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„Diese Figuren von der Leine lassen“: Akın Emanuel Şipal zu seinem Stück Mutter Vater Land

Akın Emanuel Şipal  Foto © Anna Christina Schütz

Ein Interview mit Catherine Mazellier-Lajarrige

Im Interview [Info CMJ s. u.] spricht Akım Emanuel Şipal unter anderem über sein Stück MUTTER VATER LAND, das Übersetzen, die Weitergabe eines immateriellen Erbes von einer Generation zur nächsten, Leitfiguren für seinen künstlerischen Werdegang, die Rezeption türkischer Kultur in Europa und Deutschland, den Einfluss der Sprache auf Fremdbilder, den Blick türkischer Intellektueller auf die deutsche Sprache und Kultur, Zeitsprünge und assoziatives Verfahren in seinem Stück. Die offenen Aussagen geben den Blick auf ganz neue Aspekte von Werk und Autor frei.

Catherine Mazellier-Lajarrige: Ihr Stück Mutter Vater Land wurde vom deutschsprachigen Eurodram-Komitee ausgewählt, das ja die Übersetzung der Auswahl in andere Sprachen fördert. Welchen Stellenwert hat für Sie die Übersetzungsarbeit, die auch Ihre eigene Familiengeschichte prägt?

Akin Şipal: Das Übersetzen hat einen hohen Stellenwert für mich. Mein Großvater war Übersetzer, er hat einen Großteil seines Lebens der Übertragung deutscher Literatur ins Türkische gewidmet. Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass mein Großvater einer „wichtigen“ Tätigkeit nachgeht, sein Schreibtisch, seine Bibliothek, sein asketischer Alltag, der auf konzentriertes Arbeiten ausgelegt war… das alles hat starke Eindrücke bei mir hinterlassen und hing für mich immer mit dieser beinahe heiligen Tätigkeit des Übersetzens zusammen. Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass die Türkei ein stark an Europa orientiertes, man könnte auch sagen eurozentristisches Literaturland ist. In türkischen Buchhandlungen findet man neben türkischsprachiger Literatur vor allem Übersetzungen englischer, französischer, russischer, spanischer und deutscher Literatur… Dementsprechend groß ist die Anerkennung, die Übersetzer*innen entgegengebracht wird, die aus diesen genannten Sprachen ins Türkische übersetzen. Womit ich nicht sagen will, die Lebens- oder Arbeitsbedingungen türkischer Übersetzer*innen seien optimal. Die wenigsten können davon leben, für die meisten Übersetzer*innen ist es ein Luxus, den man sich leisten können muss. Vor allem aber verblendet das Übersetzen Horizonte, es ist eine ungeheuer positive Arbeit, so empfinde ich das zumindest als Nicht-Übersetzer. Das Übersetzen ermöglicht entferntere Bezüge, es lüftet sozusagen Sprachräume. Für die Literaturgeschichte der Türkei bzw. des osmanischen Reiches zum Beispiel spielt das Übersetzen eine wichtige Rolle, da es sich um eine polyglotte Gesellschaft handelte. Mein Respekt vor dem Übersetzen ist jedenfalls so groß, dass ich mir eher zutraue zu schreiben, als zu übersetzen.

CML: Das Thema der Generationen und der Weitergabe eines immateriellen Erbes von einer Generation zur nächsten spielt in Mutter Vater Land, das eine Familiengeschichte über vier Generationen aufrollt, eine große Rolle. Ist das Generationenthema für Sie ein wichtiges Thema?

AŞ: Ja, absolut. Es gibt Erzählungen oder Erfahrungen, die so starke Fliehkräfte haben, dass sie uns unweigerlich beeinflussen und die Familie ist vielleicht das kleinste System, in dem solche Kräfte sichtbar werden. Es ist eben nicht nur wichtig, was man tut, es ist auch wichtig, was sich transportiert, der Transport von Verhaltensmustern oder Ängsten zum Beispiel ist teilweise unabhängig von dem, was wir tun. Eine Person, die Gewalt erfahren hat, muss nicht selber gewalttätig werden, um Gewalterfahrungen zu vererben. Diese Person kann sogar besonders achtsam sein, gewaltfrei kommunizieren und nur das Beste für alle wollen und trotzdem dieses Thema transportieren. Das interessiert mich: Das, was man nicht gestalten kann, was man nicht durchblicken kann. Die Unreinheit und die Unklarheit faszinieren mich, es transportiert sich ja nicht nur ein Thema, sondern ein Zusammenhang von Themen, und wenn wir uns für sie interessieren, bedeutet das ja nicht, dass wir sie verstehen, und vielleicht gibt es da auch nichts zu verstehen, sondern nur zu spüren, zu beobachten und zu interpretieren. Ich spüre jedenfalls diese Wucht von Themen oder Erzählungen in Familien; wir legen vielleicht eine Schicht Individualismus und die Erzählung persönlicher Selbstverwirklichung darüber, aber wie oft verwirklichen wir letztlich Themen, die wir uns nicht ausgesucht haben? Vielleicht ist das aber auch nur Autosuggestion. Dann ist vielleicht Autosuggestion mein Familienthema, haha.

CML: Wurden Sie in Ihrem künstlerischen Werdegang von bestimmten Leitfiguren beeinflusst, und wie ist ggf. diese Vermittlung erfolgt?

AŞ: Ja. Mit 11 oder 12 habe ich in der Stadtbibliothek Ken Burns Dokumentation über den amerikanischen Bürgerkrieg und Fritz Langs „Die Nibelungen“ auf Videokassette ausgeliehen und rauf und runtergeschaut. Ich weiß nicht, was genau es war, was mich daran so fasziniert hat, aber ich habe beides als unglaublich unterhaltsam empfunden. Das Historische hat diese beruhigende, aber stimulierende Qualität: Es ist längst geschehen, erzählerisch, dann auch noch ästhetisiert, schwarz-weiß, es ist durch und durch vermittelt, auf Videokassette sowieso (das Rauschen, die Bildfehler)… Kurzum: Das sind prägende Seherfahrungen, die ich gemacht habe, an die ich mich bewusst erinnere und die einfach mit meinem Interesse für Geschichte korrespondieren. Den Bibliotheksausweis hat mir mein Vater gemacht. Er ist ein großer Freund von Bibliotheken und liebt Fernleihen. Ansonsten sind da natürlich etliche Leitfiguren: Harold Brodkey, sein Stil, seine Themen, Lucia Berlin, ihre Leichtigkeit und Tiefe, Tomris Uyar, ihre Dichte, Céline, die Kraft der „Reise“ und auch „Tod auf Kredit“, Oğuz Atays Einfallsreichtum, George Perec, dieses Katzenhaft-Mathematische seines Schreibens, die Kraft der Stücke von Sivan Ben Yishai … das ist jetzt einfach aus dem Stegreif gesagt, die Adjektive könnte man vermutlich alle untereinander tauschen, jedenfalls sind es Autor*innen, die mich nachhaltig beeindrucken… ich könnte jetzt hier noch eine lange Liste anfertigen. Vielleicht zum Abschluss noch zwei: Pasolini und Brasch, beides Autoren und Filmemacher, auf beide komme ich immer wieder zurück. Pasolinis Werk ist einfach unerschöpflich, für mich ist das eine Grubenlampe; wenn ich nicht weiß wohin, orientiere ich mich daran. Brasch, abgesehen von der Kraft seiner Gedichte, seiner subversiven Energie, scheint unter Erwartungen und Projektionen gelitten zu haben. Unter Erwartungen und Projektionen leiden, da erkenne ich mich auf jeden Fall wieder, haha.

CML: Ihr Stück rehabilitiert ein vergessenes Werk, das Ihres Großvaters. Was könnte erklären, dass die türkische Kultur immer noch partiell rezipiert wird? Hängt es mit einem klischeehaften Fremdbild oder einer eurozentrischen Perspektive zusammen?

AŞ: Hierfür gibt es viele mögliche Erklärungen. In Deutschland zirkuliert in der Breite kein tieferes Wissen über die Türkei und ihre Geschichte. Es ist wie im Schwarzen Meer, 150 Meter unter der Wasseroberfläche gibt es kein Leben mehr. Die Türkei selbst leidet unter den Nachwehen ihres eigenen Eurozentrismus, unter ihrem eigenen Modernismus, der mit Sicherheit auch ein europäisches Erbe ist. Das osmanische Reich war nicht das Paradies auf Erden, aber Nationalismus ist nun wirklich keine osmanische Erfindung, es gibt aber eine türkische Interpretation dieses europäischen Themas. Die Türkei hat sozusagen an der europäischen Geschichte mitgeschrieben. Ich finde, es hilft ohnehin, die Türkei als ein auch europäisches Land zu begreifen. Wenn man aber das eigene kulturelle Erbe so unterdrückt und geringschätzt, wie das die türkische Republik mit der Kultur der Osmanen über viele Jahrzehnte getan hat, dann kommt dieses Erbe zumindest teilweise entstellt, sozusagen als zähnefletschender Bumerang zurück, wie man jetzt an geschichtsklitternden Osmanen-Telenovelas sehen kann. Das Interesse an der Türkei in Deutschland hält sich jedenfalls in Grenzen und natürlich sind da die ganzen historischen Zerrbilder, die sich tief eingeschrieben haben und ihr Übriges tun. Dazu kommt noch, dass Übersetzungen aus dem Türkischen ins Deutsche nicht selten etwas fad und holprig klingen, obwohl Übersetzer*innen nicht selten hervorragende Arbeit leisten. Gibt es hier also so eine Art einseitiger Inkompatibilität? Denn die Übersetzungen aus dem Deutschen ins Türkische lese ich als weniger problematisch. Ich versuche dazu mehr zu erfahren, aber das ist gar nicht so einfach. Gibt es ein grundsätzliches Problem der Übertragung von Literatur agglutinierender Sprachen in indogermanische Sprachen? Ich lese oft türkische Texte im Original als verdichtet, kompakt, musikalisch, im Deutschen werden sie dann breit, umständlich, arhythmisch und manchmal seltsam blumig. Ich hoffe einfach, dass ich mit diesem Eindruck falsch liege.

CML: Wie kann Sprache an solchen Fremdbildern rütteln oder sie unterminieren?

AŞ: Sprache verrät etwas über Schichtzugehörigkeit, Milieu, sie ist Teil unseres Selbstverständnisses: Beiläufig vermitteln wir Zugehörigkeit oder Unzugehörigkeit. Das ist irgendwie doof, es nervt, wenn meine Sprache mich verrät (wenn ich zum Beispiel einen deutschen Akzent habe, aber als Ureinwohner Istanbuls durchgehen möchte), genauso gut kann ich die Sprache verwenden um mich aufzuwerten, eine Zugehörigkeit herzustellen, wo keine ist. Ich könnte meinen deutschen Akzent zum Beispiel übertreiben und umgestalten, einen höheren, nasaleren Ton anschlagen und damit den Ton der Istanbuler High Society nachahmen und hoffen, dass ich vielleicht mit der Behauptung durchkomme, ich sei der Sohn einer Istanbuler Diplomatin, in Istanbul geboren, aber in Washington aufgewachsen oder so. Habitus, Mimesis. Solche Begriffe kommen mir da in den Kopf. Aber die Projektion ist manchmal dann eben doch stärker als die Realität. Mein Deutschlehrer musste erst von meinen Eltern überzeugt werden, dass ich nicht beim Deutsch-als-Zweitsprache-Kurs teilnehmen muss. Er hatte nicht gehört, dass ich perfekt Deutsch spreche, er hat es erst hören können, als meine Eltern sagten: „Wir sind hier um unsere Irritation zu bekunden…“  Wenn meine Eltern zufälligerweise nicht perfekt Deutsch gesprochen hätten, hätte ich meinen Deutschlehrer also erstmal von der Realität überzeugen müssen, die jede unvoreingenommene Person sofort in der Lage gewesen wäre wahrzunehmen.

CML: Das von außen aufgezwungene „Bild des Türken“ sorgt selbst in der Familie für Spannungen und Widersprüche. Ermöglicht eine Dezentrierung, hier z.B. der Blick türkischer Intellektueller auf die deutsche Sprache und Kultur, ein besseres Verständnis der eigenen Geschichte?

AŞ: Gute Frage. Im Stück sehen wir eine türkisch-deutsche Künstler*innen-Familie, das allein ist eine Irritation, weil — das ist zumindest eine These des Stücks — das „Bild des Türken“ der Gegenbegriff zum deutschen Selbstverständnis als Dichter und Denker ist. Ob türkische Intellektuelle uns Deutschen behilflich sein könnten, uns selbst zu verstehen? Vielleicht dahingehend, dass die Kultur der Türkei und ihre Geschichte unweigerlich ein Teil von Deutschland geworden ist. Also ja. Dann ist da aber auch noch diese Desillusionierung und Müdigkeit in mir, die sagt: Nein. Man kann diese Themen bearbeiten, man kann es auch lassen. Es ist ein tragischer Gegenstand, deswegen eignet er sich fürs Theater. „Das Bild des Türken“ gibt es, es ist ein tradiertes Angstbild, das noch heute nachwirkt, aber es geht hier um etwas anderes: um Verlust und den Wunsch nach Anerkennung. Wenn ich darüber nachdenke, warum ich dieses Stück geschrieben habe, komme ich immer zu unterschiedlichen Antworten. Jetzt denke ich: Ich wollte kein besseres Verständnis ermöglichen, ich musste diese Figuren von der Leine lassen. In den Figuren wirken diverse gesellschaftlichen Umbrüche, Konflikte und Erzählungen, sie transportieren sich sozusagen über die Figuren, sie lasten auf ihnen. Darum geht es vielleicht: Die Kraft dieser Erzählungen zu beweisen. Zu beweisen: Es wirken Kräfte auf uns ein, die ganze Zeit. Ganz klar. Es ist ein Stück über meine eigene Unfreiheit: Ich möchte nicht über diese Themen schreiben, aber die Figuren, die zu mir sprechen, leiden unter diesen Kräften.

CML: Die Zeitsprünge und das assoziative Verfahren erlauben Ihnen große Freiheit in der dramatischen Strukturierung des Stückes. Nährt sich diese Schreibweise von Ihrer Filmerfahrung und hängt sie mit Ihrem Interesse für die Spannung zwischen Dokumentarischem und Fiktion zusammen?

AŞ: Ich weiß nicht, inwiefern das mit meinem Interesse für die Spannung zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem zusammenhängt. Es ist vor allem, sehr gut beschrieben, eine Struktur, die große Freiheit erlaubt. Ja, vielleicht hat die Fülle an Material, die vielen Erinnerungen, Notizen, Erfindungen, die sich da in kurzer Zeit angehäuft haben, möglich gemacht, das Stück auf diese Art zu verdichten. Es ist vielleicht eine Form, die eher Brückenschläge erlaubt, zwischen Orten, Zeiten, Familien… Es gibt einerseits Sprünge, andererseits werden Parallelen sichtbar. Es ist eine Form, die sinnlich erfahrbar macht, dass viele Kräfte zeitgleich wirken und sich durchwirken und es ist eine offene Form, sie ist nicht hermetisch. So atmet das Stück, die Figuren kommen zur Geltung, sie müssen keinen Anfang, Mittelteil oder Schluss mit sich mitschleppen. Sie sind unfrei, aber in gewisser Weise frei in der Geschichte und in der Zeit.

CML: Ich danke Ihnen für dieses Interview.

Info Autor und Stück MUTTER VATER LAND

Catherine Mazellier-Lajarrige

Catherine Mazellier-Lajarrige FOTO © Jacques Lajarrige
Dr. Catherine Mazellier-Lajarrige, Mitglied im deutschsprachigen Komitee Eurodram,ist Germanistik-Dozentin an der Universität Toulouse-Jean Jaurès und Übersetzerin (u.a. von Gegenwartsdramatik aus dem deutschsprachigen Raum). Sie leitet die zweisprachige Theaterreihe Nouvelles Scènes beim Verlag PUM.
Info CML
https://creg.univ-tlse2.fr/accueil/membres-de-lequipe/membres-permanents/catherine-mazellier-lajarrige#/

	

Heinz Schwarzinger zu Raphaela Bardutzky, Fischer Fritz

Heinz Schwarzinger (Henri Christophe) Foto © privat
Version française ci-dessous / Französische Version nachfolgend
Zur Vorstellung des Stückes am Theaterhaus G7 in Mannheim.
Heinz Schwarzinger / Henri Christophe, Mitglied des deutschsprachigen Komitees Eurodram, ist ein Übersetzer-Urgestein. Er hat schon 1991 den Österreichischen Staatspreis für literarisches Übersetzen bekommen und ist (u. a.) Herausgeber des Gesamtwerkes von Ödön von Horvath und des Theaters Arthur Schnitzlers in Frankreich. Henri Christophe stellt sich der Herausforderung, FISCHER FRITZ von RAPHAELA BARDUTZKY ins Französische zu übersetzen.

Rechtzeitig vor der Uraufführung des Stückes der Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees Eurodram am Samstag, 18. Juni 2022 am Deutschen Theater Berlin durch das Schauspiel Leipzig stellt uns Heinz Schwarzinger den folgenden Text zur Verfügung.

Stück und Autorin Raphaela Bardutzky, FISCHER FRITZ

Zusammenfassung

Alles beginnt mit einem klassischen deutschen Zungenbrecher, „Fischers Fritz fischt frische Fische…“. Nur, dass es hier um den Sohn eines Berufsfischers namens Fritz geht, der im hintersten Bayern lebt, aber nach einem Schlaganfall seiner Leidenschaft nicht mehr nachgehen kann. Sein Sohn Franz (weil am Tag des Heiligen Franziskus geboren), ein Friseur in München, der in heikler Beziehung zu seinem Vater steht, schafft es nicht, diesen in einem Altersheim unterzubringen. Einzige Lösung: eine aus Polen importierte junge Pflegerin, die einigermaßen Deutsch spricht. Während der Fahrt im Kleinbus verguckt sie sich in Borys, den Fahrer, mit dem sie im weiteren unzählige SMS austauscht. Piotra kümmert sich gut um Herrn Fritz, hilft ihm, wo sie kann, und bereitet gute Fischgerichte zu. Franz kommt jeden Montag zum Einkaufen und zur Unterhaltung seines Vaters. In diesem heißen Sommer fürchtet Fritz um die Fische im Fluss, der an seinem Garten vorbeifließt, so sehr, dass er eines frühen Morgens aus seinem Bett klettert und mithilfe des Rollators bis zum Wasser geht. Als er den Wasserstand überprüfen will, entgleitet ihm der Rollator und er fällt auf die Betonrampe. Piotra bemerkt, dass er nicht da ist und findet ihn am Ufer des Wassers, aus dem Kopf blutend und bewusstlos. Sie ruft die Rettung an, Borys und Franz. Fritz wird ins Krankenhaus gebracht, wo er einige Tage später stirbt. Borys kommt, um die von Schuldgefühlen gepeinigte Piotra nach Polen zurückzubringen. Franz ist erleichtert.

Kommentar

Die Bezeichnung „Sprechtheater“, die die Autorin ihrem Stück beifügt, weist von Anfang an auf die Bedeutung der Sprache, der Sprachen, und der Musikalität hin. Der Text ist gespickt mit Zungenbrechern, sprichwörtlichen Wendungen, Liedern auf Polnisch oder Englisch, Passagen in medizinischer oder pharmazeutischer Fachsprache und Begriffen aus der Fischzucht. Die Unterschiede zwischen den drei Figuren – Fritz, Franz und Piotra – und den diversen Figuren, die sie übernehmen, werden durch ihre Sprechweise und das von ihnen verwendete Vokabular deutlich, das ihre Herkunft ziemlich genau bezeichnet. Die Empathie der Autorin mit der Welt, die sie schildert, ist offensichtlich, ebenso wie ihre Freude am Spiel mit ihren Figuren und der Wunsch, sich nicht von der Last einer sehr hinterwäldlerischen Umgebung erdrücken zu lassen. Der Alltag nimmt zwar seinen Platz ein, aber er wird von den fast poetischen Momenten der Figuren durchbrochen. Diese bleiben in Süddeutschland angesiedelt, auch wenn der bayerische Dialekt im Französischen durch eine Umgangssprache wiedergegeben wird, die geografisch nicht festgelegt ist.

Biografische Anmerkung

Raphaela Bardutzky lebt und arbeitet in München, wo sie Moderne Literatur, Philosophie und Dramaturgie studiert. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerks Münchner Theaterautor+Innen und arbeitet als Dramaturgin mit verschiedenen Gruppen der freien Szene zusammen. Ihr erstes Stück, Wüstling (2017), erhielt das Münchner Literaturstipendium, das zweite, Fischer Fritz, den Publikumspreis bei der Neuen Dramatik an den Münchner Kammerspielen (2021). Es ist eines von drei preisgekrönten Stücken der Autorentage (ATT) am Deutschen Theater in Berlin. Uraufführung in Berlin am 18. Juni 2022, in Kooperation mit Leipzig und Graz.

Heinz Schwarzinger, Paris, Juni 2022

Version française / Französische Version 
raphela bardutzky, fritz petit fils de pêcheur [fischer Fritz]

R´esumé

Tout part d’un fourche-langue classique en allemand, comparable aux chaussettes de l’archiduchesse dont on ne sait si elles sont sèches, voire archi-sèches. Sauf qu’ici, il s’agit du fils d’un pêcheur professionnel prénommé Fritz vivant au fin fond de la Bavière, qui s’évertue à attraper du poisson frais mais qui, victime d’un accident cérébral, ne peut plus assouvir sa passion. Son propre fils, Franz (car né le jour de la Saint François), coiffeur à Munich, en relation délicate avec son père, ne parvient pas à faire entrer celui-ci dans un Ehpad. Seule solution : une jeune aide-soignante importée de Pologne, parlant l’allemand à peu près et dévouée à son travail. Pendant le voyage, celle-ci s’entiche de Borys, le chauffeur du minibus avec qui elle va échanger force textos en polonais.

Piotra s’occupe bien de Monsieur Fritz, l’aide comme elle peut et prépare de bons plats de poisson. Franz vient tous les lundis faire les courses et distraire son père.

Pendant cet été caniculaire, Fritz craint pour les poissons de la rivière qui coule le long de son jardin, au point de s’extirper un petit matin de son lit et, à l’aide du déambulateur, d’avancer jusqu’à l’eau. Alors qu’il veut vérifier le niveau de l’eau, le déambulateur lui échappe et il tombe sur la rampe de béton. Piotra se rend compte de son absence et le retrouve au bord de l’eau, saignant de la tête, inconscient. Elle appelle les secours, Borys et Franz. Fritz est transporté à l’hôpital où il meurt quelques jours plus tard. Borys vient pour ramener Piotra, pétrie de culpabilité, en Pologne. Franz est soulagé.

Commentaire

Le qualificatif de « Sprechtheater », théâtre de parole, que l’auteure donne à sa pièce indique d’emblée l’importance de la langue, des langues, et de la musicalité du texte. Truffé de casse-langues, d’expressions proverbiales, de chansons en polonais ou en anglais, de passages en langage médical ou pharmaceutique, de termes techniques de la pisciculture, le texte bruisse de multiples nuances. Les différences entre les trois personnages – Fritz, Franz et Piotra – se dessinent souvent grâce à leur manière de parler, au lexique qu’ils utilisent et qui révèle assez précisément leurs origines, quels que soient les personnages que l’acteur ou l’actrice  endossent.

L’empathie de l’auteure avec le monde qu’elle dépeint est manifeste, de même que son plaisir à jouer avec ses personnages et leur désir de ne pas se laisser écraser par le poids d’une campagne très arriérée. Le quotidien prend toute sa place, certes, mais il est percuté par les échappées quasi poétiques des personnages. Ceux-ci restent localisés dans le Sud de l’Allemagne, même si le dialecte bavarois est rendu par un parler familier non marqué géographiquement – ce qui permet aux personnages de voyager au-delà de l’allemand.

Note biografique

Raphaela Bardutzky vit et travaille à Munich où elle fait des études de lettres modernes, de philosophie et de dramaturgie. Elle co-fonde l’association Réseau des auteur.es de théâtre de Munich et collabore en tant que conseillère littéraire avec différents groupes de jeune théâtre.

Sa première pièce Le débauché (Wüstling, 2017) reçoit la Bourse littéraire de Munich, la deuxième (Fritz petit fils de pêcheur) le Prix du public lors de sa présentation aux Nouvelles dramaturgies aux Kammerspiele de Munich (2021). Elle est l’une des trois pièces primées aux Journées des auteur.es (ATT) au Deutsches Theater de Berlin. Création à Berlin le 18 juin 2022, puis à Leipzig et à Graz.

Heinz Schwarzinger, Paris, juin 2022

Info Raphaela Bardutzky, FISCHER FRITZ

Übersetzung ANDREAS VOLK: TOTENTANZ, ISHBEL SZATRAWSKA

Ishbel Szatrawska; Foto © Izabella Górska / Górscy Fotografia
Dank der Förderung durch den Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) über das Programm Neustart Kultur konnten wir den Übersetzer*innen der Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram Christine Bais, Ciprian Mariniscu, Andreas Volk und Frank Weigand Übersetzerstipendien für weitere Übersetzungen von Stücken aus der Ursprungssprache der Auswahlstücke vermitteln. Es liegt vor:

Andreas Volk, Übersetzung aus dem Polnischen:
Ishbel Szatrawska, Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod 
[Totentanz. Czarna noc, czarna śmierć]

Die Autorin (Text: Andreas Volk, von der Autorin autorisiertes Biogramm)

Ishbel Szatrawska, geboren 1981 in Olsztyn, lebt in Krakau. Dramatikerin, Theaterwissenschaftlerin. Absolventin der Theaterwissenschaft der Jagiellonen-Universität in Krakau (UJ), ferner studierte sie Filmwissenschaft und Amerikanistik an der UJ und an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Im Dezember 2019 debütierte sie mit dem Drama Objects in Mirror Are Closer Than They Appear in der E-Anthologie „Nasz głos“, die vom Stary Teatr in Krakau herausgegeben wurde. Weitere Dramen veröffentlichte sie in der Monatszeitschrift „Dialog“: Jagd [Polowanie] (Nr. 4/2020), Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod [Totentanz. Czarna noc, czarna śmierć] (Nr. 2/2021).

2020 erhielt sie das Künstlerstipendium der Stadt Krakau, in dessen Rahmen das Drama Katerina fehlt [Kateriny brak] entstand.

Preisträgerin des Stipendienwettbewerbs DRAMATOPISANIE (2. Ausgabe; 2021), das vom Zbigniew-Raszewski-Theaterinstitut organisiert wurde. Im Rahmen des Stipendienprogramms entstand das Drama Freischaffender Scharfschütze [Wolny strzelec] über den Krieg im Irak und den Sturz Saddam Husseins 2003.

2021 schrieb sie das Stück Leben und Tod des Hersh Libkin aus Sacramento, Kalifornien [Żywot i śmierć pana Hersha Libkina z Sacramento w stanie Kalifornia]. Das Drama erschien im April 2022 im Verlag Cyranka in Buchform und wurde 2022 von Eurodram – European network for drama in translation in die „Polnische Auswahl“ aufgenommen.

Das Drama Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod erreichte das Finale des renommierten Dramatikerpreises der Stadt Gdynia und fand sich auf der Shortlist des Berliner Stückemarktes.

Autorin und Übersetzer stellen die folgenden Textauszüge vor:
© Text Ishbel Szatrawska
© Deutsche Übersetzung Andreas Volk
Alle Rechte vorbehalten.
Bei Interesse am Gesamttext bitte Mail an den Übersetzer Andreas Volk: vvolkand@hotmail.com  

Andreas Volk, Mitglied des deutschsprachigen Komitees EURODRAM, ist Preisträger des Karl-Dedecius-Preises 2022. Im Zusammenhang mit der Übersetzung des Stückes FREMDSPRACHE von Maria Wojtyszko stellt sich der Übersetzer vor.

Die drei zusätzlich geförderten Übersetzungen zur Auswahl 2021
Nachrichten aus dem Komitee

CHRISTINE BAIS, Übersetzung ABKE HARING, PLATIN/UNISONO

Abke Haring Foto © Jenneke Boeijink
Dank der Förderung durch den Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) über das Programm Neustart Kultur konnten wir den Übersetzer*innen der Auswahl 2021 des deutschsprachigen Komitees Eurodram Christine Bais, Ciprian Mariniscu, Andreas Volk und Frank Weigand Übersetzerstipendien für weitere Übersetzungen von Stücken aus der Ursprungssprache der Auswahlstücke vermitteln. Es liegt vor:

Christine Bais, Übersetzung aus dem Niederländischen:
Abke Haring, PLATIN/ UNISONO [PLATINA / UNISONO]

Bei Interesse am Gesamttext bitte Mail an Christine Bais: c.bais [a] xs4all.nl
Die Autorin Abke Haring

Abke Haring (De Bilt, 1978) ist Schauspielerin, Regisseurin und Theaterautorin. Sie studierte Schauspiel am Herman Teirlinck Institut in Antwerpen und war von 2004 bis 2018 engagiert am Toneelhuis Antwerpen, wo sie auch zahlreiche eigene Stücke schrieb und spielte, darunter Unisono und Platin. Platin wurde als eine der besten Aufführungen der Saison zum niederländisch-belgischen Theaterfestival 2018 eingeladen. Haring übernimmt regelmäßig Rollen in Film und Fernsehen und war und ist als Schauspielerin auch in zahlreichen Theaterproduktionen anderer Regisseur:innen und Autor:innen zu sehen. Für ihre Rolle des Hamlet in Hamlet vs. Hamlet bei Toneelgroep Amsterdam/ITA wurde sie 2014 mit dem Theo d’Or ausgezeichnet, dem wichtigsten Schauspielpreis der Niederlande für eine weibliche Hauptrolle. Sie lebt in Amsterdam.

www.abkeharing.com

Die Übersetzerin Christine Bais

Christine Bais (Düsseldorf, 1972) studierte von 1992 bis 1998 Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Literaturwissenschaft und Linguistik an der Freien Universität Berlin. Neben ihrem Studium arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Amsterdam, seit 2009 ist sie freiberufliche Übersetzerin.

Kontakt: c.bais [a] xs4all.nl
Info über die beiden Stücke

PLATIN / UNISONO

Stille ist ein Klang. – Abke Haring

Die Texte UNISONO (2015) und PLATIN (2018) von Abke Haring sind unabhängig voneinander entstanden, können aber auch als Diptychon gelesen werden. Sie beschreiben zwei der intensivsten menschlichen Erfahrungen, die schwer in Worte zu fassen sind – finaler Abschied und Einsamkeit. Abke Harings Texte sind minimalistisch. Hinter den kargen Zeilen verbirgt sich eine Tiefe, die schmerzhaft ist, aber diese Tiefe ist auch der Raum, in dem man die Verbindung zum Anderen herstellen kann.

Abke Haring erzeugt in ihren Stücken mit wenigen Worten eine hohe Konzentration und Intensität. Scheinbare Oberflächlichkeit wechselt sich ab mit plötzlichen, existenziellen Hilferufen, ihre Figuren manövrieren zwischen Beherrschung und Kontrollverlust, zwischen Einsicht und Zweifel, zwischen Tatendrang und Ohnmacht. Dabei zieht Haring viele Register. Ihre Sprache ist abstrahiert, lyrisch, facettenreich und geprägt von einer starken Musikalität.

In PLATIN sehen wir zwei Menschen, die voneinander Abschied nehmen müssen, da einer der beiden bald stirbt. Das Stück besteht aus Variationen verzweifelter Versuche, sich auf die je eigene Weise mitzuteilen, sich zu verbinden, ein wertvolles Gespräch zu führen, bevor es zu spät ist – oder diesem Gespräch auszuweichen. Wie gehen wir mit dem Unaussprechlichen um, und wie mit dem Ungesagten? Muss man immer alles in Worte fassen? Wie können wir uns mitteilen und verbinden, wie den Anderen verstehen? Und wie gehen wir damit um, wenn der Tod uns trennt?

Der Monolog UNISONO ist eine Choreografie von Gedanken und minimalen Handlungen in einem intimen, stillen Raum. Der unablässige Gedanken- und Wörterstrom scheint zunächst sprunghaft, ist aber auch ordnend und kontemplativ, mit wiederkehrenden Elementen. Profanes wechselt sich ab mit großen Gefühlen und Einsichten, Reflektionen mit Spielereien und Assoziationen. Wie viele Gespräche finden in unseren Köpfen statt? Wann endet dieser Strom von Wörtern und Gedanken? Wann vereinen sich alle Stimmen? Wann kommt die Stille? Wo finden wir Halt und Frieden?

Textauszüge PLATIN & UNISONO
Die drei zusätzlich geförderten Übersetzungen zur Auswahl 2021
Übersetzung Christine Bais: Nico Boon, TRITT AUF GEHT AB
Interview mit Christine Bais
Nachrichten aus dem Komitee

Andreas Volk Preisträger des Karl-Dedecius-Preises 2022

Am 20.05.2022 wurde Andreas Volk, Übersetzer aus dem Polnischen ins Deutsche und Mitglied des deutschsprachigen Komitees Eurodram, und Elżbieta Kalinowska, Übersetzerin aus dem Deutschen ins Polnische, in der Evangelischen Stadtkirche Darmstadt der Karl-Dedecius-Preis für deutsche und polnische Übersetzerinnen und Übersetzer verliehen.
Die Preisträgerin Elżbieta Kalinowska und der Preisträger Andreas Volk
© Foto: Wolfgang Barth
Kurzbiografien der Übersetzerin und des Übersetzers:
Elżbieta Kalinowska ist Übersetzerin, Redakteurin und Kulturmanagerin. Sie war stellv. Direktorin des Polnischen Buchinstituts, seit 2016 arbeitet sie als Herausgeberin für Non-Fiction in der Verlagsgruppe Foksal. Seit mehr als 20 Jahren übersetzt sie deutschsprachige Literatur für führende polnische Verlage wie Czarne, W.A.B oder Wydawnictwo Literackie. Auf ihrer Publikationsliste stehen mehr als 20 Gegenwartsromane, aber auch mehrere Sachbücher und Reportagen. Kalinowska interessiert sich für moderne Strömungen in der deutschsprachigen Literatur, vornehmlich übersetzt sie Autoren und Autorinnen mit Migrationshintergrund, etwa Zsuzsa Bánk, Terézia Mora. Olga Grjasnowa, Sherko Fatah und Feridun Zaimoglu. Darüber hinaus übersetzte sie Werke von Elfriede Jelinek, Judith Kuckart. Felicitas Hoppe und Norbert Gstrein.

Andreas Volk hat sich durchzahlreiche Übersetzungen zeitgenössischer polnischer Dramen etwa von Malgorzata Sikorska-Miszczuk. Krysztof Warlikowski und Tadeusz Slobodzianek einen Namen gemacht und wird von polnischen Autorinnen und Autoren wie auch von Regisseurinnen und Regisseuren in Deutschland gleichermaßen geschätzt. Als Übersetzer geistes-und kulturwissenschaftlicher Monografien und Aufsätze trägt er kontinuierlich zum wissenschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Polen bei (Werke von Maria Janion, Erwin Axer, Kystian Lupa). Er ist Mitbegründer des deutsch-polnischen Jahrbuchs „OderÜberstzen", war als Redakteur der deutsch-polnisch-ukrainischen L1teraturzeitschrift „Radar" tätig und arbeitet als Kulturmittler für lnstitutionen wie das Goethe-Institut.

(Auszug aus dem Programmheft)
Der erste Kontakt des deutschsprachigen Komitees EURODRAM mit Małgorzata Sikorska-Miszczuk und Andreas Volk fand 2014 statt. Das Stück  „DER KOFFER“ („Walizka“, aus dem Polnischen von Andreas Volk, Kaiser-Verlag) war eines der Stücke der Auswahl 2015.
Małgorzata Sikorska-Miszczuk bei der Laudatio für Andreas Volk © Foto: Wolfgang Barth
Text der Laudatio (Małgorzata Sikorska-Miszczuk) für Andreas Volk (Übersetzung: Bernhard Hartmann)

Die polnische Dramatik der ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts ist das Resultat einer beispiellosen geistigen Bewegung und weltanschaulichen Revolte in der polnischen Kunst. Die 1989 begonnene Systemtransformation veränderte das soziale Gefüge in Polen und zwang die Polen zu einer grundlegenden Neuprogrammierung ihres Weltbilds. Die 1990er Jahre brachten in der Dramatik keine bedeutenden Früchte hervor. Ich erinnere mich an diese Jahre als eine Zeit geistiger Orientierungslosigkeit und Unselbstständigkeit, als eine Zeit des Chaos. Die Dramen spielten sich im Leben ab, nicht auf der Bühne. Erst der Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnete meiner Generation die Chance, mit eigenen Worten zu sprechen. Andreas Volk war ein Teil dieser mächtigen Welle der Ideen und der Erneuerung.

Mein erstes Stück und der Anfang meiner Bekanntschaft mit Andreas war „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“. 2008 waren wir mit diesem Stück beim Festival „New Plays From Europe“ in Wiesbaden zu Gast, wo die besten europäischen Inszenierungen präsentiert wurden. „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ erzählt die Geschichte der Intellektuellen und RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Es ist für mich höchst symptomatisch, dass ich auf meiner Mission der Abrechnung mit der Welt auf die Figur einer deutschen Intellektuellen zurückgriff, die das „Schreiben“ aufgab und sich für ein gewaltsames Handeln entschied. Das Dilemma, das hinter dieser Entscheidung stand, begleitet mich bis heute.

„Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ war der Beginn einer jahrelangen Freundschaft mit Andreas. Darum fällt es mir schwer, eine .wissenschaftliche“, „objektive“ Laudatio auf Andreas Volk zu halten, denn ich bin ihm gegenüber nicht objektiv. Ich weiß nur, dass ich meinen Weg im polnischen Theater mit der Geschichte Ulrike Meinhofs begann, weil ich diese deutsche Geschichte als meine eigene betrachtete. Andreas hat eine ähnliche Entscheidung getroffen: Er betrachtet die polnische Geschichte als Teil seiner eigenen Erfahrungswelt. So wie ich Ulrike Meinhof als Teil von mir betrachtete, betrachtet Andreas Polen, die polnische Sprache und die Helden der polnischen Geschichte als einen Teil von sich.

Dieser erste, fundamentale Schritt definierte uns als Gemeinschaft. Die Jahre der Freundschaft, Gespräche, Erzählungen und die Arbeit an neuen Übersetzungen – über all dem stand, auf einer Metaebene, die Frage: Was ist diese Gemeinschaft zwischen uns, was ist der geistige Raum Polens und Deutschlands? Entscheiden wir uns für Gewalt, Dominanz und Verachtung oder für Verständigung, Gleichheit und Gemeinschaft?

Andreas übersetzte Dramatik, die auf höchsten Touren und höchstem Niveau für – ich scheue mich nicht, es zu sagen – Frieden, Versöhnung und wachsendes Bewusstsein „arbeitete“. Er übersetzte Krystiana Lupa, Tadeusz Sfobodzianek, Pawel Demirski, Magda Fertacz, Artur Palyga, Zyta Rudzka, Maria Górnicka, Przemek Pilarski. Er tat das auf eine Weise, an der man den begabten und nach Perfektion strebenden Übersetzer erkennt. Er stellte Fragen, hakte nach, präzisierte. Ich vertraute ihm voll und ganz.

Dabei wurde Andreas Volk mit einer übersetzerischen Herausforderung konfrontiert, mit der er in seinem Leben sicher nicht gerechnet hätte: der Übersetzung zeitgenössischer polnischer Opernlibrettos. Weil ich nicht wenige zeitgenössische polnische Opernlibrettos geschrieben habe, die alle von Andreas übersetzt wurden, kann ich zu diesem Thema einiges sagen. Sicher hat Andreas – ebenso wie ich – nicht erwartet, dass ich mich eines Tages mit einem Libretto nach Thomas Manns „Zauberberg“ an ihn wenden würde. Diese wunderbare, 2015 von Pawel Mykietyn komponierte Oper wurde in Deutschland bisher nicht aufgeführt, obwohl sie in Polen als Oper des 21. Jahrhunderts und Ereignis des Jahres gefeiert wurde. Ich finde das sehr schade, denn musikalisch und literarisch ist es ein Werk, das man der Welt zeigen kann.

Ein zeitgenössisches Opernlibretto ist – zumindest im Fall der besten Texte – zeitgenössische Poesie. Und genau darin bestand Andreas‘ Aufgabe: Er musste ein Poem schaffen, eigenständiger Schöpfer von Poesie und Rhythmus. Denn Andreas übersetzte den Text des Librettos nicht zur Übertitelung. Pawel Mykietyns Oper wird auf Deutsch gesungen und Andreas Volk hat sich mit seiner Übersetzung unsterblich in die Partitur des „Zauberbergs“ eingeschrieben. Aus seinen Worten entstand eine Opernerzählung von Liebe und Krieg, Liebe und Hass, vom Aufstieg des Individuums auf eine höhere Bewusstseinsebene, vom Tod und vom Scheitern der Menschheit, von Krieg und innerer Verwüstung.

Als Autorenverband ZaiKS haben wir Andreas Volk 2013 für seine Begabung und sein enormes Engagement bei der Vermittlung polnischer Dramatik an deutsche Leser und Theater unseren Übersetzerpreis verliehen. Dass Andreas heute mit dem Karl-Dedecius­ Preis ausgezeichnet wird, bewegt mich sehr und ich sage großen Dank dafür. Mehr können wir nicht für ihn tun, obwohl er mehr verdient. Es möge ein guter Anfang sein.

Übersetzung: Bernhard Hartmann

Der Übersetzer Andreas Volk
Übersetzung ANDREAS VOLK: TOTENTANZ, ISHBEL SZATRAWSKA
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OPEN CALL FOR NEW DRAMA FINLAND

Foto: Post Theatre Collective
David Kozma, coordinator of Finnish EURODRAM committee (eurodramfi@theatrecollective.com) sent us the following call.

OPEN CALL FOR NEW DRAMA

R.E.A.D. #8                              Reading EuropeAn Drama Festival Helsinki

R.E.A.D. Reading EuropeAn Drama Festival spreads out in downtown Helsinki in the autumn 2022. In its eight year the festival presents new drama from around the Globe, and brings together international theater artists living and working in Finland.

R.E.A.D. is formed as an arena that offers an opportunity to experience plays which have never seen on stage before in Finland. Previous festival programs can be found from www.theatrecollective.com.

We are looking for new plays ( not older than 2018 ) to be translated into Finnish to be performed as a reading drama. We accept only texts translated into English for the selection board.

Plays can be submitted until 30.5.2022 to: read@theatrecollective.com.

Contact and more info:

David Kozma +358442370653

European theatre collective Reading EuropeAn Drama Festival read@theatrecollective.com www.theatrecollective.com

Info AKIN EMANUEL ŞIPAL, MUTTER VATER LAND

Foto © Anna Christina Schütz

English version below [translation: Blažena Radas]

Interview mit Catherine Mazellier-Lajarrige
Deutschsprachiges Komitee EURODRAM Auswahl 2022:
  • Titel des Stückes: Mutter Vater Land
  • Autor*in: Akın Emanuel Şipal
  • Ort und Zeitpunkt der Abfassung: Düsseldorf, Juni 2021
  • Suhrkamp Verlag AG BERLIN

Inhalt

Hundert Jahre Familiengeschichte zwischen Deutschland und der Türkei.

Der Autor lässt vier Generationen und ihre Anekdoten, Tiraden, Träume, Rachefantasien aufei­nanderprallen, darin verstrickt die Erzählerfigur selbst, Alter Ego. Das Erinnern findet seine for­male Struktur in achronologisch springenden Jahreszahlen, die blitzlichtartig Familienszenen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zu­kunft verhandeln.

Dabei wiederholt sich die generationenübergreifende Erfahrung, auf von außen zugeschriebene Bilder festgelegt zu werden. Akın Emanuel Şipal sprengt diese Zuschreibungen sprachlich und ge­danklich auf und lotet die Grenzen von Fiktion und Autobiografie dialogisch neu aus.

Autor

Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren, studierte Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Für sein erstes Theaterstück, Vor Wien, gewann er den bundesweiten Wettbewerb »In Zukunft« 2012, für Santa Monica erhielt er den Förderpreis Literatur der Kulturbehörde Ham­ burg. Şipal ist als Drehbuchautor an diversen Kurz- und Langfilmen beteiligt, die auf Festivals wie Festival des Films du Monde de Montreal (Prix du Jury für The Bicycle), Shanghai International Film Festival oder Cairo International Film Festival zu sehen sind. In der Spielzeit 2016/17 war Şipal Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Von 2017 bis 2019 war er Hausautor am Theater Bremen.

Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung

Erschienen in der Reihe Suhrkamp Theater im Herbstprogramm, am 26.09.2021

Lesungen, Buchveröffentlichung

UA: Theater Bremen, 17.06.2021, Regie: Frank Abt

English version
[translation: Blažena Radas]

  • Title of the Piece: Mother Father Country
  • Author: Akın Emanuel Şipal
  • Location and date of the Date of writing: Düsseldorf, June 2021
  • Suhrkamp Verlag AG Berlin

Brief Summary of Content:

One hundred years Family History between Germany and Turkey. The author lets four generations and their anecdotes, tirades, dreams, revenge fantasies collide with each other, in them entangled the narrator himself, Alter ego. Remembering finds its formal structure in achronologically jumping dates that negotiate family scenes in flashes against the background of social upheavals of the past, the present, and the future.

In the process, the cross-generational experience of being fixed to images ascribed from the outside is repeated. Akın Emanuel Şipal explodes these attributions linguistically and intellectually and dialogically reexamines the boundaries of fiction and autobiography.

Short introduction of the author and the previous work:

Akın Emanuel Şipal, born 1991 in Essen, studied Film at the University for Fine Arts Hamburg. For his first play, Before Vienna, he won the nationwide competition „In Future“ 2012, for Santa Monica he received the Promotional Award Literature of the Cultural Authority Hamburg.

Şipal is involved in various short and feature films as a screenwriter, which are shown on festivals such as Festival of the film du Monde de Montreal (Prix du Jury for The Bicycle), Shanghai International Film Festival or Cairo International Film Festival. In the season 2016/17, Şipal was in-house writer at the National Theater Mannheim. From 2017 until 2019 he was  a house writer at the Theater Bremen.

Publisher: Suhrkamp Publisher AG Berlin

Place and Date of publication: Published in the series Suhrkamp Theater at fall program, 26.09.2021

Performances:

World premiere: Theater Bremen, 17.06.2021, Director: Frank Abbot

Info RIKE REINIGER, RISSE IN DEN WÖRTERN

Foto © Eva Radünzel-Kitamura

English version below [translation: Blažena Radas]

Text Blažena Radas über Rike Reiniger, Risse in den Wörtern
Text Maxi Obexer über Rike Reiniger, Rissen in den Wörtern
Deutschsprachiges Komitee EURODRAM Auswahl 2022:
  • Titel des Stückes: Risse in den Wörtern
  • Autor*in: Rike Reiniger
  • Ort und Zeitpunkt der Abfassung: Berlin 2018
  • Theaterstückverlag München

Inhalt

Sascha, ein suspendierter Soldat, ist vorgeladen vor einer Untersuchungskommission zu einer Dienstpflichtverletzung auszusagen, der er sich während seines Afghanistan-Einsatzes schuldig gemacht hat.

Autorin

Rike Reiniger, aufgewachsen in Bochum, inszenierte in der freien Szene Berlins und war Mitbegründerin des interkulturellen Theater-Ensembles Kumpanya. Nach dessen Auflösung ging sie ins Engagement an die Landesbühnen Sachsen, das Deutsch­ Sorbische Volkstheater Bautzen und das Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lebt als Regisseurin und Autorin in Vorpommern und Berlin. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung

UA 25.10.18 Theater der Altmark Stendal

Lesungen, Buchveröffentlichung

Lesungen im Rahmen der Tschechisch/Deutschen Kulturtage; als Buch erschienen im KLAK Verlag Berlin 2018

Förderungen

Auftragswerk gefördert von Demokratie leben

Übersetzung

Tschechisch; Übersetzung: Lucie Ceralova, 2019 (gefördert vom Goethe Institut Prag)

English version
[translation: Blažena Radas]

Title of the piece: Cracks in the words

Place and time of writing: Berlin 2018

Brief Summary of Content: Sascha, a suspended soldier, is summoned to testify before an investigative commission about a service-connected violation he was guilty of during his deployment to Afghanistan.

Brief introduction of the author and previous work: Rike Reiniger, who grew up in Bochum, staged in the independent scene in Berlin and was co-founder of the intercultural theater ensemble Kumpanya. After its dissolution, she went on to work at the Landesbühnen Sachsens, the Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen and the Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lives as a director and author in Vorpommern and Berlin. Her works have received numerous awards and have been translated into several languages.

Publisher: Theaterstückverlag München

Place and date of publication: World premiere 25.10.18 Theater der Altmark Stendal

Readings, book releases: Readings in the framework of the Czech German Culture Days, published as a book by KLAK Verlag Berlin 2018.

Sponsorships: Commissioned work funded by Demokratie leben

Translated into the following languages: Czech; Translation: Lucie Ceralova, 2019 sponsored by Goethe Institute Prague

Info RAPHAELA BARDUTZKY, FISCHER FRITZ

Foto © Jean-Marc Turmes

English version below [translation: Blažena Radas]

Heinz Schwarzinger zu Autorin und Text
Vorstellung des Stückes am Theaterhaus G7 in Mannheim
Deutschsprachiges Komitee EURODRAM Auswahl 2022:
  • Titel des Stücks: Fischer Fritz
  • Autor*in: Raphaela Bardutzky. Übersetzungen ins Polnische von Aleksandra Lukosek. (Zur Erläuterung: Es gibt eine polnisch sprechende Figur im Stück. Einzelne Sätze – etwa 5% des Stücktexts – wurden von A. Lukosek hierfür übersetzt.)
  • Ort und Zeitpunkt der Abfassung: München, Herbst/Winter 2020/21
  • Kiepenheuer Bühnenvertrieb Berlin-Dahlem

1 Dame, 2 Herren

Inhalt

Fritz ist ein Urbayer und Fischer in dritter Generation. Inzwischen beutelt ihn Krankheit, so sehr, dass er täglich fremde Hilfe braucht. Sohn Franz, ein Friseurladenbesitzer, den es beizeiten aus der Provinz nach München gezogen hat, plädiert für ein Pflegeheim in der Stadt. Aber Fritz will Haus und Fluss nicht verlassen, ums Verrecken nicht. Jetzt soll es also eine Live-in Pflegekraft aus Polen richten. Ob die überhaupt deutsch kann? Die junge Piotra hat sich nach der Ausbildung eigentlich in die weite Welt geträumt. Nun kompensiert sie ihre Einsamkeit in der niederbayrischen Einöde mit Spotify und Chats mit Borys, dem polnischen Busfahrer. Bis dahin betreut sie ihren Patienten, täglich rund um die Uhr – außer montags, da ist Franz-Tag und Piotra hat frei. Immerhin kann sie bei Fritz mit leckeren Fischgerichten punkten und bemüht sich redlich um Kommunikation mit dem Alten.

Die Autorin hat Empathie für ihre Figuren und spielt dabei theaterwirksam mit Sprache, Rollenmustern und Gegensätzen. Es wird hochdeutsch, bayerisch und polnisch geredet, gern in Sprichwörtern und Zungenbrechern. Und auch das soziale Umfeld kommt mit zu Wort, wenn hier Stadt und Land, Alter und Jugend, Wünsche und Realität voller Komik und Ernst aufeinandertreffen.

Autorin

Raphaela Bardutzky studierte Schauspieldramaturgie, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der LMU München. Anschließend arbeitete sie als Script-Consultant und Lektorin im Art-House Filmbereich. Gemeinsam mit Theresa Seraphin gründete sie 2016 das „Netzwerk der Münchner Theatertexter*innen“. Ihr Stück „Wüstling“ wurde 2017 mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet. Ihr Drama „Fischer Fritz“ erhielt 2021 Nominierungen für den Heidelberger Stückemarkt sowie den „Förderpreis für Neue Dramatik“ an den Münchner Kammerspielen, wo es mit dem Publikumspreis prämiert wurde. Es zählt außerdem zu den Gewinnerstücken der Autor:innentheatertage 2022. Seit 2019 gehört Raphaela Bardutzky zum Kurator:innen-Team der LIX Lesereihe im Münchner Theater HochX. Zudem engagiert sie sich mit dem Verein der Unabhängigen Lesereihen für sinnvolle Strukturen und faire Bezahlung in der freien Literaturszene. Sie gibt Workshops und unterrichtete von 2018 bis 2021 „Schreiben für Film und Theater“ am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Raphaela Bardutzky lebt in München.

Übersetzerin der polnischen Textteile

Aleksandra Lukosek übersetzt Allgemeintexte, literarische Texte und Familienkorrespondenz aus dem Deutschen ins Polnische. Sie ist zudem Fotografin, Performerin und Filmmacherin und lebt in Leipzig.

Lesungen, Uraufführung, Aufführungen

Lesung eines Ausschnitts am 1. Mai 21 Heidelberger Stückemarkt // szenische Lesung eines Ausschnitts am 26. Juni 21 beim Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele // UA: 18. Juni 2022 im Rahmen der ATT am Deutschen Theater Berlin durch das Schauspiel Leipzig (Lesungen vor der UA nur in Absprache mit den Autor*innentheatertagen, dem DT Berlin und dem Schauspiel Leipzig möglich).

Preise und Auszeichnungen

Publikumspreis beim Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele 2021, Gewinnerstück bei den Autor:innentheatertagen 2022.

English version
[translation: Blažena Radas]

  • Title of the piece: Fischer Fritz
  • Author: Raphaela Bardutzky; Translations into Polish by Aleksandra Lukosek. (By way of explanation: there is a Polish-speaking character in the play. Individual sentences – about 5% of the text of the play – were translated by A. Lukosek).
  • Place and time of writing: Munich, fall/winter 2020/21
  • Kiepenheuer Bühnenvertrieb Berlin-Dahlem

Short summary of contents

1 lady, 2 gentlemen

Fritz is an original Bavarian and a third-generation fisherman. Now, he is suffering from illness, so much that he needs outside help every day. His son Franz, a barbershop owner who has moved from the provinces to Munich some time ago, pleads for a nursing home in the city.

But Fritz doesn’t want to leave the house and the river, not for anything. So now a live-in caregiver from Poland is supposed to fix it.. But does she even know German? The young Piotra has actually dreamed of going out into the big wide world after her training. Now she compensates for her loneliness in the Lower Bavarian wasteland with Spotify and chats with Borys, the Polish bus driver.

Until then, she looks after her patient, around the clock every day – except Mondays, when it is Franz’s day and Piotra has the day off. At least she can score points with Fritz for her delicious fish dishes and tries hard to communicate with the old man.

The author has empathy for her characters and plays with language to theatrical effect, role patterns and contrasts. High German, Bavarian and Polish are spoken, often in proverbs and tongue twisters. And the social environment also has its say, when city and country, age and youth, desires and reality meet full of comedy and seriousness.

Short introduction of the author

Raphaela Bardutzky studied dramaturgy, philosophy and literature at the Bavarian Theater Academy August Everding and the LMU Munich. Afterwards she worked as a script consultant and editor in the art house film sector. Together with Theresa Seraphin, she founded the „Netzwerk der Münchner Theatertexter*innen“ in 2016. In 2017, her play „Wüstling“ was awarded the Münchner Literature Scholarship in 2017. Her drama „Fischer Fritz“ received nominations for the 2021 Heidelberg Stückemarkt and the „Förderpreis für Neue Dramatik“ at the Münchner Kammerspiele, where it was awarded the audience prize. „Fischer Fritz“ was one of the winning plays at the Autor:innentheatertage 2022. Since 2019, Raphaela Bardutzky has been part of the curatorial team of the LIX reading series at Munich’s Theater HochX. Furthermore, she is committed to the Independent Reading Series Association for sensible structures and fair payment in the independent literary scene. She gives workshops and taught from 2018 to 2021 „Writing for Film and Theater“ at the Institute for Theater Studies at LMU Munich. Raphaela Bardutzky lives in Munich.

Aleksandra Lukosek translates general texts, literary texts and family correspondence from German into Polish. She is also photographer, performer and filmmaker and lives in Leipzig.

Publisher: Kiepenheuer Bühnenvertrieb (supervised by Anke See, see@kiepenheuer-medien.de)

Readings, premieres, performances:

Reading of an excerpt on 1 May 21 Heidelberger Stückemarkt // staged reading of an excerpt on 26 June 21 at the Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele // premiere: June 18, 2022 as part of the ATT at the Deutsches Theater Berlin by Schauspiel Leipzig (readings prior to the premiere only by arrangement with the Autor*innentheatertage, DT Berlin and Schauspiel Leipzig possible)

Funding: none

Prizes and awards:

Audience Award at the Förderpreis für Neue Dramatik der Münchner Kammerspiele 2021, winning play at the Autor:innentheatertage 2022

Heinz Schwarzinger zu Autorin und Text

SOLIDARITÄT MIT DER UKRAINE

Foto: Facebookseite Неда Неждана (Neda Nejdana) https://www.facebook.com/profile.php?id=100000924970902 

Das Theater ermöglicht einen besonderen Blick auf Wirklichkeiten. Neda Nejdana, Kiew, Persönlichkeit des ukrainischen Theaters und Koordinatorin des Ukrainischsprachigen Komitees EURODRAM hat sich in einem Hilferuf an uns gewandt. Als Beitrag zum Verständnis des Krieges in der Ukraine stellt sie drei ihrer Texte in englischer Sprache zur Lektüre bereit. Heute, 23.04.2022, erreicht uns zusätzlich eine deutsche Übersetzung des Stückes MAIDAN INFERNO von Neda Nejdana. Sie können alle Texte von dieser Seite herunterladen:

Zusendung Mail Neda Nejdana an deutschsprachiges Komitee Eurodram 29.04.2022:
Bei Interesse an Veröffentlichung oder Inszenierung wenden Sie sich bitte direkt an Neda Nejdana Неда Неждана <nedanejdana@yahoo.com> oder an das deutschsprachige Komitee Eurodram vieuxloup@t-online.de 

Leider liegen uns über MAIDAN INFERNO hinausnoch keine deutschsprachigen Übersetzungen vor. Der Verlag L’Espace d’un instant (Dominique Dolmieu, Eurodramgründer und langjähriger Vorsitzender, Mitglied des französischsprachigen Komitees und des Verwaltungsausschusses EURODRAM) hat aber viele Stücke und Texte unkrainischer Autor*innen und Texte aus dem Eurodram-Sprachraum mit thematischem Bezug in französischer Sprache herausgebracht:

De Tchernobyl à la Crimée. Panorama des écritures théâtrales contemporaines d’Ukraine, sous la direction de Dominique Dolmieu et Neda Nejdana (contient notamment Arzy de Rinat Bektashev, seule œuvre littéraire traduite du tatar de Crimée en français)

Maïdan Inferno , de Neda Nejdana, traduit de l’ukrainien par Estelle Delavennat, Christophe Feutrier et Tatiana Sirotchouk, préface de Michel Corvin

Hymne de la jeunesse démocratique, de Serhiy Jadan, traduit de l’ukrainien par Iryna Dmytrychyn

Au début et à la fin des temps, de Pavlo Arie, traduit de l’ukrainien par Aleksi Nortyl et Iulia Nosar, préface de Bruno Boussagol

Mauvaises routes, de Natalka Vorojbyt, traduit de l’ukrainien par Iryna Dmytrychyn (parution imminente)

Une moisson en hiver. Panorama des écritures théâtrales contemporaines de Biélorussie, sous la direction de Larissa Guillemet et Virginie Symaniec

La Récolte, de Pavel Priajko, traduit du russe (Biélorussie) par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec

Les Gens d’ici, de Ianka Koupala, traduit du biélorussien par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec, préface de Marie-Christine Autant Mathieu

Génération jeans, de Nikolaï Khalezine et collectif (Théâtre libre de Minsk), traduit du russe, du biélorussien et de la trasianka (Biélorussie) par collectif, préface de Jean-Pierre Thibaudat

Une heure et dix-huit minutes, de Eléna Gremina et Mikhaïl Ougarov (Teatr.doc de Moscou), traduit du russe par Gilles Morel et Tania Moguilevskaia, préface de Cécile Vaissié

Les Voisins, de Sergueï Guindilis, traduit du russe (Russie et Biélorussie) par Boris Czerny, préface de Benoît Vitkine

La Montagne des langues. Anthologie des écritures théâtrales du Caucase, sous la direction de Dominique Dolmieu et Virginie Symaniec, préface de Bernard Outtier

Le Sang et la cendre, de Mouradine Olmez, traduit du russe (Kabardino-Balkarie) par Larissa Guillemet et Virginie Symaniec, préface de Antoine Alexiev

Les Loups, de Moussa Akhmadov, traduit du tchétchène par Aboubakar Abayev et Camille Sirota, préface de Mylène Sauloy

Remontée, de Gagik Ghazareh, traduit de l’arménien par Anaïd Donabédian, Kegham Nigoghossian et Shaga Yuzbashyan, préface de Edward Balassanian

FUCK YOU, Eu.ro.Pa !, de Nicoleta Esinencu, traduit du roumain (Moldavie) par Mirella Patureau, préface de Véronika Boutinova

Le Président vient te voir ce soir, de Lasha Boughadzé, traduit du géorgien par Clara Schwartzenberg et collectif
Bei Interesse  wenden Sie sich bitte direkt an Dominique Dolmieu agence@parlatges.org oder an das deutschsprachige Komitee Eurodram vieuxloup@t-online.de

Uns ist bewusst, dass der Hinweis auf diese Texte nur ein sehr kleiner Beitrag zur Solidarität mit der Ukraine ist. Aus unserer Sicht stellen Sie in ihrer Ausrichtung aber alle einen Apell zur sofortigen Beendigung des Krieges dar. Vielleicht können sich Übersetzungen ins Deutsche, Veröffentlichungen und Inszenierungen ergeben. Das Theater kann mit seinen Mitteln die Menschen in der Ukraine und die Demokratie in ihrem Kampf gegen die Vernichtung und auf dem Weg zu Frieden und Feiheit unterstützen.

Siehe hierzu auch die Absichtserklärung deutscher Theater und Theaterinstitutionen vom 14. März 2022.