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Caren Jess im Gespräch über ihre Arbeit und das Stück AVE JOOST

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Caren Jess, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Caren Jess am 25.05.2024 um 12:30 Uhr beim DramatikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Caren Jess, Wolfgang Barth

Wolfgang Barth: Liebe Caren, ich freue mich, dass ich dir Fragen stellen darf und wir ein Gespräch führen können.

Caren Jeß: Ich freue mich auch sehr.

WB: Sag einmal, was bringt dich dazu, Theaterstücke zu schreiben? Dafür muss es doch eine Lust geben. Oder bekommst du Aufträge und arbeitest sie ab? Was ist dein Antrieb? Wo kommt deine Kraft her?

CJ: Ich arbeite nicht einfach Auftragswerke ab. An dramatischer Sprache interessiert mich einmal, dass sie laut ist. Dass ich Text schreibe, der einen Körper bekommt und der gesprochen und gespielt wird, der also nicht in Köpfen und still bleibt. Weiter fasziniert mich an Dramatik und Theater, dass wir Texte schreiben, die immer noch mal eine weitere künstlerische Übersetzung erfahren, also so, wie sie da stehen, so wie sie geschrieben wurden, noch nicht fertig sind.

Theaterarbeit ist keine Einzeltäterschaft.

WB: Du kennst diesen Satz: „Ohne die Realität funktioniert die Fiktion nicht.“ Er ist in „Die Katze Eleonore“ einer der Szenentitel. Wenn nun in AVE JOOST Marcus, Bastl und Joost sich in der alten Molkerei zum Schießen treffen, dann erlebt man sehr ungewöhnliche Typen, so als wäre man dabei. Woher weißt du, wie solche Typen sind und wie sie miteinander reden?

CJ: Da sind jetzt, glaube ich, verschiedene Antworten nützlich. Zuerst einmal: Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen und alle sind Bauarbeiter. Alle haben jeweils andere Lebensalltage, die sich wirklich sehr von meinem unterscheiden. Das schätze ich sehr, weil meine Familie mich immer wieder aus dieser einen Blase herausreißt, in der ich mich befinde, und ich merke, dass Bildungshintergründe oder soziale Bedingungen andere Leben prägen. Das finde ich bereichernd.

Joost, Markus und Bastl sind nicht die größten Sympathieträger. Nicht unbedingt. Vielleicht besonders Markus und Bastl nicht. Aber ich begegne auch diesen Figuren mit einer gewissen liebevollen Neugierde.

WB: Wenn ich da noch einmal nachhake: Was interessiert dich mehr? Woran hast du mehr Freude oder was ist dir wichtiger: Details der Dialoge und der Beschreibungen in ihrer sprachlichen Ausgestaltung, zum Beispiel bei den Vergleichen oder Metaphern? Oder legst du mehr Wert auf die Aussage, die sich aus der Gesamtkonstruktion ergibt? Gibt es die überhaupt oder liegt der Wert in den Einzelszenen und dem, was dort jeweils geschieht?

CJ: Beides. Ich habe großen Spaß daran, Dialoge zu schreiben oder auch Monologe oder figurenlose performative Texte mit dem Gedanken daran, wie diese Sprache mündlich gut funktionieren kann. Und ich höre gerne zu. Schreiben sättigt sich für mich, indem ich Leuten zuhöre und darauf achte, wie sich Idiome und Codes unterscheiden, zwischen denen wir switchen, wenn wir miteinander reden. Das interessiert mich sehr.

in Ave Joost gibt es aber tatsächlich auch eine Gesamtkonstruktion. Der Ort spielt eine wesentliche Rolle, dieser „Lost Place“ und gleichzeitig „Safe Space“, der fast schon eine Art Nichtort ist, damit aber auch die größte Einladung zur Fantasie. Gleichzeitig ein großer Schutzraum für Einsamkeit. Für mich sind Joost und Malin Figuren, die sich einerseits überhaupt nicht ähnlich sind, sich aber andererseits in diesem verbindenden Gefühl von Einsamkeit begegnen.

Dieses Moment der Verlassenheit ist für mich ein großes Stichwort bei Ave Joost, ein wesentliches Motiv.

WB: Welches ist deine Lieblingsszene?

CJ: Ad Hoc, ohne darüber nachzudenken, würde ich sagen: die Flechtszene, die Szene, in der Malin Joost einen Zopf flicht. Das ist für mich deswegen spannend, weil es einerseits ungeheuer zärtlich ist, was da passiert, dass Marlin sich einfach durchsetzt und diesem zotteligen alten Verlierertypen die Haare flicht. Und andererseits liegt darin auch etwas Heikles, weil Joost Anfang 40 ist, Malin 14, und die beiden begegnen sich körperlich da sehr nah. Und dann flicht Malin auch noch – es ist zwar nicht ihr Text, aber für mich kommt er ein bisschen aus ihrem Herzen oder aus ihrem Gepräge – dann flicht sie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in die Haare von Joost hinein und fragt gleichzeitig nach Trost. Es geht nicht nur um die Figur Malin, sondern um diesen Akt des Haareflechtens. „Trost“ ist für mich das große Komplementärstück zur „Verlassenheit“, das zweite wichtige Stichwort.

WB: Für mich ist die Flechtszene die zweite Lieblingsszene. Die erste ist die, in der Joost in die Erzählung von Amalie und Amalia einsteigt, in der die beiden plötzlich gemeinsam die Geschichte weiterentwickeln. Amelie gräbt sich mit dem goldenen Löffel aus ihrer Kindheit durch die Erde, weil sie durch einen Tunnel aus der Molkerei in die bessere Welt fliehen und Amalia wiederfinden will, die schon dort ist, und sie weiß nicht, wohin mit der ganzen weggeschaufelten Erde. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als diese Erde zu essen, und daraus entsteht etwas Neues. Das hat mich unglaublich beeindruckt.

Es stellte sich sofort die Assoziation ein: „Staub soll er fressen, und mit Lust, wie meine Mume, die berühmte Schlange“. Das ist Faust, Prolog im Himmel, und das verweist auf die Bibel. Der Mensch muss graben und graben, und dann muss er das alles auch noch schlucken. Malin mag „Goethe-Deutsch“. Hast du das bewusst so angelegt?

CJ: Überhaupt nicht. Finde ich aber total toll, dass du das festgestellt hast, weil für mich das Religiöse in Ave Joost eine große Rolle spielt. Nicht weil wir da gläubige Figuren im Sinne des Christentums hätten. Es gibt aber christliche Motive, die in mein Stück montiert sind und dort wilde Blüten treiben, nicht unbedingt im Sinne der Bibel. Malin eignet sich zum Beispiel dieses Glaube-Liebe-Hoffnung-Ding sehr an.

WB: Das scheint mir das Interessante beim Schreiben: Es geschehen Dinge und es zeigen sich plötzlich Bezüge, die einen umhauen. Die Fiktion erklärt die Realität.

CJ: Diese Szene bedeutet mir auch viel. Für mich war das eines der Überraschungs­momente beim Schreiben. Ich liebe das sehr, wenn sich Schreiben so ein bisschen meiner Intentionslinie entzieht, also Schreiben so ein bisschen sein eigenes Ding macht und ich das eigentlich gar nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe, wer was sagt und denkt und mitteilt. Für mich ist das Joosts Emanzipationsszene. Plötzlich hat dieser Mann total geile Ideen darüber, was da alles in der Erde im Körper der Zwillingsschwester gedeiht und wie sie sich dadurch befreit.

Das war für mich auch absolut berührend. Gleichzeitig liegt auch etwas Tragisches darin, denn es dräut schon ein bisschen der Abgesang auf die Beziehung der beiden, das Ende der gemeinsamen Fantasie.

WB: Das ist ein Stichpunkt. Ich wollte noch ergänzen, dass es auch etwas aussagt, an welcher Stelle Joost am Ende Amelie aus dem Tunnel in die Freiheit auftauchen lässt, nämlich an dem Baum, an dem er sich eigentlich mit Benzin übergießen und verbrennen wollte. Aber dann ist ja plötzlich ganz abrupt Schluss, die Polizei räumt das ganze Ding ab. Man hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Du sagst jetzt, die Beziehung zwischen Malin und Joost ist zu Ende?

CJ: Nein, das sage ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich will das auch nicht wissen. Also das ist für mich ein ganz bewusst gesetzter, offener Schluss. Zum einen hat das etwas mit dem Thema „Vorurteile“ zu tun. Wenn man auf diese vier Figuren schaut, was interpretiert man da so hinein? Was denkt man über sie? Wen hält man für schuldig oder wen findet man verdächtig? Wo sind die eigenen Werturteile schneller als das, was wir tatsächlich da erleben und mitbekommen?

Zum anderen ist für mich der Schluss, der Schuss, der am Ende fällt, überhaupt nicht aufzulösen. Ich könnte nicht sagen und will eben, wie gesagt, auch nicht sagen, wer da erschossen wird. Wird überhaupt jemand erschossen? Vielleicht trifft dieser Schuss etwas ganz anderes? Für mich ging es darum, noch einmal darauf abzuheben, dass sich die, sagen wir mal „Dorfgemeinschaft“ um diese Molkerei herum, sowieso das Maul zerreißen wird. Darüber, was da passiert sein mag, dass das doch nicht in Ordnung ist, wenn da so ein Joost mit so einer Malin…

Und, und, und… All diese Meinungen erzählen am Ende wieder einzelne, eigene Geschichten. Das ist für mich eine nicht enden wollende Fortsetzung von Fiktion oder Fiktionalisierung, von Tatsächlichkeiten. Und ja, das liegt für mich ein bisschen in diesem Schluss.

WB: Zum Schluss noch eine ganz andere Frage. Nicole Desjardins und ich werden Ave Joost ins Französische übersetzen. Hast du einen Tipp, wie wir mit den schwäbischen Einschüben umgehen sollen?

CJ: Ich würde da eine Art Äquivalent suchen. Also vielleicht etwas landschaftlich oder dialektales Französisches. Muss aber auch nicht sein. Für mich ist auch nicht wichtig im Deutschen, dass das Schwäbisch ist. In der Nürnberger Inszenierung war es zum Beispiel Oberpfälzisch. Mir ging es nur darum, dass Marcus und Bastl noch mal ihren eigenen, quasi familiären Code haben, in dem sie sich austauschen und gegen Joost abgrenzen können. Das muss nicht typischerweise schwäbisch sein.

WB: Vielen Dank für das Gespräch, auch insbesondere für den letzten Tipp. Ich hab da schon eine Idee. Kann ich dir gleich noch erzählen. Dankeschön.

CJ: Ja, danke auch.

Rike Reiniger im Gespräch über ihre Arbeit und das Stück „24 frames/sec“

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Rike Reiniger, Wolfgang Barth, DramatikerInnenfestival Graz, 25.05.2024 Foto © Unbekannte Besucherin.
Das Gespräch führte Wolfgang Barth mit Rike Reiniger am 25.05.2024 um 13 Uhr beim Drama¬tikerInnenfestival in Graz anlässlich der Lesungen der Auswahl 2024 des deutsch¬spra-chigen Komitees EURODRAM in der Rösselmühle. © Rike Reiniger, Wolfgang Barth

Wolfgang Barth: Liebe Rike, danke, dass ich dieses Gespräch mit dir führen darf.

Rike Reiniger: Sehr gerne.

WB: Wir sind ja alte Bekannte, du und EURODRAM schon länger und jetzt auch ich über EURODRAM seit der Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees mit deinem Stück RISSE IN DEN WÖRTERN. Heute soll es um dein Stück der Auswahl 2024 gehen, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms.

Wie bist du mit Lotte Reiniger verwandt?

RR: Gar nicht, sondern ich habe meinen Nachnamen zur Hochzeit bekommen von meinem Mann. Sein Großvater war ein entfernter Cousin von Lotte.

WB: Was war für dich das Hauptinteresse an diesem Stück? Warum hast du es geschrieben?

RR: Lotte ist eine faszinierende Persönlichkeit, die ich überhaupt nicht zu greifen bekommen habe vorher. Sie verfolgt einfach ihre Kunst so ganz extrem eigensinnig und ohne beeinflusst zu werden von Dingen wie Ruhm oder dem, was gerade angesagt ist. Das fand ich spannend. Diesen Fokus. Sie sagt: Mich interessiert Trickfilm und mich interessiert nicht nur Trickfilm allgemein, sondern mich interessiert Trickfilm mit Silhouetten. Das hat Lotte durchgezogen über 60 Jahre, das finde ich faszinierend, darauf wollte ich den Blick richten.

WB: Das Stück könnte man ansehen als ein eher historisch orientiertes Theaterfeature. Wie siehst du es? Liegt der Wert in der unglaublichen Menge von Informationen über sehr zahlreiche Personen der Zeitgeschichte? Oder gibt es, damit verknüpft, in der Hauptsache eine universelle Aussage?

RR: Ja, auf jeden Fall, sonst wäre das, glaube ich, uninteressant. Also ich hoffe, dass das Stück interessant ist. Die vielen Personen dienen in gewissem Sinne als „Abstandgeber“. Wenn da, zum Beispiel, Brecht vorkommt und andererseits Lotte, dann wird sehr deutlich, was die beiden unterscheidet, dass Lotte eben einfach ihr Ding durchzieht und das auch sehr alleine, dass sie kaum auf öffentliche Aufmerksamkeit bedacht ist. Und wenn ich Brecht dazu montiere, dann sagt es was über die Person. Durch den Unterschied.

Und so verhält es sich mit den anderen Figuren auch, sie haben alle unterschiedliche künstlerische Entwürfe.

WB: Die „Autorin“ im Stück selbst will nicht, dass die Bekanntschaft Lottes mit Brecht Teil des Stückes wird. Du als Autorin hast ja die „Autorin“ des Stückes geschaffen. Warum wolltet ihr nicht, dass Brecht da reinkommt und wieso ist er dann schließlich doch drin?

RR: Mir ist aufgefallen, dass oft, wenn über Lotte gesprochen wird, zur Sprache kommt, dass sie eine Freundin von Brecht war. Das finde ich sehr ungerecht, denn das macht nur einen winzigen Teil ihrer Identität aus. Sie war sehr, sehr vieles andere. Vor allen Dingen war sie eine selbstbewusste, eigenständige Künstlerin.

Ich musste also Brecht erwähnen um zu kritisieren, dass er im Zusammenhang mit Lotte ständig erwähnt wird. Die berühmte Person Brecht wird praktisch zum Bewertungsmaßstab für die etwas weniger berühmte Person, auf die mehr Licht fällt, weil sie mit einem berühmten Mann befreundet war. Das kritisiere ich.

WB: Und das Theater gibt dir dazu gute Tricks an die Hand. Du hast drei Personen geschaffen, die „Autorin“, das „Zitat“ und den „Fakt“. Eine Person, die „Autorin“, verbietet explizit, Brecht zu erwähnen, und begründet dies auch in deinem Sinne, und die beiden anderen, „Zitat“ und „Fakt“ machen es dann einfach trotzdem.

RR: Ähnlich ging es mir mit dem Mäzen, Ludwig Hagen, einem berühmten Bankier, der gleichzeitig noch viel mehr war und der es Lotte ermöglicht hat, ihren Film zu drehen. Er war reich, sah gut aus und war Familienvater. Wenn aber von ihm die Rede ist, wird immer seine Identität als jüdischer Bankier hervorgehoben. Auch hier würde ich ein Fragezeichen setzen.

WB: Das hast du im Text ja auch getan.

RR: Ja. Ich erwähne das und stelle gleichzeitig in Frage, ob es erwähnt werden muss.

WB: Liebe Rike, du bist ja quasi ein Beispiel dafür, was in der Folge geschehen kann, wenn man bei EURODRAM Stücke einreicht. Könntest du das kurz beschreiben, auch mit Blick auf Ereignisse zwischen den Auswahlen?

RR: Ja. Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit EURODRAM 2014/15 durch die Übersetzung meines Stückes „Zigeuner Boxer“ durch Gülen İpek Abalı ins Türkische, die beim türkischsprachigen Komitee eingereicht und dort in die Auswahl 2015 gewählt wurde. Das Stück wurde dann in der Türkei mehrfach inszeniert.

Das zweite Mal war, als das Stück „Risse in den Wörtern“, das schon eine Uraufführung erlebt hatte, in die Auswahl 2022 des deutschsprachigen Komitees gewählt und am Theaterhaus G7 in Mannheim vorgestellt wurde. In der Folge gab es dann in Mannheim eine Neuinszenierung. Das Stück wurde durch Nicole Desjardins ins Französische übersetzt und dann beim französischsprachigen Komitee eingereicht.

Bei der Vorstellung in Mannheim sprach mich Raffaela Bardutzky an, die mit „Fischer Fritz“ ebenfalls in die Auswahl gekommen war, und fragte mich, ob ich beim Programm „Tour des textes“ mitmachen wollte. Dies war dann tatsächlich der Anstoß, das Stück über Lotte Reiniger zu schreiben. Dabei hat mich übrigens auch die ungarische Petöfi Stiftung mit einem Stipendium in Pécs unterstützt. „24 frames/sec“ kam dann in die EURODRAM Auswahl 2024 und wurde jetzt hier in Graz vorgestellt. Das finde ich großartig.

WB: Ja, und seit unserem Gespräch gestern verfolgen wir ja die Idee, dass es vielleicht ins Tschechische übersetzt wird – immerhin stammt Lotte Reinigers Familie aus Marienbad und sie bekam dort als Kind wichtige künstlerische Anregungen.

Möchtest du zum Abschluss des Gesprächs noch etwas hinzufügen?

RR: Ich bin absoluter Fan eines solchen länderübergreifenden Netzwerkes besonders deshalb, weil es mir gefällt, mit all diesen verrückten Sprachen umzugehen. Gestern erzähltest du, dass es bei EURODRAM unter anderen ein isländisches, ein georgisches und ein estnisches Komitee gibt. Oft frustriert mich das Globish English im internationalen Kontext. Deshalb finde ich es toll, wenn Stücke in ihren Originalsprachen eingereicht werden und dann vielleicht die Reise durch die anderen Netzwerksprachen antreten.

WB: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Info Fabienne Dür, Gelbes Gold

Foto © Felix Theissen
Translated into English by Blažena Radas
Besondere Erwähnung bei der Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM / Special mention in the 2024 selection of the German-speaking EURODRAM committee
Fabienne Dür, Gelbes Gold, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2021; UA 02.12.2022 Staatstheater Kassel

Die Autorin / The author

Fabienne Dür studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin, in kollektiven Theaterprojekten als Co-Autorin und Regisseurin und ist Dramaturgin an der Vaganten Bühne Berlin. Ihre Theatertexte wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der Jugendjury der Mülheimer Theatertage für LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER.

Fabienne Dür studied Theatre Studies and German Philology at the Free University of Berlin and Scenic Writing at the Berlin University of the Arts. She works as a freelance author, in collective theatre projects as a co-author and director and is a dramaturge at Vaganten Bühne Berlin. Her theatre texts have won several awards, most recently the Mülheim Theatre Days Youth Jury Prize for LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER.

Das Stück / The play

Kurz vor ihrem Studienabschluss in der Großstadt kommt Ana zurück in ihren Heimatort in städtischer Randlage, ein Zwischenreich, das sich durch Stille und Weite, aber auch durch kleinbürgerliche Enge auszeichnet. Hier betreibt Anas Vater Fritz inmitten einer Plattensiedlung mit Hingabe und Leidenschaft eine mehr schlecht als recht gehende Pommesbude – auf der manischen Suche nach der perfekten Pommes-Zubereitung. Seine Lebensgefährtin Mimi, Aushilfe im Imbiss, zeigt für diese verzweifelte Goldsuche jedoch nur wenig Verständnis, hat sie sich doch ein anderes Leben erhofft. Ähnliches gilt für Juli, Anas alte Freundin, die nie rausgekommen ist und in der örtlichen Kita arbeitet.

Und über alledem schwebt nicht nur provinzieller Fettgeruch, sondern auch eine existenzielle Bedrohung durch ein geplantes Outlet-Center und die Abrisskräne im Hintergrund.

Shortly before graduating from university in the big city, Ana returns to her hometown on the outskirts of the city, an in-between realm characterised by tranquillity and space, but also by petit-bourgeois narrowness. Here, Ana’s father Fritz runs a poorly-run French fries shop in the middle of a housing estate with dedication and passion – on a manic quest to prepare the perfect French fries. However, his partner Mimi, who helps out in the snack bar, shows little understanding for his desperate search for gold, as she had hoped for a different life. The same goes for Juli, Ana’s old friend, who has never got out and works at the local day-care centre.

And it’s not just a provincial smell of grease that hangs over all of this, but also an existential threat from a planned outlet centre and the demolition cranes in the background.

Förderungen, Preise / Grants, awards

2023 Nominierung als beste Nachwuchsautor*in im Theater heute-Jahrbuch für GELBES GOLD und LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER
2023 Preis der Jugend-Jury bei den Mülheimer Theatertagen für LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER
2022 Nominierung als beste Nachwuchsautor*in (gemeinsam mit Senita Huskić) im Theater heute-Jahrbuch für „Fliegende Eier von Sarajevo“
2021 Nominierung für den Berliner Kindertheaterpreis mit WARTEN AUF SCHNEE
2021 Nominierung für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts mit GELBES GOLD
2019 Leonard-Frank-Stipendium des Mainfrankentheater Würzburg
2018 Sonderpreis des Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreises

2023 Nomination as best young author in the Theater heute-yearbook for GELBES GOLD and LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER
2023 Prize of the youth jury at the Mülheim Theatre Days for LUFT NACH OBEN ODER GAME OVER
2022 Nominated as best newcomer playwright (together with Senita Huskić) in the theatre heute yearbook for „Fliegende Eier von Sarajevo“
2021 Nomination for the Berlin Children’s Theatre Prize with WARTEN AUF SCHNEE
2021 Nominated for the Heidelberg Play Market Author Award with YELLOW GOLD
2019 Leonard Frank Scholarship of the Mainfrankentheater Würzburg
2018 Special prize of the German Children’s and Youth Theatre Award


Info Fayer Koch, Anorexia Feelgood Songs

Foto © Fayer Koch
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Translated into English by Blažena Radas
Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM / Selection 2024 of the German-speaking EURODRAM committee
Fayer Koch, Anorexia Feelgood Songs, Rowohlt Theaterverlag, Leipzig / Hamburg 2021; UA 18.09.2021 Theater Magdeburg

Der/die Autor*in / The author

Fayer Koch ist ein*e Autor*in aus Leipzig. Fayer Koch hat Linguistik in Potsdam und literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Fayer Koch schreibt Lyrik und dramatische Texte, die mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurden (s. u.).

Fayer Koch is an author from Leipzig. Fayer Koch studied linguistics in Potsdam and literary writing at the German Literature Institute in Leipzig. Fayer Koch writes poetry and dramatic texts that have been honoured with several awards (see below).

Das Stück / The play

Ein heißer, flirrender Sommer wie aus dem Bilderbuch. Die Jungs verbringen ihre Tage am Kanal, schwimmen, trinken Berentzen Maracuja, lachen, machen Mutproben, verschwenden ihre Zeit. Während aber die Sonne einen warmen Filter auf die Szenerie legt, die Köpfe in wohligen Taumel taucht, wird einer der Jungs immer stiller, passt nicht mehr zur Unbeschwertheit der anderen. Und er wird dünner, blasser, schwächer. Erst kaum merkbar, dann immer deutlicher wird klar, dass er krank ist – und seine Krankheit einen Namen hat: Anorexia nervosa, Magersucht. Wann es angefangen hat, weiß keiner so genau, er selbst vielleicht am wenigsten. Aber spätestens nach einem lebensbedrohlichen Unfall wird allen in seinem Umfeld bewusst, dass sie handeln müssen.

A hot, shimmering summer straight out of a picture book. The boys spend their days at the canal, swimming, drinking Berentzen Maracuja, laughing, testing their courage, wasting their time. But while the sun puts a warm filter on the scenery, bathing their heads in a cosy frenzy, one of the boys becomes increasingly quiet, no longer matching the light-heartedness of the others. And he becomes thinner, paler, weaker. Barely noticeable at first, then it becomes increasingly clear that he is ill – and that his illness has a name: Anorexia nervosa. Nobody knows exactly when it started, perhaps least of all himself. But after a life-threatening accident at the latest, everyone around him realises that they must act.

Förderungen, Preise / Grants, awards

unter anderem:

Preis der Jury bei den Tagen der jungen Dramatik 2020 (Anorexia Feelgood Songs)
2. Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg (Wir zwei)
Deutsch-niederländischer Autor:innenpreis «Kaas & Kappes» 2024 (Riesen Probleme)
Anorexia Feelgood Songs stand auf der Shortlist für den Deutschen Jugendtheaterpreis

among others:

Jury Prize at the Days of Young Dramatists 2020 (Anorexia Feelgood Songs)
2nd Baden-Württemberg Youth Theatre Prize (Wir zwei)
German-Dutch author prize „Kaas & Kappes“ 2024 (Riesen Probleme)
Anorexia Feelgood Songs was shortlisted for the German Youth Theatre Prize


Info Caren Jeß, Ave Joost

Foto: Jewgeni Roppel
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Translated into English by Blažena Radas
Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM / Selection 2024 of the German-speaking EURODRAM committee
Caren Jeß, Ave Joost, S. Fischer Theater und Medien, Frankfurt am Main 2023, UA 14.03.2024, Staatstheater Nürnberg

Die Autorin / The author

Caren Jeß wurde 1985 in Norddeutschland geboren. Sie schreibt bisher hauptsächlich Theaterstücke, fur die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt, zuletzt den Mülheimer Dramatikpreis 2023 fur Die Katze Eleonore und den Hebbel-Preis 2024. Im Sommersemester 2024 ist Caren Jeß Poet in Residence an der Uni Duisburg-Essen.

Caren Jeß was born in 1985 in northern Germany. She has mainly written stage plays to date, for which she has received numerous awards, most recently the Mülheim Drama Prize 2023 for „Die Katze Eleonore“ [The Cat Eleonore] and the Hebbel Prize 2024. Caren Jeß will be Poet in Residence at the University of Duisburg-Essen in the summer semester 2024.

Das Stück / The play

In einer alten Molkereiruine treffen sich drei Manner zum Schießen. Marcus ist Bastls Vater und hat gerne alles im Griff. Auch den Bastl, weil der sonst falsche Entscheidungen trifft. Und den Joost, weil der so eine richtig verkrachte Existenz auf Speed ist. Joost begegnet in der Ruine aber auch der 14jährigen Malin. Zwischen ihnen entsteht eine ungewohnliche Beziehung. Ein Theaterstück über Vorurteile, Einsamkeit und die Kraft der Fantasie.

Three men meet up to shoot in an old dairy ruin. Marcus is Bastl’s father and likes to have everything under control. Even Bastl, because otherwise he makes the wrong decisions. And Joost, because he’s a really messed-up existence on speed. Joost also meets 14-year-old Malin in the ruins. An unusual relationship develops between them. A play about prejudice, loneliness and the power of imagination.

Förderungen, Preise / Grants, awards

zuletzt:
Mülheimer Dramatikpreis 2023 für Die Katze Eleonore
Hebbel- Preis 2024

latest:
Mülheim Dramatic Prize 2023 for „The Cat Eleonore“
Hebbel Prize 2024

Info Rike Reiniger, 24 frames/sec

Foto: Rappel
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Translated into Englisch by Blažena Radas
Auswahl 2024 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM / Selection 2024 of the German-speaking EURODRAM committee
Rike Reiniger, 24 frames/sec – Theater-Feature zu Lotte Reiniger, Pionierin des Trickfilms, Theaterstückverlag im Drei Masken Verlag, München 2023 

Rike Reiniger, 24 frames/sec – Theatre feature on Lotte Reiniger, pioneer of animated film, Theaterstückverlag at Drei Masken Verlag, Munich 2023

Die Autorin / The author

Rike Reiniger, aufgewachsen in Bochum, arbeitete in einem traditionellen Puppentheater, das den deutschsprachigen Raum bereiste. Sie studierte in Prag (Regie und Dramaturgie für Puppentheater) und Gießen (Angewandte Theaterwissenschaft), inszenierte in der freien Szene Berlins und war Mitbegründerin des interkulturellen Theater-Ensembles Kumpanya. Nach dessen Auflösung ging sie ins Engagement an die Landesbühnen Sachsen, das Deutsch- Sorbische Volkstheater Bautzen und das Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lebt als Regisseurin und Autorin in Vorpommern und Berlin. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Rike Reiniger, who grew up in Bochum, worked in a traditional puppet theatre that toured the German-speaking world. She studied in Prague (directing and dramaturgy for puppet theatre) and Giessen (applied theatre studies), directed in the independent scene in Berlin and co-founded the intercultural theatre ensemble Kumpanya. After its dissolution, she went on to work at the Landesbühnen Sachsen, the Deutsch- Sorbische Volkstheater Bautzen and the Theater junge Generation Dresden. Rike Reiniger lives as a director and author in Vorpommern and Berlin. Her work has received numerous awards and has been translated into several languages.

Das Stück / The play

Lotte Reiniger ist die bekannteste unbekannte Künstlerin der Filmgeschichte und Regisseurin des ersten erhaltenen abendfüllenden Trickfilms: Die Abenteuer des Prinzen Achmed, uraufgeführt am 2.5.1926 in der Volksbühne Berlin. Das Theater-Feature „24 frames/sec“ umkreist Lotte Reinigers Leben als Berliner Filmemacherin der rauschhaften 20er, als unfreiwillige Emigrantin, halb-freiwillige Rückkehrerin und schließlich freiwillige Britin mit Leibrente der Queen.

Lotte Reiniger is the best-known unknown artist in film history and director of the first surviving feature-length animated film: The Adventures of Prince Achmed, premiered on 2 May 1926 at the Volksbühne Berlin. The theatre feature „24 frames/sec“ revolves around Lotte Reiniger’s life as a Berlin filmmaker in the roaring 20s, as an involuntary emigrant, semi-voluntary returnee and finally a voluntary British woman with an annuity from the Queen

Förderungen, Preise / Grants, awards

Die Entstehung dieses Stücktextes wurde unterstützt im Rahmen des Projekts „Tour des Textes“, einer Kooperation des Netzwerk Münchner Theatertexter*innen, der Wiener Wortstätten, des NIDS – Neues Institut für Dramatisches Schreiben und der Summer School Südtirol. Während der Arbeit an diesem Text hat die Autorin zudem am Schriftsteller-Residenz Programm Ungarns teilgenommen, organisiert von Petöfi Agency Nonprofit Ltd. in Pécs im April 2023.

The creation of this play text was supported as part of the „Tour des Textes“ project, a cooperation between the Netzwerk Münchner Theatertexter*innen, the Wiener Wortstätten, the NIDS – Neues Institut für Dramatisches Schreiben and the Summer School Südtirol. While working on this text, the author also took part in Hungary’s writer-in-residence programme, organised by Petöfi Agency Nonprofit Ltd. in Pécs in April 2023.

Neue Übersetzung von Stefanie Gerhold: Max Aub, Ich will keinen Trost von niemandem

Foto (Max Aub): Agencia Litteraria Carmen Balcells, Barcelona (Zusendung 15.03.2024)
Dank der Förderung durch den Deutschen Literaturfonds konnten wir die Übersetzerinnen der Auswahl 2023, Stefanie Gerhold, Franziska Muche und Barbara Buri bitten, eine weitere Übersetzung aus der Sprache ihres Stückes der Auswahl ins Deutsche anzufertigen. Das Stück findet sich jetzt im Programm des Verlages Hartmann u. Stauffacher.
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Stefanie Gerhold hat mit dem  Stipendium ein besonderes und sehr persönliches Übersetzungsvorhaben verwirklicht. Vor etlichen Jahren, bei ihrer Übersetzung des Romanzyklus’ DAS MAGISCHE LABYRINTH von Max Aub, für die sie zusammen mit ihrem Mann Albrecht Buschmann den Übersetzerpreis der Spanischen Botschaft in Deutschland bekam, entdeckte sie Max Aubs Theatermonolog ICH WILL KEINEN TROST VON NIEMANDEM aus dem Jahr 1939. Dieser Text stellt eines der frühesten literarischen Dokumente über den Holocaust dar. Nun liegt dieses lange vergessene Werk zum ersten Mal auf Deutsch vor. Stefanie Gerhold schreibt damit ein Stück Literaturgeschichte.

Erzählt wird die Geschichte der Wiener Jüdin Emma, die sich nach der Enteignung der Firma ihres ermordeten Manns mit einem Job als Putzfrau in einem Theater durchschlägt. Ihr Monolog setzt ein, nachdem die Vorstellung zu Ende ist. Emma putzt die leere Bühne und erzählt ihrem verstorbenen Mann von den Ungeheuerlichkeiten, die sie täglich erlebt, darunter die Reichspogromnacht.

In ihrem ausführlichen Vorwort erläutert Stefanie Gerhold, was aus heutiger Sicht diesen Text ausmacht:

„[…]Das Besondere an diesem Text ist seine Unmittelbarkeit. Sie entsteht gleich auf zweifache Weise. Nicht nur blickt Emma auf die Geschehnisse aus nächster Nähe, Max Aub selbst hat diesen Text nur geringfügig zeitversetzt zu den historischen Ereignissen geschrieben. Im Jahr 1939, als er in Paris Emmas Monolog verfasste, lag das, was die europäischen Juden in der horrenden Vollendung erwartete, noch in der Zukunft. Die Wannseekonferenz hatte noch nicht stattgefunden, die Endlösung war noch nicht beschlossen, die Vernichtungsmaschinerie noch nicht in Gang gesetzt.

Als Ahnung aber ist alles das in diesem Text bereits vorhanden. Die allegorischen Bilder, die ihn durchwirken, lassen uns kaum eine andere Möglichkeit, als Emmas Entrechtung, ihre schrittweise Auslöschung als Bürgerin, als juristische Person und zuletzt als Mensch in Gedanken fortzusetzen. Jedenfalls gilt das für uns, die wir um den Fortgang der Geschichte wissen. Die Beklemmung, ausgelöst von unserem Wissensvorsprung, grundiert unsere gesamte Lektüre. Selbst Details, die erst einmal unschuldig erscheinen mögen, bekommen für uns einen doppelten Boden. An einer Stelle klagt Emma über das Wasser, das in ihre Dachkammer tropft und sie nicht schlafen lässt. In der Unaufhaltsamkeit des Wassers, das tropft und tropft, hören wir die Unerbittlichkeit, mit der ihre Vernichtung voranschreitet, und wir hören Emmas vollkommene Hilflosigkeit. […]“
(Gerhold, S.6f.)

Auch thematisiert Stefanie Gerhold in ihrem Vorwort, warum dieser historische Texte uns gerade heute wieder neu anspricht:

„Während ich an meiner Übersetzung arbeitete, ereignete sich am 7. Oktober 2023 der Überfall der Hamas auf Israel. […] Ich konnte nicht fassen, dass diese Übersetzung, die ich aus rein philologischem oder allenfalls historisch begründetem Interesse begonnen hatte, plötzlich für unsere Gegenwart eine neue Bedeutung bekommen sollte. Und so fuhr ich, um mir über die unerwartete Aktualität klar zu werden, ins Jüdische Museum, wo man infolge des  Massakers auf den Kibbuz Be’eri eine im Jahr 2014 gedrehte zehnminütige Videoarbeit über ebendiesen Ort zeigte. […]
Der Film beginnt mit einer Luftaufnahme. Im Hintergrund erkennt man den dicht bebauten Gazastreifen, und rings um die Kibbuz-Siedlung sieht man viel leeres Land. Die Kamera kommt näher, und man sieht einfache Häuser, kleine Terrassen mit Plastikstühlen, Gartengerät. […] Das Video zeigt zunächst kein Leben, der Schauplatz bleibt leer und stumm, nur ein Gedicht begleitet die Sequenzen. Es handelt sich um ein Gedicht über die Gemeinschaft von Anadad Eldan, der in dem Kibbuz lebt. […]
Vermutlich haben alle, die vor diesem Video standen, sich gefragt, wer von den darin dargestellten Menschen überlebt hat und wer womöglich nicht. Und ich nehme auch an, dass alle sich gefragt haben, ob dieses Video etwas weiß, was die Künstler noch nicht wissen konnten. Ist der Leere nicht schon eine Bedrohung eingeschrieben? Ist in der Kamerafahrt, die sich aus unspezifischer Ferne nähert und sich am Ende des Films wieder entfernt, die heutige Verlassenheit des Orts vorweggenommen?
Nach meinem Besuch im Museum habe ich meine Übersetzung zu Ende geführt. Diese Fragen aber, inwieweit ein Werk eine Zukunftsahnung verströmt und was unsere rückwirkende Interpretation dazutut, beschäftigen mich weiter. Vielleicht gibt es auf sie keine Antwort. Vielleicht genügt die Feststellung, dass es sich lohnt, wenn wir uns mit solchen Dokumenten künstlerischen Schaffens immer wieder auseinandersetzen, weil es uns wach hält.“
(Gerhold, S. 17f.)

Es folgt ein Auszug der Übersetzung des Stückes. Sie können den Auszug an dieser Stelle lesen oder ihn herunterladen (Button unterhalb des Dokuments). Verlage oder Theater, die sich für das Stück interessieren, können sich an das deutschsprachige Komitee wenden (vieuloup@t-online.de). Wir stellen dann den direkten Kontakt zu Stefanie Gerhold her.

Max Aub, ICH WILL KEINEN TROST VON NIEMANDem
Foto: Stefanie Gerhold  © Michaela Krause

Stefanie Gerhold arbeitet als Übersetzerin und Autorin. Für ihre Übersetzungen aus dem Spanischen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie schreibt Essays zu interkulturellen Themen und hat das Hörspiel Come Back veröffentlicht. Vor kurzem erschien im Verlag Galiani ihr erster Roman Das Lächeln der Königin.

Links zu weiteren Texten über Stefanie Gerhold auf unserer Homepage:

Stefanie Gerhold über das Stück von Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg] / Info Juan Mayorga, HIMMELWEG / Übersetzung Stefanie Gerhold /

Vorstellung der Auswahl 2023 in Mannheim im Rahmen des Festivals STÜCK FÜR STÜCK /

https://eurodram.de/2023/10/05/vorstellung-der-auswahl-2023-beim-dramatiker-innenfestival-in-graz /

Geförderte Zusatzübersetzungen Auswahl 2023

Interview: Freek Mariën nimmt Stellung zu „Der Mann im Tauchanzug“ und zu vielen Aspekten seiner Arbeit

Fotos: Autor Freek Mariën bei der Diskussion in Mannheim, © Thomas Troester; Lorena Pircher, EURODRAM, Interview; © privat
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Das Interview mit Freek Mariën führte Lorena Pircher anlässlich der Vorstellung der Auswahl 2023 EURODRAM beim DramatikerInnenfestival in Graz am 24.06.2023

Lorena Pircher: How would you describe your entry into the theater world, your artistic development as a play writer?

Freek Mariën: My entry in the theater world… Well, I actually started my first theater company when I was about eight years old (laughs). Me and some friends wrote plays and we produced them, if one can say so. We rehearsed during playtime, and we performed them in the classroom. It was just kids play, but it also says something about what I wanted to do.
My actual playwriting started in the final years of high-school, when I was 16. I had to choose a course, and was the only one of my school to pick the art related subject. First they told me that course wouldn’t go on with only one student, but eventually it became a solo project: I had to rework a classic theater play. That’s when I decided to rewrite “Othello” from the viewpoint of Iago — and in doing so, I actually learned writing theater.

Afterwards I started drama training in Ghent at the Royal Academy of Arts (KASK), which is more of an actor-based training. Nevertheless, I never stopped writing, and, after graduating with a play that I had written myself, I decided that I wasn’t going to act in my own plays anymore and to focus on being a writer.

L: Like experimenting, evolving, following your own artistic way.

F: Exactly, it was and it is a journey and I still have the ambition, with each text that I write, to become a better playwright. Because there’s always something that’s still nagging you about a previous text.

L: This is great, I think this attitude is vital in order to constantly improve one’s writing. From where would you say you draw inspiration? Are classical plays and their rewritings a source of inspiration to you or do you prefer current topics, reading newspapers for instance?

F: I think there are two main things that inspire me. A lot of plays are born out of frustration with the society we have at the moment and out of the aspiration to create a better world.

I think my plays can be partially seen as thought experiments. For instance, I ask myself: imagine some people living in a room with their own customs and rules, unaware of the existence of an outside world. What would happen, if suddenly someone enters this room with a completely different set of customs and rules?

In these plays, which are at the same time abstract and crystal clear in their story, you can refer to so many political aspects and so many problems of society, through different uses of language, but in a subtle way. I like to choose closed societies  as settings for my plays, where thought experiments become reality.

L: This reminds me a little bit of “Huis Clos” by Sartre …

F: … yes exactly, or what Saramago writes in “Blindness”: what would happen if people suddenly started to go blind without reason?

Then, aside from the ‘thought experiments’ I also write plays that are based on reality, but they always come with a twist that lifts them out of realism. It happens when I stumble upon a fact or story which, in my opinion, carries a whole world in it. For instance, the idea for “De Gemoederen” (“Uproar”), a recent play of mine, came to me while I was reading a book about the breeding of the Lipizzaner horses …

L: Oh, really?

F: Yes, I’m not that interested in horses, but I was interested in its focus on genetics. So historically, it started with the horses, but then they thought, hey, couldn’t we apply this same logic to people? In this book, there was an overview of all the measures which different countries took in the 20s and 30s with regard to eugenics, with one line mentioning that in 1923, Denmark decided to banish all “erotically imbecile women” — that’s the term they used — to an island to keep them out of the gene pool. This shocked me and stuck with me. And so I started doing some research and at the same time, Bolsonaro and Trump were elected and there was this whole rightwing, conservative atmosphere growing. So I decided to write a play to examine how such a decision, to banish a significant amount of women to an island, could be made again today. A play with only men around a table, played by an entirely female cast.

So in a way, this play is based on facts, but it still has that hint of thought experiment in it.

L: Your prize-winning play “The Wetsuitman”, is clearly also based on the problematic behavior of today’s society and the unjust decisions of Western politics?

F: Exactly. “The Wetsuitman” is inspired on an article I read, which talks about two refugees who tried to swim to England. One ended up in Norway, the other one in the Netherlands. The article focussed on the search for their identities. I noticed that this story kept coming up in my mind in the months afterwards, attaching itself to things I read or saw, even if they didn’t have any direct relation to refugees. But it became more and more clear to me that everything had to do with identity. How we deal with identity, and how this fictional constructs have real life consequences.

Then the formal aspects came into play. I ask myself: If I want to write about this specific topic, what language does it demand? What structure is needed? If you look at my plays, they can be quite different, not only in their content, but also concerning the style and the language I use. Once, for instance, I wrote a play with Carl von Winckelmann, where the protagonists are young, at the beginning of puberty, and full of self-doubts. This translated itself to a text with only incomplete or grammatically incorrect sentences, as if the characters are already second guessing themselves while speaking.

L: Because it reflects the perspective of a child, and the self-doubts are mirrored in the fragmentation of the language.

F: Indeed. With the “Wetsuitman” I played with different literary genres within the play, and a multitude of characters — all these different identities and perspectives.
The story evoked all these thoughts about identity, how we think about groups, and how prejudice operates. So I thought, I’m going to use the expectations that certain genres of theater imply and use these expectations, — this prejudice if you want — ‘against’ the audience. So I start the play as a pastiche on a “whodunit”, and you are thinking, this is funny, this is safe for me to watch, it’s not going into any political or emotional dangerous zones. So you relax. But each act, the genre, the setting and the characters switch, and before you know it, you are in the home of a mourning Syrian family in the middle of a war zone.

Being caught off-guard, it forces the viewer to reflect through feeling. And this is something I would like to achieve with all of my plays.

L: Thank you so much for your time and the interesting conversation.

Vorstellung der Auswahl 2023 in Mannheim im Rahmen des Festivals STÜCK FÜR STÜCK

Foto Thomas Troester:  Juan Mayorga, Autor des Stückes Himmelweg und seine Übersetzerin Stefanie Gerhold bei der Diskussion am 19.11.2023 (Zoom)

Die Vorstellung der Auswahl 2023 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM fand am 24. Juni 2023 in Graz und vom 17. bis 19. November 2023 am Theaterhaus G7 in Mannheim im Rahmen des Festivals STÜCK FÜR STÜCK statt.

Internetseite: Galina Franzen und Wolfgang Barth.

Die Stücke der Auswahl

Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg], Madrid 2003; Übersetzung aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold, Berlin 2022
Neofelis Verlag, Berlin 2022 in: F. Muche / C. Heinrich [Hrsg.], Schattenschwimmer, neue Theatertexte aus Spanien; Aufführungsrechte: Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln

María Velasco Gonzáles, Ich will die Menschen ausroden von der Erde [Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra], Madrid 2020,  Übersetzung aus dem Spanischen von Franziska Muche, Berlin 2022

Freek Mariën, Der Mann im Tauchanzug [The Wetsuitman], Belgien 2019, Übersetzung aus dem Niederländischen von Barbari Buri, Deutschland 2020
De Nieuwe Toneelbibliotheek (Original) / Verlag der Autoren (Übersetzung)

Himmelweg, Juan Mayorga/Stefanie Gerhold

Juan Mayorga Foto Thomas Troester, Ausschnitt aus dem Zoom-Bildschirm W. Barth
Alle Fotos zu "Himmelweg": Thomas Troester
Johanna Withalm

Eindringliche Lesung mit szenischen Elementen. Beinahe alle Textteile des durchaus umfangreichen Stückes können vorgetragen werden und vermitteln ein deutliches Inhaltsbild. Klare Regiestrukturierung und hervorragende SchauspielerInnenleistungen verbinden sich zu einem starken Erlebnis.

Aurélie Youlia (Einrichtung), Johanna Withalm, Nicko Haber, Thore Baumgarten

Die Aussprache ist geprägt von der Anwesenheit des Autors und seiner Übersetzerin über Zoom. Ihre Persönlichkeiten und Ernst und Tiefe der Auseinandersetzung bestimmen die Diskussion.

Juan Mayorga bringt zum Ausdruck, dass es ihn besonders freue, dieses Mal über Zoom dabei sein zu können, und bedankt sich bei EURODRAM und STÜCK FÜR STÜCK für die geleistete Arbeit. Stefanie Gerhold erläutert den Zusammenhang ihrer Beschäftigung mit den Stücken Mayorgas und ihrer Auswahl der durch den Deutschen Literaturfonds und EURODRAM neu geförderten Übersetzung.

Aurélie Youlia (Einrichtung) und Udo Eidinger, Theater Erlangen (Moderation)

Juan spricht über sein Stück [konsekutiv aus dem Spanischen gedolmetscht von Stefanie Gerhold]:

„Obwohl dieses Werk große narrative Passagen enthält, ist es mir von Anfang an ein Anliegen gewesen, Szenen zu schaffen, die theatralisch sind, die man auf der Bühne darstellen kann… Es war mir sehr wichtig, die zwei Eingangsmonologe – des Vertreters des Roten Kreuzes und des Lagerkommandanten – als Ansprache an das Publikum zu richten, das Publikum mit hineinzunehmen. Wenn der Vertreter des Roten Kreuzes sich für diesen Bericht rechtfertigt und erklärt, dass er nichts Ungewöhnliches an dieser Stadt erkannt hat, dann wendet er sich an die Menschheit. Das Publikum – ist die Menschheit. […]

Das Stück „Himmelweg“ umfasst vier große Themen. Erstens die Vernichtung der europäischen Juden – und das ist ein europäisches Thema, nicht allein ein deutsches, denn Europa hat die Juden im Stich gelassen. Das zweite große Thema ist die Unsichtbarkeit des Schreckens, wozu auch die Tatsache der Vertuschung gehört, aber auch das Verstecken der Vernichtungslager, die ganz bewusst in den unbewohnten Gegenden angelegt worden sind. Das dritte Thema: Die Manipulation der Opfer, die gezwungen werden, sich dem herrschenden Diskurs zu fügen. Und das vierte Thema ist, die Welt als Theater zu begreifen, weil jeder von uns in der Gesellschaft eine Rolle spielt. Aurélie und die SchauspielerInnen haben das ganz grandios rübergebracht. Jede Inszenierung, die ich gesehen habe, ist ein besonderer Moment. Hier öffnet sich dieses Stück. Das ist insgesamt ein sehr offen geschriebener Text. Ein Beispiel ist das Lied, das wir hier gehört haben, „Der Mond ist aufgegangen“. Es steht nicht im Text, welches Lied das sein soll.  Jedes Theater, jedes Land, sucht sich in jeder Inszenierung ein eigenes Lied.“ 

Stefanie Gerhold zur Auswahl des Liedes: „Ich finde die Auswahl grandios. Denn dieses Lied hat auf diese Weise einen doppelten Boden, einen zweiten Sinn bekommen… Ich hatte Gänsehaut, als ich es hörte. Dieser harmlos romantische, schöne Text über die Naturidylle, der Wald, der schweigt, und der Nebel, der von den Feldern aufsteigt, thematisiert das Verbrechen, das Verdecken und das Verstecken.“

Udo Eidinger, Theater Erlangen

Ich will die Menschen ausroden von der Erde, María Velasco Gonzáles/Franziska Muche

ÜbersetzerInnen Hedda Kage und Franziska Muche, Milica Čortanovački (Einrichtung), Jana Gmelin (Theater Heidelberg, Moderation)
Alle Fotos zu "Ich will die Menschen ausroden von der Erde": Miriam Stanke
Beide Dias: Björn Luithardt, Julija Komerloh, Irina Maier

Die Übersetzerin Franziska Muche zum Stück (Text der Tonaufnahme): „Mich bewegt der Text sehr… Maria, die Autorin, sagt selbst, sie sei sehr stolz auf das Stück. Sie kommt aus Burgos, das ist eine sehr katholische Gegend, besonders konservativ. ‚Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra’ wurde von María Velasco selbst 2020 in Spanien inszeniert und tourt seitdem durch das Land. María hat selbst dazu gesagt, sie möchte, dass das Stück so lange gespielt wird, bis es mit mehr Scham verbunden ist  zu sagen ‚ich bin bei einer Sexarbeiterin gewesen‘, als zu sagen ‚ich bin Sexarbeiterin.‘ Das ist eigentlich die Essenz, mit ihr kann ich etwas anfangen.“

ÜbersetzerInnen Hedda Kage und Franziska Muche, Milica Čortanovački (Einrichtung), Jana Gmelin (Theater Heidelberg, Moderation)

Die Übersetzerin Hedda Kage fügt hinzu: „Franziska hat María Velasco mit einem weiteren Text für unsere Anthologie vorgeschlagen [s. oben, Foto von Udo Eidinger] und beide Stücke wunderbar übersetzt. Maria hat wirklich eine Sprache gefunden, die dem Titel entspricht. Ein biblischer Titel. Für mich ist Maria Velasco eine der wichtigsten Autorinnen, ich halte sie für eine Prophetin des Theaters. Das sind die Stimmen, die bleiben werden. Es gibt viele gute Autorinnen, aber es gibt eben einige, die einen besonderen Wert  haben, mit ihrem Namen verbindet sich ein besonderen Klang.“

Im Publikum Pascal Wieand (Theaterhaus G7), Heinz Schwarzinger (EURODRAM), Inka Neubert (Theaterhaus G7), Wolfgang Barth (EURODRAM)

Der Mann im Tauchanzug, Freek Mariën/Barbara Buri

Freek Mariën (Autor); Foto Thomas Troester
Alle Fotos zu "Der Mann im Tauchanzug": Thomas Troester
Jana Nerz (Einrichtung) kurz vor der Aufführung:

Freek Mariën [konsekutiv aus dem Englischen gedolmetscht von Rita Böhmer]:

„Ich habe einen Artikel in der norwegischen Presse gelesen, der von einem ähnlichen Fall handelte. Die Geschichte ließ mich nicht mehr los, ich merkte, dass alles, was ich danach las, sich immer wieder mit der Erinnerung an diesen Artikel verknüpfte. Die Themen über Vorurteile oder Identität und alles Weitere hat sich immer wieder mit diesem Fall verknüpft.“ 

Rita Böhmer (Dolmetscherin), Freek Mariën (Autor), Jana Nerz (Einrichtung)

Udo Eidinger stellt fest, dass der erste Teil des Stückes wie ein Krimi wirkt, der humorvoll alle Erwartungen an das Genre bedient. Er möchte von Freek wissen, welche Rolle Humor für ihn spielt, ob er mit Absicht für dieses harte Thema einen „lockeren Einstieg“ gewählt habe.

Freek: „Vorurteile sind nicht nur ein Thema, man hat auch Vorurteile dem Genre gegenüber – ein skandinavischer Krimi, der witzig ist und das Publikum entspannt. Ich wollte mit den Erwartungen des Publikums spielen und sie als Werkzeug nutzen… Vier Akte gehen vier Fragen nach. Im ersten Akt wird gezeigt, wie man die anderen sieht. Was wissen nichts von ihnen, und das führt uns sehr schnell zu Klischees. So sind sie eben, diese Kriminalbeamten: Einer hat sogar einen Flachmann in der Tasche… Im zweiten Akt geht es schon darum, dass die Menschen sich sehr bewusst sind, wie sie wirken wollen, und diese Wahrnehmung beeinflussen. In den Interviews sieht man, wie sie sich darstellen. Im dritten Akt erfolgt eine Konfrontation damit, wie man gesehen wird. Da ist zum Beispiel ein Geflüchteter, der es schon geschafft hat, aber er hat sein Hemd zerknittert; er darf nicht ganz unnahbar wirken, denn er möchte Zugang zu denen, die aktuell noch im Flüchtlingslager wohnen. Über den vierten Akt soll es möglich sein, sich vorzustellen, wie der Mensch wirklich war, und es soll ein ehrliches Bild der Person entstehen. Deswegen habe ich den Weg über die Familie  gewählt, die über den Verstorbenen spricht. […]

Und noch einmal zum Thema Humor im ersten Akt: Humor öffnet die Menschen und macht sie zugänglicher. Ich will das Publikum nicht verletzen, sondern es zugänglicher machen.“

Jana Nerz nach der Aufführung und der Diskussion:
Direkt nach der Diskussion äußerte sich Freek Mariën zum Stück und zur Diskussion:

Nachts im Ozean, Michel Decar

Michel Decar, Auschnitt aus einem Foto von Miriam Stanke (Bildschirmausschnitt der Zoom-Übertragung)
Alle Fotos zu "Nachts im Ozean": Miriam Stanke
Matthias Hecht, Fiona Metscher, Vincenzo Tatti (SchaupielerInnen) und Isabel Garcia Espino (Kostüm), Inka Neubert (Einrichtung), Philippe Mainz (Video & Sound) 

Das Stück verbindet verschiedene Zeitebenen und Räume. Eine besondere Rolle spielten deshalb Bühnenbild und Ausstattung. Philippe Mainz und Isabel Garcia Espino äußern sich im Folgenden dazu [Tonaufnahme].

Philippe Mainz und Isabel Garcia Espino über ihre Entscheidungen zu Video, Sound, Requisite und Kostüm:
Michel Decar (Autor), Maria Schneider (Moderation, Theater Heidelberg), Inka Neubert Einrichtung, Theaterhaus G7)

Freundlichkeit, Gelassenheit, Natürlichkeit und die bescheidene Haltung des Autors Michel Decar in der Zoom-Konferenz vermittelten der intensiven Aussprache eine besondere Atmosphäre. Sie geht auch der Frage nach, ob es zwischen den verschiedenen Raum- und Zeitebenen einen sich bedingenden logischen Konnex gibt. Auf der Bühne jedenfalls ist alles gleichzeitig und gleichberechtigt da, die Schauspieler wechseln nicht, das übergreifende Wellenbild, mal bestimmend, mal  mehr im Hintergrund, unterstreicht diesen Aspekt. Michel Decar führt aus, dass dies seiner Intention entgegenkomme. Für ihn mischten sich die autobiographischen Züge und die fiktionalen Aussageebenen in gleicher Weise.

zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden, Svealena Kutschke

Foto Miriam Stanke: Marie Eberhardt, Vivian Schöchlin, Rouven Honnef, Fiona Metscher, Mounir Saidi

Text

Fotos Miriam Stanke: Marie Eberhardt, Vivian Schöchlin, Rouven Honnef, Fiona Metscher, Mounir Saidi
Fotos Miriam Stanke: Melanie Schmidt (Einrichtung), Philipp Bode (Moderation)

Melanie Schmidt, Regisseurin [Text der Tonaufnahme]: „Für mich war das der Zusammenhang, der das Ganze  bestimmt, diese Situation, dass das alles in einem Wohnhaus spielt – ein sehr enger Raum, Wohnungen… die verschiedensten Personen, verschiedene Geschichten und Einstellungen, trotzdem verbringen sie ihr Leben zusammen. Sie merken, was die anderen Leute um sie herum tun, sie bewerten alles jeweils auf ihre eigene Art und Weise, aber sie leben zusammen. Und deshalb fand ich auch toll: sechs Tische,  sechs Personen. Auf der Bühne waren es fünf Personen, die so eng zusammen sitzen und sich gar nicht bewegen können – zwischen anderen Personen.“

Inka Neubert, Theaterleiterin Theaterhaus G7 [Text der Tonaufnahme]: „Dann gibt es diesen Moment, in dem dieser Immigrant, um den man sich gekümmert hat, oder eben nicht gekümmert hat, nebenbei  vernichtet wird und sich dadurch wieder eine Ordnung herstellt. Kolonialismus, die ganzen Themen, die dadurch aufscheinen… das ist ganz brutal. Das Stück hat ein ganz schreckliches Ende. Und der Egoismus der einzelnen Figuren ist kaum zu überbieten. Der Tunnelblick ist bei ihnen auch logisch, sie reden ja kaum miteinander, weil sie das gar nicht mehr können. Sie sehen nur noch sich und die eigenen Probleme. Das finde ich erschütternd. Das ist ein ganz toller, aber auch ein ganz furchtbarer Text…“

brand, Volker Schmidt

Foto Miriam Stanke: Volker Schmidt und Heinz Schwarzinger
alle Fotos zu "brand": Miriam Stanke
Thore Baumgarten, Bernadette Schlottbohm, Maximilian Wex.
Maximilan Wex, Volker Schmidt (Autor), Bernadette Baumgarten, Pascal Wieandt (Einrichtung), Thore Baumgarten.

Volker Schmidt über sein Stück: „Ich habe zwei Töchter und ich habe überlegt, wie es für sie später sein wird. Wir reden sehr viel über die Zukunft. Ich dachte, es wäre schön, anstatt immer mit Zahlen zu sprechen, sich einfach vorzustellen, wie das sein wird… wie könnte das aussehen. Ich habe auch ein großes Interesse daran, dass die Phantasie mitspielen kann… Ich suche Herausforderungen, formale Herausforderungen, wie man Dinge erzählen kann. Und gerade dieser Widerspruch, ein  Roadmovie, ein Movie, also einen Film auf die Bühne zu bringen, das war für mich eine Herausforderung. 

Pascal Wieandt (Einrichtung), Volker Schmidt (Autor), Charlotte Bomy (Moderation EURODRAM)

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Ja, ich glaube es ging wirklich um eine Auseinandersetzung bezüglich der Zukunft meiner Kinder. Ich habe versucht, das zu fassen, aber auch damit umzugehen. Ich glaube, es ist wichtig, einen aktiven Umgang mit den Dingen zu haben, die uns belasten, sie wie bei einer Psychotherapie zu erkennen, einer Sache ins Auge zu schauen. Die drei Personen des Stückes tun das am Ende. Je besser wir mit einer Sache umgehen können, desto eher können wir aktiv bleiben.  […]

Und im Finale wird das Publikum hineingezoomt und wird selbst Teil des Spiels. Mir gefällt der Gedanke, dass Theater so eine Art Zeitkapsel sein kann… zukünftige Menschen schauen auf uns, das ändert die Perspektive.“

Das Foyer im Theaterhaus G7: Ein Ort der Kommunikation

EURODRAM: Carsten Brandau, Galina Franzen, Heinz Schwarzinger, Wolfgang Barth; Foto Miriam Stanke
Charlotte Bomy (EURODRAM), Volker Schmidt (Autor); Foto: Miriam Stanke
Alle Fotos der folgenden Diashow: Miriam Stanke

Die Vorstellung der Auswahl 2023 des Deutschsprachigen Komitees EURODRAM wurde gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds und Flanders Literature:

Das Festival Stück für Stück durch das Kulturamt der Stadt Mannheim, durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg (Siehe Danksagung auf dem Programmheft).

REPORT: Conference of the Eurodram Language Committees / EURODRAM GA 2023, 10/11 November 2023 in Berlin

Photo © Volha Karankevich-Koch / unknown citizen of Berlin, 10.11.2023; from left to right: Nicole Desjardins (German); Viviane Boulan (French); Iljana Hubenova (Bulgarian); Johanna Leira (Norwegian); Maia Simonishvili (Georgian); Mirza Metin (Kurdish); Dominique Dolmieu (French); Volha Karankevich-Koch (German); Neda Nejdana (Ukrainian); Wolfgang Barth (German); Gergana Dimitrova (Bulgarian); Blazena Radas (German); Elisabeth Schuster (German); Aleksandra Lukoszek (German); Gilles Boulan (French); Nuno Cardoso (Portuguese); Maria Kroupnik (Russian); Dávid Szabó (Hungarian); Liisi Aibel (Estonian); Charlotte Bomy (German) was not present at the photo session due to important organisational tasks.
Report: Wolfgang Barth 
LINK GERMAN VERSION    Link preview and program

The EURODRAM Language Committees Conference / EURODRAM GA 2023 took place in Berlin on 10 and 11 November 2023. The conference venues were the German Centre of the International Theatre Institute (ITI) and the Theater Aufbau Kreuzberg (tak).  The cultural focus was on Kurdish theatre.

Support for the Franco-German organisation team via the GERMAN-FRENCH CITIZENS‘ FUND / FONDS CITOYEN FRANCO-ALLEMAND

Photo © Maria Kroupnik, 10.11.2023; from left to right: Viviane Boulan (F), Mirza Metin (D), Nicole Desjardins (F), Dominique Dolmieu (F), Wolfgang Barth (D). Gilles Boulan (F), Aleksandra Lukoszek (D), Elisabeth Schuster (D), Volha Karankevich-Koch (D), Johanna Leira (F), Charlotte Bomy (D) not on the photo.

The conference was organised and led by the German-speaking and French-speaking committees. It was sponsored by the Franco-German Citizens‘ Fund / Fonds Citoyen Franco-Allemand, which enabled a theatre encounter with an international character under Franco-German leadership.

We would like to thank the Franco-German Citizens‘ Fund / Fonds Citoyen Franco-Allemand.

Conference on 10 November 2023
Photo © Gilles Boulan: Part of the conference at the ITI, from left to right: Dominique Dolmieu (French); Elisabeth Schuster (German); Wolfgang Barth (German); Volha Karanchevich-Koch (German); Aleksandra Lukoszek (German); Liisi Aibel (Estonian); Johanna Leira (Norwegian); Mirza Metin (Kurdish); Maria Kroupnik (Russian

Of the current 28 language committees, the coordinators and representatives of the Bulgarian, German, Estonian, English (via Zoom), French, Georgian, Kurdish, Norwegian, Portuguese, Russian, Ukrainian and Hungarian committees were represented with a total of 20 conference participants.

The work of the language committees
Photo © Elisabeth Schuster; left: Maria Kroupnik (Russian); Charlotte Bomy (German), Blažena Radas (German), Nicole Desjardins (French); right: Neda Nejdana (Ukrainian); Gergana Dimitrova (Bulgarian); Iljana Hubenova (Bulgarian); Dávid Szabó (Hungarian), Gilles Boulan (French), Viviane Boulan (French)

At the conference, which was moderated by the German and French-speaking coordinators, the work of the language committees with their specific conditions and problems was presented and solutions were sought in the discussion. A special role was played by the new and renewed committees present (Estonian, Georgian), whose representatives would like to fulfil the EURODRAM tasks against the background of the situation in their countries, and the Ukrainian-speaking and Russian-speaking committees with their extremely burdened and limited possibilities due to the war.

The reports on the plays of the 2023 selections

The committees also reported on their 2023 selections (http://eurodram.org/selections/ ) and the presentation of the plays in their countries.

Photo © Dávid Szabó: Excerpt from the report of the Hungarian committee
The plenum: searching for improvements in piece circulation
Photo© Wolfgang Barth: Maia Simonishvili (Georgian), Alexandra Lukoszek (German), Dávid Szabó (Hungarian), Maria Kroupnik (Russian), Viviane Boulan (French), Nicole Desjardins (French)
Photo © Wolfgang Barth: Iliana Hubenova (Bulgarian), Charlotte Bomy (German), Nuno Cardoso (Portuguese), Liisi Aibel (Estonian)

At a plenary session on 10 November 2023 at the Theater Aufbau Kreuzberg, the conference addressed the particular problem of the cross-language circulation of plays and the translations required for this. The aim is to achieve an annual routine, as expressed in the discussion draft for the plenary session, to which the committees orientate:

The following objectives are to be achieved (in order of complexity and ambition):

  1. Publication of a call and preparation of an annual selection according to the rules of EURODRAM and the committees.
  2. Presentation of the selection to the public (readings and/or other forms of presentation).
  3. Translating the plays in the selection into other languages of the EURODRAM area according to the wishes and capacities of the committee by translators from within or outside the committee and endeavoring to obtain funding for this.

In the years of the selection of plays already translated into the committee language, endeavor to obtain funding for the translation of further plays from the language of origin of the translators of the selected plays, either from the EURODRAM pool or freely selected by the translators.

  1. After the selection of plays, each language committee should approach other committees with the following questions:

a. Which plays from our selection should be translated into your language?
b. Does your committee have internal or external translators?
c. Should we endeavor to find translators?
d. How can we work together to help obtain financial support for translations?

The results of the conference as a whole will be published shortly on the central EURODRAM website www.eurodram.org under the title „EURODRAM 2024 meeting report“.

The cultural program: Kurdish theatre

The cultural focus „Kurdish theatre“ chosen for the supporting programme had its origins in the fact that the EURODRAM Annual General Assembly (AGA) planned for 2022 should have taken place in Diyarbakır (south-east Anatolia, mainly Kurdish inhabitants), but finally was held as an online meeting. The 2023 programme should repair this a little. The theatre team „Şermola Performans“ travelled from Batman (Turkey, North Kurdistan) with the play „Mem û Zîn“ [Mem and Zîn] and the „BAN-Ensemble“ from Belgium and Hamburg with the play „Qesra Balindeyên Xemgîn“ [The Castle of Sad Birds].

Qesra Balindeyên Xemgîn
Photo © BAN Theatre: Qesra Balindeyên Xemgîn (QBX), Alan Ciwan, Hêja Netirk 

At 6 p.m. on 10 November 2023, the about 80 seats provided at the Aufbau Kreuzberg theatre were taken by a German-French-Kurdish-international audience and the play QBX (directed by Hüseyin Umaysız, with Hêja Netirk and Alan Ciwan) was enthusiastically received. A summarizing text in German had been read together beforehand. The play combines an old Kurdish legend with new historical events (e.g. the Halabja poison gas attack) and thus makes a political statement.

Mem û Zîn
Foto © Şemola Performans : Mehmet Arıtürk, Pelda Bal Demir, Kenan Demir

The play Mem û Zîn was under an unfortunate star. The actor Mehmet Arıtürk had been refused a Schengen visa, so he was to be replaced by the director Mirza Metin together with Pelda Bal Demir and Kenan Demir. During the journey, one of the most important drums for the piece was lost. As a steadily growing audience impatiently awaited admission after 8 pm, it was announced that the performance had to be cancelled due to the total failure of the lighting equipment the team had brought with them.

Panel discussion: What is Kurdish theatre?
Photo © Elisabeth Schuster: Alan Ciwan (BAN Theatre); translator Kurdish-Turkish-English-German; Mirza Metin (Director Şermola Performans), Huseyin Umaysiz (Director BAN Theatre); Gergana Dimitrova (EURODRAM President); Dominique Dolmieu (EURODRAM Secretary, French-speaking Committee); Wolfgang Barth (German-speaking Committee)

Instead, the panel discussion scheduled for 21:15 was brought forward and the audience in the theatre, which was full despite the cancellation, engaged in a lively discussion with the panel and with each other with one essential result: the vocal and sound experience (e.g. by tapping on the chest) evoked in Kurdish and with great physical effort beyond the language norms in connection with the old and updated material is both a desperate expression of melancholic homelessness and one of the few guarantors of enduring Kurdish identity.

Photo © Wolfgang Barth: Mirza Metin (Director Şermola Performans), Alan Ciwan (Actor BAN Theatre), Huseyin Umaysiz (Director BAN Theatre)
Continuation of the Conference on 11 November 2023

After dealing with EURODRAM internal matters (elections, resolutions) on Saturday morning in accordance with the statutes and the often media-supported report of the committees on the selections, the conference came to a worthy conclusion, documenting the network’s solidarity with the shocking current events:

The actress Carrie Getman read in English the Ukrainian play „Pussycat in Memory of Darkness“ by Neda Nejdana, coordinator of the Ukrainian-language committee, to the conference participants. This play has been recently translated into German too.

Photo © Wolfgang Barth: Neda Nejdana, Carrie Getman
Infrastructure, organisation and publicity

The conference room in the Kulturzentrum Bethaniern was made available to us by the German Centre of the International Theatre Institute (ITI), for which we are very grateful.

The Theater Aufbau Kreuzberg (tak) was rented for 10 November by the German-speaking EURODRAM committee. We would like to thank them for their excellent cooperation and technical support.

Members of the German-speaking and French-speaking committees were responsible for the infrastructure (catering, accompanying guests, hotel accommodation, programme) for the entire conference.

The conference was prepared and accompanied in the media by the homepage of the German-speaking committee (https://eurodram.de/stucke-des-aufrufs-2023-in-arbeit-plays-of-2023-call-in-progress/  ), the central EURODRAM website maintained by the French-speaking committee (http://eurodram.org/  ), the performance schedule of the Aufbau Kreuzberg theatre (three entries for 10 November 2023, https://tak-berlin.de/spielplan  ), Facebook posts and a press release sent to many print media in Berlin, each with reference to the support provided by the Franco-German Citizens‘ Fund: