Französischsprachiges Komitee EURODRAM Auswahl 2021

Übersetzung: Wolfgang Barth

Das französischsprachige Komitee EURODRAM hat am Freitag, 12. März, über die Auswahl 2020/2021 aus den ins Französische übersetzten Theaterstücken entschieden. Es waren 94 Texte eingesandt worden, übersetzt aus 24 Sprachen. Nach eingehender Diskussion wurden gewählt:

CE QUE VIT LE RHINOCEROS LORSQU’IL REGARDA DE L’AUTRE CÔTE DE LA CLÔTURE [Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute] von Jens Raschke, übersetzt aus dem Deutschen von Antoine Palévody

FILLE [Girl / Mädchen] von Matt Harley, übersetzt aus dem Englischen von Séverine Magois

QUAND LA NEIGE TOMBERA [Cuando caiga la nieve / Wenn der Schnee fällt] von Javier Vicedo Alós, übersetzt aus dem Spanischen von Edouard Pons

Wir empfehlen die drei Stücke Fachleuten des französischen Theaters (Regisseur*innen, Herausgeber*innen, Theaterwissenschaftler*innen) mit dem Ziel der Verbreitung und Aufführung im französischen Sprachraum. Wir laden Sie herzlich ein, die Stücke kennenzulernen.

Zusätzlich haben aus der Gesamtzahl der Stücke von insgesamt hoher Qualität einige die besondere Aufmerksamkeit der Leser*innen des Komitees gewonnen. Über die begrenzte offizielle Auswahl hinaus empfehlen wir:

GRAVITE [Erdkêşî / Anziehungskräfte] von Mirza Metin, übersetzt aus dem Kurdischen von Atilla Balikci

ENFANTS DE L’ENFER [Höllenkinder] von Gabriele Kögl, übersetzt aus dem Deutschen von Henri Christophe

CE QUI MANQUE [Ono što nedostaje / Was fehlt] von Tomislav Zajec, übersetzt aus dem Kroatischen von Karine Samardzija

BAROUFE EN AUTOMNE [Bambule im Herbst] von Dirk Laucke, übersetzt aus dem Deutschen von Juliette Aubert-Affholder

PEAU D’ORANGE [Pomorandžina kora / Orangenhaut] von Maja Pelevic, übersetzt aus dem Serbischen von Marie Karas-Delcourt

LE CHAT DE SCHRÖDINGER [Pisica lui Schrödinger / Schrödingers Katze] von Alexa Băcanu, übersetzt aus dem Rumänischen von Lazarescou Alexandra

Die meisten dieser Texte wurden uns von ihren Übersetzer*innen vorgeschlagen. Mit deren Erlaubnis leiten wir Ihnen auf Wunsch gerne eines der Manuskripte weiter oder vermitteln Ihnen die Kontaktdaten ihrer Verlage.

AUSWAHL 2021

CE QUE VIT LE RHINOCEROS LORSQU’IL REGARDA DE L’AUTRE CÔTE DE LA CLÔTURE, Jens Raschke / Französisch von Antoine Palévody / Deutschland 2013 / Originaltitel: Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute / Übersetzung aus dem Deutschen 2019 / Gefördert von der Maison Antoine Vitez / Uraufführung 2015 am Deutschen Nationaltheater in Weimar / Erstaufführung in französischer Sprache geplant am Theater Biel (Schweiz) im Mai 2021

Ein junger Bär, der Held dieser Geschichte, wird von Jägern gefangen, von seiner Mutter und Schwester getrennt und landet in einem Zoo – dem Zoo des Konzentrationslagers Buchenwald. Dort erklärt Papa Pavian dem Bären die Lage: Die Tiere sind zur Unterhaltung der „Gestiefelten“ da, Flucht ist sinnlos, es ist verboten, sich Fragen über die „Gestiefelten“, die „Gestreiften“ und den Schornstein zu stellen, der hinter dem Zaun raucht…

FILLE, Matt Hartley / Französisch von Séverine Magois / England 2014-2015 / Originaltitel: Girl / Übersetzung aus dem Englischen 2018 / Gefördert von der Maison Antoine Vitez / Rechte bei Séverine Magois und United Agents, London / Uraufführung in Vorbereitung durch das Ensemble Lolium, Hauts-de-France

Der Erzähler des Stückes – der im weiteren Verlauf immer wieder die Dialoge unterbricht – setzt uns zu Beginn davon in Kenntnis, dass ein barbarischer Mord begangen wurde: Ein Kind („Mädchen“) hat einer schwangeren Frau in der Überzeugung, dadurch das Baby zu retten, den Bauch aufgeschlitzt. Später stellt sich heraus, dass „Mädchen“ nur das Vorgehen ihres Vaters bei der Geburt eines Kalbes wiederholte, bei der sie zugesehen hatte.

QUAND LA NEIGE TOMBERA, Javier Vicedo Alos / Französisch von Edouard Pons / Madrid 2016 / Originaltitel: Cuando caiga la nieve / Übersetzung aus dem Spanischen 2018 / Uraufführung 2017 am Espacio Guindalera (Madrid) / Veröffentlichung auf Französisch geplant bei Actualités Éditions

Einer Familie wird die Urne mit der Asche des Vaters gestohlen, die verstreut werden sollte. Sie stand auf dem Gehweg, während sie das Auto beluden. Der Dieb, der vermeintlich eine wertvolle Vase in seinen Besitz gebracht hatte, erkennt seinen Irrtum und wirft die Urne in einen Altkleidercontainer. Ein Angestellter des Entsorgungsunternehmens, seinerseits beauftragt, die Urne verschwinden zu lassen, handelt in bester Absicht: Er möchte dem unbekannten Verstorbenen eine „würdige Bestattung“ bereiten und verstreut die Asche vom Dach seines Hochhauses.

WEITERE EMPFOHLENE STÜCKE

GRAVITE, Mirza Metin / Französisch von Atilla Balikci / Köln 2018 / Originaltitel Erdkêşî / Übersetzung aus dem Kurdischen / Uraufführung 2018 in deutscher Sprache im Theater im Ballsaal in Bonn / Veröffentlichung 2021, L’espace d’un instant

Gravité beruht auf wahren Begebenheiten im Zusammenhang mit den an den jesidischen Kurden begangenen Massakern und dem schwierigen Leben der Kurden in der Diaspora. Das Stück erzählt die Geschichte einer von Krieg, Flucht, Entfremdung, grundlegenden Veränderungen, Faschismus und Vorurteilen bedrohten Liebe.

ENFANTS DE L’ENFER, Gabriele Kögl / Französisch von Henri Christophe / Wien 2019 / Originaltitel Höllenkinder / Übersetzung aus dem Deutschen 2020 / Erstsendung 2019, Österreichischen Rundfunk

Die Mutter wird 80. Ihre Kinder Leni und Johan (Vater unbekannt) bereiten ein schönes Fest vor. Die Familie trifft am nächsten Tag ein. Das Fest verwandelt sich schnell in einen Albtraum: Die Mutter weigert sich zunächst, die drängenden Fragen der geschichtsinteressierten Tochter nach der Vergangenheit zu beantworten, erzählt aber schließlich rückhaltlos die Wahrheit. Leni zeigt Familiendias aus der Kindheit mit dem Großvater, der Mutter, den Brüdern und Schwestern. Auf den Kommunionsfotos ist auch der Dorfpfarrer zu sehen…

CE QUI MANQUE, Tomislav Zajec / Französisch von Karine Samardzija / Kroatien 2014 / Originaltitel: Ono što nedostaje / Übersetzung 2018 aus dem Kroatischen 2018 / Gefördert von der Maison Antoine Vitez / Uraufführung 2018, ZKM, Kroatien

Zwei Schwestern müssen den Tod der Mutter verarbeiten, die sie kaum kannten. Die jüngere Tochter, von Beruf Psychologin, scheint besser gerüstet und beschließt, ins Krankenhaus zu fahren, um die letzten administrativen Formalitäten zu erledigen. Die zerbrechlichere ältere Tochter wird mit dem Tod der Mutter nicht fertig. Verbittert und dem Alkohol verfallen kommt sie mit ihrer Scheidung, die sie selbst wollte, nicht klar.

BAROUF EN AUTOMNE, Dirk Laucke / Französisch von Juliette Aubert-Affholder / Berlin 2017 / Originaltitel Bambule im Herbst / Übersetzung 2019 aus dem Deutschen / Gefördert von der Maison Antoine Vitez / Uraufführung 2017, Deutsches Nationaltheater Weimar

Immer wieder befasst sich Dirk Laucke in seinen Theaterstücken mit dem Schicksal der Verlierer der ehemaligen DDR. Mit bitterem Humor zeigt der Autor Sympathie und Empathie mit seinen Protagonist*innen, die in die Fänge eines zynischen Neoliberalismus geraten und bereit sind, buchstäblich alles zu tun, um durchzukommen.

PEAU D’ORANGE, Maja Pelević / Französisch von Marie Karas-Delcourt / Serbien 2005 / Originaltitel: Pomorandžina kora / Übersetzung 2017 aus dem Serbischen / Uraufführung 2016, Atelje 212, Belgrad

Modern und pointiert fordert „Peau d‘Orange“ heraus und wirft Genderfragen unserer heutigen Welt auf. Die Hauptfigur („Sie“) schwankt zwischen Depression, Revolte und Konformismus. Dem Diktat des von der patriarchalen Gesellschaft auferlegten Körperbildes unterworfen, bereit, alles zu tun, um anerkannt zu werden, oder als Mutter wider Willen, werden Frauen und ihre Weiblichkeit in Frage gestellt und sind hin- und hergerissen zwischen Befreiung und Unterwerfung. Sind Mann und Frau Partner oder stehen sie sich einander fremd gegenüber? Ist der andere nur ein Mittel zur Befriedigung der eigenen Wünsche und zum Erreichen eigener Ziele? Die Kraft des Textes liegt in der Beschreibung eines komplexen Systems in einfachem Ausdruck.

LE CHAT DE SCHRÖDINGER, Băcanu Alexa / Französisch von Lazarescou Alexandra / Rumänien 2018 / Originaltitel: Pisica lui Schrödinger / Übersetzung 2020 aus dem Rumänischen / Gefördert von der Maison Antoine Vitez / Uraufführung Oktober 2018, Theater Unteatru, Bukarest

Le chat de Schrödinger folgt dem psychologischen Weg Auroras, einer an Angst und Depression leidenden Person: vom Versuch, rational zu erfassen, was mit ihr geschieht, über die Mühe bei der Bewältigung einfacher Alltagsaufgaben bis hin zum Kampf um die Aufrechterhaltung eines Anscheins von Normalität.

Kontakt: 

Pénélope Dechaufour, Gilles Boulan  & Dominique Dolmieu
Comité francophone Eurodram
Maison d’Europe et d’Orient

gilles.boulan@wanadoo.fr
https://comitefrancophoneeurodram.wordpress.com/ 

Deutschsprachiges Komitee: AUSWAHL 2021

Link zu "Auswahlen der Vorjahre"
[English version below. Translation: in work]

Auf Einladung zur Einsendung von ins Deutsche übersetzten Theaterstücken wurden 38 Übersetzungen aus den Sprachen Albanisch, Englisch, Finnisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Kurdisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Serbisch, Türkisch und Ungarisch eingereicht. Das deutschsprachige Komitee hat daraus drei Stücke für die Auswahl 2021 gewählt:

Fremdsprache (Język obcy) von Maria Wojtyszko, Übersetzung aus dem Polnischen durch Andreas Volk, Deutschland 2020 [Agencja Dramatu i Teatru ADiT, geplant Januar 2021]

Tritt auf/Geht ab (Komt op/Gaat af) von Nico Boon, Übersetzung aus dem Niederländischen durch Christine Bais, Belgien 2020

Verschwinden (Dispariţii) von Elise Wilk, Übersetzung aus dem Rumänischen durch Ciprian Marinescu und Frank Weigand, Berlin 2019 [henschel Schauspiel, Berlin, 2020]

Das Komitee möchte zusätzlich auf folgende Stücke besonders hinweisen:

Ausbreitungszone (Zone à étendre) von Mariette Navarro, Übersetzung aus dem Französischen durch Leopold von Verschuer, Berlin 2018/19 [Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb, 2019]

BROMANCE (BROMANCE) von Joachim Robbrecht, Übersetzung aus dem Niederländischen durch Christine Bais, Niederlande 2017 [Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 2017]

Theatern und Verleger*innen (bei noch nicht verlagsgebundenen Stücken) empfehlen wir die Aufnahme der Stücke ins Programm. Allen Interessierten können wir mit Erlaubnis der Autor*innen, der Übersetzer*innen und der Verlage bei der Herstellung des Kontaktes helfen.

Die Stücke der Auswahl sollen in Lesungen und Diskussionen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wir hoffen, dass dies am Deutschen Nationaltheater und Staatskapelle Weimar und Staatskapelle im Rahmen des Kunstfestes Weimar 2021 (25.8. – 11.9.21) geschehen kann. Eine weitere (zusätzliche) Möglichkeit besteht voraussichtlich am Theaterhaus G7 in Mannheim zusammen mit der coronabedingt verschobenen Vorstellung der Auswahl 2020 im November 2021.

Wir danken dem Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) für die diesjährige Förderzusage, die es uns erlaubt, den Übersetzer*innen der drei Stücke der Auswahl 2021 pro Auswahlstück 1.000 Euro (also dreimal 1.000 Euro) für eine weitere Übersetzung in Absprache mit dem deutschsprachigen Komitee anzubieten.

Die Liste der eingesandten Theaterstücke enthält viele gute Texte in zum Teil hervorragender Übersetzung. Die Auswahlentscheidung fiel uns nicht leicht. Wir bedanken uns herzlich bei allen Einsender*innen. Angesichts ihrer Zahl werden wir nicht alle individuell benachrichtigen können.

Die Auswahlen der anderen aktiven Sprachenkomitees können Sie unter http://eurodram.org/2021-selections/ einsehen.

Übersetzung des Stückes „Der Baum“ von Alexander Moltschanow durch Irina Bondas

Irina Bondas hat das Stück Der Baum von Alexander Moltschanow aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Autor und Übersetzerin haben ihr Einverständnis erteilt, dass das deutschsprachige Komitee für interessierte Verlage oder Theater den Kontakt herstellt. Nachfolgend können Sie über den Button „Herunterladen“ einige Informationen zu Autor und Stück lesen. Danach folgt ein kurzer Auszug aus dem Stück.

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Alexander Moltschanow

Der Baum

Stand-up-Tragödie

 Übersetzung aus dem Russischen von Irina Bondas

Der eigenartigste Feind des Menschen ist die Hoffnung. Dieses Biest hat mehr Opfer auf dem Gewissen als alle Staaten zusammengenommen. Wenn Sie einen wirklich weisen Rat brauchen, hören sie auf die Verzweiflung. Aber Sie dürfen sie bloß nicht mit Mutlosigkeit verwechseln. Denn ein wirklich tragisches Weltbild hat man, wenn einem die ganze Zeit zum Totlachen ist.

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Teil 1: Mein Sohn wird zum Baum

Früher war davon eins von eintausend Kindern betroffen, dann eins von einhundert.

Heute eins von sechzig.

Sie sagen, wir hätten ein Jahr. Das letzte Jahr, in dem er noch aussieht wie ein Mensch. Danach werden sie ihn uns wegnehmen und in den Wald pflanzen. In Europa und den USA gibt es dafür spezielle Parks in den Vorstädten, in skandinavischen Ländern sogar innerhalb des Stadtgebiets. Dort wissen die B-Eltern, wo ihre Kinder wachsen. Sie können in den Park gehen und ihren Baum besuchen. Sie können mit ihm sprechen, ihn anfassen.

Wir nicht.

Sie stellen es dar als Großzügigkeit ihrerseits. Sie verstecken unsere Kinder. Sie wollen nicht, dass jemand sieht, wie wir in einem Park mitten in der Stadt weinen. Sie wollen nicht, dass wir zu anderen B-eltern Kontakt haben. Und vor allem wollen sie nicht, dass wir eine Gemeinschaft bilden.

Noch gibt es keine Gemeinschaft, noch sind wir vereinzelt, sie können so tun als gäbe es uns nicht. Deswegen verstecken sie unsere Kinder im dunklen Wald. Gut für sie, dass beinahe ganz Russland ein dunkler Wald ist. Der beste Ort der Welt, um etwas Merkwürdiges und Erschreckendes zu verstecken.

Aber ich habe eine Idee. Einen Plan sogar. Dan bleibt hier. Keiner nimmt ihn mir weg. Ja, ich habe einen Plan.

Wissen Sie, ich habe mich gefragt … Wo bleiben die Kinder, bevor sie zu uns kommen? Mir gefällt der Gedanke, dass sie auf einer Wolke sitzen und runtergucken. Sie gucken auf uns herab. Sie wählen uns aus. Und wir müssen gut sein, oder zumindest müssen wir ihnen so vorkommen, bevor sie ihre Entscheidung treffen. Wenn wir schlecht sind, wählen sie jemand anderes. Gute Kinder bekommen gute Eltern. Und schlechte Eltern bekommen die Kinder, die es nicht geschafft haben, sich die guten Eltern zu schnappen.

Jetzt frage ich mich die ganze Zeit: Was haben wir angestellt? Wofür werden wir bestraft?

Ich denke, dass wir immer gut waren. Oder sagen wir mal: nicht furchtbar schlecht.

Ich liebe Anna, sie liebt mich, aber ein ganz reines Gewissen habe ich nicht.

Ich bin sechs Jahre älter als Anna und war verheiratet, bevor ich sie kennen lernte.

Meine erste Frau … das war eine Studentenehe. Wir kannten einander kaum und hatten keine Ahnung, wie das funktioniert. Wir wollten einfach die ganze Zeit vögeln.

Wir haben nie rausgefunden, wie das funktioniert. Wie man eine Beziehung führt.

Unsere Ehe zerfiel und ich ließ meine Frau mit einem kleinen Mädchen, unserer Tochter, zurück und zog aus unserer Heimatstadt nach Moskau.

All diese Jahre schickte ich ihnen jeden Monat Geld. Jedes Jahr fuhr ich in meine Heimatstadt und traf meine Tochter. Ich erfüllte meine väterlichen Pflichten, wie man so sagt. Aber es gehört mehr dazu, ein guter Vater zu sein.

Das ist meine Schuld, meine Sünde, mein Fluch. Ich habe die Frau nicht geliebt, aber ich durfte das Kind nicht zurücklassen. Das ist kein Gesetz. Aber das ist eine Regel, und ich habe gegen die Regel verstoßen.

In Moskau traf ich Anna und verliebte mich. Wir waren jung und sehr arm. Aber wir wussten, dass mit der Zeit alles gut werden würde.

Ich schrieb, Anna arbeitete als Grafikdesignerin in einer Zeitung und wir waren sehr, sehr glücklich. Eine glückliche Familie ist gut für die Beteiligten, aber schlecht für die Dramaturgie, langweilig für das Publikum.

Ich erinnere mich an den Tag … es war ein Samstag. Früher Winter. Überall lag Schnee, der Schnee glänzte in der Sonne, es war ein sehr sonniger Tag.

Ich wartete im Flur. Anna kam aus dem Sprechzimmer, die behäbige Ärztin an ihrer Seite, sie unterhielten sich und lächelten beide. Anna trat zu mir und gab mir etwas. Es war ein Ultraschallbild. Ich sah einen Kopf und zwei kleine Flügel. Das waren keine Arme, das waren Flügel, ich schwöre. Mein Sohn, mein kleiner Engel.

Ich kann mich kaum an den Tag erinnern, an dem Dan geboren wurde. Morgens fuhr ich Anna ins Krankenhaus und wieder heim. Am Mittag rief sie mich an und sagte: „Dan ist da.“

Ich sah ihn am nächsten Tag. Er hatte ein lustiges, grimmiges Gesicht.

Anna sagte, dass ihr ein Kaiserschnitt gemacht werden musste. Die Nabelschnur hatte sich um Dan gewickelt. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Später wurde uns das oft vorgehalten. Bei jeder Gelegenheit eigentlich.

In seinem ersten Lebensjahr war er ein gewöhnlicher Säugling. Nur dass er nicht schlief.

Wir gingen um zehn Uhr schlafen. Nach einer halben Stunde fing Dan an, sich in seinem Bettchen herumzuwälzen und zu weinen. Ich nahm ihn auf den Arm und ging mit ihm auf und ab durchs Zimmer. Und dann schlief er ein. Wenn ich ihn wieder ins Kinderbett legte, fing er an zu weinen.

Er beruhigte sich erst um fünf, manchmal um sechs Uhr morgens.

Ich stand um sieben auf, um zu schreiben.

Wir brauchten Geld, deswegen hatte ich mehrere große Projekte angenommen: Krimiserien für Prime. Sehr gut bezahlt und sehr viel Stress mit Korrekturen. Ich schrieb an drei Serien gleichzeitig. Das wäre nicht einfach gewesen unter normalen Bedingungen und sehr schwer bei zwei Stunden Schlaf pro Tag.

Als die Serien ausgestrahlt wurden, merkte ich, dass es überall um Kinder ging: Kindesentführung, Pädophilie, geschmuggelte Diamanten in Babywindeln.

Alle meine Protagonisten hatten Kinder. In meinen Serien erweiterten sich die Handlungsstränge um Kinderthemen und verdrängten die Aufklärung der Verbrechen. Wenn mein Ermittler zu einem Zeugen nach Hause kam, flüsterte dieser: „Leise! Die Kinder schlafen.“

Der Schlafentzug dauerte drei Monate. Danach fand ich eine Lösung. Draußen schlief Dan sofort ein. Also stellte ich den Kinderwagen auf den Balkon. Jeden Abend saß ich dort und schaukelte den Wagen. Dan schlief. Ich konnte auf dem Handy Filme gucken, lesen und Musik hören. Hier konnte ich mir meine Geschichten ausdenken. Anna und ich schliefen abwechselnd. Einer schläft, der andere schaukelt den Wagen auf dem Balkon.

Das war eine gute Zeit. Aber, wie man bei uns im Autorenzimmer sagt: eine Katastrophe bahnte sich an.

Ich ging jeden Tag mit Dan spazieren. Es war Frühherbst, die Tage sonnig. Dan war zehn Monate alt. Ich fuhr seinen Kinderwagen durch den Park. Als er den Kinderspielplatz sah, stand er auf und stapfte direkt durch die Baumreihen auf die Schaukel zu. Ich filmte es mit meiner Handykamera: Dan in seinem Kapuzenpulli mit lustigen Bärenohren auf der Kapuze, wie er durch den Wald geht, zum Zaun kommt, die Stäbe greift und anfängt, mit beiden Händen daran zu rütteln. Er hatte nicht gesehen, dass es einen Meter weiter einen Eingang gab und empörte sich, dass ihm der Zaun im Weg stand.

Das war unser letzter glücklicher Tag.

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CALL 2021, Documents

Translation: Pauline Wick

Eurodram Selection 2021

Documents required for the submission of a translated play to the German Language Committee (Wolfgang Barth, vieuxloup@t-online.de):

The translated play in its German version (as a PDF or Word document)

A separate document (you can just copy-paste the form below, fill it out, print it out, sign it, scan it as a PDF and send it to the email address listed above) with the following information:

Title of the play (original and translated title): xxx

Playwright: xxx

Translator and translator’s contact details: xxx

Source language: xxx

Place and time of writing: xxx

Place and time of translation: xxx

Short summary (approx. 5 – 10 lines)

Short introduction to the playwright and his/her previous work

Short introduction to the translator and his/her previous work

If applicable:

Publishing house: xxx

Place and time of the publication of the translation: xxx

Readings, premiere, productions of the translation: xxx

Funding or awards received for the translation: xxx

Signed declaration (playwright/translator/publisher, if applicable):

As the owner of the rights, I hereby permit that the translation of the play xxx may be passed on within the German-speaking committee to decide on the Eurodram 2021 selection. It may be used free of charge for readings within Eurodram events.

Place, Date                                                           Signature/Role

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CALL FOR SUBMISSION OF SCRIPTS TRANSLATED INTO GERMAN – DEADLINE: 31st December 2020

Nachrichten / Termine / Über uns / EURODRAM – Deutschsprachiges Komitee

Translation: Pauline Wick

EURODRAM is a European network for drama in translation aiming to promote exchange between translators, writers and the European theatre scene.

In 2020/2021, the GERMAN LANGUAGE COMMITTEE will be accepting plays that have been translated into German.

The original script language can either be a European language, a language from the Mediterranean or a language from Central Asia.1)

We are looking for contemporary translations, meaning the translation cannot be more than 3 years old. Please note that we will not accept translations that have already been submitted in previous years. The deadline for 2020/2021 is the 31st of December 2020.

Who is eligible? Writers, translators and publishers are entitled to make submissions. Writers and publishers may submit one text only, while translators are allowed to submit one text per writer.

In submitting a translation, authors, translators and – if applicable – publishers agree that the translation may be passed on within the committee to help decide on this year’s selection. They also have to agree that the translation may be used free of charge for readings in connection with EURODRAM events. All this information as well as other necessary details are included in the document you can access via the link Documents.

The GERMAN LANGUAGE COMITTEE selects three texts from the submissions and publishes its selection on the 21st March 2021.

Through readings and discussions, EURODRAM intends to present the plays to the public – ideally with the writers and translators present. In the past, those events have been realised in cooperation with a variety of theatres in Germany and Austria, such as the Theaterhaus G7 in Mannheim, Theatre Drachengasse Vienna, Schauspiel Leipzig and the National Theatre Mannheim.

We will propose the translators who win the selection to work on translations of plays that won previous selections of the EURODRAM committee that covers their respective language. Additionally, we try to arrange funding/scholarships for those translation projects.

Please send your text with the required documents to Wolfgang Barth, member of the coordination team of the German Language Committee, at vieuxloup@t-online.de.

The deadline for submissions is the 31st December 2020.

EURODRAM is a non-profit European association registered in Luxembourg (Luxembourg Business Registers No. F11931). Link to the statutes.

Plays that were originally written in German and have been translated into one of the other languages represented within the network may be submitted to the committee coordinator of the respective target language. Deadline is the 31st December 2020. Please note that the procedures of the individual committees may differ.

For more information please see: http://eurodram.org/user-notice/  . Contact: http://eurodram.org/contact/

1) Texts written in a variety of an original European language spoken on other continents (American, Australian or Indian English, Central and South American Spanish or Portuguese, etc.) can unfortunately not be considered.

AUFRUF ZUR EINSENDUNG VON INS DEUTSCHE ÜBERSETZTEN THEATERTEXTEN BIS 31.12.2020

Nachrichten / Termine / Über uns / EURODRAM – Deutschsprachiges Komitee

EURODRAM ist ein europaweit agierendes Netzwerk für Theater in Übersetzung, das den Austausch zwischen Übersetzer*innen, Autor*innen und der europäischen Theaterszene fördert.

Das DEUTSCHSPRACHIGE KOMITEE nimmt im Jahr 2020/21 bis zum 31.12.2020 Übersetzungen von Theaterstücken ins Deutsche entgegen.

Mögliche Ursprungssprachen sind die des europäischen Sprachraumes bzw. Sprachen des angrenzenden Mittelmeerraumes und Zentralasiens.1)

Die Übersetzungen sollen nicht älter als drei Jahre sein. Von der Einreichung bereits in den Vorjahren eingesandter Texte bitten wir abzusehen.

Einsendeberechtigt sind Autor*innen, Übersetzer*innen und Verlage. Autor*innen und Verlage dürfen einen Text, Übersetzer*innen pro Autor*in einen Text einreichen.

Mit der Einsendung müssen Autor*innen, Übersetzer*innen und ggf. Verlage ihr Einverständnis erklären, dass die Übersetzung zur Ermittlung der Auswahl innerhalb des Komitees weitergegeben werden darf und für Lesungen im Rahmen von EURODRAM-Veranstaltungen kostenlos zur Verfügung steht. Diese und weitere notwendige Angaben sind in dem Dokument unter dem Link Unterlagen aufgeführt.

Das DEUTSCHSPRACHIGE KOMITEE wählt aus den Einsendungen drei Texte aus und veröffentlicht das Ergebnis am 21. März 2021. Die Stücke sollen in Lesungen und Diskussionen möglichst in Anwesenheit der Autor*innen und Übersetzer*innen der Öffentlichkeit  vorgestellt werden. Bisher geschah dies in Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus G7 in Mannheim, dem Theater Drachengasse Wien, dem Schauspiel Leipzig und dem Nationaltheater Mannheim.

Den Übersetzer*innen der Auswahl schlagen wir Übersetzungen aus den vergangenen Auswahlen des ihrer Sprache entsprechenden EURODRAM-Komitees vor und versuchen, hierfür Stipendien zu vermitteln.

Texteinsendungen mit den erforderlichen Unterlagen nimmt das Mitglied des Koordinator*innenteams des deutschsprachigen Komitees, Wolfgang Barth, unter vieuxloup@t-online.de entgegen.

Einsendeschluss ist der 31.12.2020.

EURODRAM ist eine in Luxemburg registrierte, nicht gewinnorientierte europäische Vereinigung (Luxembourg Business Registers Nr. F11931). Link zu den Statuten .

Im Original auf Deutsch verfasste Texte, die in einer Übersetzung in eine der anderen Sprachen des Netzwerks vorliegen, können bis zum 31.12.2020 an die Koordinator*innen des für die Zielsprache zuständigen Sprachkomitees geschickt werden. Bitte beachten Sie, dass die Modalitäten der einzelnen Komitees ggf. voneinander abweichen können.

Informationen hierzu finden Sie unter: http://eurodram.org/user-notice/ . Ansprechpartner*innen: http://eurodram.org/contact/

1) Texte, die in einer Variante einer europäischen Ursprungssprache verfasst wurden, die auf anderen Kontinenten gesprochen wird (amerikanisches, australisches oder indisches Englisch, mittel- und südamerikanisches Spanisch oder Portugiesisch etc.) können leider nicht angenommen werden.

AUFRUF 2021, Unterlagen

Eurodram-Auswahl 2021

Zur Einsendung der Übersetzung eines Stückes an das deutschsprachige Komitee (Wolfgang Barth, vieuxloup@t-online.de) notwendige Unterlagen:

Das Stück in deutscher Übersetzung (PDF- oder Word-Format)

Zusätzlich auf gesondertem Blatt (z. B. dieses einfach kopieren und eintragen, ausdrucken,  unterschreiben, als PDF einscannen und an o.g. Adresse schicken; das Formular kann auch über den Button am Ende dieses Textes heruntergeladen werden):

Titel des Stückes (Original und Übersetzung): xxx

Autor*in: xxx

Übersetzer/in mit Kontaktdaten: xxx

Ursprungssprache: xxx

Ort und Zeitpunkt der Abfassung: xxx

Ort und Zeitpunkt der Übersetzung: xxx

Kurze Inhaltszusammenfassung (ca.5 bis ca. 10 Zeilen)

Kurze Vorstellung der/des  Autor*in und der bisherigen Arbeit

Kurze Vorstellung der/des Übersetzer*in und der bisherigen Arbeit

Gegebenenfalls:

Verlag: xxx

Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung der Übersetzung: xxx

Lesungen, Uraufführung, Aufführungen der Übersetzung: xxx

Förderungen, Preise der Übersetzung: xxx

Unterschriebene Erklärung (Autor*in / Übersetzer*in / ggf. Verlag):

Hiermit erlaube ich als Rechteinhaber*in, dass die Übersetzung des Stückes xxx zur Ermittlung der Auswahl Eurodram 2021 innerhalb des deutschsprachigen Komitees weitergegeben werden darf. Sie darf für Lesungen im Rahmen von Eurodram-Veranstaltungen kostenlos verwendet werden.

Ort, Datum                                                                  Unterschrift / Funktion

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Übersetzungen der Auswahlstücke 2020 des deutschsprachigen Komitees

Die Stücke der Auswahl 2020 des deutschsprachigen Komitees wurden übersetzt oder werden noch übersetzt. Im Folgenden finden Sie einen Überblick und weitere Informationen. Bei Interesse stellen wir gerne den Kontakt zu den Übersetzer*innen her.

Christina Kettering, SCHWARZE SCHWÄNE

Galina Franzen (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee) – Russisch; Förderung durch das Goethe-Institut Moskau

Elise Wilk (Autorin; Auswahlstück 2020 des rumänischsprachigen Komitees) – Rumänisch; Förderung durch das Goethe-Institut Bukarest

Charlotte Bomy (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee)  – Französisch

Blazena Radas (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee; Mitglied im Koordinator*innenteam) – Kroatisch

Pauline Wick (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee) – Englisch; Förderung durch Translator Mentorship Program  

Sean Keller, UND

Nicole Desjardins (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee) – Französisch

Gabriele Kögl, HÖLLENKINDER Heinz Schwarzinger (EURODRAM, deutschsprachiges Komitee) – Französisch

Insgesamt 7 Übersetzungen in 5 Sprachen (Englisch, Französisch, Kroatisch, Rumänisch, Russisch; davon 3 Mal Französisch) durch 7 Übersetzer*innen.

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Übersetzung des Stückes „Witenka und die anderen“ von Jurij Wladowskij durch Ruth Altenhofer

Ruth Altenhofer hat das Stück Witenka und die anderen von Jurij Wladowski aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Autor und Übersetzerin haben ihr Einverständnis erteilt, dass das deutschsprachige Komitee für interessierte Verlage oder Theater den Kontakt herstellt. Nachfolgend können Sie über den Button „Herunterladen“ einige Informationen zu Autor und Stück lesen. Danach folgt ein Text von Ruth Altenhofer zum Stück und dann ein kurzer Auszug aus Witenka.

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Text von Ruth Altenhofer über Witenka und die anderen. Fantastische Komödie in zwei Akten und neunzehn Gesprächen von Juri Wladowski

In einem entlegenen russischen Dorf lebt Witenka mit seinem trinkenden Vater, der seltsame Figuren schnitzt, und seiner gehörlosen Mutter. Einen Tag, bevor er in die Stadt gehen will, um sich zum Piloten ausbilden zu lassen, ringt sich sein Vater endlich dazu durch, ihm zu eröffnen, dass er und Witenkas Mutter Außerirdische sind. Am selben Tag kommt ein Reisender namens Lipkin ins Dorf, der Witenkas Eltern zur Rede stellt: Wie konnten sie diese Tatsache nur so lange vor ihrem Sohn verbergen?

Mühsam kämpft sich Witenka auf der Suche nach der Wahrheit durch die chaotischen Gespräche, die auf diese Offenbarung folgen. Sein Vater und Lipkin geraten ständig in Streit: Während Lipkin das galaktische Imperium, dem sie entstammen, und ihre Mission auf der Milchstraße glorifiziert, sieht Witenkas Vater wenig Heldenhaftes darin, dass sie angesichts der Krise auf ihrem Heimatplaneten auf der Suche nach neuen Ressourcen Schiffbruch auf der Erde erlitten haben. Witenkas Mutter kommentiert wenig, sie ist, indem sie keine irdische Sprache beherrscht, fremd geblieben, und Witenkas Freundin Ljussja, die allein schon von Witenkas Plan, in die Stadt zu gehen, überfordert war, reagiert am misstrauischsten und wütendsten von allen und beschuldigt Lipkin der Scharlatanerie.

Die Szenen im Dorf wechseln sich ab mit Szenen auf fernen Planeten, wo die Beziehungen und Interaktionen auf der Erde in abstrakter Form von Aliens reinszeniert werden.

Witenka und die anderen lässt verschiedene Lesarten zu.

Der Text fügt sich wunderbar in den russischen Kosmismus des späten 19./frühen 20. Jh., eine religiös-philosophische Denkrichtung, die auf einem holistischen Weltbild basierte und die gegenseitigen Bedingtheiten, die Einheit des Alls, den Zusammenhang zwischen kosmischen und irdischen Prozessen bewusst machte und versuchte, den Platz des Menschen im Kosmos ausfindig zu machen.

Die Szenen lassen sich aber auch als metaphorische Variationen über Fremdheit und Entfremdung, über den Zusammenbruch von Weltbildern und das krampfhafte Festhalten an ebendiesen, über die Suche nach Erklärungen und Antworten und über Offenheit und Neubeginn verstehen.

Oder man versteht Witenkas Geschichte ganz banal: In der russischen Provinz wird einfach zu viel getrunken, und das Publikum darf sich (ganz ohne philosophischen Überbau) über den Säuferwahn der Landbevölkerung und ihre tölpelhaften Dialoge amüsieren.

 

Juri Wladowski: Witenka und die anderen

Fantastische Komödie in zwei Akten und neunzehn Gesprächen

                                          Für Polenka.

Erster Akt.

  1. Gespräch auf einem fernen Planeten.

Uferlose, steinige Landschaft. Ein Himmel voller Monde und Galaxien. Die Schwerkraft gering. Starke Strahlung. Bei einem kleinen Felsblock steht Falke. Er trägt einen schweren Raumanzug und in der Hand ein glänzendes metallenes Köfferchen.

FALKE. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, vernunftbegabt und mit Bewusstsein ausgestattet, zudem Subjekt gesellschaftlich-historischer Aktivität und Kultur. Seine Existenz auf der Erde ist das Resultat eines Evolutionsprozesses – der Anthropogenese, die noch nicht in allen Einzelheiten erforscht ist. Zu den spezifischen Eigenschaften, die den Menschen von anderen Tieren unterscheiden, gehören der aufrechte Gang, das hochentwickelte Gehirn, das Denken und die artikulierte Rede.  

Der Mensch erforscht und verändert sich selbst und seine Umgebung, gestaltet seine Kultur und seine Geschichte. Die Essenz des Menschen, sein Ursprung und seine Bestimmung, der Platz, den er in der Welt einnimmt, waren und sind Grundprobleme von Philosophie, Religion, Wissenschaft und Kunst …

STIMME (gleichgültig). Hm. Interessant.

FALKE. Hier in diesem Handkoffer sind Festplatten mit allen Informationen zu unserem Planeten und seiner Zivilisation.

STIMME. Mhm. Lass mal hier.

Falke stellt das Köfferchen neben den Felsblock. Wartet. Eine Pause entsteht.

FALKE. Das Ziel meiner Mission …

STIMME. Moment …

Falke verstummt. Wartet. Die Pause wird unangenehm.

STIMME. Na?

FALKE. Das Ziel meiner Mission ist es, den Kontakt zu eurer Zivilisation auszubauen! Ihre Genese zu erforschen, ihre Kultur, ihre wissenschaftlichen Errungenschaften …

STIMME. War‘s das?

FALKE. Wie bitte?

STIMME. Mission erfüllt?

FALKE. Soll heißen?

STIMME. Das Gespräch ist beendet. Die Aufgabe erfüllt. Du kannst gehen.

FALKE. Nein, nein, nein! Moment! Wir haben den Kontakt erst hergestellt! Wir müssen …

STIMME. Gar nichts müssen wir.

FALKE. Aber was ist passiert? Habe ich Sie irgendwie verärgert? Wenn ja, dann entschuldigen Sie bitte! Vielleicht ist es ein Konflikt lexikalischer Begriffe … Ich werde versuchen …

STIMME. Hör mal, du bist mir unsympathisch, verstehst du? Mir ist dein blödes Getue zuwider und deine Überheblichkeit, dein unsinniger Pathos und deine kindische Begeisterung! Verzieh dich!

FALKE. Oh! Von wegen! Sie irren sich! Ich verehre Sie, Ihre Errungenschaften, Ihre Kultur unendlich …

STIMME. Davon rede ich ja. Was für eine Kultur, was für beschissene Errungenschaften? Wo siehst du Zivilisation? Ich bin nur ein Klumpen Schleim auf einem leblosen Stein hundert Lichtjahre vom nächsten erfundenen Rad entfernt! Und du bist ein Trottel und ein Nichts mit Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Wo ist dein beschissenes Raumschiff?

FALKE. Da drüben.

STIMME. Dann verpiss dich von hier!  

  1. Gespräch im Haus.

Stube eines Bauernhauses. Die übliche ländliche Einrichtung, ein gemauerter Ofen, einfache Holzbänke und dergleichen. Vor den Fenstern Abend, Zikaden, Hähne. Witenka, ein achtzehnjähriger Bursche, sitzt am Tisch, liest und exzerpiert ein dickes Buch. Ihm gegenüber sitzt am anderen Tischende der Vater, ein magerer, sehniger Mann um die sechzig, und schnitzt mit einem Messer aus einem Holzstück eine bizarre Figur. Das Messer rutscht ab und schneidet den Vater in die Handfläche.

VATER. Sapperlot! 

WITENKA (ohne aufzusehen). Papa, man werkt halt im Suff nicht mit dem Messer herum! Immer dasselbe.

VATER. Schweinehund!

WITENKA (schreit). Mama! Papa hat sich schon wieder geschnitten!

VATER. Muss das sein!

Die Mutter kommt herein, eine Frau um die fünfzig, mit leidend-gleichgültiger Miene. Schweigend geht sie auf den Vater zu. Der streckt ihr die blutige Hand entgegen. Die Mutter wirft ihm ein Geschirrtuch hin, nimmt das Messer an sich, schnappt die seltsame Figur, die er geschnitzt hat, und wirft sie in die Ecke, wo schon ein Berg ähnlicher Basteleien liegt. Schon am Weggehen, kehrt sie noch mal zum Tisch zurück, holt eine Flasche unter dem Stuhl hervor, seufzt bitter und geht weg. Ächzend umwickelt der Vater seine Hand mit dem Tuch, sitzt eine Weile wankend da und hält seine verletzte Hand fest. Dann fällt seine Aufmerksamkeit auf Witenka.

VATER. Du bist schon richtig erwachsen!

WITENKA. Und wieso wundert dich das?

VATER. Schon komisch. Da war mal so ein Stöpsel, eine Laus, eine Made … Und auf einmal sitzt du da und stellst Ansprüche.

WITENKA. Was für Ansprüche denn? Wovon redest du?

VATER. Nur so. Das sagt man halt so.

WITENKA. Ach so.

Pause.

WITENKA. Pap. Was guckst du so?

VATER. Wie denn?

WITENKA. Komisch.

VATER. Nur so, ich schaue. Ich will sehen, was in dir drin ist.

WITENKA. Wie meinst du das?

VATER. So, wie ich es sage.

Pause.

VATER. Ich will schon lange mal mit dir reden.

WITENKA (reißt sich vom Buch los). Bitte.

VATER. Unterbrich mich nicht! Glaubst du, nur weil du erwachsen bist, kannst du deinen Vater einfach so mittendrin unterbrechen und ihn nicht ausreden …

WITENKA. Wer unterbricht dich denn?

VATER. Schon wieder.

Witenka liest weiter. Der Vater steht auf, geht im Zimmer umher. Bleibt bei dem Haufen Holzfiguren stehen, sieht ihn traurig an. Seufzt. Setzt sich wieder. Sieht seinen Sohn an.

VATER. Bestimmt ein interessantes Buch.

WITENKA. Ja.

VATER. Na, freilich. Ein Buch ist interessanter als mit dem Vater zu reden. Lies nur, mein Sohn, dass du gescheit und verständig wirst.

WITENKA (sieht seinen Vater aufmerksam an, legt das Buch weg). Weißt du, Pap, seit ich denken kann, willst du immer mit mir über etwas reden.

VATER. Und, was ist falsch daran, wenn der Vater mit seinem Sohn reden will?

WITENKA. Nichts. Aber du redest nie.

VATER. Wie denn das?

WITENKA. Ja. Du beginnst ein Gespräch, und dann brichst du es mit irgendeinem Vorwand ab, so geht das schon mein Leben lang …

VATER. Stimmt doch gar nicht.

WITENKA. Doch, das stimmt. Jedes Mal dasselbe. Also, reden wir. Komm, ich höre.

VATER. Aber was regst du dich so auf?

WITENKA. Ich reg mich nicht auf.

VATER. Doch, tust du! Ganz rot bist du geworden! Sprühst Funken aus den Ohren! Wie soll ich da gemütlich mit dir reden?

WITENKA. Alles klar.

VATER. Was ist dir klar?

WITENKA. Willst du reden? Du hast jetzt die beste Gelegenheit. Los, komm! Was willst du mir sagen? Wovon willst du erzählen, was soll ich wissen? Los, Papa! Ich warte schon mein Leben lang!

VATER. Ich will dir eine Sache erklären, aber du wirst es nicht verstehen …

WITENKA. Warum nicht?

VATER. Weil ich nicht weiß, wie ich dir das so erklären soll, dass du es verstehst.

WITENKA (böse). Versuch es doch! Streng dich an!

VATER. Mach ich nicht! Wie soll ich mit jemandem reden, der so drauf ist? Schau, dass du dich bis morgen beruhigst, dann nimmst du dich zusammen und dann reden wir.

WITENKA. Also morgen?

VATER. Wahrscheinlich. Morgen regst du dich ab und wir reden.

WITENKA. Aber wann morgen, Pap? In der Früh, am Abend?

VATER. Egal, wie du willst. Von mir aus in der Früh, von mir aus am Abend …

WITENKA. Alles klar.

VATER. Was ist dir klar?

WITENKA. Ich fahre morgen fort, Pap!

VATER. Wohin denn?

WITENKA. Was heißt, wohin? In die Lehranstalt.

VATER. Jetzt aber! Seit wann denn das?

WITENKA. Papa, du bist betrunken.

VATER. Wie sprichst du mit deinem Vater?

WITENKA. Papa! Hallo! Erde an Papa! Ich hab die Prüfung geschafft, die haben mich genommen … Was soll denn das Theater?

Pause.

VATER. Soso! Lehranstalt. Wie das schon klingt … Wie Lämmerstall.

WITENKA. Als ob du das zum ersten Mal hören würdest. Wir reden seit einem Jahr davon.

VATER. Was ist schon ein Jahr. Nichts. Husch – und weg ist es.

WITENKA. Ich gehe packen …

VATER. Bleib sitzen! Das wird jetzt durchgezogen. Ich erzähl dir gleich alles.

WITENKA. Und was erzählst du mir?

VATER. Das Geheimnis.

WITENKA. Was für ein Geheimnis?

VATER. Ein fürchterliches. Beinah ein Militärgeheimnis.

WITENKA. O Gott!

VATER. Siehst du, ich hab noch kein Wort gesagt, und du gehst schon in Opposition! Fährst die Krallen aus!

WITENKA. Ich höre konzentriert zu.

VATER. Konzentriert, sagst du? Ich werde dir gleich was erzählen, dass du mit den Ohren schlackerst! Hast du die Ohren gewaschen?

WITENKA. Papa!

VATER. Bereit?

WITENKA. Ja!

VATER. Also, hör zu. Weißt du noch, als Kind, wie du klein warst …

 

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Gabriele Kögl (Höllenkinder) im Interview mit Joël Walter

Foto: Feuersänger / Picus-Verlag

10. August 2020

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Was reizt Sie besonders am Schreiben?

In meinem Elternhaus gab es keine Bücher. Nur das Jagdlexikon meines Vaters und die Bibel. Daran musste ich mich bedienen, wenn ich lesen wollte. Später wünschte ich mir zu Weihnachten und zum Geburtstag ein Buch. Die waren aber schnell ausgelesen, deshalb musste ich selber Geschichten schreiben, damit ich etwas zu lesen hatte.
Mich fasziniert, dass ich im Tun des Schreibens auf Ideen komme, die ich mir vorher nicht hätte ausdenken können. Als würden die Bewegungen der Finger das Gehirn antreiben, damit es zu produzieren anfängt. Am schönsten ist ein Tag, wenn ich nach getaner Schreibtat sagen kann: Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich so etwas schreiben würde. Diese Selbstüberraschung gelingt mir leider nicht jeden Tag, aber wenn sie da ist, macht sie mich sehr glücklich.

Neben Ihrem Studium an der Filmakademie Wien haben Sie ein Lehramtsstudium an der Religionspädagogischen Akademie in Graz absolviert. Findet sich dieses Studium auch in Ihren Stücken bzw. Werken wieder?

Als Kind las ich die Bibeltexte wie Märchen. Durch das Studium kam die Exegese dazu. Ich habe gelernt, wie genau man auf einen Text schauen und wie viel man aus einem Text herauslesen kann, wenn man sich intensiv mit ihm beschäftigt. Und es hat mich beeindruckt, wie einfach archaische Geschichten erzählt werden, die eine allgemeine, Jahrtausend alte Gültigkeit haben. Aber die Exegese hat mir auch viel über das Wesen von Klerikern erzählt, die sehr gut darin ausgebildet werden, zu interpretieren und sich Bibelstellen so zurechtzulesen, wie es ihrem Charakter und ihren Wünschen entspricht. Und im Endeffekt werden sie in ihrer Selbstwahrnehmung von Gott gelenkt, weil sie doch nur tun, wofür sie sich in diversen Bibelstellen die Berechtigung holen. Im Guten wie im Schlechten. Das ist bestimmt auch in mein Höllenkinder-Stück eingeflossen.

Wenn Sie ein Stück schreiben, wie nähern Sie sich einem Thema, einer Geschichte? Gibt es so etwas wie Vorbereitungs-/Kreativrituale?

Ja, täglich, Tee kochen, Laptop öffnen, Tee trinken, und weitermachen. Und löschen, wenn es mich nicht überzeugt, was ich am Vortag geschrieben habe, oder korrigieren oder mich freuen, wenn es mir auch am nächsten Tag noch als gelungen erscheint.

Wie kamen Sie auf die Idee zu HÖLLENKINDER?

Ich hatte eine Großtante, die als Frau vom Land in ihrer einfachen Sprache seltsame Dinge erzählte, die mich beschäftigten und auf die ich mir einen Reim zu machen versuchte. Meinen Reim dieser seltsamen Geschichten habe ich in den Höllenkindern niedergeschrieben. Dabei ging es mir auch sehr darum, mit der reduzierten Sprache der alten Frau zu arbeiten und die Gedanken aus ihrer Erlebniswelt zu verwenden. Erstaunlich finde ich auch das Feedback, das ich immer wieder zu jenem Teil der Geschichte bekomme, wie Eltern und Großeltern sich weigern, ihre Geburtstage zu feiern und von Kindern und Enkelkindern genötigt werden, es zu tun. Dies dürfte ein häufiger auftretendes Phänomen sein, als ich vor der Geschichte vermutet hatte.

Sie schreiben Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele? Für welches Genre schreiben Sie am liebsten?

Immer für das, an dem ich gerade arbeite. Ich habe nie Auftragsarbeiten geschrieben. Somit suche ich mir für die jeweilige Geschichte jene Form aus, die mir dafür am passendsten erscheint.

Wie sieht Ihr Tages- oder Wochenprogramm als Autorin aus?

An fünf Tagen in der Woche schreibe ich täglich, an den Wochenenden versuche ich viel zu lesen und zu schauen, was die anderen so machen.

Die Frage, die SchauspielerInnen – zumindest in Deutschland – oft gestellt wird, ist folgende: „Und was machen Sie hauptberuflich?“ Diese Frage möchte ich Ihnen nicht stellen, aber: Können Sie allein vom Schreiben leben? 

Ich lebe von meiner Autorinnentätigkeit. Manchmal recht, manchmal schlecht. Aber bis jetzt konnte ich mich mit Preisen, Stipendien, Lesungen und Honoraren durchschlagen. Mal sehen, wie das in Corona-Zeiten weitergeht.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?

Ins Theater, ins Kino und zu Lesungen gehen. Ich interessiere mich sehr für das, was meine Kollegenschaft macht, und schätze auch den Gedankenaustausch. Und leide momentan sehr unter den Einschränkungen. Ein Theaterstück gehört auf der Bühne gesehen und ein Film im Kino. Alles andere ist ein Surrogat.

Liebe Frau Kögl, vielen Dank für Ihre Zeit und die Einblicke, die Sie in Ihr Leben und Ihre Arbeit gewährt haben.


(Das Interview führte Fabian Joel Walter.)

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