INTERVIEW mit Lena Riemer, Autorin von „aufstiegskörper. ein fühlversuch“

Elisabeth Schuster von Eurodram interviewt die Autorin Lena Riemer.

ES: Lena, ich freue mich mit dir zu sprechen. 2026 hat das deutschsprachige Komitee von Eurodram deinen Text „aufstiegskörper. ein fühlversuch“ neben zwei anderen ausgewählt. Herzlichen Glückwunsch dazu! 

LR: Danke schön. 

ES: Aus was für einer Familie kommst du? Bildungsbürgertum? Arbeitermilieu? Bauernfamilie? Reich – arm? Support von den Eltern oder keinen?

LR: Ich habe „aufstiegskörper“ schon auch aus einem biografischen Anlass geschrieben. Ich bin selber Bildungsaufsteigerin. Meine Eltern haben beide nicht studiert. Dazu kommt, dass meine Mutter als Kind erst nach Deutschland gekommen ist, also Deutsch nicht als Muttersprache hatte. Das waren alles Faktoren, die natürlich in meinem Aufwachsen eine Rolle gespielt haben. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass ich nicht in einer armen Familie groß geworden bin, sondern eben in einer typisch deutschen Mittelstandsfamilie. Und meinen Eltern das Thema Bildungsaufstieg schon sehr wichtig war, mir das auch zu ermöglichen, Ressourcen zu bekommen, die sie mir selber nicht geben konnten. 

ES: Also ganz viel Förderung. 

LR: Genau, viel Förderung, in verschiedenem Sinne: Sie haben mir ermöglicht, mich auszuleben oder meinen Interessen nachzugehen, zum Beispiel dem Theater. Gleichzeitig kommt natürlich trotzdem hinzu, dass ich immer auch selber arbeiten und Brotjobs machen musste. Ich habe sehr wenig bis keine finanzielle Unterstützung von meinen Eltern erfahren, seit ich ausgezogen bin. Ich hab das immer wieder gespürt oder nehme eben auch diese Perspektive ein: Was bedeutet es Kunst zu machen, aber gleichzeitig nicht davon leben zu können, gleichzeitig noch etwas zu brauchen, wovon man dann leben kann.

ES: In deinem Stück sprichst du auch von Stipendien und von der Abhängigkeit davon, dass man die Beste sein muss, damit man ein Stipendium bekommt, weil man eben Geldnöte hat. Hast du schon viele Stipendien erhalten? 

LR: Ja, ich habe vor allem ein großes Stipendium bekommen, auf dem quasi „aufstiegskörper“ basiert. Das Stipendium von der Studienstiftung des deutschen Volkes, die ja auch einen sehr schweren Aufnahmeprozess hat, mehrtägig mit intensiven Gesprächen, in denen man sich beweisen muss, ein Aufnahmeprozess, der sich selbst wie ein Hürdenlauf anfühlt. Dass ich diesem Stipendium nachgerannt bin, es beim ersten Anlauf nicht geschafft und das Stipendium dann erst zwei Jahre später bekommen habe, als ich noch einmal diesen Hürdenlauf absolvierte, hat mich sehr beeinflusst: immer wieder das Gefühl, darum kämpfen zu müssen, dass man in dieser Kulturszene oder in diesem Bildungsumfeld überhaupt existieren kann, dass man sich eine Existenzgrundlage baut. 

ES: Das spüren wir in deinem Text! Kennst du den Bildungstrichter, den uns deine Beraterin im Stück vorrechnet, aus deinem Umfeld? In meiner Kindheit ist kein einziges Bauernkind aus meiner Grundschulklasse im Dorf aufs Gymnasium gegangen. Frühe Auslese!


LR: Ich würde sagen, dass mir der Bildungstrichter erst verhältnismäßig spät und plötzlich bewusst wurde, im älteren Teenageralter, vielleicht so mit 16, 17 Jahren. Wahrscheinlich weil ich aus einem Vorstadtmilieu komme und zwischen den Großstädten aufgewachsen bin. Natürlich spielen Status und Statussymbole da auch eine große Rolle, aber man kann sie auch schnell übersehen. Ich dachte lange Zeit, dass die Menschen, mit denen ich befreundet war, oder die Menschen, mit denen ich auf das Gymnasium ging, alle ähnliche Elternhäuser wie ich hatten. Und dann merkte ich plötzlich immer stärker, je älter wir wurden, und als das Thema Studium aufkam und wie finanzieren, dass das plötzlich eine Rolle spielte. Ich erkannte, die meisten meiner Freundinnen müssen da gar nicht drüber nachdenken, weil es selbstverständlich ist, dass ihre Eltern die Miete und Lebenskosten komplett übernehmen. Sie hatten überhaupt keine Sorgen oder Ängste und hinterfragten nicht, ob sie das überhaupt machen möchten. Diese Selbstverständlichkeit, die plötzlich zum Vorschein kam, hat mich dazu gebracht, mich damit zu beschäftigen, welche Position ich eigentlich in diesem Bereich einnehme. 

ES: Wie ist dieses Stück entstanden? Was war die Initialzündung?

LR: Der Initialmoment war in meinem ersten Studium. Ich habe Germanistik und Soziologie studiert. Und hab mich dabei mit Pierre Bourdieus Klassentheorie auseinandergesetzt. Ich war auf der Suche nach Antworten auf meine eigenen Fragen und habe bemerkt, dass das alles Theorien sind, die mir erklären, warum ich hier bin oder warum andere aus meiner eigenen Klasse nicht hier sind. Die ganze Zeit aber habe ich gefühlt, dass mir irgendwas fehlt. Da gibt es etwas, was mir diese Theorie nicht erklären kann und zwar, warum ich all diese Gefühle habe, vor allem diese körperlichen Gefühle und Empfindungen. Warum zum Beispiel viele von meinen Aufsteiger-Freundinnen mit psychischen oder körperlichen Problemen zu tun haben. All diese Dinge, die den Körper und das Fühlen betreffen, konnten mir diese ganzen rationalen Theorien nicht erklären. Ich konnte mich in keinem Text wiederfinden. 

ES: Was ist das denn überhaupt, der soziale Aufstieg?

LR: Es geht darum, das Milieu des Elternhauses, in dem man aufgewachsen ist, zu verlassen und in ein anderes Milieu überzuwechseln. Bei mir war es das Umfeld einer Arbeiter- oder Mittelstandsfamilie, in der schon Interesse an Kultur bestand, aber in einer vollkommen anderen Form als in einem akademischen Milieu. Eine komplett andere Art zu Leben, zu reden, zu denken und die Welt zu betrachten. Als ich in akademische Milieus kam, hatte ich immer wieder das Gefühl, dass ich irgendwie fehl am Platz bin und dass das, was andere natürlicherweise tun, sich für mich unnatürlich anfühlt. Wobei man fragen könnte, ist das denn überhaupt ein Aufstieg? Es sollte ja ein Erfolg sein, aber es fühlt sich nicht so an, weil es einem eigentlich die ganze Zeit wie ein Kampf vorkommt. Deswegen auch die Frage in „Aufstiegskörper“: Kann man einen Aufstieg überhaupt „gewinnen“? Wenn man merkt, dass der Habitus, den man mitbringt, einfach nicht mehr reicht oder nicht mehr passt in einem anderen Umfeld. 

ES: Dein Stück gliedert sich in sogenannte Fragmente. Das erste Fragment spielt mit dem schon lange existierenden Stereotyp für Frauen: Du wirst für hübsch erklärt, verniedlicht und verharmlost, gleichzeitig übergangen und als inkompetent für höhere, komplexe Arbeit erklärt. Frau und Aufstieg – ist das noch mal schwieriger?

LR: Ja, mir war es wichtig, den intersektionalen Anspruch mit reinzubringen. Also wie viel schwerer einer Person der Aufstieg gemacht wird, wenn man eine Frau ist oder wenn man einen Migrationshintergrund hat. Aber gerade als Frau finde ich, dass der Aufstieg einem schwerer gemacht wird, weil von Aufsteigerinnen erwartet wird, diesen „Biss“ zu haben, dieses Durchsetzungsvermögen, aber gleichzeitig, wenn man als Frau dann dieses Durchsetzungsvermögen an den Tag legt, wird einem ganz schnell gesagt, man sei frech oder man sei zu fordernd, oder? Man würde sich irgendwas Unverschämtes herausnehmen, das hab ich selber erlebt. Als Frau ist das eigentlich die ganze Zeit eine Gratwanderung zwischen ich muss zeigen, dass ich wirklich für meinen Aufstieg arbeiten und kämpfen will, und der Kampf wird mir als etwas Negatives ausgelegt.

ES: Ja, das kann ich aus meiner Erfahrung nur bestätigen. Was deinen Text so spannend und stark macht, sind auch deine Beschreibungen der Körperlichkeit in den Situationen, der Körper, der nicht weiß, wohin mit sich und wie er sich verhalten soll, der einen verrät, wenn man sich beweisen soll, und in dem sich die Angst manifestiert. Wie hast du daran gearbeitet?

LR: Ich habe mich viel mit dem Thema Habitus beschäftigt. Habitus als alle Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die man im eigenen Körper vereint. Und ich habe mich gefragt, wie ich das in ein Theaterstück übersetzen kann, den Habitus sichtbar machen kann. Dann hab ich mich entschieden, quasi alles auf die Sprachebene zu bringen und die Figuren die ganze Zeit sagen zu lassen, was sie sagen, denken, machen, wie sie Dinge wahrnehmen, und diese Sprache komplett zu überladen und darin auch die Überforderung sichtbar zu machen. Ich hab eben versucht, eine Sprache zu finden, die alles verhandeln muss und auch die Ebenen die ganze Zeit mischt. Also das Körperliche, das wir vielleicht nicht denken würden, spricht dann aber in uns.

ES: Gibt es im deutschsprachigen Raum eine ordentliche, langfristige Förderung für junge Autorinnen, die fürs Theater schreiben wollen? Und welche Initiativen hast du kennengelernt und sind wichtig für dich? 

LR: Die mit Abstand wichtigste Initiative, in deren Rahmen ja auch „aufstiegskörper“ entstanden ist, ist das Drama Lab von den Wiener Wortstätten, wovon ich 2024 Teil sein durfte. Ohne das Drama Lab hätte dieser Text nicht entstehen können, weil das Drama Lab eben viele Dinge richtig macht. Es bietet einerseits über einen längeren Zeitraum, fast ein ganzes Jahr, ein Mentoring-Programm an, das über normale Lektoratstreffen hinausgeht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gegen Ende des Schreibprozesses noch große Konflikte im Text verhandeln musste, und ich konnte Bernhard Studler, den künstlerischen Leiter der Wiener Wortstätten, jederzeit darauf ansprechen, um noch einmal nach Feedback zu fragen. Das Mentorat war wahnsinnig gut und sehr bedürfnisorientiert.
Die Wiener Wortstätten zahlen auch all ihren Geförderten eine bestimmte Summe und machen daraus keinen Wettbewerb, bei dem man um ein Preisgeld konkurriert, sondern alle werden gleichberechtigt behandelt. Sie erkennen also den Akt der Schreibarbeit an sich an. Jeder bekommt etwas, weil jeder in einem Schreibprozess ist. Ich wünsche mir mehr solche Förderungen im deutschsprachigen Raum, weil ich beobachte, dass gerade im Nachwuchsbereich zunehmend Wettbewerbe entstehen und die ganzen gleichberechtigten Förderungen sich nicht mehr halten können oder eben durch Wettbewerbe ersetzt werden, und das sehe ich total kritisch, weil wir uns gerade im Nachwuchsbereich gegenseitig unterstützen und solidarisch miteinander sein sollten, während durch die Wettbewerbe immer wieder ein künstlicher Konflikt aufgemacht wird.

ES: Danke für diesen wichtigen Einblick! Dein Text „aufstiegskörper. ein fühlversuch“ ist durch die Förderung der Wiener Wortstätten entstanden und hat eine riesige Resonanz in Österreich gehabt. Die Uraufführung am Theater am Werk in Wien war ein sehr großer Erfolg, und 2025 hast du damit den Nestroy-Preis in der Kategorie NachwuchsautorInnen gewonnen. Bekommst du jetzt Starallüren? 

LR: Ich habe manchmal das Gefühl, dass alle Leute um mich herum nach dem Nestroy-Preis viel mehr Starallüren für mich bekommen haben, als ich selber. Leute kamen danach zu mir und sagten: „Jetzt bist du ein Star und jetzt wollen alle mit dir arbeiten.“ Meine Perspektive war eher, dass ich mich nach dem Nestroy um 5:00 Uhr morgens in den Zug setzen musste, um abends wieder auf dem Weihnachtsmarkt in Leipzig zu arbeiten. Das hat sich überhaupt nicht nach Starsein angefühlt und sich sozusagen nicht von heute auf morgen eingelöst. Ich merke aber, und das ist für mich das relevante, dass es mir schon eine stärkere Sicherheit verschafft. Und gerade da spielt ja auch die Aufstiegsperspektive irgendwie rein, dass ich mich immer noch oft fehl am Platz fühle oder meine, ich müsste mich legitimieren, erklären, warum ich in künstlerischen Spaces überhaupt sein darf. Und sowas gibt mir eine Sicherheit oder das Gefühl einer Daseinsberechtigung, und das ist für mich einfach schon sehr viel wert.

ES: Wie bist du zum Schreiben fürs Theater gekommen? Hast du schon immer geschrieben? Wie ist dein Weg? Die Berufswahl fürs Theater zu schreiben, könnte durchaus ein prekäres Leben nach sich ziehen …

LR: Ich habe schon immer geschrieben, aber erst seit drei, vier Jahren fürs Theater. Ich habe früher sehr viel Lyrik geschrieben, ich komme aus der Dichtung, was mein Gefühl für Sprache und den Umgang damit bis heute sehr stark beeinflusst, obwohl ich eigentlich fast keine Lyrik mehr schreibe. Ich hatte das Gefühl, die Lyrik bespiegelt sich selbst und die Texte hängen so immer von mir selbst ab und wohin ich sie bringe. Aber ich wollte Texte, die ein Eigenleben entwickeln können. Texte, die gesprochen werden müssen, vor allem Texte, die gespielt werden wollen. Texte, auf die viele Leute einen Zugriff finden und die auch dort existieren, wo ich nicht bin. Und das schätze ich wahnsinnig am Theater und merke, dass das Theater dadurch genau der Ort ist, für den ich schreiben möchte. Da, wo meine Sprache quasi auch durch andere Körper gehen darf. Und jetzt, wo ich zwei Theaterstücke geschrieben und auch ein Gefühl dafür bekommen habe, wie prekär das ist, wenn man ein Dreivierteljahr an einem Stück sitzt und dafür dann eine Uraufführungspauschale bekommt, die so hoch ist wie anderer Leute Monatslohn, habe ich gemerkt, dass Theaterschreiben an sich, in der Form, keine zwei Beine sind, auf denen man stehen kann. Vielleicht nicht mal ein halbes Bein. Ich werde es mir wahrscheinlich niemals leisten können, nur fürs Theaterschreiben zu leben oder nur das zu machen. Und ich versuche eben parallel, auch andere Arbeitsmöglichkeiten im Theater und in der Literaturszene zu finden. Die künstlerische Arbeit ist mittlerweile auch eine große Mischung an Aufgaben und vielen kleinen Jobs, die da zu einer großen Berufung zusammenkommen.

ES: Ich glaube, es geht wahnsinnig vielen Leuten genauso!

LR: Ja, eine Dichterin hat mal zu mir gesagt, wenn man Autorin ist, dann bedeutet das eigentlich, dass man drei bis zwölf Jobs hat.

ES: Verstehe! Neben diesen Jobs, die du machst, was schreibst du im Moment?

LR: Nach „aufstiegskörper“ habe ich mein erstes Jugendstück, „Unreif“, geschrieben, das sich mit dem Thema Catcalling und Aufwachsen als weiblich gelesene Person beschäftigt, und das am 10.Oktober 2026 Uraufführung am Theater Konstanz hat, worüber ich mich sehr freue. Ich glaube, dass das Stück in sehr guten Händen ist und ein tolles Team hat. Und ich schreibe jetzt gerade an einem Stück, das auch meine Bachelorarbeit am deutschen Literaturinstitut in Leipzig werden wird. Deswegen bedeutet es mir sehr viel, es wird um die feministische Neuerzählung von einem griechischen Mythos gehen. Ich bin mitten im Schreibprozess.

ES: Toll, wir freuen uns sehr auf diesen neuen Text. Mit „aufstiegskörper. ein fühlversuch“ hast du auf jeden Fall einen Nerv getroffen, der nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern eben in ganz Europa sehr großen Nachhall finden könnte. Der Text wird im Moment auf Initiative unseres Netzwerks Eurodram ins Französische übersetzt und hoffentlich folgen noch viele andere Sprachen und Aufführungen.

Wir sehen uns vom 13.-15.November 2026 zu „Stück für Stück“ am Theaterhaus G7 in Mannheim zu einer zweiten szenischen Lesung von „aufstiegskörper“!

(Das Interview wurde Ende Mai 2026 während des DramatikerInnenfestivals in Graz durchgeführt. – Zum Artikel über die szenischen Lesungen in Graz geht es hier!)


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