Stück für Stück 2025 – Ein Wochenende für neue Dramatik

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Endlich war es wieder soweit: Wir durften vom 14.11.-16.11.2025 nach Mannheim ins Theaterhaus G7 zu Inka (Neubert), Pascal (Wieandt) und Philipp (Bode) kommen, um unsere Auswahl 2025 auf der Bühne zu erleben. Diesmal fuhren Wolfgang (Barth), Charlotte (Bomy), Frank (Wenzel) und ich (Elisabeth Schuster) und die Vorfreude war groß! Carsten (Brandau), ebenfalls Eurodram Jurymitglied, war diesmal als Autor anwesend und Aurélie (Youlia) als Schauspielerin in den szenischen Lesungen von Götterspiel und Sorex.

Unsere 3 Auswahltexte, Götterspiel von Marius Ivaškevičius (aus dem Russischen übersetzt von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher), Pfeifen von Hadar Galron (aus dem Hebräischen von Mathias Naumann) und Sorex von Tomáš Ráliš (aus dem Tschechischen von Maira Neubert) wurden diesmal mit den deutschsprachigen Texten Wildes Wald von Carsten Brandau, Wild von Sean Keller und Ghostbike von Julie Guigonis für ein Wochenende voller neuer Dramatik in szenischen Lesungen zusammengeführt. Und noch dazu waren die AutorInnen und ÜbersetzerInnen anwesend und wir konnten unsere Gedanken und Fragen an sie richten.

Zu Anfang begrüßten Pascal, Inka und ich alle Kommenden sehr herzlich und ließen unseren scheidenden „Eurodram Chef“ Wolfgang Barth hochleben und erinnerten uns an viele schöne gemeinsame Theatermomente!

Wir stiegen am Freitagabend mit Wildes Wald von Carsten Brandau ein, gefolgt von einem sehr erheiternden Publikumsgespräch mit dem Autor! (Alle kommenden Fotos wurden von Miriam Stanke geschossen.)

Nach einem phänomenalem Brunch für alle Beteiligten des Festivals beamte uns auch das erste Stück am Samstag, Wild von Sean Keller, in einen Wald, in dem seltsame Dinge passieren und die Menschen so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie erst sehr spät merken, dass der Wald brennt!

Mit Götterspiel von Marius Ivaškevičius, in der Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher, begannen am Samstag die szenischen Lesungen unserer Auswahl 2025.

Die einstündige, gekürzte und klar strukturierte Präsentation dieses eindringlichen und einfühlsamen collagehaften Dokutheatertextes war sehr gelungen. Das Publikum konnte dabei u.a. an der weiblichen Spurensuche nach Mantas Kvedaravicius, dem Dokumentarfilmer, in Mariopol teilnehmen. Dabei untersuchten die Bühnenfiguren die abstoßenden Machtspiele eines Generals und legten auf der zivilen Ebene eigene biographische Szenen des Machtmissbrauchs im Theateralltag frei (Für mehr Infos zum Stück siehe: Interview Wolfgang Barth mit dem estnischen Regisseur Laur Kaunissaare).

Abgerundet wurde der Samstag mit der tollen szenischen Lesung des frischen, witzigen und liebenswerten Texts Ghostbike von Julie Guigonis, der das Berliner Verkehrschaos in den Fokus nimmt, und in dem wir der Trauer um einen geliebten Menschen begegnen.

Am Sonntag vertieften wir uns mit dem eindrücklichen Monolog Pfeifen von Hadar Galron (aus dem Hebräischen von Matthias Naumann) in die Perspektive einer Frau, die Tochter von Shoah-Überlebenden ist, und um eine eigene Identität außerhalb dieser totalen Stigmatisierung ringt. Fiona Metscher verkörperte auf beeindruckende Weise diese Person. Die intensive anschließende Diskussion mit Autorin und Übersetzer verdeutlichte ebenfalls, wie nah das Thema an das Publikum gerückt war.

Den fulminanten Abschluss des Festivals für neue Dramatik machte die szenische Lesung von Sorex von Tomáš Ráliš (aus dem Tschechischen von Maira Neubert). Dieser abwechslungsreiche Erstlingstext von Tomáš ist ein rasender Feuerball, voll von ambivalenten Metaphern und Anspielungen, düster und energisch zugleich. Das Thema der schutzlos vereinzelten Arbeiterschicht, die mit sich ringt und um sich tritt anstatt sich mit den Migranten neben sich zu solidarisieren, mutete sehr nah an der deutschen Realität an und kam sehr gut beim Publikum an. Das liebenswürdige Nachgespräch mit dem Autor und der Übersetzerin brachte noch einige interessante Details zum Schreibprozess ans Licht.

Vielen Dank an alle Beteiligten, es war ein toller Austausch unter internationalen KollegInnen, bis zum nächsten Mal!

Finally, the time had come again: from 14th to 16th November 2025, we were able to visit Inka (Neubert), Pascal (Wieandt) and Philipp (Bode) at the Theaterhaus G7 in Mannheim to experience our 2025 selection on stage. This time, Wolfgang (Barth), Charlotte (Bomy), Frank (Wenzel) and I (Elisabeth Schuster) made the trip, and we were all very excited! Carsten (Brandau), also a member of the Eurodram jury, was there this time as an author, and Aurélie (Youlia) as an actress in the staged readings of Götterspiel (Rise of the Gods) and Sorex.

Our three selected texts, Götterspiel by Marius Ivaškevičius (translated from Russian by Ruth Altenhofer, Johanna Marx and Claudia Zecher), Pfeifen by Hadar Galron (translated from Hebrew by Mathias Naumann) and Sorex by Tomáš Ráliš (translated from Czech by Maira Neubert) were joined this time by the German-language texts Wildes Wald by Carsten Brandau, Wild by Sean Keller and Ghostbike by Julie Guigonis for a weekend full of new drama in staged readings. What’s more, the authors and translators were present, and we were able to share our thoughts and questions with them.

At the beginning, Pascal, Inka and I warmly welcomed everyone and celebrated our departing ‘Eurodram boss’ Wolfgang Barth, reminiscing about many wonderful theatre moments we had shared!

We kicked off on Friday evening with Wildes Wald (Wild Forest) by Carsten Brandau, followed by a very entertaining audience discussion with the author! (All photos were taken by Miriam Stanke.)

After a phenomenal brunch for everyone involved in the festival, the first play on Saturday, Wild by Sean Keller, transported us to a forest where strange things happen and people are so preoccupied with themselves that they don’t notice until very late that the forest is on fire!

Our selection for 2025 kicked off on Saturday with Götterspiel by Marius Ivaškevičius [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods], translated from Russian by Ruth Altenhofer, Johanna Marx and Claudia Zecher.

The one-hour, abridged and clearly structured presentation of this haunting and sensitive collage-like docu-theatre text was very successful. Among other things, the audience was able to participate in the female search for traces of Mantas Kvedaravicius, the documentary filmmaker, in Mariopol. The characters on stage examined the repulsive power games of a general and, on a civilian level, revealed their own biographical scenes of abuse of power in everyday theatre life (for more information on the play, see: Interview with Wolfgang Barth and Estonian director Laur Kaunissaare).

Saturday was rounded off with a wonderful staged reading of Julie Guigonis‘ fresh, funny and endearing text Ghostbike, which focuses on the chaos of cycling in Berlin and in which we encounter the grief of losing a loved one.

On Sunday, Hadar Galron’s impressive monologue Pfeifen [שריקה / Whistle] (translated from Hebrew by Matthias Naumann) immersed us in the perspective of a woman who is the daughter of Shoah survivors and struggles to find her own identity outside of this total stigmatisation. Fiona Metscher gave an impressive performance as this character. The intense discussion with the author and translator that followed also made it clear how close the topic got to the audience.

The festival for new drama came to a spectacular close with a staged reading of Sorex by Tomáš Ráliš (translated from Czech by Maira Neubert). This varied debut text by Tomáš is a frenzied fireball, full of ambivalent metaphors and allusions, both dark and energetic at the same time. The theme of the defenceless, isolated working class, which struggles and fights among itself instead of showing solidarity with the migrants around them, seemed very close to the German reality and was very well received by the audience. The amiable discussion with the author and the translator brought to light some interesting details about the writing process.

Many thanks to everyone involved – it was a great exchange among international colleagues. See you next time!

DRAMA WALKS DramatikerInnen Festival Graz

14.06.2025: Präsentation der Auswahl 2025 des deutschsprachigen Komitees im Rahmen des DramatikerInnen Festivals Graz

Am 14. Juni 2025 präsentierte das deutschsprachige Komitee in Zusammenarbeit mit dem DramatikerInnen Festival in Graz die drei in diesem Jahr ausgewählten Stücke:

Pfeifen
שריקה
von Hadar Galron
basierend auf einer autobiografischen Erzählung von Jacob Buchan
Übersetzung: Matthias Naumann
Ursprungssprache: Hebräisch

Sorex
von Tomáš Ráliš
Übersetzung: Maira Neubert
Ursprungssprache: Tschechisch

Die Veranstaltung mit dem Titel DRAMA WALKS wurde in zwei Programmblöcken durchgeführt, in denen die Stücke als szenische Lesungen präsentiert wurden. Die Lesungen wurden von Anja M. Wohlfahrt inszeniert und konzipiert, mit den großartigen Schauspielern Mathias Lodd and Ninja Reichert.

Zwischen den beiden Programmblöcken fand eine Podiumsdiskussion mit den Autor:innen, Übersetzer:innen, dem Kreativteam und dem anwesenden Publikum statt.
Moderiert von Wolfgang Barth, Elisabeth Schuster und Ana Trpenoska (Eurodram), wurden dabei wichtige Fragen im Zusammenhang mit den aktuellen Kontexten zur Sprache gebracht, darunter die Kriege und Konflikte in Europa und im Nahen Osten. Das Gespräch war für alle Beteiligten tief emotional, insbesondere weil es in einem trauernden Graz stattfand, das kurz zuvor durch den Amoklauf an einer Schule erschüttert worden war.

Während des Festivals haben wir Interviews mit den AutorInnen und ÜbersetzerInnen geführt, die in Kurze hier auf unserer Homepage veröffentlicht werden.

Wir bedanken uns herzlich beim Team des Dramatikerinnen Festivals dafür, dass wir Teil des Programms sein durften und dafür, dass es trotz gekürzter Budgets und
herausfordernder gesellschaftlich-politischer Rahmenbedingungen die Durchführung eines so wichtigen Festivals möglich gemacht hat.

English version:

DRAMA WALKS Dramatists‘ Festival Graz

14.06.2025: Presentation of the German speaking committee Selection 2025 during the Dramatists‘ Festival Graz

On June 14, 2025, in collaboration with the Dramatists‘ Festival in Graz, the German-speaking committee presented the three plays selected this year:

„Götterspiel: Theatrical Investigation of a War Crime“ (Voskhod bogov) by Marius Ivaškevičius.
Translated by Ruth Altenhofer, Johanna Marx, Claudia Zecher.
Original language: Russian.

„Whistling“ (שריקה) by Hadar Galron, based on an autobiographical story by Jacob Buchan
Translated by Matthias Naumann
Original language: Hebrew.

„Sorex“ by Tomáš Ráliš
Translated by Maira Neubert
Original language: Czech.

The event, titled DRAMA WALKS, was scheduled in two sessions, during which the playswere presented as staged readings. The readings were directed and conceived by Anja M. Wohlfahrt, featuring the wonderful actors Mathias Lodd and Ninja Reichert.
Between the two sessions, a panel discussion took place with the authors and translators, along with the creative team and the present audience. Moderated by Wolfgang Barth, Elisabeth Schuster and Ana Trpenoska (Eurodram), the discussion raised important questions related to current contexts, including ongoing wars and conflicts in Europe and the Middle East. The conversation was deeply emotional for all participants, especially as it took place in a grieving Graz, still reeling from the recent school shooting.
During the festival, we conducted interviews with the authors and the translators, which will soon be published here on our homepage.
We would like to thank the team of the Dramatists‘ Festival for having us in the program and for making it possible to organize such an important festival, despite reduced budgets and challenging socio-political circumstances.

AKTIVITÄTEN: EURODRAM in Wien

Das Theater Drachengasse in Wien bietet dem deutschsprachigen Eurodram-Komitee zum dritten Mal die Möglichkeit, seine aktuelle Auswahl von für die Übersetzung besonders empfohlenen Theaterstücken zu präsentieren. Aus 85 Einsendungen wurden Mitte März drei im Original auf Deutsch verfasste Theaterstücke ausgewählt, die in jeweils eine andere europäische Sprache übersetzt werden.

Am 16. April um 18 Uhr zeigen wir unsere Auswahl 2018 mit folgenden Stücken und ihren Autoren:

Raoul Biltgen: DER FREIE FALL

Dominik Busch: DAS RECHT DES STÄRKEREN

Mehdi Moradpour: EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE

Im Anschluss an die Präsentationen sprechen wir jeweils mit den Autoren. Moderation der Gespräche: Henning Bochert, Christian Mayer und Ulrike Syha.

Die szenischen Lesungen werden eingerichtet von Sandra Schüddekopf und Milena Michalek nach einem Konzept von Sandra Schüddekopf. Das Programm des Theaters findet sich hier.

R. Biltgen, M. Moradpour, D. Busch | Foto: Bochert

Gefördert durch:

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AKTIVITÄTEN: EURODRAM beim 4+1-Autor*innentreffen in Leipzig

Wie schon 2016 wird das europäische Netzwerk für Dramatik in Übersetzung EURODRAM auch in diesem Jahr wieder beim Treffen junger Autor*innen 4+1 am Schauspiel Leipzig zu Gast sein. Das Festival läuft vom 11.-13. April 2018 und stellt in szenischen Lesungen und Gesprächen junge Autor*innen der Lehrinstitute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor.

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AKTIVITÄTEN: EURODRAM-Jahresversammlung in Lissabon

Von Henning Bochert

Ganz im Westen Europas kamen sie zusammen: von Priština und Rom, von Paris und London, von Berlin und Tel Aviv und vielen anderen Orten. Zur 2018er Generalversammlung von Eurodram reisten 22 Teilnehmer, darunter die Koordinator*innen von 13 Sprachkomitees, nach Lissabon, wohin das portugiesischsprachige Komitee in Gestalt von Maria João Vicente und Carolina Mano großzügig eingeladen hatte. An vier Tagen stand unter dem Titel DEPOIS DE BABEL (NACH BABEL; einem Titel von George Steiner) ein gemischtes Programm aus internen Besprechungen und öffentlichen Veranstaltungen im Bereich Theaterübersetzung auf dem Plan.

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EURODRAM-Koordinatoren und einige Komitee-Mitglieder in Lissabon. – Foto: Marília Maia e Moura

Donnerstag, der 21. September 2017

Das Netzwerk Eurodram besteht derzeit aus 255 Mitgliedern in 23 Sprachkomitees. Nach der Ausschreibung 2017 zirkulierten insgesamt 338 Texte, aus denen 14 der Komitees eine Auswahl zur Empfehlung trafen. Diese Liste ist hier in den jeweiligen Sprachen abrufbar. Die vollständigen Stücktexte sind auf Nachfrage an die jeweiligen Komitees erhältlich.

In den ersten Stunden der Besprechungen präsentieren die anwesenden Koordinator*innen die Titel der Stücke ihrer diesjährigen Auswahl und prüfen ihre Verbindung zu deren Übersetzer*innen: Sind die bekannt, gehören sie zum Komitee? Aus welchen Sprachen wurden die Stücke übersetzt?

Das Teatro Taborda, in dem das Teatro da Garagem residiert und in dem alle Veranstaltungen stattfinden, liegt unmittelbar unter der Burgmauern des Castelo, inmitten der engsten Gässchen zwischen den berühmten gekachelten Häusern. In den Pausen treten die Teilnehmer hinaus in das bezaubernde Licht Lissabons, genießen Sonne und Schatten seiner charmanten Straßen und Plätze. Alle drei Schritte steht man vor einem neuen winzigen Restaurant, einer Leiteria oder einem Café. Hinter einer Häuserecke biegt abrupt rumpelnd die ikonische gelbe Straßenbahn hervor, prall mit Touristen gefüllt und tatsächlich kaum größer als eine Sardinendose. Die bewegte Topografie der Stadt bietet hinter jeder engen Biegung einen neuen verblüffenden Ausblick. Jeder Gedanke, den das mit Theaterstücken volle Hirn zulässt, befasst sich umgehend mit maurischen Epochen, der spärlich präsenten Romanik, dem alles zerstörenden Erdbeben 1755, das Raum gab für Neues im Stadtbild.

Der Tourismus hat, wie in vielen europäischen Hauptstädten, seine Schattenseiten. Eindeutig sehen sich die Lissabonner von seinen Ausmaßen bedroht. In Graffitis wie „mass tourism = human pollution“ drückt sich die klare Ablehnung der Situation aus, in der die Elektrorikschas von Tuk-Tuk massenhaft durch die Straßen gleiten oder eine Karawane aus orangefarbenen Touristen-Go-Karts durch die engen Straßen am Largo do Carmo knattern wie in Berlin die Trabi-Safaris.

An den Abenden bietet das Teatro da Garagem eine Reihe öffentlicher Lesungen an. Zunächst am Donnerstag die portugiesische Fassung des Stücks Cinderella Ltd. von Zdrava Kamenova und Gergana Dimitrov, übersetzt von Nadezhda Metodieva, gelesen von Schauspieler*innen und Student*innen der Theater- und Filmschule Lissabon ESTC.

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Bei der Arbeit im Teatro da Garagem. – Foto: Marília Maia e Moura

 

Freitag, der 22. September 2017

Nach dem luxuriösen Frühstück im Hotel gelangen die Teilnehmer zu Fuß (Französisch, Italienisch, Englisch), per U-Bahn (Deutsch, Hebräisch) oder Taxi (Ungarisch) zur nächsten Besprechung im Theater, das so anziehend wirkt, dass sich ganz Europa hier versammelt und nicht mehr fort möchte.

Zu den besprochenen Fragen gehören heute vor allem organisatorische wie die des dringend benötigten eigenen Internetauftritts unabhängig von dem der Maison d’Europe et de l’Orient, welche die zentrale Internetseite derzeit noch auf ihrer Seite sildav.org beherbergt. Über die technischen Aspekte wird lange gesprochen.

Auch die bessere Vernetzung der Komitees mit anderen Sprachen, um die Verbreitung der jeweils zur Empfehlung ausgewählten Texte der eigenen Sprache zu beschleunigen, ist ausgiebig Diskussionsgegenstand. Die Komitees überprüfen, inwieweit sie in ihren Reihen Theaterübersetzer*innen anderer Sprachen haben, die für die Vernetzung schon im Rahmen ihrer täglichen Arbeit sorgen können. Verfügen die einzelnen Komitees über eigene Websites? In mehreren Sprachen? Führen sie Veranstaltungen mit Partnertheatern durch, bei denen die Stücke z. B. in szenischen Lesungen öffentlich vorgestellt werden? Arbeiten sie mit den Sprach- und Theaterabteilungen der Universitäten zusammen? Wie lässt sich auch das verbessern?

Lissabon ist im Herbst die ideale Umgebung für diese Arbeit. Die Temperatur ist perfekt, angenehm zum Arbeiten und nicht zu heiß für Stadterkundungen. Immer wieder zerstreuen sich die Teilnehmer in die Gassen und Plätze hinauf zum Barrio Alto oder hinunter zum Ufer des Tejo, der hier, kurz vor der Mündung, so breit daherkommt wie ein Meerbusen, die weithin sichtbare Brücke über ihn gemahnt zwingend an die Golden Gate Bridge über der San Francisco Bay. Da steigt schon mal eine Besuchergruppe durch einen schlichten Kanaldeckel zwischen den Tramgleisen mitten auf der Straße aus der Erde, in der sie sich die umfangreichen römischen Fundamente zur Befestigung des Hafenbereichs mit ihren zahlreichen Gängen angesehen haben.

Am Abend präsentiert das Theater zuerst die portugiesische Version des Stücks Verloren im Nebel von Neda Nezhdana, die leider nicht anwesend sein kann. Übersetzt von Vladyslava Parfeniuk und wiederum szenisch gelesen von Studenten der ESTC.

Im Anschluss lesen Schauspieler*innen und Student*innen der ESTC auf Portugiesisch das Stück Common People der erfolgreichen Autorin Gianina Carbunariu (übersetzt von Corneliu Popa (mit Unterstützung des rumänischen Kulturinstituts)), deren Texte schon häufiger von unterschiedlichen Komitees ausgewählt wurden.

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Lesung des rumänischen Stückes „Common People“ von G. Carbunariu. – Foto: Marília Maia e Moura

 

Samstag, der 23. September 2017

Da fast alle Komitees ohne finanzielle Unterstützung bzw. überhaupt ohne Finanzmittel arbeiten, können viele Ideen häufig nicht in die Tat umgesetzt werden. Umso erstaunlicher, dass Eurodram dennoch derart aktiv ist. Um die Möglichkeiten zu erweitern, stellen sich aber Fragen wie: Müssen die einzelnen Sprachkomitees sich als Vereine konstituieren, um öffentliche Förderungen beantragen zu können? Die Frage, ob die zirkulierten Stücke nicht direkt und öffentlich über Eurodram zugänglich gemacht werden könnten, wird wegen Urheberrechtsfragen zurückgestellt. Immerhin aber soll eine Datenbank mit Zusammenfassungen und den wichtigsten Angaben in die zu schaffende Website integriert werden. Aber auch die Aktivitäten der einzelnen Komitees, ihre Wünsche und Möglichkeiten weiterer gegenseitiger Unterstützung finden Gehör. So meldet Andreas Flourakis, Theaterautor und Koordinator des griechischen Komitees, zum wiederholten Mal dringenden Bedarf nach Autorenfortbildung und Schreibwerkstätten in Griechenland an und ruft die Koordinatoren zu Unterstützung auf. Weiter fragt sich die Runde zum Beispiel, wieso in der türkischen Theaterlandschaft so wenige Übersetzungen von portugiesischen Theaterstücken zu finden seien und wieso überhaupt das öffentliche Interesse an der Komiteearbeit noch optimiert werden könnte. Liegt es an der Orientierung der Theater auf großen Unterhaltungsproduktionen? Und wie kann die Arbeit des BCSM-Komitees (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch-Montenegrinisch) ausgebaut werden unter den besonderen Bedingungen dieses Sprachraums?

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Diskussionsrunde „Translating for theatre: concepts to consider“. – Foto: Marília Maia e Moura

Nach der letzten Sitzung, in der auch die Möglichkeiten der Versammlung im nächsten Jahr diskutiert und Einladungen von gleich mehreren Komitees ausgesprochen werden, sind die internen Debatten vorüber, und die Teilnehmer können sich nach Lust und Laune dem weiteren öffentlichen Programm hingeben. Eine Podiumsdiskussion zum Übersetzen von Theaterstücken mit der Übersetzerin und Dramaturgin Constança Carvalho, Dominique Dolmieu und Alexandra Moreira Da Silva wird von Nuno M. Cardoso, Regisseur und Mitglied des portugiesischen Komitees, moderiert. Das Verhältnis zu den übersetzten Autor*innen wird erörtert, in den beschriebenen Fällen ein sehr fruchtbares, und inwiefern Übersetzer*innen eine Autorenschaft haben. Beide Übersetzerinnen waren der Meinung, dass ihre Tätigkeit der von Autor*innen gleichzusetzen sei, was kontrovers besprochen wurde. Constança formulierte, dass eine Besonderheit des Theaterübersetzens darin bestehe, das linguistische und szenische Potenzial eines Textes in größerem Maße zu bewahren als beispielsweise bei literarischen Übersetzungen, wo zwischen Übersetzung und Leser nur das Gleiten der Augen über die Seite steht, während beim Theater noch einige andere Personen und –gruppen Hand und Hirn an den Text legen. Ein Beispiel von Alexandra zeigte auf, wie bei im Wort unlösbar scheinende Problemen das Theater auch die Möglichkeit bietet, auf die kreativen Mittel zu vertrauen, die im Inszenierungsprozess den Text noch interpretieren, so dass hier Bedeutungen gerettet bzw. gezeigt werden können, die im Text allein nicht zu bewältigen sind – eine häufig beruhigende Aussicht.

Das Teatro da Garagem zeigt den internationalen Gästen am Abend im bezaubernden kleinen Theatersaal eine englisch übertitelte Vorstellung von Ela diz (Sie sagt; geschrieben und inszeniert von Carlos J. Pessoa). Der strengen, gleichförmig langsamen Inszenierung des scheinbar formal stark gestalteten Texts über eine belastete Mutter-Tochter-Beziehung wurde vom Publikum unterschiedlich aufgenommen.

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„ELA DIZ“ von Carlos J. Pessoa. – Foto: Teatro Taborda.

Sonntag, der 24. September 2017

Der Sonntag lässt allen noch nicht Abgereisten Zeit für einen weiteren Spaziergang durch die Straßen. Die Stadt scheint ihren speziellen historischen Charme zu bewahren, indem sie eigenwillig groß angelegten Modernisierungen widersteht, die ihren Charakter zerstören. Stattdessen werden bestehende historische Gebäude mit viel Feingefühl mit modernem Inhalt gefüllt. Ein Beispiel ist das untere Gebäude des Hauptbahnhofs mit imposanter, maurisch anmutender Fassade sowie zahllose Gebäude in der Innenstadt, alle mehrere hundert Jahre alt, in denen sich Geschäfte für Bademoden, Fachgeschäfte für Gastronomiebedarf oder Stoffe, Kurzwaren oder eben die zahllosen Cafés befinden.

Am Nachmittag gibt es noch eine Lesung des russischen Stücks Cabaret Astoria (von Mikahil Heifts, übersetzt von Kostyantyn Myroshnychenko), wiederum mit Akteur*innen der ESTC. Nachmittags schließt eine öffentliche Diskussion über „Theater in Theater übersetzen“ zur Interpretation von Worten in Handlung, also Dramaturgie und Regie, auch das öffentliche Programm ab.

Dank der hervorragenden und großzügigen Planung des portugiesischen Komitees und des Teatro da Garagem entlässt Lissabon die aktiven Köpfe des Eurodram-Netzwerks gestärkt, neu orientiert und mit einem Koffer voller Pläne in die unterschiedlichen Regionen Europas, die neben der anstehende Ausschreibung und Auswahl für das kommende Jahr die Aufgabenlisten füllen werden, bis wir uns im nächsten Herbst anderswo wiedersehen.

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Foto: Marília Maia e Moura

 

Wer noch eine andere Stimme zur EURODRAM-Jahresversammlung in Lissabon hören möchte, findet hier den Bericht von Gilles Boulan (Koordinator des Französischen Komitees). Übersetzung: Wolfgang Barth.

http://vieuxloup.de/blog/2017/10/15/hauptversammlung-eurodram-21-9-bis-24-9-2017-in-lissabon-tagebuch-gilles-boulan/

AKTIVITÄTEN: Veranstaltung am Theaterhaus G7 in Mannheim

Eurodram ist das Netzwerk für europäisches Drama in Übersetzung, und selten erfüllt sich diese Mission so prächtig wie bei der Präsentation der diesjährigen Auswahl des deutschsprachigen Komitees in Mannheim. Die Teilnehmer erschienen aus europäischen Groß- und Hauptstädten wie Split, Barcelona, Berlin, Hamburg, London, Paris, Ljubljana, Wien, Graz und Sofia. Das Theaterhaus G7, geleitet von Komiteemitglied und Regisseurin Inka Neubert, hatte die Veranstaltung in die Spielzeitplanung genommen und stellte die drei Stücke, die aus den über 70 Einsendungen am empfehlenswertesten erschienen, am 24. Juni in szenischer Lesung vor.

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Lesung von „Drama über Mirjana und die Menschen um sie herum“ – Foto: N. Fleming

Noch am Freitag hatte dort Stefano Massinis „Eine nicht umerziehbare Frau“, ein starkes Stück über die ermordete Journalistin Anna Stepanowa Politkowskaja aus der Komiteeauswahl vom Vorjahr, in Neuberts Regie das Publikum fasziniert. Am Samstagabend dann lernten die Zuschauer die Auswahlwerke 2017 und deren Autoren und Übersetzerinnen kennen. Der Förderung des Deutschen Literaturfonds ist es zu verdanken, dass zum Beispiel Ivor Martinić und Blažena Radas, Autor und Übersetzerin des ersten vorgestellten Stücks „Drama über Mirjana und die Menschen um sie herum“, beim Publikumsgespräch erstmalig im selben Raum waren. Die Lesung hatte Sandra Schüddekopf eingerichtet, und Ulrike Syha, Autorin, Übersetzerin, Komiteekoordinatorin, stellte Fragen über das Entstehen des Stücks und der Übersetzung und über die aktuellen Arbeiten von Martinić, der mittlerweile in Spanien lebt. Der Text zeichnet sich aus durch die Kombination aus der thematischen Konzentration auf eine Gesellschaft, die versucht, durchzukommen, auch wenn es beschwerlich ist, und einer einnehmenden, theatermagischen Überhöhung dieses Alltags.

Nach der zweiten Lesung des Abends, dem Stück „sieben köchinnen, vier soldaten und drei sophien“ von der erfolgreichen slowenischen Autorin Simona Semenič (Einrichtung: Aurélie Youlia), nahmen die Übersetzerin Urška Brodar und Henning Bochert, Übersetzer und Komiteemitglied, den zufälligen Balkanschwerpunkt der Auswahl ins Visier und diskutierten mit Publikum und Teilnehmern die Thematik der Frauenrolle, die den Gesellschaften östlich der deutschsprachigen Regionen Europas stärker auf den Fingern zu brennen scheint. Auch die stark politische Setzung fällt an den Stücken aus Bulgarien, Kroatien und Slowenien ins Auge.

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Lesung von „sieben köchinnen, vier soldaten und drei sophien“ – Foto: N. Fleming

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Im zweiten Teil von „sieben köchinnen, vier soldaten und drei Sophien“ – Foto: N. Fleming

Das dritte Stück nämlich, Alexander Manuiloffs „Der Staat“, warf die Zuschauer, die sich im Karrée gegenübersaßen (Einrichtung: Schüddekopf), auf sich selbst zurück, gibt es doch keine Darsteller, keine Handlung, nur den Text. Der thematisiert die Selbstverbrennung von Plamen Goranov 2013, ein tragisches Fanal angesichts unhaltbarer Zustände in der bulgarischen Politik, der sogar weitere vergleichbare Akte folgten. Die Vorstellung findet nur statt, wenn die Zuschauer sich dafür entscheiden, den Text zu lesen. Eine unmittelbare Stellungnahme mit radikaler Form, die zugleich die Botschaft ist: Nehmt es in die Hand. Im Gespräch zwischen dem Autor und dem Dramaturgen Christian Mayer geht es vor allem um die unterschiedlichen Produktionen, bei denen der Autor immer anwesend ist, und um die Reaktionen der Zuschauer dabei. Dass er den Text geschrieben hat, ist für Manuiloff eine direkte Konsequenz aus dem Weckruf, den Goranovs Tat darstellte und den er nicht ignorieren kann. Der Erfolg des Stücks ist beim Publikum unmittelbar spürbar: Nach einer Anlaufzeit des Verstehens und der Überwindung fühlen sich die Teilnehmer enger verbunden, man hat gemeinsam etwas erlebt und fühlt sich vielleicht ein winziges bisschen mehr verantwortlich – für einander, für sich selbst, für die Gemeinschaft.

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Beim Publikumsgespräch zu „Der Staat“ – Foto: N. Fleming

Zu danken ist der Erfolg auch den wunderbaren Mitwirkenden: Larissa Alana, Ayca Basar, Alexander Doderer, Hanna Gandor, Laura Kaiser, Irina Maier, Marie Scholz, Vincenzo Tatti, Aurélie Youlia.

Im April 2018 plant das Komitee eine weitere Präsentation mit und im Theater Drachengasse in Wien, wo schon in den Vorjahren Lesungen stattfinden konnten. Weitere Partner sind im Gespräch und werden gesucht, vor allem ist das Netzwerk um eine dauerhafte Förderung bemüht.

Die Veranstaltung wurde im Radio begleitet (Link folgt noch) sowie in „Die Rhein-Pfalz“ von Heike Marx besprochen.

 

Von Henning Bochert

AKTIVITÄTEN: Veranstaltung am Theater Drachengasse / Wien

Theaterstücke sollen gespielt werden. Eine sicher häufig genussvolle Lektüre wird dem Wesen von Theaterstücken nicht gerecht, fehlt doch das entscheidende Element: der Körper auf der Bühne.

So war es für das Deutschsprachige Komitee eine besondere Freude, seine diesjährige Auswahl der drei als besonders empfehlenswert empfundenen Theaterstücke auf Einladung des Theaters Drachengasse am 28. November 2016 dem Wiener Publikum vorzustellen.

Aus über 140 Theaterstücken – originalsprachlich deutsch -, die im Jahr 2016 eingesandt wurden, wählte das Komitee Henriette Dushes VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE, Christina Ketterings ANTARKTIS und Maxi Obexers ILLEGALE HELFER aus.

Schon im vergangenen Jahr konnten wir zum ersten Mal der Einladung des Theaters Drachengasse folgen. Auch in diesem Jahr richteten Sandra Schüddekopf und Milena Michalek wieder drei wunderbare szenische Lesungen ein, die mit ihren jeweils 20 Minuten Dauer die Stücke eindrücklich vorstellten, was ohne den leidenschaftlichen und humorvollen Einsatz der Darsteller*innen nicht möglich gewesen wäre. Roman Blumenschein, Katrin Grumeth, Johanna Orsini-Rosenberg, Christina Scherrer, Lisa Schrammel, Thomas Stolzeti verliehen der Spannung zwischen moralischem und juristischem Recht in den HELFERN, dem tragischen Humor in ANTARKTIS und der Hoffnung und der Verzweiflung in der REISE Stimme und Leben.

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Das Ensemble der szenischen Lesungen: Katrin Grumeth, Thomas Stolzeti, Christina Scherrer, Johanna Orsini-Rosenberg, Lisa Schrammel, Roman Blumenschein – Copyright: Theater Drachengasse

Dank der Unterstützung des Deutschen Literaturfonds konnte das Deutschsprachige Komitee 2016 drei Stipendien finanzieren und drei ÜbersetzerInnen ihren jeweiligen Text-Favoriten in eine andere Sprache übersetzen lassen. Dr. Iwona Uberman übersetzte Henriette Dushes REISE ins Polnische, Katharina Stalder übertrug Christina Ketterings ANTARKTIS ins Französische, und dank Gergana Dimitrova gibt es Maxi Obexers HELFER auf Bulgarisch.

Wir freuen uns, dass von den Autorinnen Christina Kettering und außerdem alle drei Übersetzerinnen anwesend waren und im Gespräch jeweils nach den Lesungen vorgestellt werden konnten. Welche Diskussionen stoßen die HELFER in Bulgarien an, wieso resoniert die REISE in Polen, und was fasziniert ein französisches Publikum an den Ereignissen in der ANTARKTIS? Die Komiteemitglieder Ulrike Syha, Henning Bochert und Christian Mayer diskutierten mit den Gästen und dem interessierten Publikum Fragen zur Situation der Theaterlandschaft in Frankreich, Polen und Bulgarien. Dimitrova, Koordinatorin des bulgarischen Komitees, sprach über den Grenzzaun zwischen Bulgarien und Türkei sowie über ihre Produktionsgruppe 36monkeys, Uberman berichtete über die verheerenden Auswirkungen der rechtskonservativen Politik der Regierungspartei PiS auf das Kulturleben in Polen. Kettering sprach über das Entstehen von ANTARKTIS und Stalder schilderte, auf welche Weise das Stück im französischen Theater rezipiert werden kann.

Wie schon die Veranstaltung im April 2016 beim Festival 4+1 im Schauspiel Leipzig sind Veranstaltungen dieser Art unerlässlich, um unsere Arbeit sichtbar und theatergerecht zu präsentieren. Wir senden einen großen Dank an das Theater Drachengasse und seine Förderer, die die Veranstaltung möglich gemacht haben.

Henning Bochert

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Christian Mayer im Gespräch mit Übersetzerin Gergana Dimitrova. – Copyright: Theater Drachengasse

PORTRÄT: Henriette Dushe

Schaut man sich die Konstellationen in Henriette Dushes Stücken an, sind es immer wieder die Frauenfiguren, die faszinieren und im Vordergrund stehen. Das Drama „In einem dichten Birkenwald, Nebel“ beginnt zunächst mit drei Männern, die aus ihrem Leben fallen, weil sie aus verschiedenen Gründen zusammenbrechen. Da tauchen drei Frauen unterschiedlichen Alters aus dem Nebel auf und erfinden sich eine gemeinsame Geschichte oder stehen als Ärztinnen dem Chor der Burnout-Patienten bei. In „Lupus in Fabula“ trifft man drei Schwestern am Sterbebett des Vaters an, die durch dessen Verschwinden  in unterschiedlicher Weise auf sich selbst zurück geworfen sind.

Auch in „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr  weiten Strecke“ stehen eine Mutter und ihre vier Töchter im Mittelpunkt des Geschehens, der Vater der Familie hat sich in sich selbst zurück gezogen und ist verstummt.

„Die Texte wandern durch die Köpfe in die Münder der anderen und wieder zurück durch den Mund eines Gegenübers in den Kopf einer anderen, nur die Mutter: ist und bleibt immer eine Mutter…“ – so beschreibt Henriette Dushe ihren Bühnentext für fünf Frauen, in dem nur die Mutter personifiziert wird, die vier Töchter teilen sich die Bezeichnungen „Eine, Andere, Einige“.

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Henriette Dushe (Copyright: C. Pitzke)

Das Stück, ausgezeichnet  2014 mit dem Autorenpreis „Stück auf!“ der Stadt Essen und am Theater Essen uraufgeführt in der Inszenierung von Ivna Žic, beschreibt die melancholische Geschichte einer Familie aus der ehemaligen DDR und lebt von seiner Musikalität.

Die  Mutter und ihre vier Töchter sprechen miteinander – aber der Text entwickelt eine Art Eigendynamik im Durcheinander-, Übereinander und Aneinander-vorbei-Reden. Erzählt wird die Erinnerung an die Ausreise der Familie aus der DDR, eine Reise in ein Land, das für den (nicht zu Wort kommenden) Vater  zu einem nie eingelösten Versprechen wurde. Die Figuren haben keine Namen, als hätten sie mit der Heimat auch die Identität verloren.

Sandra Schüddekopf, die die Szenische Lesung am Theater Leipzig beim 4+1 Festival einrichtete, schätzt den Text, weil er es schafft  „über die persönlichen Erinnerungen der Familie an ihre Ausreise hinaus etwas über die gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Obwohl die Erinnerungen durch die Figuren wandern, sind die Figuren in ihren Beziehungen zueinander sehr klar. Der Text umkreist Gewissheit und Ungewissheit im Umgang mit Erinnerungen und spielt, auch in seiner Form, mit der Struktur von Erinnerungen.“

Die Mutter und ihre vier Töchter erinnern sich: an graue Anzügen mit wechselnden Gesichtern, an endlose Listen von Haushaltsgegenständen, das “Scheiß-Gärtchen” des Großvaters, die Waschbecken-Nische für Störenfriede im Klassenzimmer, die Brechanfälle der einen Tochter, den taubengrauen Bahnhof und an die traumatische Zugfahrt ohne Rückfahrschein aus der DDR, an den Vater, der das restliche Geld aus dem Zugfenster wirft, an die alle Sachen durchwühlenden Grenzbeamten und schließlich die Ankunft in einem niedersächsischen Provinzstädtchen.

Das Erinnerungsmaterial wird in Aufzählungen und rhythmischen Wiederholungen immer wieder neu sortiert und wirkt durch die Musikalität der Sprache wie ein sehr genau durchkomponierter gemeinsamer Gesang von der Mutter und ihren Töchtern.

Das Leipziger Festival  4+1, auf dem EURODRAM das Stück präsentierte, war ein Festival zur Nachwuchsdramatik im deutschsprachigen Raum, zu dem sechs Schreibschulen eingeladen waren: UniT Graz , die Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie die Schreibschulen aus Hildesheim, Biel, Berlin und Leipzig.

Henriette Dushe hat selbst am UniT in Graz studiert und mit der Regisseurin der Uraufführung Ivna Žic an „Von der langen Reise…“ ursprünglich gemeinsam gearbeitet. Beide haben sich als Teilnehmerinnen des Forum Text kennengelernt – eine zweijährige künstlerische Begleitung mit Mentoring durch uniT in Graz.

Henriette Dushe stellt in einem Interview mit Magdalena Kotzurek dar, dass sich die UniT Graz nicht als Schule versteht, „die  von vornherein zu wissen meint, was sie vermitteln will. Hier stehen die einzelnen Autoren mit ihren Schwerpunkten in Thema und Form und Sprache im Vordergrund. Darüber hinaus ist die gesamte Ausbildung schon sehr früh vernetzt mit Schauspieler_innen und Regisseur_innen, so dass der interdisziplinäre Austausch über Theatralik die Textentstehung schon früh begleitet, das öffnet den Autor_innen natürlich alle Sinne, für die Bühne zu schreiben.“

Inka Neubert

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Beim 4 + 1 Festival am Schauspiel Leipzig.

HENRIETTE DUSHE stammt aus Halle/Saale. Von 2001 bis 2006 studierte sie in Potsdam KulturArbeit (Diplom im Fachbereich Angewandte Ästhetik). Von 2011 bis 2013 folgte ein Studium des Szenischen Schreibens an der uniT Graz. Von 2002 bis 2011 war sie Dramaturgin und Autorin beim freien Autoren- und Schauspielkollektiv unitedOFFproductions (Braunschweig/Berlin). Henriette Dushe lebt in Berlin.

Stipendien und Preise (Auswahl): 2008 Werkstattstipendium für Literatur der Jürgen-Ponto-Stiftung — 2009 Verleihung des Retzhofer Dramapreis für „MENSCHEN BEI DER ARBEIT“ (UA 2010 am Schauspiel Chemnitz) — 2010 Werkstattstipendium für „SPRACHLOS DIE KATASTROPHEN IM BEREICH DER LIEBE“ am Staatstheater Mainz — 2013 J.M. R. Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena für „IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL“ sowie Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes für „LUPUS IN FABULA“ — 2014 Autorenpreis „Stück auf!“ der Stadt Essen für „VON DER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE“ — 2014 Christian-Dietrich-Grabbe-Preis für „IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL“

Die Stücke von Henriette Dushe werden vertreten vom Henschel Schauspiel Theaterverlag.

 

EURODRAM wird „Von einer langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“ ins Polnische übersetzen lassen. Die Übersetzerin ist Dr. Iwona Uberman.

 

 

AKTIVITÄTEN: Lesungen beim 4+1-Festival 2016

Am 2.4. 2016 fand im Rahmen des 4+1-Festivals in Leipzig die erste EURODRAM-Veranstaltung mit der Auswahl 2016 statt, eine Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig.

Mitglieder des Ensembles sowie Anna Schmidt und Anjorka Strechel als Gäste lasen je zwanzigminütige Ausschnitte aus den Texten, eingerichtet wurden die Lesungen von Mitgliedern des EURODRAM-Komitees selbst.

Besonders gefreut hat uns, dass die Autorinnen Henriette Dushe und Christina Kettering und Maxi Obexers Ko-Autor Lars Studer nach Leipzig kommen konnten und im Anschluss an die jeweilige Lesung einige Fragen zu ihrem Stück und ihren Erfahrungen mit Übersetzungen beantworteten.

Darüber hinaus haben wir nochmal die generelle Arbeitsweise von EURODRAM und die Ziele unseres Netzwerks vorgestellt.

Vielen Dank an das Schauspiel Leipzig für die Kooperation und an alle an der Veranstaltung Beteiligten.

Und natürlich auch einen herzlichen Dank an das Publikum für euer Interesse und zahlreiches Erscheinen, trotz der recht frühen Stunde!

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Lesung EURODRAM am Schauspiel Leipzig. (Copyright: R. Arnold)

EURODRAM beim 4+1-Festival

LESUNG 1

Maxi Obexer / Lars Studer: ILLEGALE HELFER.

Einrichtung der Lesung: Katharina Stalder.

Es lasen: Anna Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch, Florian Steffens.

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Katharina Stalder bei der Vorstellung des Stückes. (Copyright: R. Arnold)

LESUNG 2

Henriette Dushe: VON EINER LANGEN REISE AUF EINER HEUTE ÜBERHAUPT NICHT MEHR WEITEN STRECKE.

Einrichtung der Lesung: Sandra Schüddekopf.

Es lasen: Anna Schmidt, Bettina Schmidt, Anjorka Strechel, Lara Waldow.

LESUNG 3

Christina Kettering: ANTARKTIS.

Einrichtung der Lesung: Inka Neubert

Es lasen: Bettina Schmidt, Lara Waldow; Loris Kubeng, Markus Lerch.

Moderation: Ulrike Syha

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Im Gespräch mit Ko-Autor Lars Studer („ILLEGALE HELFER“). (Copyright: R. Arnold)

Leider konnte bei der Veranstaltung noch nicht bekanntgegeben werden, in welche Sprachen die jeweiligen Texte übersetzt werden. Wir haben die Zielsprachen intern aber bereits festgelegt und sind mit Übersetzern im Gespräch. Die Bekanntgabe erfolgt voraussichtlich Ende April.

Ulrike Syha

 

 

 

AKTIVITÄTEN: Jahresversammlung 2015 in Sofia

EURODRAM – JAHRESVERSAMMLUNG IN SOFIA / BULGARIEN vom 11. – 14. Mai 2015 11050132_10206648247108007_7426649545126746671_n Die diesjährige Jahresversammlung von EURODRAM fand im Mai 2015 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia statt. Im letzten Jahr waren wir in Prishtina / Kosovo zu Gast.

Organisiert wurde die Jahresversammlung 2015 von der Koordinatorin des bulgarischen Komitees, Gergana Dimitrova, in Zusammenarbeit mit ihrer Theaterorganisation „36 Monkeys“ und einigen weiteren Kooperationspartnern vor Ort (siehe unten).

http://36monkeys.blogspot.de/

Unter der Leitung von Dominique Dolmieu kamen die Koordinatoren des deutschsprachigen, französischen (Gilles Boulan), griechischen (Andreas Flourakis), russischen (Bleuenn Isambard), serbo-kroatischen (Karine Samardzija), türkischen (Hakan Silahsizoglu) und ukrainischen Komitees (Neda Nezhdana) sowie einige weitere Komiteemitglieder und Gäste für mehrere Tage zusammen, um die Eurodram-Aktivitäten des vergangenen Jahres und die Pläne für das kommende zu diskutieren und die Stück-Auswahl der einzelnen Komitees vorzustellen.

Vom deutschsprachigen Komitee waren Wolfgang Barth, Henning Bochert und Ulrike Syha dabei.

Da sich in der Auswahl des bulgarischen Komitees in diesem Jahr zahlreiche rumänische Stücke befinden, gab es neben den Arbeitsrunden der Eurodram-Mitglieder auch einen Programmschwerpunkt „Rumänien“ mit Workshops, Buchpräsentationen und anderen Veranstaltungen.

Die „36 Monkeys“ selbst haben mit dem Projekt „Protext“ eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die sich ausschließlich neuer, zeitgenössischer Dramatik und deren Verbreitung in Bulgarien widmet.

Bei „Protext 7“ am 12. Mai 2015 wurde das rumänische Stück „Michaela, Tiger unserer Stadt“ von Gianina Carbunario in einer szenischen Lesung in einer ehemaligen Diskothek vorgestellt. Die „36 Monkeys“ haben eine eigene Präsentationsweise für szenische Lesungen entwickelt: der Text wird für die Schauspieler per Teleprompter eingeblendet und die Zuschauer folgen den Darstellern von Szene zu Szene und Station zu Station  – wobei man selbst ohne Kenntnis der bulgarischen Sprache einen plastischen Eindruck vom Stück erhält.

„Michaela, Tiger unserer Stadt“ liegt übrigens auch in deutscher Übersetzung vor.

EURODRAM-Mitglieder bei der Arbeit im
EURODRAM-Mitglieder bei der Arbeit im „Red House“ in Sofia.

Bei unseren internen Gesprächen haben wir festgestellt, dass sich der Schwerpunkt des Netzwerks im letzten Jahr etwas von Ost nach West verschoben hat. Eine Entwicklung, die mit dem Aktivitätsgrad der einzelnen Komitees zusammenhängt – und mit der Tatsache, dass in einige Sprachen kaum übersetzt wird (und wenn, dann meist keine Dramatik). Beiden Tendenzen möchten wir im kommenden Jahr etwas gegensteuern, indem wir bewusst Kontakte in den kleineren oder nicht-dominanten Sprachgruppen suchen und Übersetzungen in diesem Bereich anstoßen wollen.

Ab Sommer 2015 wird es außerdem eine neue Homepage für das Gesamt-Netzwerk geben, die in mehreren Sprachen verfügbar und mit den Blogs der einzelnen Komitees verlinkt sein soll.

Die EURODRAM-Jahresversammlung 2016 findet voraussichtlich in Istanbul / Türkei statt.

Ulrike Syha, Koordinatorin des Deutschsprachigen Komitees

Buchmarkt in Sofia - aber gibt es hier auch Stücke?
Buchmarkt in Sofia – aber gibt es hier auch Stücke?

„ProText 7: EURODRAM“

Mit finanzieller Unterstützung von:

Sofia Municipality Programme “Culture”

Ministry of Culture National Fond “Culture” – Programme Mobility

Romanian Cultural

Institute Institut Français – Teatroskop

Kooperationspartner:

EURODRAM

National palace of culture

Red House

Goethe-Institut Bulgaria

Cultural Center of Sofia University „Kl. Ohridsky“