedingt im Sinne der Bibel. Malin eignet sich zum Beispiel dieses Glaube-Liebe-Hoffnung-Ding sehr an.

WB: Das scheint mir das Interessante beim Schreiben: Es geschehen Dinge und es zeigen sich plötzlich Bezüge, die einen umhauen. Die Fiktion erklärt die Realität.

CJ: Diese Szene bedeutet mir auch viel. Für mich war das eines der Überraschungs­momente beim Schreiben. Ich liebe das sehr, wenn sich Schreiben so ein bisschen meiner Intentionslinie entzieht, also Schreiben so ein bisschen sein eigenes Ding macht und ich das eigentlich gar nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe, wer was sagt und denkt und mitteilt. Für mich ist das Joosts Emanzipationsszene. Plötzlich hat dieser Mann total geile Ideen darüber, was da alles in der Erde im Körper der Zwillingsschwester gedeiht und wie sie sich dadurch befreit.

Das war für mich auch absolut berührend. Gleichzeitig liegt auch etwas Tragisches darin, denn es dräut schon ein bisschen der Abgesang auf die Beziehung der beiden, das Ende der gemeinsamen Fantasie.

WB: Das ist ein Stichpunkt. Ich wollte noch ergänzen, dass es auch etwas aussagt, an welcher Stelle Joost am Ende Amelie aus dem Tunnel in die Freiheit auftauchen lässt, nämlich an dem Baum, an dem er sich eigentlich mit Benzin übergießen und verbrennen wollte. Aber dann ist ja plötzlich ganz abrupt Schluss, die Polizei räumt das ganze Ding ab. Man hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Du sagst jetzt, die Beziehung zwischen Malin und Joost ist zu Ende?

CJ: Nein, das sage ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich will das auch nicht wissen. Also das ist für mich ein ganz bewusst gesetzter, offener Schluss. Zum einen hat das etwas mit dem Thema „Vorurteile“ zu tun. Wenn man auf diese vier Figuren schaut, was interpretiert man da so hinein? Was denkt man über sie? Wen hält man für schuldig oder wen findet man verdächtig? Wo sind die eigenen Werturteile schneller als das, was wir tatsächlich da erleben und mitbekommen?

Zum anderen ist für mich der Schluss, der Schuss, der am Ende fällt, überhaupt nicht aufzulösen. Ich könnte nicht sagen und will eben, wie gesagt, auch nicht sagen, wer da erschossen wird. Wird überhaupt jemand erschossen? Vielleicht trifft dieser Schuss etwas ganz anderes? Für mich ging es darum, noch einmal darauf abzuheben, dass sich die, sagen wir mal „Dorfgemeinschaft“ um diese Molkerei herum, sowieso das Maul zerreißen wird. Darüber, was da passiert sein mag, dass das doch nicht in Ordnung ist, wenn da so ein Joost mit so einer Malin…

Und, und, und… All diese Meinungen erzählen am Ende wieder einzelne, eigene Geschichten. Das ist für mich eine nicht enden wollende Fortsetzung von Fiktion oder Fiktionalisierung, von Tatsächlichkeiten. Und ja, das liegt für mich ein bisschen in diesem Schluss.

WB: Zum Schluss noch eine ganz andere Frage. Nicole Desjardins und ich werden Ave Joost ins Französische übersetzen. Hast du einen Tipp, wie wir mit den schwäbischen Einschüben umgehen sollen?

CJ: Ich würde da eine Art Äquivalent suchen. Also vielleicht etwas landschaftlich oder dialektales Französisches. Muss aber auch nicht sein. Für mich ist auch nicht wichtig im Deutschen, dass das Schwäbisch ist. In der Nürnberger Inszenierung war es zum Beispiel Oberpfälzisch. Mir ging es nur darum, dass Marcus und Bastl noch mal ihren eigenen, quasi familiären Code haben, in dem sie sich austauschen und gegen Joost abgrenzen können. Das muss nicht typischerweise schwäbisch sein.

WB: Vielen Dank für das Gespräch, auch insbesondere für den letzten Tipp. Ich hab da schon eine Idee. Kann ich dir gleich noch erzählen. Dankeschön.

CJ: Ja, danke auch.

Rike Reiniger im Gespräch über ihre Arbeit und das Stück „24 frames/sec“

Zurück zu Vorstellung der Auswahl 2024.
Rike Reiniger, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Rike Reiniger am 25.05.2024 um 13 Uhr beim Drama¬tikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutsch¬spra-chigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Rike Reiniger, Wolfgang Barth

Wolfgang Barth: Liebe Rike, danke, dass ich dieses Gespräch mit dir führen darf.

Rike Reiniger: Sehr gerne.

WB: Wir sind ja alte Bekannte, du und EURODRAM schon länger und jetzt auch ich über EURODRAM seit der Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees mit deinem Stück RISSE IN DEN WÖRTERN. Heute soll es um dein Stück der Auswahl 2024 gehen, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms.

Wie bist du mit Lotte Reiniger verwandt?

RR: Gar nicht, sondern ich habe meinen Nachnamen zur Hochzeit bekommen von meinem Mann. Sein Großvater war ein entfernter Cousin von Lotte.

WB: Was war für dich das Hauptinteresse an diesem Stück? Warum hast du es geschrieben?

RR: Lotte ist eine faszinierende Persönlichkeit, die ich überhaupt nicht zu greifen bekommen habe vorher. Sie verfolgt einfach ihre Kunst so ganz extrem eigensinnig und ohne beeinflusst zu werden von Dingen wie Ruhm oder dem, was gerade angesagt ist. Das fand ich spannend. Diesen Fokus. Sie sagt: Mich interessiert Trickfilm und mich interessiert nicht nur Trickfilm allgemein, sondern mich interessiert Trickfilm mit Silhouetten. Das hat Lotte durchgezogen über 60 Jahre, das finde ich faszinierend, darauf wollte ich den Blick richten.

WB: Das Stück könnte man ansehen als ein eher historisch orientiertes Theaterfeature. Wie siehst du es? Liegt der Wert in der unglaublichen Menge von Informationen über sehr zahlreiche Personen der Zeitgeschichte? Oder gibt es, damit verknüpft, in der Hauptsache eine universelle Aussage?

RR: Ja, auf jeden Fall, sonst wäre das, glaube ich, uninteressant. Also ich hoffe, dass das Stück interessant ist. Die vielen Personen dienen in gewissem Sinne als „Abstandgeber“. Wenn da, zum Beispiel, Brecht vorkommt und andererseits Lotte, dann wird sehr deutlich, was die beiden unterscheidet, dass Lotte eben einfach ihr Ding durchzieht und das auch sehr alleine, dass sie kaum auf öffentliche Aufmerksamkeit bedacht ist. Und wenn ich Brecht dazu montiere, dann sagt es was über die Person. Durch den Unterschied.

Und so verhält es sich mit den anderen Figuren auch, sie haben alle unterschiedliche künstlerische Entwürfe.

WB: Die „Autorin“ im Stück selbst will nicht, dass die Bekanntschaft Lottes mit Brecht Teil des Stückes wird. Du als Autorin hast ja die „Autorin“ des Stückes geschaffen. Warum wolltet ihr nicht, dass Brecht da reinkommt und wieso ist er dann schließlich doch drin?

RR: Mir ist aufgefallen, dass oft, wenn über Lotte gesprochen wird, zur Sprache kommt, dass sie eine Freundin von Brecht war. Das finde ich sehr ungerecht, denn das macht nur einen winzigen Teil ihrer Identität aus. Sie war sehr, sehr vieles andere. Vor allen Dingen war sie eine selbstbewusste, eigenständige Künstlerin.

Ich musste also Brecht erwähnen um zu kritisieren, dass er im Zusammenhang mit Lotte ständig erwähnt wird. Die berühmte Person Brecht wird praktisch zum Bewertungsmaßstab für die etwas weniger berühmte Person, auf die mehr Licht fällt, weil sie mit einem berühmten Mann befreundet war. Das kritisiere ich.

WB: Und das Theater gibt dir dazu gute Tricks an die Hand. Du hast drei Personen geschaffen, die „Autorin“, das „Zitat“ und den „Fakt“. Eine Person, die „Autorin“, verbietet explizit, Brecht zu erwähnen, und begründet dies auch in deinem Sinne, und die beiden anderen, „Zitat“ und „Fakt“ machen es dann einfach trotzdem.

RR: Ähnlich ging es mir mit dem Mäzen, Ludwig Hagen, einem berühmten Bankier, der gleichzeitig noch viel mehr war und der es Lotte ermöglicht hat, ihren Film zu drehen. Er war reich, sah gut aus und war Familienvater. Wenn aber von ihm die Rede ist, wird immer seine Identität als jüdischer Bankier hervorgehoben. Auch hier würde ich ein Fragezeichen setzen.

WB: Das hast du im Text ja auch getan.

RR: Ja. Ich erwähne das und stelle gleichzeitig in Frage, ob es erwähnt werden muss.

WB: Liebe Rike, du bist ja quasi ein Beispiel dafür, was in der Folge geschehen kann, wenn man bei EURODRAM Stücke einreicht. Könntest du das kurz beschreiben, auch mit Blick auf Ereignisse zwischen den Auswahlen?

RR: Ja. Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit EURODRAM 2014/15 durch die Übersetzung meines Stückes „Zigeuner Boxer“ durch Gülen İpek Abalı ins Türkische, die beim türkischsprachigen Komitee eingereicht und dort in die Auswahl 2015 gewählt wurde. Das Stück wurde dann in der Türkei mehrfach inszeniert.

Das zweite Mal war, als das Stück „Risse in den Wörtern“, das schon eine Uraufführung erlebt hatte, in die Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees gewählt und am Theaterhaus G7 in Mannheim vorgestellt wurde. In der Folge gab es dann in Mannheim eine Neuinszenierung. Das Stück wurde durch Nicole Desjardins ins Französische übersetzt und dann beim französischsprachigen Komitee eingereicht.

Bei der Vorstellung in Mannheim sprach mich Raffaela Bardutzky an, die mit „Fischer Fritz“ ebenfalls in die Auswahl gekommen war, und fragte mich, ob ich beim Programm „Tour des textes“ mitmachen wollte. Dies war dann tatsächlich der Anstoß, das Stück über Lotte Reiniger zu schreiben. Dabei hat mich übrigens auch die ungarische Petöfi Stiftung mit einem Stipendium in Pécs unterstützt. „24 frames/sec“ kam dann in die EURODRAM Auswahl 2024 und wurde jetzt hier in Graz vorgestellt. Das finde ich großartig.

WB: Ja, und seit unserem Gespräch gestern verfolgen wir ja die Idee, dass es vielleicht ins Tschechische übersetzt wird – immerhin stammt Lotte Reinigers Familie aus Marienbad und sie bekam dort als Kind wichtige künstlerische Anregungen.

Möchtest du zum Abschluss des Gesprächs noch etwas hinzufügen?

RR: Ich bin absoluter Fan eines solchen länderübergreifenden Netzwerkes besonders deshalb, weil es mir gefällt, mit all diesen verrückten Sprachen umzugehen. Gestern erzähltest du, dass es bei EURODRAM unter anderen ein isländisches, ein georgisches und ein estnisches Komitee gibt. Oft frustriert mich das Globish English im internationalen Kontext. Deshalb finde ich es toll, wenn Stücke in ihren Originalsprachen eingereicht werden und dann vielleicht die Reise durch die anderen Netzwerksprachen antreten.

WB: Vielen Dank für dieses Gespräch.