INTERVIEW mit Ulrike Syha, Autorin von „Der analoge Mensch“

Christian Mayer von Eurodram interviewt die Autorin Ulrike Syha.

CM: Liebe Ulrike, dein Stück „Der analoge Mensch“ ist heuer als einer von drei Siegertexten aus dem Eurodram-Wettbewerb hervorgegangen. Für diesen Theatertext hast du auch einen der Hamburger Literaturpreise 2023 in der Kategorie „Lyrik, Drama, Experimentelles“ erhalten.

Dem Stück vorab stellst du eine Anmerkung. Darin heißt es: „Wir befinden uns in einem Theater…oder an den Bildschirmen zuhause…“

Mit dem WIR sind also die Zuschauenden bzw. Lesenden gemeint. Tatsächlich teilen wir mit den Figuren Erfahrungen, die wir wahrscheinlich alle auf die ein oder andere Weise in den Coronajahren gemacht haben: Die kleinen Missgeschicke bei Online-Konferenzen…

Wie kamst du auf dieses Setting, und kannst du bitte zunächst ein wenig beschreiben, welche Grundsituation wir im Stück vorfinden? 

US: Vielleicht sollte ich vorab sagen, dass ich ein durchaus digitalaffiner Mensch bin. Auch wenn mein technisches Verständnis zu wünschen übriglässt, hat mich immer fasziniert, was in digitalen Welten und auf digitalen Plattformen möglich ist. Meine Auseinandersetzung mit dem Thema begann also lange vor der Pandemie und war nicht wirklich durch sie ausgelöst. Die Pandemie war für viele von uns eine schwierige oder gar traumatische Erfahrung, aus den unterschiedlichsten Gründen. Der digitale Teil daran war für mich persönlich aber nie das größte Problem.

„Der analoge Mensch“ ist für mich daher keine Reaktion auf die Pandemie, sondern eher eine auf die unmittelbare Zeit danach. Als die Welt wieder mehr und mehr zur Normalität zurückkehrte, und alle so froh waren, endlich wieder gemeinsam in analogen Räumen herumhocken zu können. Gegen gemeinsames Rumhocken habe auch ich nichts einzuwenden (hin und wieder), aber ich war doch sehr erstaunt über die Vehemenz, mit der mir immer wieder von anderen (besonders aus dem Kulturbereich) gesagt wurde, dass alles Digitale direkt an unserer Menschlichkeit rüttelt. Dass wir nicht in der Lage sind, online wirklich Freundschaften zu entwickeln oder gar Empathie. Oder auch nur nachhaltige Erfahrungen.

Und ich habe mich gefragt – ist das wirklich so? Sind wir wirklich so extrem anders, wenn wir offline sind? Setzt digitale Kommunikation wirklich menschliche Grundwerte außer Kraft?

CM: Mir kommt vor, du zeigst das Menschliche am Menschen, nämlich Ängste und Zweifel, aber auch Täuschung, Verstellung.

Gwen sagt einmal: „Sie wollen sehen, welche der fiktionalen Räume, die in unseren Köpfen entstehen, wir als Realität akzeptieren…“

Und auch andere Momente, wie der erfundene Ehemann inklusive Ehering von Gwen, ist ein Infragestellen von Authentizität, ein Spiel von Fiktion und Realität und zwar ganz unabhängig und außerhalb von digitaler Realität, nämlich in unserem analogen Leben.

Welche Fragen oder Widersprüche haben dich hier interessiert?

US: Selbst Fake News wurden ja nicht vom Internet erfunden; sie verbreiten sich dort nur deutlich schneller als „im echten Leben“.

Mit dieser Fragestellung – Sind wir wirklich im analogen Leben andere Menschen? – bin ich in das Stück gestartet. Für mich sind Stücke immer auch Versuchsanordnungen. In „Der analoge Mensch“ ist das Grundsetting ein Tonstudio, in dem ein Podcast aufgenommen werden soll. Manche der Beteiligten sind vor Ort, andere nur über Screens im Hintergrund zugeschaltet. Außerdem gibt es einen versteckten Nebenraum, den wir am Anfang noch nicht sehen können. Die Menschen, die da miteinander ins Gespräch kommen, kennen sich größtenteils nicht. Sie befinden sich an unterschiedlichen Orten, weit entfernt voneinander. Dann passiert etwas Unerwartetes, die Situation im Tonstudio selbst eskaliert. Wie verhalten sich die Beteiligten? Wer glaubt wem, welche Allianzen bilden sich? Ändert es etwas, dass nicht alle live vor Ort sind? Um diese Fragen kreist das Stück.

Christian Mayer (Eurodram) im Gespräch mit der Autorin Ulrike Syha
DramatikerInnenfestival Graz 2026
© Noemi Conesa


CM: Dein Text beginnt direkt, wir steigen mitten im Geschehen ein. Ich finde, man merkt hier – und auch in vielen deiner Stücke – auf angenehme Weise deinen Background, dein Wissen um die Theaterpraxis. Bei aller erzählerischer Raffinesse bleiben deine Texte nicht Literatur, sondern geben gute Spielkonstellationen vor, und die Charaktere lassen sich gut ausgestalten…. Auch dieser Text hat Tempo, Witz, funktioniert über die Dialoge.

Gleichzeitig bleibt die Textdramaturgie spannend, weil sie Wendungen, Überraschungen bereithält und immer wieder falsche Fährten legt.

Hast du die Notwendigkeit zur szenischen Umsetzbarkeit beim Arbeiten an deinen Texten immer im Hinterkopf?

Und wie baust du sowas? Hast du mehrere Stränge und die verwebst du dann oder schreibst du von vorne nach hinten durch?


US: Ich musste bei der Frage fast etwas schmunzeln. Denn das mit der Umsetzbarkeit sehen Regisseur:innen und Dramaturg:innen häufig etwas anders als ich (Schauspieler:innen wiederum nicht ganz so sehr). Ich habe schon öfter bei Gesprächen mit Theaterleuten gehört, dass meine Texte stark hermetische Systeme sind, die wenig Raum für Regiehandschriften lassen. Das mag sogar stimmen – ist aber im Endeffekt vielleicht bei vielen plotgetriebenen Stücken so.

Das Hermetische und der Hyperrealismus in einigen meiner Stücke hat aber wiederum den positiven Nebeneffekt, dass sie sich auch von Nicht-Theater-Profis relativ einfach lesen oder erschließen lassen.

Ich baue in meinen Stücken immer eigenständige Welten; das ist im Grunde der Antrieb meines Schreibens. Ich möchte Geschichten erfinden, Welten bauen und sie bevölkern. Bisschen wie früher am Lagerfeuer. (Oder so stelle ich mir das vor.)

Ich baue meine Texte sehr genau. Ich sehe sie immer auch als Textarchitekturen, entwickelt für eine spezifische Raumlösung. Das Erste, was entsteht, ist meist ein Gefühl für den generellen Ablauf einer Textstruktur. Eine Art Partitur, aber mit visuellen Aspekten. Dann kommen die ersten Figuren dazu. Und nach und nach weitere.

Ich baue sehr lange an der Geschichte, bevor ich überhaupt mit dem Schreiben beginne. Der eigentliche Schreibprozess nimmt dann manchmal weniger Raum und Zeit ein als die Konzeption davor.

CM: An einer Stelle benennt eine Figur ganz explizit „den analogen Menschen“ als Gegenteil zur Welt des Digitalen…. An anderer Stelle heißt es sorgenvoll: „Wie wollen wir helfen, wenn wir nicht wissen, wo Kai ist?

Und die Ava-Figur dekliniert ja die Sorgen um die digitale Welt eher als ein Hinterfragen durch.

Wie ist deine persönliche Einschätzung zum Themenfeld des Digitalen?

US: Ich denke, das Digitale ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es ist Teil unserer Welt, unserer Gegenwart. Also ist es auch Teil der Geschichten, die wir uns erzählen. Das bedeutet für mich nicht, dass deshalb zwangsläufig jeder Text Digitalität, KI oder das Internet thematisieren muss, sei es in Form oder Inhalt. Aber das Sujet schwingt im Hintergrund mit; ich denke, man kann das nicht ausblenden.

Mich interessiert dabei am meisten, wie digitale Phänomene unsere Geschichten verändern – oder die Form, in der wir sie erzählen. Welche Geschichten erzähle ich im 21. Jahrhundert, in meiner Jetzt-Zeit, an der ich selbst teilhabe, die sich im 20. Jahrhundert noch nicht hätten erzählen lassen? Welche Figurenkonstellationen, welche Konflikte, welche Formen ergeben sich daraus?

„Der analoge Mensch“ beim DramatikerInnenfestival Graz – EURODRAM DRAMA WALKS 2026
© Noemi Conesa

CM: Ich finde unter der Handlung und den Diskursen liegt in deinem Text auch eine andere Schicht, die mit bestimmten Erzählmotiven oder vielleicht kann man auch sagen, Genres, zu tun hat.

Die Figur Gwen z.B., obwohl von ihrer Profession her Astrophysikerin, scheint psychologisch geschult, agiert deeskalierend, moderierend. Bei der Figur Ava weiß man gar nicht wie real sie wirklich ist; fast science-fiction-haft. Insgesamt liegt auch eine Art Psychokrimi in der Luft, mit diesem Klaustrophobischen…

Welche anderen Genres oder settings hattest du im Kopf beim Schreiben? Welche Gefühle und Reaktionen soll oder kann der Text bei den Zuschauer:innen auslösen?

US: Ich habe grundsätzlich eine große Offenheit gegenüber Genres aller Art. Das hängt wahrscheinlich mit meiner Kernwunsch zusammen, Geschichten mit möglichst spannenden Plot-Wendungen zu erzählen. Viele meiner Texte enthalten Krimi-Elemente, ohne zwingend richtige Krimis zu sein. Ich brauche immer eine gewisse Form von Spannung, ein bisschen Geheimnis, eine unerwartete Entwicklung. Einige meiner Texte gehen auch in eine Science-Fiction-Richtung, wobei ich „Der analoge Mensch“ nicht darunter subsumieren würde. Wenn überhaupt, wäre das für mich ein Psychothriller mit Augenzwinkern – wenn es so etwas denn gibt. (Wenn nicht, dann habe ich es gerade erfunden.)

Außerdem interessiert mich die Auseinandersetzung mit Wissenschaft und ihren Themen. Das ist für mich eher das Ergebnis meiner persönlichen Erfahrungen während der Pandemie. Gerade in dieser Zeit ist bei mir der Wunsch entstanden, Wege zu finden, wie man wissenschaftliche Stoffe und wissenschaftliche Anliegen auf der Bühne umsetzen kann. Wie man Figuren von Wissenschaftler:innen gestalten kann, die auch etwas mit den wirklichen Wissenschaftler:innen unserer Zeit und ihren Arbeitsbedingungen zu tun haben, und nicht nur mit einer verklärten Hollywood-Vorstellung davon.

CM: Lass uns abschließend noch über das Schreiben an sich sprechen. Ich möchte mich erkundigen, wie ist denn die Situation für freischaffende Theaterautor:innen?

Dieser Tage sprach ich mit einem Musikerkollegen, der erzählt, seine Branche ist in Aufruhr zum Thema KI. Zudem hat sich das Rezeptionsverhalten verändert. Wie ist das im Theaterbereich? Du blickst auf eine lange und gute Karriere zurück. Ich finde mind. 20 Theaterstücke von dir beim Rowohlt Theater Verlag verlegt. Sehr erfolgreich bist du auch im Übersetzen von Theaterstücken, u.a. von Martin Crimp. Du hast beachtliche Ehrungen in Form von Preisen und Stipendien erfahren; u.a. warst du zwei Mal für den bedeutenden Mülheimer Dramatikpreis nominiert.

Blickst du gelassen auf deine Profession oder gäbs was, was du den Neueinsteigern raten wollen würdest?

US: Gelassen wäre vielleicht zu viel gesagt, bei den fast überall drohenden Einsparungen im Kulturbereich und dem sich weiter verstärkenden Rechtsruck in der Gesellschaft.

Auch die Auftragslage für Bühnenautor:innen war im Allgemeinen schon mal besser, das kann man schon so konstatieren.

Dafür gibt es viele Gründe, zum Beispiel den völlig legitimen Bedarf an anderen Projektformen, die mehr auf performative Aspekte oder Partizipation ausgerichtet sind oder in einem sehr speziellen Kontext einer Stadt oder Community entstehen. Diese Textvorlagen eignen sich dann oft aber nicht dazu, an anderen Orten erneut umgesetzt zu werden. Solche Zweitproduktionen waren von jeher aber eine wichtige Einnahmequelle für Autor:innen, denn extrem gut bezahlt sind selbst Stückaufträge im Durchschnitt nicht (der daraus resultierende Stundenlohn lässt selbst Kulturpolitiker:innen manchmal zusammenzucken).

Ich beobachte allerdings auch, dass (unter dem Label der drohenden Sparmaßnahmen) manche (und nein, beileibe nicht alle!) Theater den Druck aus der Politik und den Verwaltungen an die Künstler:innen weitergeben, in Form noch niedrigerer Honorare. Verbunden ist das besonders im Bereich Textproduktion oft mit einem diffusen KI-Untergangsszenario: Wenn von euch höhere Honorare gefordert werden, dann stellt bald überhaupt niemand mehr echte Autor:innen und Übersetzer:innen ein, sondern alle geben den Auftrag direkt an die KI. Und die KI wird uns und die Kulturbranche dann alle hinwegfegen.

Na ja. Bekanntlich ist das mit dem Hinwegwehen ja gerade dann ein Problem, wenn Gemeinschaften oder Verbindungen nicht zusammenhalten. Und ich denke, wir sitzen ohnehin alle in einem Boot – Theater, Theaterangestellte, Verlage und Urheber:innen. Und sollten uns daher untereinander auch fair und solidarisch behandeln.

Das zur allgemeinen Lage des Berufsstandes. (Als ehemaliges Vorstandsmitglied des Verbandes der Theaterautor:innen kann ich da leider nicht aus meiner Haut.)

Wie sieht die Lage nun in Bezug auf mich selbst aus?

Also, mit meiner Karriere lief es auch schon mal besser. Aber gerade hat sie nach einer längeren Durststrecke wieder etwas an Fahrt aufgenommen. Ich will in dem Punkt ganz offen sein, auch nach außen hin. Es gibt keinen Grund, sich Kunstproduktion als Beruf schön zu reden.

Gerade der mittlere Karriereteil ist für viele Autor:innen oft hart. Für zahlreiche Förderungen kommt man nicht mehr in Frage; man hat oft die Doppelbelastung durch Familie und / oder Pflege zu stemmen; die Leute in den Theatern, mit denen man über Jahre Allianzen geschmiedet hat, gehen in Rente oder kehren aus der Elternzeit nicht wieder zurück. Man muss sich also in regelmäßigen Abständen vieles neu erarbeiten. Wieder neue Netzwerke bilden. Neue Teams formen. Das schlaucht.

Und, na ja, dass Frauen mittleren Alters ohnehin eine gesellschaftliche Gruppe sind, die gerne mal in die Unsichtbarkeit rutscht, muss ich wohl nicht groß erläutern. Aber Aufgeben ist halt irgendwie auch nicht die richtige Alternative.

Einen Rat an Berufseinsteiger:innen? Hm. Sich einzugestehen, dass ein zweites Standbein nie schaden kann, auch wenn es gerade anfangs vielleicht Karrierephasen gibt, in denen es mit den Aufträgen gut läuft. Sich untereinander vernetzen, auch den Austausch suchen über unkünstlerische Themen wie Gagen. Und ansonsten: Unbedingt weiterschreiben, gerade in diesen Zeiten.

„Der analoge Mensch“ beim DramatikerInnenfestival Graz 2026 © Noemi Conesa
Von links nach rechts: Anja Jemc (szenische Einrichtung), Amrito Geiser, Alina Kesselbacher, Fanny Holzer und Sebastian Thiers (SchauspielerInnen).



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